Ausgabe 329
Editorial

Stuttgart. Kultur. Bewegungen.

Von unserer Redaktion
Datum: 19.07.2017

Aus großer Entfernung mögen die Dinge manchmal einfacher, manchmal viel zu einfach erscheinen. So ließen die Proteste gegen Stuttgart 21 in jenem heißen Sommer 2010, als teils über 100 000 Leute auf die Straße gingen, Außenstehende oft nicht nur staunen. Sie weckten bei manchen auch das Bedürfnis, das Phänomen flugs mit einer griffigen Interpretation einzutüten. Und so wurde der vielgestaltige Protest schnell zu einer Veranstaltung fortschrittsfeindlicher Stuttgarter Rentner, die sich verbissen gegen die Moderne, gegen jedwede Veränderungen wehren. Der "Wutbürger" war geboren, der es aus der Tastatur von "Spiegel"-Autor Dirk Kurbjuweit über die Jahre zu einer beachtlichen, über S 21 weit hinausgehenden Verbreitung gebracht hat. Treffender ist er dadurch nicht geworden.

Das, was sich Freunde handlicher Kategorisierungen unter einem Wutbürger vorstellen, ist der Aktivist Karl Braig mit Sicherheit nicht, mag er auch kurz vorm Rentenalter stehen. Kein konservatives Nichts-ändern-Wollen, sondern die Vision eines anderen, besseren Lebens ist es, die ihn dazu gebracht hat, jahrelang in vorderster Reihe gehen Stuttgart 21 zu protestieren. Oder besser, gegen das "Prinzip S 21", wie er es nennt, womit er das Täuschen der Bevölkerung über den wahren Zweck des Immobilienprojekts meint. Braig verlässt nun Stuttgart, allerdings nicht resigniert, wie Kontext-Autor Pablo Flock in einem einfühlsamen Porträt herausarbeitet.

Gibt das Braig-Porträt einen Einblick in Denken und Handeln eines einzelnen Aktivisten, liefert Volker Lösch die Makroperspektive. Wie wenig der Protest gegen den Tunnelbahnhof mit einem simplen antimodernen Reflex zu tun hatte, wie bunt, vital und die ganze Stadt erfassend er vor allem 2010 war, daran erinnert der Theaterregisseur. Ein echter Lösch eben und eine Einstimmung in Winfried Wolfs neues S-21-Buch. Immer wieder hat der Verkehrsexperte in Kontext über das kontroverse Bahnprojekt in Stuttgart und die Bahn im Allgemeinen geschrieben. An diesem Montag, am 24. Juli, ist er außerdem Redner bei der "Sommer.Kultur.Demo" auf dem Stuttgarter Schlossplatz. Auf einer so genannten "Bewegungsmeile" sind neben dem Aktionsbündnis gegen S 21 noch jede Menge andere Bürgerinitiativen vertreten. Darunter die Anstifter, Attac, die Bürgerinitiative Neckartor, das Klima- und Umweltbündnis Stuttgart (KUS), Robin Wood. Auch wir von Kontext werden mit einem Stand vertreten sein, mit der gedruckten taz-Kontext selbstverständlich.

Der Protest gegen Stuttgart 21 wurde eine Art Kristallisationspunkt vieler dieser Initiativen und war zugleich ein Katalysator. Bürgerbewegungen wie die gegen Stuttgart 21 von ganz nah zu betrachten, ihre Ziele und Kritikpunkte ebenso wie in bester journalistischer Manier ihre Widersprüche, das gehört seit nunmehr sechs Jahren zur Kernkompetenz von Kontext. Und immer wieder arbeiten wir im Kleinen Muster heraus, in denen der Charakter des ganzen Projekts deutlich wird. Wie dies Kontext-Autor Dietrich Heißenbüttel in seinem Text über das geplante Bahnhofshotel tut. Den simplifizierten Blick aus sicherer Entfernung überlassen wir weiterhin anderen.

Kritik am G 20-Gipfel? Nicht beim "Südkurier"

Wie weit man bei der bürgerlichen Presse gehen darf, hat jüngst der Konstanzer Schriftsteller Jochen Kelter gelernt. Bisher hatte er über Jahre hinweg dem "Südkurier" Kolumnen zum Zeitgeschehen geschrieben. Unbeanstandet. Bis zu seinem letzten Kommentar. Kelter hatte sich Gedanken zum G-20-Gipfel gemacht, gefragt, warum sich der "Club der Neoliberalen" (Merkel, Macron, May) nicht auf einem Flugzeugträger trifft, zusammen mit den Autokraten Putin und Erdogan sowie dem Rechtsradikalen Trump? Er könne "keinen neuen Aspekt" in der Kolumne erkennen, befand der Wirtschaftschef des "Südkurier", Walther Rosenberger, und lehnte ab. Er hatte sein Handwerk bei den "Stuttgarter Nachrichten" ausgeübt, und war 2016 zum Monopolisten an den See gekommen, wegen seines "neuen Blickwinkels", wie es intern hieß. Das fehlende Neue wiederum wundert Kelter. Er hatte in seinem Heimatblatt vor allem über Krawalle gelesen und gedacht, seine Fragestellung würde das Einerlei bereichern. Das war falsch. Seine Kolumne ist hier nachzulesen.


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