KONTEXT Extra:
Offene Wunde in Heilbronn

"Wir hoffen alle, dass vielleicht doch noch mehr Licht in die Vorgänge kommt." Ministerpräsident Winfried Kretschmann (Grüne) hat am zehnten Jahrestags des Anschlags auf Polizisten Michèle Kiesewetter und ihres Kollegen Martin Arnold genutzt, zumindest indirekt eine Fortsetzung der Ermittlungsarbeit zu verlangen. Der Heilbronner OB Harry Mergel (SPD) wurde auf der Gedenkfeier deutlicher: "Warum Heilbronn? Wieso Michèle Kiesewetter? Und weshalb der 25. April 2007?" Solange diese Fragen "nicht ausreichend beantwortet werden können, gibt es auch hier in Heilbronn eine offene Wunde".

Angestoßen wurde die Diskussion um neue Ermittlungen auch durch die Bundesanwaltschaft. Sie geht der Entstehung eines Graffito mit dem Kürzel "NSU" nach, das auf einer Mauer am Tatort aufgesprüht war. Bisher lautet die offizielle Version, dass das NSU-Trio für den Anschlag verantwortlich ist. Immer wieder und aufgrund zahlreicher anderer Spuren sind die Zweifel an dieser Darstellung nicht ausgeräumt. Bisher waren an Tatorten weder Bekennerschreiben des NSU noch andere Hinweise gefunden worden. Entdeckt worden waren die drei Versalien in schwarzer Farbe vom Filmemacher Clemens Riha beim Sichten von SWR-Archivmaterial. (25.04.2017)


AfD: Nichts wissen, nichts machen, nichts zahlen

Schon wieder hat AfD-Fraktionschef Jörg Meuthen ein Versprechen nicht gehalten. Aber wahrscheinlich kann er nicht mehr daran erinnern, dass er am 6. März zum ersten Mal seit dem Einzug in den Landtag zu einer regulären und nicht durch Skandale, Trennungen oder Wiedervereinigungen notwendig geworden Pressekonferenz geladen hat. Um mitzuteilen, dass seine Fraktion selbstverständlich der Ankündigung nachkommt, dem Landtag die Gelder zurückzuzahlen, die die vorübergehende Fraktionsspaltung gekostet hat. Sogar ein Datum konnten Meuthen und Fraktionsvize Rainer Podeswa nennen: den 11. März 2017, jenen Tag also an dem die Frist für die Rechnungslegung der Fraktionen ohnehin abläuft. Bis dahin sollten 257.000 Euro fließen. Insgesamt war von 425.000 Euro, einmal auch von 571.000 Euro die Rede.

Eingelöst wurde die Zusicherung nicht. Meuthen und die Seinen, die schon bei unvergleichlich geringeren Anlässen Zeter und Mordio schreien angesichts des Sittenverfalls der von ihnen sogenannten Altparteien, haben nach Auskunft der Landtagsverwaltung gar nichts zurückgezahlt. Jetzt verlangt der Fraktionsgeschäftsführer der SPD, Ex-Innenminister Reinhold Gall, von der Landtagsverwaltung, eine "härtere Gangart" einzuschlagen und rechtliche Schritte einzuleiten.

Vor allem auf Facebook, dem wichtigsten Kommunikationsmittel der AfD, hatte sich die Fraktion immer wieder dafür gerühmt, alle Gelder zu erstatten. Tatsächlich war das peinliche Finanzgebaren schon in der Plenarsitzung vom 9. Februar Gegenstand der Debatte, als FDP-Fraktionschef Hans-Ulrich Rülke daran erinnert, dass "die operettenhafte Fraktionsteilung" viel Geld gekostet habe und konkret fragte: "Haben Sie zurückgezahlt?" Laut Protokoll rief der AfD-Fraktionschef: "Ja, natürlich!". Inzwischen will Meuthen die Äußerung auf die schon geflossenen Gelder bezogen wissen, ohne konkret zu sagen, um welche Summen es sich handelt. Wahrscheinlich hat er es nicht (mehr) gewusst. (21.4.2017)

Mehr zum Thema: "Sein Name ist Hase"


Kakteen lassen IHK-Vollversammlung platzen

Johannes Schmalzl, früher Zentralstellenleiter im FDP-geführten Justizministerium, dann Präsident des Landesamts für Verfassungsschutz und Stuttgarter Regierungspräsident, ist am Donnerstagabend nicht wie geplant zum Hauptgeschäftsführer der IHK Stuttgart gewählt worden. Die kammerkritische Kaktus-Initiative hat die Vollversammlung platzen lassen. Zuvor fand der vorab angekündigte Antrag der IHK-Rebellen zur Änderungen der Tagesordnung allerdings keine Mehrheit. Darin war verlangt worden, Tagesordnungspunkte, die in der vorigen Vollversammlung nicht behandelt wurden, noch vor der Wahl abzuhandeln.

Nach der Abstimmungsniederlage zog ein Großteil der Initiative aus, während einer ihrer Sprecher mit Erfolg die Feststellung der Beschlussunfähigkeit der Versammlung forderte. Damit war die Vollversammlung beendet. Jetzt soll es zu einer Sondersitzung kommen, um Schmalzl vor der nächsten turnusmäßigen Sitzung im Juli zu wählen. Am Vorgehen der Kakteen gibt es Kritik – auch in den eigenen Reihen. Mehrere Mitglieder hatten die Versammlung mit ausdrücklichem Hinweis auf die demokratische Niederlage in der Abstimmung über die Tagesordnung nicht verlassen. Jetzt sollen interne Beratungen stattfinden.

Jürgen Klaffke, einer der führenden Kakteen, hatte im Vorfeld der Vollversammlung für die Verschiebung der Wahl plädiert. Sein Argument: Es könne nicht sein, "dass eine Findungskommission nach monatelanger Suche einen einzigen Kandidaten präsentiert". Da der Vertrag mit dem amtierenden Hauptgeschäftsführer Andreas Richter erst Anfang des nächsten Jahres ausläuft, sei genügend Zeit, das Verfahren für eine Kandidatensuche nochmals aufzurollen. Die Kaktus-Initiative, die unter anderem für die Abschaffung der Zwangsmitgliedschaft eintritt, hält ein Drittel der hundert Sitze. (20.4.2017)

Mehr zum Thema: "Das ganze Klavier bespielen", "Rebellen im Weinberghäusle"


Besonders viele Evet-Sager in Stuttgart

Nur in Dortmund, Essen und Düsseldorf haben mehr Deutschtürken für Recep Tayyip Erdogans Präsidialsystem gestimmt als in Stuttgart. Mit 66,22 Prozent liegt die Landeshauptstadt nach den Zahlen der staatlichen türkischen Nachrichtenagentur Anadolu auch über dem Deutschland-Schnitt von 63,2 Prozent. Das Ergebnis der Bundesrepublik ist international von besonderer Bedeutung, weil mit rund 1,4 Millionen Menschen nirgends mehr Auslandstürken wahlberechtigt waren. Auffallend ist das Abstimmungsverhalten in Berlin, mit 50 Prozent Nein-Sagern, in der Schweiz mit 70 Prozent und in den USA mit sogar einer 90prozentigen Ablehnung der Verfassungsreform. In den Vereinigten Staaten hat allerdings weniger als ein Prozent der Bevölkerung einen türkischen Pass.

Dass sich aus dem Anteil an türkischstämmiger Bevölkerung allein kein Zusammenhang zum Abstimmungsverhalten ablesen lässt, zeigen nicht nur Berlin und Stuttgart, sondern EU-weit auch Belgien und Österreich. In beiden Ländern gibt es mehr als 70-Prozent Evet-Sager. In Belgien haben rund zwei Prozent der Menschen türkische Wurzeln, in Österreich aber mehr als fünf Prozent. Im deutschen Zustimmungsranking deutlich hinter Stuttgart rangieren unter anderem Karlsruhe mit 61 Prozent, Hamburg mit 57 und Nürnberg mit 55 Prozent. Nach den Zahlen von Anadolu hat die Hälfte der Deutschtürken ihr Wahlrecht auch tatsächlich ausgeübt.


Kakteen wollen neue IHK-Findungskommission

Die IHK-Kritiker von Kaktus fordern, die Wahl des neuen Hauptgeschäftsführers zu verschieben. "Es kann doch nicht sein, dass eine Findungskommission nach monatelanger Suche einen einzigen Kandidaten präsentiert", so Jürgen Klaffke von der Kaktus-Initiative. Ende vergangener Woche war bekannt geworden, dass der frühere Stuttgarter Regierungspräsident Johannes Schmalzl der Vollversammlung am 20. April als einziger Kandidat präsentiert werden soll. Die IHK-Rebellen wollen nicht nur abnicken, sondern eine wirkliche Wahl zwischen mindestens drei Kandidaten. Sie fordern daher eine gewählte Findungskommission aus aktuellen Vertretern der Vollversammlung und ein faires, transparentes Auswahlverfahren. Da der Vertrag mit dem aktuellen Hauptgeschäftsführer Andreas Richter erst Anfang des nächsten Jahres ausläuft, sei genügend Zeit, das Verfahren für eine Kandidatensuche nochmals aufzurollen. (11.4.2017)


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Quo vadis, Stuttgart 21 – wird der Tiefbahnhof begraben? Foto: Joachim E. Röttgers

Quo vadis, Stuttgart 21 – wird der Tiefbahnhof begraben? Foto: Joachim E. Röttgers

So stellt sich die Arbeitsgruppe Umstieg 21 die künftige Bahnhofshalle vor. Ohne Pfeiler, ohne Engstellen durch Treppenauf- und -abgänge, komplett ebenerdig und barrierefrei, wirklich tageslichthell. Visualisierung: Edgar Bayer, kunz-av, Peter Gierhardt

So stellt sich die Arbeitsgruppe Umstieg 21 die künftige Bahnhofshalle vor. Ohne Pfeiler, ohne Engstellen durch Treppenauf- und -abgänge, komplett ebenerdig und barrierefrei, wirklich tageslichthell. Visualisierung: Edgar Bayer, kunz-av, Peter Gierhardt

Baustellenansicht vom letzten Herbst. In der Zwischenzeit kam eine dünne Betonschicht dazu, die ersten 10 cm der irgendwann einmal gut 2,5 m dicken "Sauberkeitsschicht". Visualisierung: kunz-av und Klaus Gebhard

Baustellenansicht vom letzten Herbst. In der Zwischenzeit kam eine dünne Betonschicht dazu, die ersten 10 cm der irgendwann einmal gut 2,5 m dicken "Sauberkeitsschicht". Visualisierung: kunz-av und Klaus Gebhard

Die Baugrube bietet Platz für eine zweistöckige Tiefgarage, Carsharing-Parkplätze inklusive. Rein und raus kommt man über Tunnel, um die Flächen drumrum vom Autoverkehr frei zu halten. Visualisierung: kunz-av und Klaus Gebhard

Die Baugrube bietet Platz für eine zweistöckige Tiefgarage, Carsharing-Parkplätze inklusive. Rein und raus kommt man über Tunnel, um die Flächen drumrum vom Autoverkehr frei zu halten. Visualisierung: kunz-av und Klaus Gebhard

Über den Parkdecks: das Deck für Fernbusse. Der ZOB kommt damit zurück ins Zentrum, aber aufs Bahnhofsgelände statt in den Schlossgarten. Visualisierung: kunz-av und Klaus Gebhard

Über den Parkdecks: das Deck für Fernbusse. Der ZOB kommt damit zurück ins Zentrum, aber aufs Bahnhofsgelände statt in den Schlossgarten. Visualisierung: kunz-av und Klaus Gebhard

Neben den Bussen soll's Platz für eine große Fahrradstation samt Reparaturwerkstatt geben, denn dank der E-Bike-Welle rollen auch durchs hügelige Stuttgart mehr und mehr Fahrräder. Visualisierung: kunz-av und Klaus Gebhard

Neben den Bussen soll's Platz für eine große Fahrradstation samt Reparaturwerkstatt geben, denn dank der E-Bike-Welle rollen auch durchs hügelige Stuttgart mehr und mehr Fahrräder. Visualisierung: kunz-av und Klaus Gebhard

Der Schlossgarten wird wieder angelegt. Darin ein Amphitheater, das als (Open-Air-)Kleinkunstbühne dienen soll, wie sie einst der Landespavillon geboten hat. Visualisierung: kunz-av und Klaus Gebhard

Der Schlossgarten wird wieder angelegt. Darin ein Amphitheater, das als (Open-Air-)Kleinkunstbühne dienen soll, wie sie einst der Landespavillon geboten hat. Visualisierung: kunz-av und Klaus Gebhard

Süd- und Nordflügel stehen wieder, Technik und Material hochmodern, Proportionen wie früher. Für die Öffentlichkeit zugänglich, mit Gastronomie und offen zum Park. Bonatz-Enkel Dübbers führte hier die Feder. Visualisierung: kunz-av, Klaus Gebhard

Süd- und Nordflügel stehen wieder, Technik und Material hochmodern, Proportionen wie früher. Für die Öffentlichkeit zugänglich, mit Gastronomie und offen zum Park. Bonatz-Enkel Dübbers führte hier die Feder. Visualisierung: kunz-av, Klaus Gebhard

Die große Bahnhofshalle bekommt Glas aufs Dach. Die Oberlichter bringen Tageslicht in den Kopfbahnhof und sparen Strom. Visualisierung: kunz-av und Klaus Gebhard

Die große Bahnhofshalle bekommt Glas aufs Dach. Die Oberlichter bringen Tageslicht in den Kopfbahnhof und sparen Strom. Visualisierung: kunz-av und Klaus Gebhard

Und auf dem Bahnhofsturm prangt statt des Logos der automobilen Konkurrenz das DB-Emblem. Visualisierung: kunz-av und Klaus Gebhard

Und auf dem Bahnhofsturm prangt statt des Logos der automobilen Konkurrenz das DB-Emblem. Visualisierung: kunz-av und Klaus Gebhard

Halbtransparente Solarmodule überspannen die Gleise. Sie sollen aus dem Kopf- einen Plusenergiebahnhof machen und so viel Strom gewinnen, dass sie 12 Prozent des Energieverbrauchs der Stuttgarter Stadtbahnen decken. Visualisierung: kunz-av, Klaus Gebhard

Halbtransparente Solarmodule überspannen die Gleise. Sie sollen aus dem Kopf- einen Plusenergiebahnhof machen und so viel Strom gewinnen, dass sie 12 Prozent des Energieverbrauchs der Stuttgarter Stadtbahnen decken. Visualisierung: kunz-av, Klaus Gebhard

Die Ebenen des Umstieg-21-Kopfbahnhofs im Aufschnitt. Sie machen ihn zu einem Tiefbahnhof, irgendwie. Visualisierung: kunz-av und Klaus Gebhard

Die Ebenen des Umstieg-21-Kopfbahnhofs im Aufschnitt. Sie machen ihn zu einem Tiefbahnhof, irgendwie. Visualisierung: kunz-av und Klaus Gebhard

Ausgabe 276
Politik

Wege aus dem Engpass

Von Dietrich Heißenbüttel
Datum: 13.07.2016
Für einen Plan B zu Stuttgart 21 müssten die Projektverantwortlichen eigentlich mehr als dankbar sein. Am kommenden Samstag finden sich dazu die Gegner des Tiefbahnhofs zu einer Großdemo auf dem Stuttgarter Schloßplatz ein.

"Die Deutsche Bahn AG und das Land Baden-Württemberg weisen Aussagen des Ingenieurbüros Vieregg-Rössler zu angeblichen Kostensteigerungen beim Projekt Stuttgart 21 als rein spekulativ zurück", heißt es in einer Pressemitteilung der Bahn vom 18. Juli 2008. "Tatsache ist vielmehr: Das Bahnprojekt Stuttgart-Ulm ist eines der am besten und umfassendsten geplanten Projekte der Deutschen Bahn AG. Daher ist davon auszugehen, dass der derzeit vorgesehene Kostenrahmen eingehalten wird."

Milliardenspiel: von 2,8 auf 4,5 auf 6,5 auf 9,8 ...

Der Kostenrahmen belief sich damals auf 2,8 Milliarden Euro. Allerdings hatte das Büro Vieregg-Rössler im Auftrag von BUND und Bündnis 90/Den Grünen bereits 6,9 bis 8,7 Milliarden ermittelt. Der Bundesrechnungshof kam auf 5,3 Milliarden. Bei der Prellbockanhebung, dem offiziellen Baubeginn am 2. Februar 2010, schienen Bahnchef Rüdiger Grube und Ministerpräsident Günther Oettinger von der Behörde freilich noch nie etwas gehört zu haben. Sie rechneten mittlerweile mit 4,1 Milliarden.

Kurz zuvor hatte Grube die Zahl von 4,5 Milliarden als "Sollbruchstelle" bezeichnet. Im Oktober 2010 meinte er dann: "Stuttgart 21 rechnet sich für uns bis zu Baukosten von 4,8 Milliarden Euro." Ein Jahr später, kurz vor der Volksabstimmung über einen Ausstieg des Landes aus der Finanzierung, kam er auf die 4,5 Milliarden zurück und nannte den Rest einen "Risikopuffer". Ein Ausstieg würde 1,5 Milliarden kosten. Projektgegner kamen auf nur 350 Millionen.

Dann musste die Bahn im Dezember 2012 zugeben, dass sie inzwischen bei 6,8 Milliarden angekommen war, einschließlich Risikopuffer. Die Landesregierung sei damit nicht mehr an das Ergebnis der Volksabstimmung gebunden, gutachtete der Verfassungsrechtler Joachim Wieland. Nur mit Bauchgrimmen hat der Bahn-Aufsichtsrat den neuen Stand im März 2013 durchgewinkt. Zugleich suchten sich die Aufsichtsräte eilends einen Rechtsbeistand – denn für Entscheidungen, die dem Unternehmen wirtschaftlichen Schaden zufügen, können die Kontrolleure belangt werden.

Angeblich sollte der Weiterbau zu diesem Zeitpunkt noch 77 Millionen weniger kosten als ein Ausstieg aus dem Projekt. Dass der Risikopuffer mittlerweile fast aufgebraucht ist, hat nun Bahnvize Volker Kefer seinen Job gekostet. Nur drei Wochen später stellt sich allerdings heraus, dass der Bundesrechnungshof, dessen neuerliche Stellungnahme seit Langem erwartet wurde, dem Büro Vieregg-Rössler zustimmt, das bereits Ende 2015 eine Gesamtsumme von rund zehn Milliarden prognostiziert hatte.

... auf Ausstieg, auf Umstieg

Auch wenn die Bahn dementiert: Dass der Weiterbau damit immer noch günstiger kommt als ein Ausstieg, kann damit beim besten Willen niemand mehr ernsthaft behaupten. Damit stellt sich, unabhängig davon, wer das Projekt ursprünglich unbedingt gewollt hat, die Frage, wer an einem Weiterbau heute noch interessiert sein kann. Die Landes-CDU hatte im Frühjahr jedenfalls keine Probleme, sich mit den Grünen im Koalitionsvertrag darauf zu einigen, dass sich das Land an weiteren Kosten nicht mehr beteiligt. Auch die Stadt will nicht noch tiefer in die Tasche greifen. Bleibt nur der Bund, der aber auch ohne das Projekt nicht weiß, wie er die vielen Löcher in der Bahnbilanz stopfen soll.

Dass Angela Merkel von dem Projekt einmal die Zukunftsfähigkeit Deutschlands abhängig machen wollte, dass sie meinte, ohne Stuttgart 21 werde Deutschland unregierbar und Europa sei in Gefahr, macht den Rückzug natürlich nicht einfacher. Abgesehen von den vielen Problemen des Tiefbahnhofs – Gleisneigung, Brandschutz, zu enge Bahnsteige, Störanfälligkeit und anderes mehr – stehen die größten Schwierigkeiten wie der Bau des Nesenbachdükers in der Mineralwasser-Schutzschicht noch bevor. Für den Filderbahnhof fehlt bis heute eine Genehmigung, für den anschließenden Abschnitt nach Rohr sogar eine Bauplanung. Jeder "Baufortschritt" kann neue Probleme und Kosten bringen.

Bei der Wilhelma: Tunnel durch schwieriges Terrain. Foto: Joachim E. Röttgers
Bei der Wilhelma: Tunnel durch schwieriges Terrain. Foto: Joachim E. Röttgers

So hat die Bahn kürzlich eine Planänderung für den Abschnitt 1.6a, also die Unterquerung des Neckars, beantragt: eine besonders diffizile Stelle, da sich hier je zwei Tunnelröhren in Richtung Bad Cannstatt und Obertürkheim verzweigen und auf zwei Ebenen zwischen Mineralwasser führenden Schichten und Neckargrund hindurchsollen. Der Änderungsantrag weist darauf hin, dass am bisherigen Plan etwas nicht funktioniert. Selbst wenn das Eisenbahn-Bundesamt im Eilverfahren zustimmt, wird aber der Planabschnitt nach eigenen Angaben der Bahn nicht vor 2024 fertig sein, also noch ein Jahr später als der bisher genannte Fertigstellungstermin, wie die Ingenieure 22 monieren.

Es gibt einen Plan B – inklusive S-Bahn-Ringschluss

"Es gibt keinen Plan B", titelte die "Frankfurter Allgemeine" vor der Bahn-Aufsichtsratssitzung 2013. Trotz aller Probleme wiederholen die Verantwortlichen gebetsmühlenartig seit 15 Jahren: Stuttgart 21 "wird gebaut", sei unumkehrbar, nicht mehr zu stoppen. Sich auf eine einmal eingenommene Position zurückziehen ist einfach, aber wenn die Probleme erkennbar zunehmen, nicht sonderlich klug. Insofern sollten alle, die für das Projekt Verantwortung tragen, bis hin zu Angela Merkel, den Fachleuten aus dem Aktionsbündnis gegen Stuttgart 21 dankbar sein, die sich genau darum gekümmert haben: einen Plan B zu entwickeln.

Ein Umstieg, kein Ausstieg, betont Peter Dübbers, der Enkel des Bahnhofs-Architekten Paul Bonatz: "Durch einen Umstieg werden so viele Gelder eingespart, die jetzt in den Tunnelbau und die komplizierten Ingenhoven'schen Kelchstützen fließen." Der Plan, kurz gesagt: die Baugrube nicht wieder zuschütten, sondern als Busbahnhof und Parkhaus nutzen, die bereits betonierte "Sauberkeitsschicht" eines Bauabschnitts im früheren Schlossgarten als Fundament für einen Veranstaltungsort. Nicht weitere Tunnel bohren, sondern beim Kopfbahnhof bleiben, der viel besser funktioniert als ein Bahnhof in Schräg- und Tieflage.

Dies könnte in der Tat ein Befreiungsschlag auch für den Regionalverkehr sein. Denn trotz Verspätungen und überfüllten Zügen nützen immer mehr Menschen die S-Bahn und die Regionalzüge. Aber der unterirdische Bahnhof ist nicht ausbaufähig. Er entwickelt sich absehbar zum Engpass des gesamten öffentlichen Verkehrs, der auch aus anderen Gründen wie Feinstaub eigentlich wachsen sollte.

Dass dringend mehr Kapazität gebraucht wird, darauf sind auch stramme Stuttgart-21-Befürworter wie Wolfgang Arnold schon gekommen. Anfang April hat sich der SSB-Technikvorstand mit Oberbürgermeister Fritz Kuhn für einen Erhalt der Panoramabahn ausgesprochen. Der den Talkessel umrundende letzte Abschnitt der Gäubahn war schon aufgegeben, dient aber bei Störungen im Tunnel schon jetzt häufig dazu, den S-Bahn-Verkehr nach Stuttgart-Vaihingen aufrechtzuerhalten. Im Berufsverkehr fährt die S-Bahn an der Grenze ihrer Kapazität. Die unterirdische Stammstrecke im Stadtgebiet lässt sich nicht weiter ausbauen. Die Panoramabahn bietet eine Alternative. Allerdings will Arnold die Bahnlinie völlig unnötigerweise unterirdisch in den Bahnhof führen. Ein Nutzen ist nicht erkennbar.

Fraglich ist, ob die oberirdischen Gleise überhaupt zurückgebaut werden können. Foto: Joachim E. Röttgers
Fraglich ist, ob die oberirdischen Gleise überhaupt zurückgebaut werden können. Foto: Joachim E. Röttgers

Im Rosensteindialog, der Bürgerbeteiligung zum neuen Quartier, das einmal auf den frei werdenden Gleisflächen entstehen soll, ist kürzlich erstmals die Frage aufgeworfen worden, ob die Gleise überhaupt entwidmet werden können. Im August wird nun die Klage der Stuttgarter Netz AG verhandelt: Wenn auch wegen der hohen Feinstaubwerte mehr Pendler auf die Schiene umsteigen sollen, werden die Kopfbahnhof-Gleise noch gebraucht. Doch selbst wenn die Netz AG keinen Erfolg haben sollte: Ab 2019 übernehmen Abellio und Go-Ahead, Bahnunternehmen aus den Niederlanden und Großbritannien, den Regionalverkehr. Eigentlich hat der Einstieg in den Umstieg bereits begonnen.

Klaus Gebhard, Parkschützer und Diplomingenieur, hat sich die Planungen um den Filderbahnhof genauer angesehen und dafür einen Plan B entwickelt. Der Flughafenbahnhof selbst, tief unter der Erde, ist noch nicht genehmigt, nur vom Filderportal bis zum Ortsrand von Degerloch ist bisher eine der zwei Tunnelröhren gebohrt. Von da an soll es steil abwärts gehen, durch schwieriges Terrain. Gebhard hat ausgerechnet, dass die Fahrt von Ulm nach Stuttgart auf dieser Strecke ebenso lang dauern würde, wie wenn der Zug in Wendlingen auf die bestehende Strecke durchs Neckartal einbiegt.

Von Wendlingen zum Flughafen könnte stattdessen eine S-Bahn-Linie gebaut werden, die zwar die Fahrtzeit für die Fluggäste aus Ulm geringfügig erhöht, dafür aber eine Verbindung herstellen würde, die sehr vielen Menschen in der Region hilft. Denn auf diese Weise wären nicht nur Fluggäste aus Ulm, sondern auch aus Nürtingen, Kirchheim, Esslingen oder Plochingen besser an den Flughafen angebunden. Das würde aber nicht nur den Fluggästen nützen: Der Ringschluss würde eine Verbindung vom Neckartal auf die Fildern herstellen.

In den Kommunen südlich der Stuttgarter Stadtgrenze, so Gebhard, leben 437 000 Einwohner, so viel wie in einer Großstadt. Der öffentliche Verkehr ist aber völlig unzureichend, er beschränkt sich häufig auf Buslinien, die im Schneckentempo von Dorf zu Dorf zuckeln. Gebhard möchte die S-Bahn, die heute von Vaihingen über den Flughafen bis nach Bernhausen führt und irgendwann einmal nach Neuhausen verlängert werden soll, von dort aus bis Wendlingen weiterführen.

Heute hat der Fahrgast etwa von Plochingen oder Esslingen auf die Filderebene nur die Wahl zwischen langsamen, unzuverlässigen Busverbindungen und der Fahrt mit der S-Bahn durchs Stuttgarter Stadtzentrum. Durch eine Querverbindung von Wendlingen nach Echterdingen würde nicht nur die S-Bahn-Stammstrecke in Stuttgart merklich entlastet, sondern auch die chronisch verstopfte Autobahn.

Umstiegsszenario auf 52 Seiten. Foto: Arbeitsgruppe Umstieg 21
Umstiegsszenario auf 52 Seiten. Foto: Arbeitsgruppe Umstieg 21

 

Info:

Die Arbeitsgruppe Umstieg 21 um Norbert Bongartz, Peter Dübbers, Klaus Gebhard und Werner Sauerborn will das Umstiegsszenario am Freitag, dem 15. Juli, vorstellen – morgens der Presse und um 17 Uhr der Öffentlichkeit: im Gewerkschaftshaus, Willi-Bleicher-Straße 20, Stuttgart-Mitte.

Zeitgleich wird die 52 Seiten starke Broschüre "Stuttgart 21 umnutzen – Auswege aus der Sackgasse" präsentiert und online gestellt, ab Freitag ist sie unter www.umstieg-21.de einsehbar.


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