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Alles im Lot im Loch?

Alles im Lot im Loch?
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 Fotos: Joachim E. Röttgers 

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Datum:

Was sieht man eigentlich auf dem Baustellenareal von Stuttgart 21? Wo sind Probleme und Verzögerungen erkennbar? Und was könnte man mit den Baugruben anfangen, falls das Projekt doch noch gestoppt wird? Antworten darauf sollen alternative Baustellenführungen der Gruppe Ingenieure 22 liefern, am heutigen Mittwoch steigt die erste. Für Kontext gab es eine Vorab-Begehung.

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Trocken ist's heute, die Sonne brutzelt, und vom Südausgang des Bonatzbaus steigt der Staub von Baumaschinen aus dem großen Loch auf, das einmal der Mittlere Schlossgarten war. Es braucht nur wenige Schritte, um einen ersten Hinweis darauf zu finden, was eines der zentralen Probleme des Tunnelbahnhofprojekts Stuttgart 21 ist: Wasser. Gegenüber dem Zugang zur Klettpassage liegt in einer Mulde ein Betonwürfel von der Größe eines Einfamilienhauses. "Das ist das Oberhaupt des Cannstatter Dükers", erklärt Wolfgang Kuebart, Physiker und Mitglied der S-21-kritischen Gruppe Ingenieure 22. Als Gegenpol zu den offiziellen Führungen des S-21-Projektbüros bietet die Gruppe ab dem heutigen Mittwoch regelmäßig eine alternative Baustellenführung an, und Kuebart gibt gemeinsam mit dem Ingenieur Hans Heydemann vorab ein paar Einblicke, was die Besucher erwartet.

Der Cannstatter Düker, so erfahren wir, gehört neben dem Nesenbachdüker und dem Hauptsammler West zu den großen Abwassersammlern der Stuttgarter Innenstadt. Deren bisheriger Lauf wird durch den geplanten Tiefbahnhof zerschnitten und muss daher umgeleitet und unter dem Bahnhofstrog hindurchgeführt werden. Abgesehen von den Problemen, die diese Umleitung bereitet, weil sie den Mineralwasser führenden Schichten bedenklich nahe kommt, sei völlig unklar, ob die Kapazität der neuen Leitungen bei Starkregen überhaupt reiche. Ergäbe sich schon dadurch potenziell eine größere Hochwassergefahr, erklären die beiden Fachmänner, werde diese noch gewaltig dadurch gesteigert, dass der Trog des fertigen Bahnhofs eben nicht nur in die Tiefe, sondern auch in die Höhe geht und einen bis zu sechs Meter hohen Wall an der engsten Stelle des Talkessels bilden wird.

"Das Wasser kann nicht mehr wie bisher über den Schlossgarten ablaufen, sondern staut sich auf und könnte die Klettpassage und den Tiefbahnhof überschwemmen", sagt Heydemann. Der Ingenieur beschäftigt sich schon seit Jahren mit diesem Problem und ist ein wandelndes Lexikon, was mögliche Tiefbahnhof-Überschwemmungen angeht. Detailliert erklärt er das Risiko anhand der Geländehöhen und zerpflückt die offiziellen Aussagen, die es vom zuständigen Projektbüro dazu gibt. Nicht nur angesichts der jüngsten Überschwemmungen im Land kann einem da etwas mulmig zumute werden. 

Unerwartete Probleme und Alibihandlungen

Handelt es sich hier um potenzielle Risiken in der Zukunft, zeigt die Führung aber auch an vielen konkreten Stellen, dass auch beim aktuellen Baufortgang längst nicht alles so im Lot ist, wie es das Projektbüro gerne verkündet. Dass etwa beim besagten Oberhaupt des Cannstatter Dükers noch große runde Öffnungen an den Seiten, aber keine zulaufenden Rohre zu sehen sind, bestätigt einmal mehr, wie wenig belastbar schon die kurzfristigen Planungen des Projekts sind. Im vergangenen September kündigte die Bahn in einer Pressemitteilung noch an, "der neue Kanal soll in der ersten Jahreshälfte 2016 in Betrieb genommen werden".

Die ist vorbei. Ein betriebsfertiger neuer Kanal ist auch mit viel Wohlwollen nicht in Sichtweite. Dafür sind die Arbeiten an anderen Stellen der Baustelle schon erkennbar weiter gediehen. "Weiter als beim Nesenbachdüker, obwohl man den viel dringender bräuchte", so Kuebart. 

Ohne den fertigen Nesenbachdüker nämlich, dessen Bau wegen der schwierigen Geologie noch einige ungelöste Probleme bereithält, kann die Bodenplatte des Bahnhofs gar nicht betoniert werden. Momentan sieht man von ihm nicht viel mehr als zwei Rohrelemente, die einsam auf dem Gelände des ehemaligen Landespavillons herumstehen. Letztlich auch okay. Das Düker-Oberhaupt kann ohnehin erst gebaut werden kann, wenn die Stadtbahnhaltestelle Staatsgalerie verlegt ist, was noch mindestens zwei Jahre dauern soll.

Und was wiederum die Betonierung jener sogenannten Sauberkeitsschicht in Baufeld 16, die kürzlich als erster Schritt beim Bau der Bahnhofs-Grundplatte gepriesen wurde, vollends zur Baufortschritt vorgaukelnden Alibihandlung macht. Kuebart weist auf das Gelände neben jener Sauberkeitsschicht: "Schwarzbrauner, torfiger Boden, mit dem man wohl nicht gerechnet hatte und der noch komplett ausgetauscht werden muss, weil er nicht hält." Was zusätzlich dauern wird. 

Immer noch möglich: Alternativen zum Weiterbau

Doch in der auf zwei Stunden angesetzten Führung wollen die Ingenieure 22 nicht nur auf Probleme hinweisen, die den Bau verzögern, verteuern und riskant machen. Sondern auch auf Alternativkonzepte, falls Stuttgart 21 noch gestoppt würde. "Wir wollen aufzeigen, welche Alternativen auch beim jetzigen Stand der Bauarbeiten noch umsetzbar sind", so Kuebart.

Peter Dübbers, Enkel des Bahnhofsarchitekten Paul Bonatz, will diese Konzepte bei der Führung genauer erläutern. So könnte man die bereits ausgehobene Grube unterhalb der ehemaligen, versetzten Prellböcke dafür nutzen, auf zwei Ebenen zum einen ein Parkdeck einzurichten, zum anderen den Zentralen Omnibus-Bahnhof (ZOB) wieder zurückzuholen, der mit Baubeginn von S 21 in die Stadtperipherie verbannt wurde. Das danach wieder nach hinten verlegte Gleisfeld könnte ein halb transparentes Solardach bekommen, die abgerissenen Seitenflügel des Bahnhofsgebäudes in modernisierter Form, aber mit deutlichen Reminiszenzen an ehemalige Proportionen und Fassadengliederung wieder aufgebaut werden (eine Bildergalerie zu dem Konzept gibt's unter diesem Link).

Auch an anderen Stellen bedeute ein Ausstieg aus dem Projekt keinen stadtplanerischen Stillstand. So könnten auch für das sogenannte C-Areal am Nordbahnhof, momentan komplett mit Baulogistik belegt, umgehend Wohnungen geplant werden. Und die könnte die Stadt dringend brauchen.

Die Idee zu den Führungen ist den Ingenieuren nicht etwa mit den jüngst eingeräumten Kostensteigerungen und Terminverzögerungen des Projekts entstanden, sondern schon im vergangenen Jahr. "Wir haben da schon ein paar Führungen für die Mahnwache gemacht. Von dieser kam auch die Idee, das nun öffentlich als alternative Führungen anzubieten", so Kuebart. Auch um aufmunternd in die Protestbewegung gegen Stuttgart 21 hineinzuwirken. "Viele von uns sind in eine Art stille Opposition gegangen", sagt Kuebart. Die Führungen sollen zeigen, was immer noch möglich ist. An Ideen mangelt es jedenfalls nicht.

 

Info:

Alternative S-21-Baustellenführung, Mittwoch, 6. Juli, 3. August, 7. September, jeweils 17–19 Uhr, Treffpunkt: Südausgang des Hauptbahnhofs.

Eine detaillierte Vorstellung der Alternativkonzepte erfolgt unter dem Motto"Umstieg 21 Baustellen umnutzen"am 15. Juli, von 17 bis 19 Uhr im Gewerkschaftshaus (Willi-Bleicher-Str. 20, Großer Saal, Stuttgart-Mitte).


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21 Kommentare verfügbar

  • Müller
    am 12.07.2016
    Antworten
    @Herr Ruch
    Vielen Dank. Ich bin gerne das Salz. Und ich freue mich sehr, dass es hier Leute gibt die andere Meinungen ertragen können. Respekt!

    Zu Ihrem Beitrag weiter unten:
    Die voraussichtlichen weiteren Kostensteigerungen sind natürlich eine Katastrophe.
    Da hat man als Proler keine…
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