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Abgang ins Allgäu

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Der Stuttgart-21-Aktivist Karl Braig mag nicht mehr gegen den Bahnhof anrennen. Mit seinen 62 Jahren, meint er, sei er reif für eine Kommune im Allgäu.

Die wöchentliche Frühstücksblockade fällt diesmal feierlicher aus als sonst. Normalerweise trifft man sich an der Baugrube des Stuttgarter Hauptbahnhofs vor den Zäunen, eine Tasse Kaffee in der Hand, und versucht, die Einfahrt zu blockieren, so gut es halt geht. Heute haben sich zwei Dutzend Parkschützer etwas neben die Einfahrt gestellt, einen Tisch aufgebaut, Sekt, Saft und Selters, Kuchen und Brötchen, um einen der Ihren zu verabschieden: Karl Braig, 62, einer, der nichts ausgelassen hat, "was man als Aktivist machen kann". Er sei ein "Motor des zivilen Ungehorsams" gewesen, aber auch ein "Ruhepol bei den Demos". So steht es auf dem Portal von "Bei-Abriss-Aufstand", und dort muss man es wissen.

An den Bauzäunen hängen Banner und Poster mit Fotos von vergangenen Blockaden und Aktionen. Von damals, als noch so viele dabei waren, auch junge Leute. Heute spricht Braig zu eher Gleichaltrigen. Er erzählt, während ein schwerer Bagger in die Grube fährt, in leisem, bedächtigem Tonfall von seiner Vision eines anderen Lebens, eines Lebens im Einklang mit der Natur. In der Stadt, sagt er, gehe das nicht. In Stuttgart sowieso nicht. Er will noch einmal etwas ganz Neues anfangen, neue Lebensformen ausprobieren, Gemüse anbauen, Tiere halten und Feste feiern. Deshalb wird er in eine Kommune im Allgäu ziehen.

Sieben Jahre war er vorne mit dabei, beim Protest gegen Stuttgart 21. So freundlich wie hartnäckig. Eine schon gebückte Frau, älter noch als er, lobt ihn sehr dafür. "Der Karl hat uns alle inspiriert, gerade mit seinem Durchhaltevermögen, wenn Druck von oben kommt", sagt sie. Zeitweise hat er mit dem Arbeiten aufgehört, von seinen Ersparnissen als Energieberater gelebt, um gegen den unterirdischen Bahnhof anzurennen. Er nennt ihn "das Prinzip S21" und meint damit das Täuschen der Bevölkerung über den wahren Zweck des Immobilienprojekts. Zu diesem Prinzip gehöre auch, sagt er, die Kriminalisierung des Widerstands, die staatliche Repression, die "uns brechen soll. Damit wir aufhören, Störer dieses zerstörerischen Systems zu sein." Braig weiß, wovon er spricht. Er zählte zu jenen, die lieber in den Knast gingen, als Geldstrafen zu bezahlen. "Für etwas, das nicht rechtens ist, kann man kein Geld zahlen", stellt er klar. So saß er dann in Stammheim und in Rottenburg ein, wurde zum Blogger mit einem "Hafttagebuch" und zum unerschrockenen Redner vor Gericht, der die Juristen von seiner Mission ("Eine andere Welt ist möglich!") überzeugen wollte. Stets vergeblich.

Braig hätte es gerne politischer gehabt, nicht so fixiert auf den Bahnhof. Leider, bedauert er, seien nur wenig Leute bereit gewesen, "diesen Weg mitzugehen". Aber "es war halt jeden Tag viel los", da sei nicht viel Zeit zum Nachdenken geblieben. Im Gegensatz zu Mutlangen: Dort sei grundsätzlicher diskutiert worden. Zur Erinnerung: Das war 1985, wegen der Atomraketen. Damals hockte der Friedensfreund zum ersten Mal im Knast. Wichtig für die Protesthistorie: Im Jahr 1986 hat das Bundesverfassungsgericht entschieden, dass Sitzblockaden wie damals in Mutlangen zwar eine Gewalt darstellten, aber eben keine strafbare Gewalt. "Wir wurden freigesprochen und bekamen Wiedergutmachungen", berichtet Braig.

Er will nicht warten, bis ein sinnloses Großprojekt stirbt

Vorgezeichnet war ihm diese Biografie nicht. Eigentlich sollte er den väterlichen Möbelhandel im oberschwäbischen Allmendingen übernehmen, was er nach einer kaufmännischen Ausbildung auch brav tat – aber nur kurz. Das war nicht sein Leben. Das waren die Bioläden, die Proteste gegen die Gentechnik, natürlich auch gegen die Atomindustrie (Wackersdorf), das waren die erneuerbaren Energien. Seine beiden Söhne sieht er in die väterlichen Fußstapfen treten. "So langsam beschäftigen sie sich mit meinen Themen. Zwar nicht so aktionsorientiert, aber das wächst", erzählt Braig, ziemlich stolzer Papa. Sie studieren Soziale Arbeit und Liberal Arts and Sciences in Berlin und Freiburg. Druck macht er ihnen keinen, weil er aus eigener Erfahrung weiß, dass die Dinge ihre Zeit brauchen. Er war selbst ein "Spätzünder", ein Studienabbrecher (Sozialwesen), 1983 im Tübinger Verein für Friedenspädagogik gelandet, und danach hauptamtlich für Friedensarbeit zuständig.

Wenn Karl Braig seinen Blick über die aschgraue Baugrube schweifen lässt, spürt man für einen Moment die Müdigkeit. Der Protest hat viel Kraft gekostet, aber er möchte nicht, dass sein Abschied als Flucht, als Aufgabe in Sachen S21 gewertet wird. Er wirbt um Verständnis dafür, dass ein Mensch "auch mal andere Lebensansätze finden darf" und nicht warten muss, "bis ein sinnloses Großprojekt stirbt". Immer wieder rutscht ihm das Wort "Kommune" heraus, eigentlich möchte er es "Lebensgemeinschaft" nennen, um nicht in die esoterische Ecke gesteckt zu werden. Als Single wolle er wieder Menschen um sich haben, politisch und privat, und als Aktivist einen Gang zurückschalten. Stuttgart 21, sagt er, "steckt fest. Nichts passiert, die Parteien schweigen es tot."

Die Jungen sind schon lange nicht mehr dabei. Die Gruppe, die einige Meter hinter ihm am Rand der Grube steht, ist, wie er, jugendlich angezogen. Doch schon von Weitem sieht man viel graues Haar. "Wir haben es versäumt, den Jungen eine Plattform zu geben, sie mit ihren politischen Forderungen und Ansichten vom guten Leben zu akzeptieren", kritisiert Braig die Bewegung. Ein wenig setzt er noch auf die Kulturmeile, die vor der nächsten Montagsdemo am 24 Juli in der Stuttgarter Königstraße stattfinden wird. Hier werden neben dem Aktionsbündnis gegen Stuttgart 21 auch Gruppen wie Attac, Stuttgart laufd nai und das Linke Zentrum Lilo Hermann ihre Stände haben. Das könnte neue Kräfte, frische Ideen freisetzen, hofft der Optimist in ihm. Einer wie Braig gibt keine Ruhe.


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3 Kommentare verfügbar

  • Wolfgang Zaininger
    am 22.07.2017
    Antworten
    Lieber Karl Braig,
    manchmal ist es besser ein "Schlachtfeld" zu verlassen, als sich selber in einem beinahe aussichtslosem Streit zu verheizen. Du bist nicht der erste (und sicher auch nicht der letzte) der diesem mit Dreck, Feinstaub, Spekulation, politischer Verlogenheit angefüllten Talkessel den…
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