Alles Schulz-Hype oder was? Stuttgarter Jusos. Fotos: Joachim E. Röttgers

Ausgabe 318
Politik

Die jungen Milden

Von Minh Schredle
Datum: 03.05.2017
Jung und links und dann: ausgerechnet SPD. Wie passt das zusammen, nach Agendapolitik und Rentenreformen, die Altersarmut befördern? Gespräche mit Jusos zeigen, dass mehr hinter ihrem Engagement steckt als nur ein kurzweiliger Schulz-Hype.

Auf einem kleinen Karteikärtchen hat sich Baran Kücük für das Gespräch die wichtigsten Zahlen notiert. 771 steht da zum Beispiel: "So viele neue Jusos sind seit Jahresanfang in die SPD Baden-Württemberg eingetreten", freut sich der Vorsitzende der Ortsgruppe Fildern. Damit sind mehr als die Hälfte der 1500 neuen Sozialdemokraten im Südwesten Jugendliche, zumindest im weitesten Sinne (die SPD ist hier kulant, die Altersgrenze liegt bei 35). Seit vier Jahren ist der 20-jährige Kücük Parteimitglied, vier Jahre lang hat er den Mitgliederschwund im Landesverband und bundesweit beobachtet und geradezu ehrfürchtig spricht er von jenem "Schulz-Moment", der den krisengebeutelten GenossInnen zum ersten Mal seit einer gefühlten Ewigkeit wieder zu Aufschwung verhelfen sollte. Und plötzlich ist sie wieder da, die Begeisterung für Politik bei den Jungen und Jugendlichen. Aus dem Nichts kommt sie allerdings nicht.

Leander Witte beispielsweise ist einer, den der Kanzlerkandidat zum Parteieintritt bewegen konnte. Allein der Euphorie um Schulz sei das aber nicht geschuldet, betont er, vorher habe sich viel angestaut. Bei Entwicklungen wie einem Präsident Trump, dem Brexit und erstarkendem Nationalismus könne man es sich "zur Zeit schlecht leisten, politisch neutral zu bleiben", sagt er. "Und den Gestalten von der Jungen Alternative oder der Identitären Bewegung kann man ja wohl nicht das Feld überlassen". Polarität politisiert. 

Witte steht stellvertretend für eine große Gruppe junger Menschen, die Parteien lange skeptisch gegenüberstanden oder das noch immer tun. Die Weltoffenheit lange Zeit als selbstverständlich wahrnahmen und eine gerechte und friedliche Solidargemeinschaft Europa fördern wollen.

Sie wollen keine Karteileichen sein

Gerade der Gedanke der grenzübergreifenden europäischen Freizügigkeit ist auch Lara Iglesias Luna besonders wichtig. Die 26-jährige Spanierin hat Soziologie studiert, die deutsche Staatsbürgerschaft hat sie schon im Mai 2016 beantragt. Bislang allerdings haben es die Behörden nicht geschafft, dem nachzukommen. "Das ist schon frustrierend", sagt sie, weil sie im September wählen will. "Also bleibt das Engagement in der Partei." Mitglied in der SPD ist sie seit gut einem Jahr, "richtig aktiv" aber erst seit vergangenem Dezember. Zu Themen wie Hartz IV oder den Rentenreformen meint sie lapidar, Erfolg oder Misserfolg einer Entscheidung würde sich oft erst Jahre später bemerkbar machen und Handlungen wären angesichts der Lage am Arbeitsmarkt um die Jahrtausendwende nunmal dringend nötig gewesen.

Leander Witte und seine Genossin betonen beide, nicht bloß Karteileichen in der Partei bleiben, sondern mitgestalten zu wollen. Iglesias Luna ist inzwischen im Vorstand der Stuttgarter Jusos. Witte hingegen hat in der kurzen Zeit seiner Mitgliedschaft bisher kaum Erfahrungen mit Sitzungen, in denen über Stunden hinweg wichtige, aber unzugängliche Themen, wie Flächennutzungspläne, debattiert werden, oder elendig langweilige, wie Änderungen der Satzung der öffentlichen Abwasserbeseitigung. Er hat nur wenige Versammlungen erlebt, zu denen "satzungsgemäß und fristgerecht" geladen wurde und auf denen gefühlte Jahrtausende Formalitäten abgehandelt werden. Er auch noch nicht bei Regenwetter auf Wahlkampfständen um die Gunst entnervter Passanten geworben. Kücük und Iglesias Luna haben all das erlebt – und sind als Hartgesottener dennoch dabei geblieben. "Es gibt ja auch noch die schönen Seiten der Parteiarbeit", sagt Kücük und fügt etwas formell hinzu: "In einem breiten Spektrum findet jeder seine Nische". 

Den Habitus ranghoher GenossInnen hat Kücük schon fest verinnerlicht. Auf Podiumsdiskussionen präsentiert er sich, auch wenn er nur zuschaut, seriös als Sakkoträger, und in Gesprächen versteht er es, zum Ende seiner Statements plakativ darauf hinzuweisen, weswegen "daher eine starke Sozialdemokratie wichtig" sei und die gebe es nunmal "nur mit der SPD". Auf die Frage, ob es zum Parteiamt eigentlich dazu gehöre, rhetorische Seminare für Politphrasen belegen zu müssen, reagiert er verdutzt und verneint. Vielleicht, mutmaßt er, liege es an der "Echokammer Partei", dass langjährige Politiker oft so ähnlich klingen. 

Sein Vorschlag hat es ins Bundesprogramm geschafft

Kücüks Bindung an seine politischen Vorbilder merkt man ihm deutlich an. Er erzählt, wie er vor der Bundestagswahl 2013 an einer Wahlkampfveranstaltung der SPD, einem Bürgerdialog, teilgenommen und dort einen Vorschlag zur doppelten Staatsbürgerschaft für alle eingebracht hat: "Das hat mich immer gestört, dass Migranten ihre Wurzeln aufgeben sollen, für mehr demokratische Teilhabe", sagt er und berichtet von seinem alevitischen Großvater, der "auf der Suche nach einem besseren Leben" aus der Türkei nach Deutschland kam. Kücük wurde nach dem Bürgerdialog eingeladen nach Berlin, in einer Rede von Kanzlerkandidat Steinbrück erwähnt. Sein Vorschlag hat es ins Bundesprogramm geschafft und wurde teils sogar umgesetzt. "Ich glaube nicht, dass unsere Generation unpolitisch ist", sagt er: "Sie muss nur abgeholt werden von den Parteien". Bei ihm selbst hat das geklappt und seitdem gilt: Treue der SPD.

2010 wünschten sich in einer Befragung der Bertelsmann-Stiftung fast 90 Prozent der Deutschen eine "neue Wirtschaftsordnung", in welcher unter anderem "der soziale Ausgleich in der Gesellschaft stärker berücksichtigt wird". Seitdem hat sich die extreme Ungleichheit bei der Vermögensverteilung weiter zugespitzt, während öffentliche Infrastruktur zunehmend verkommt, bezahlbarer Wohnraum in Großstädten weiter schwindet und derzeit ein Drittel der Beschäftigten auf die Altersarmut zuarbeitet.

Für Dennis Ewert sind auch das Gründe für seine Parteimitgliedschaft. Im Januar dieses Jahres ist er in die SPD eingetreten. Noch vor Schulz, betont er: "Vor allem wegen Leni Breymaier, die ist extrem authentisch". Aufgewachsen ist er in Oggersheim. Der Ludwigshafener Stadtteil ist zwar die Wahlheimat von Altkanzler Kohl, aber zu großen Teilen heruntergekommen und Ludwigshafen selbst gilt aus gutem Grund nicht als die schönste Stadt der Welt. Die Parteien würden den Bezirk seit Jahren vernachlässigen, meint Ewert. "Der einzige Berührungspunkt mit Politik ist hier, dass man alle vier Jahre mal ein Kreuz machen darf."

Sicher sein kann man sich nie

Politisch wurde sein Leben daher erst, als er parallel zu seiner Ausbildung zum Bauzeichner, begann, sich für Verdi zu engagieren. Dort hat er Tarifverhandlungen geführt und ist für die Übernahme von Auszubildenden eingetreten. Sieben Jahre lang hat er sich mit Parteipolitik beschäftigt, hat verschiedene Jugendorganisationen besucht, aber sich zunächst immer gegen eine Mitgliedschaft entschieden. Zuerst war er bei den Grünen zu Gast, die Diskussionen dort fand er aber "ziemlich einfältig". Außerdem seien das ja heute, gerade in Baden-Württemberg, "auch nur Konservative mit Fahrrad" und unsensibel für soziale Fragen, wie sich etwa an den geplanten Studiengebühren für Ausländer zeige.

Mit der Linken habe er "sehr große Schnittmengen", doch da waren ihm viele Mitglieder "zu undiplomatisch". Die SPD habe er lange wegen des "Agenda-Unsinns" boykottiert, meint aber, jetzt wo die Partei Bereitschaft zeige, hier nachzubessern, müsse man pragmatisch sein und die Chance nutzen.

Bis jetzt allerdings ist Ewert noch passiver Beobachter. Seit zweieinhalb Jahren ist er in Stuttgart, um nach abgeschlossener Ausbildung Architektur zu studieren. Deswegen sei ihm "auf kommunalpolitischer Ebene die Wohnungspolitik am wichtigsten", sagt er, und die sei "in Stuttgart gruselig". "Jeder kennt das Problem und alle leiden darunter. Trotzdem werden weiter Luxuswohnungen gebaut, wo noch Platz frei ist." Hier habe das Kapital zu viel Einfluss, wie auch in den meisten anderen Bereichen der Politik, was die Spaltung der Gesellschaft immer weiter vorantreibe. Verteilungsgerechtigkeit, sagt er, sei das entscheidende Thema für die Zukunft, viel wichtiger als irgendwelche Personalien. Wenn hier für mehr Ausgeglichenheit gesorgt würde, meint Ewert, würden sich auch etliche andere Probleme erübrigen. 

Auf die Frage, ob mit der SPD eine ernstzunehmende Umverteilung von oben nach unten zu machen sei, folgt eine nachdenkliche Pause. "Ja, nur mit der SPD", sagt er dann. Eine linke Regierung ohne die Sozialdemokraten sei bei den aktuellen Mehrheitsverhältnissen nicht machbar. Sicher könne man sich nicht sein, dass den Heilsversprechungen von mehr sozialer Gerechtigkeit Handlungen folgen, räumt Ewert ein. Aber den aktuellen Linksruck in der Partei will er unbedingt unterstützen. Der Kurswechsel unter Schulz sei für die Sozialdemokratie in Deutschland "der erste Lichtblick seit der Agenda". Sollte die SPD die geweckten Erwartungen jetzt jedoch wieder enttäuschen, meint er, "würde sich die Partei ins absolute Aus manövrieren." Seine SPD-Mitgliedschaft, sagt Genosse Ewert, sei ein großer Vertrauensvorschuss.


Gefällt Ihnen dieser Artikel?
Unterstützen Sie KONTEXT jetzt!

4 Kommentare verfügbar

  • Rolf Steiner
    am 05.05.2017
    Jede Stimme für die AfD ist natürlich eine Manifestation von Rassismus, eine Zustimmung zu menschenunwürdiger Flüchtlingshetze und engstirnigster nazional ausartender Sozial- und Wirtschaftspolitik. Dass die SPD trotz Schulz nach der Wahl vor einer Zerrreißprobe steht, ist nicht ausgeschlossen. Denn dann - wann denn sonst??? - müssen sich die sozial ausgerichteten "Genossen" von jenen Anhängern der neoliberalen Richtung trennen. Schulz und Gabriel sind nicht anders gestrickt als Clement, Schröder und Müntefering. Lafontaine war für mich der einzige, der Charakter zeigte und diese 150 Jahre alte und von Technokraten verführte Partei verließ. Denn Worte wie Hunger, Elend, Ungleichheit, Leiden, Schmerz, Erschöpfung kamen in den Erklärungen der SPD-Vorderen tatsächlich nicht mehr vor und die wenigen "Linken" in der Partei wurden kaltblütig kaltgestellt. Jetzt, wenn In Deutschland wieder gewählt wird, tragen die Sozialdemokraten eine enorme Verantwortung für unsere politische Zukunft. Wenn die SPD keine Diskurse, keinen Rahmen anbietet, in dem auch die AUSGESCHLOSSENEN sich vertreten fühlen, werden sich diese j e d e r populistischen Bewegung anschließen, die ihnen die Illusion gibt, sichtbar zu sein. Im Gegensatz zu dem, was viele Intellektuelle und Journalisten glauben, bekämpft man die AfD nicht, indem man ein weiteres Mal aufzeigt, was ohnehin jeder weiß, d.h. wie rassistisch und gefährlich sie ist. Der vor uns liegende politische Kampf gegen die AfD ist nicht allein ein Kampf gegen die extreme Rechte. Es ist der Kampf f ü r eine alle - vor allem die schwächeren Bevölkerungsteile einschließende gerechtere Welt. Wenn in dieser großen Anstrengung die SPD versagt, wird kein Hahn mehr nach ihr krähen. Auch wenn jetzt die "jungen Milden" ideale Vorstellungem von der Zukunft ihrer SPD haben. Denn: Die Stimmen der WählerInnen werden entscheiden.....
  • Jue.So Jürgen Sojka
    am 05.05.2017
    Ergänzt @Jue.So Jürgen Sojka "Die jungen Milden" – da gibt es kein "altersmild Sein"

    Vertrauen ist grundlegend für den Umgang miteinander - also im Vorhinein vertraut, den Jungen :-)
    Nun, die Jungen können sich gleich mal bewähren. Es gibt gerade jetzt ein Zeit-Fenster, das zu nutzen ist:
    • Landtagspräsidentin Muhterem Aras "... gemeinsame Werte habe, die im Grundgesetz verankert sind: "Das ist für mich das Leitbild, also..." [b](³)[/b]

    • Verkehrsminister Hermann Do. 02.03. Zur Sache B-W „Weil wir ja die Menschen auch schützen müssen ... bitte schön, da wohnen Menschen ...“ [b](⁴)[/b]

    • Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen "Wenn die Chefin ihrer Truppe ein "Führungsprobleme auf allen Ebenen" bescheinigt, muss sie sich fragen lassen, wer die politische Verantwortung dafür trägt, meint SWR Hauptstadt-Korrespondent Stephan Ueberbach." [b](⁵)[/b]

    • Winfried Kretschmann in der Sendung SWR1 Leute 11.2011 bis 12.2014 und mehr [b](⁶)[/b]

    [b](³)[/b] http://www.swr.de/swraktuell/bw/reaktionen-auf-leitkultur-vorschlag/-/id=1622/did=19465324/nid=1622/1y8gvy4/index.html
    [b](⁴)[/b] http://www.swr.de/zur-sache-baden-wuerttemberg/fahrverbot-fuer-dieselautos-gestern-noch-sauber-heute-verboten/-/id=3477354/did=18854264/nid=3477354/dwze0l/index.html Video ab Min. 6.35
    [b](⁵)[/b] http://www.swr.de/swraktuell/kommentar-zur-bundeswehr-schelte-selbstverteidigungsministerin-von-der-leyen/-/id=396/did=19468682/nid=396/139wq13/
    [b](⁶)[/b] http://www.parkschuetzer.de/statements/183457 + SWR1 Leute 10.2012 Fritz Kuhn
  • hajo mueller
    am 05.05.2017
    Dass junge Menschen auch politisch noch träumen, darf man ihnen nicht übelnehmen. Aber wo die jungen Leute einen Kurswechsel unter Martin Schulz wahrzunehmen glauben, ist mir völlig schleierhaft. Ich wäre den jungen Leuten dankbar, wenn sie mir sagen könnten, wo sich Martin Schulz in den vergangenen Jahren als Vertreter der kleinen Leute einen Namen gemacht hat. Man denke nur an Griechenland oder seinen Kumpel Juncker. Auch scheinen sie sich noch nicht mit der Geschichte der SPD auseinandergesetzt zu haben. Der SPD war es seit über 100 Jahren - mit kleinen Ausnahmen - wichtig, dem Establishment zu zeigen, von uns habt ihr im Ernstfall nichts zu befürchten.
  • Jue.So Jürgen Sojka
    am 03.05.2017
    "Die jungen Milden" – da gibt es kein "altersmild Sein"

    Also würden wir, die wir ohne "vorgefasste Meinung" an die Betrachtung einer Gegebenheit uns annähern, sagen: „Lassa mir sie macha.“ – „Und gugga, was dabei heraus kommd.“

    Es lässt sich allerdings eine Kleinigkeit mit auf den Weg geben, den die jüngere Generation sich wählt :-)
    Als wenn die Vorsehung es vorhergesehen hätte, passt dieses hier doch trefflich dazu [b](¹)[/b]
    Unser Ministerpräsident Winfried Kretschmann, mit dieser aktuellen Erkenntnis, die er erlangt hat:
    "Das Grundgesetz ist unser Grundkonsens. Wenn sich daran alle halten würden, dann wären wir in einer höchst komfortablen Lage."

    Voraussetzung für die Selbstentwicklung ist allerdings [b](²)[/b] – Der Störfaktor ist "kontrolliert" auf Distanz zu halten. Zumindest jedoch -wohlüberlegt- sich [i]eigene[/i] Gedanken gemacht!

    [b](¹)[/b] SWR-AKTUELL Di. 02.05. Reaktionen auf de Maizières "Leitkultur" | "Der Begriff ist verbrannt" auf PS-Forum zusammengefasst [b][i]http://www.parkschuetzer.de/statements/196117[/b][/i] und im Kommentar 03.05.2017 um 15.35 drei Veröffentlichungen zu SWR-Aktuell-Artikel:
    • Mai-Kundgebung in Kaiserslautern "Soziale Gerechtigkeit Klammer der Gesellschaft"
    • Kommentar zur Bundeswehr-Schelte | Selbstverteidigungsministerin von der Leyen
    • Reaktionen auf de Maizières | "Leitkultur" | "Der Begriff ist verbrannt"

    [b](²)[/b] [b][i]http://www.kontextwochenzeitung.de/politik/316/stoerfaktor-eltern-4317.html[/b][/i] Störfaktor Eltern

Neuen Kommentar schreiben

KONTEXT per E-Mail

Durch diese Anmeldung erhalten Sie regelmäßig immer mittwochvormittags unsere neueste Ausgabe unkompliziert per E-Mail.JETZT ANMELDEN

Letzte Kommentare:
















Die KONTEXT:Wochenzeitung lebt vor allem von den kleinen und großen Spenden ihrer Leserinnen und Leser.
Unterstützen Sie KONTEXT jetzt!