Und wer ist schuld? "Downton Abbey"!

Olle heile Fantasiewelt. Mehr "Downton Abbey" gibt's unten. Quelle: Trailer Staffel 5, Universal Pictures Germany

Ausgabe 275
Kultur

"Downton Abbey" und der Brexit

Von Rupert Koppold
Datum: 06.07.2016
Nein, der Brexit ist nicht überraschend gekommen. Schon lange geistert vor allem in englischen Köpfen eine Sehnsucht nach der guten alten Zeit herum. Und Literatur, Film und Fernsehen liefern dazu immer wieder die passenden Bilder und Geschichten.

"Rule, Britannia!" So befehlsdonnernd trumpft die heimliche Nationalhymne auf. Und so zackig sich diese Töne anhören, so zackig sehen auch die Taten aus: mit Glanz und Gloria ran an die großen Störenfriede, sie niederwerfen, sie per Kampfhubschrauber auf einem kahlen Inselchen aussetzen, so wie damals den Erzfeind Napoleon auf St. Helena. Allerdings ist diese euphorisch geschilderte Militäraktion keine Geschichte aus vergangenen Kriegen, sondern Höhepunkt des Kinderfilms "BFG – Big Friendly Giant", der am 21. Juli in unsere Kinos kommt. In der von Steven Spielberg sehr britisch inszenierten Adaption eines Roald-Dahl-Buchs freundet sich ein Londoner Waisenmädchen mit einem Riesen an, der es vor seiner Sippe schützt und sich am Ende verbündet mit der Königin und ihren Truppen. Nach dieser Ausschaffaktion ist das gute Nationalgefühl wieder hergestellt: Great Britain forever!

Oder auch, auf den Kern reduziert: Forever England! Ein idealisiertes England, auch wenn der immer wieder zitierte John of Gaunt in Shakespeares "Richard II." diesen Ort als real existierend beschreibt. Als königliche Insel, als zweites Eden, als halbes Paradies, als von der Natur erbaute Festung, als Hort eines glücklichen Menschenschlags, als einen von der silbernen See gefassten Edelstein, als ein Haus, das gegen den Neid nicht so glücklicher Länder von einem Wassergraben geschützt wird. Und dann noch einmal, als wäre es nicht schon genug: "This blessed plot, this earth, this realm, this England." Dieses Insel gewordene Juwel, so wirft John of Gaunt seinem König vor, wolle dieser zerstören, indem er es an Fremde verpachte – und dies alles schon Jahrhunderte vor dem EU-Beitritt! Aber dieses Land ist eben immer in Gefahr, muss sich wehren gegen Fremde und Feinde, wobei ein Teil seiner Bevölkerung den Unterschied zwischen beiden gern einebnet.

In England haben die Falschen das Sagen, fand George Orwell

George Orwell hat übrigens, als England tatsächlich von den Nazis bedroht wurde, die hymnischen Shakespeare-Worte zurückgewiesen. Sein Land erinnere vielmehr an eine stickige viktorianische Familie. "Es ist eine Familie, in der die Jungen im Allgemeinen ausgebremst werden und die größte Macht in den Händen von unverantwortlichen Onkeln und bettlägerigen Tanten liegt", schreibt der Autor von "1984", dessen Worte sich jetzt sehr nach 2016 anhören. Orwell fährt fort: "Trotzdem, es ist eine Familie. Sie hat ihre private Sprache und ihre gemeinsamen Erinnerungen, und wenn sie von einem Feind bedroht wird, schließt sie ihre Reihen. Eine Familie, in der die falschen Mitglieder das Sagen haben – das kommt der Sache wohl am nächsten, wenn man England in einem Satz beschreiben wollte." Was auch bedeutet: Wenn die falschen Mitglieder ihre Macht innerhalb der Familie bedroht sehen, brauchen sie – oder suchen sie sich! – einen Feind von außen. Maggie Thatcher war 1982 am Ende, sie hat sich gerettet, indem sie wegen der Falklandinseln in einen Krieg gegen Argentinien zog. "Rule, Britannia!"

Zurück zu Orwell: Als der seinen Familienvergleich zog, war das britische Empire eigentlich schon erledigt. Aber es wusste noch nichts von seinem Ende, beziehungsweise: Es wollte noch nichts davon wissen. Und in einer großen Zahl vor allem englischer Köpfe hat dieses Weltreich bis heute nie aufgehört zu existieren. Es rumort weiter als Phantomschmerz, es fühlt immer noch eine nostalgisch aufgepolsterte Größe, die sich heftig wehrt gegen die viel zu kleine Gegenwart, es führt ein mit Ressentiments aufgeladenes Leben in einer Parallelwelt. Was braucht dieses England denn Europa? Sein Weltreich mag nicht mehr Empire heißen, aber es existiert doch weiter als Commonwealth, in dem die Queen immer noch oberste Instanz ist – jedenfalls auf Briefmarken.

Diejenigen in England, die sich mit großer Mehrheit für den Brexit entschieden haben, waren die Alten und die vom Land. In einer exzellenten Trilogie der Schriftstellerin Jane Gardam, deren erste Teile "Ein untadeliger Mann" und "Eine treue Frau" auch auf Deutsch erschienen sind, kehrt ein älteres Ehepaar nach Jahrzehnten aus Hongkong zurück in ein Land, das es nicht mehr kennt. Edward Feathers war ein hoher Richter, seine Frau Betty war, nun ja, eben seine Frau. Beide haben ihre Erfahrungen mit dem Empire gemacht, beileibe nicht nur gute, und beide sind nun wie aus der Zeit gefallen, weil sie dieses Empire nicht loswerden. Am Ende ihres Lebens stecken sie fest in ihren Erinnerungen und in ihrer sehr englischen Stiff-upper-lip-Haltung, die Äußerungen über das eigene Gefühlsleben – oder vergangene Affären – verbietet. Dass sie sich nicht ändern können, aber auch nicht ändern müssen, hat mit ihrem Rückzugsort zu tun, einem Cottage in der südenglischen Provinz, in der sich die Gegenwart quasi übersehen lässt. Und es hat damit zu tun, dass sich ein anderes Empire-Überbleibsel als Nachbar niederlässt: Edwards Rivale! Wenn sie sich begegnen, ist das eine illusorische Selbstbestätigung dafür, dass alles beim Alten geblieben ist.

Der Autor Will Self hat kürzlich im "Guardian" geschrieben, dass es das geliebte alte England nur noch in den Komödien des Ealing-Studios gebe, also in Filmen wie "Adel verpflichtet" oder "Passport to Pimlico". "Indem die 'Brexiters' den patriotischen Geist aus der Flasche ließen", so Will Self, "forderten sie die Briten implizit dazu auf, entweder engstirnig-provinzlerischer und weniger vielfältig zu werden – oder ein zweites imperiales Reich anzustreben." Wobei das eine das andere keineswegs ausschließt: Man kann auch im Cottage vom Weltreich träumen. "Make Britain great again!", so heißt der Brexit-Slogan. Großbritannien war sowieso nur formal EU-Mitglied, emotional war es nie dabei. Weil die eigenen Politiker Europa für alles verantwortlich machten, was schieflief; weil die zum Monopolkonzern herangewucherte Murdoch-Presse den Nationalismus hochleben ließ und gegen Ausländer hetzte; weil die EU selber sich als neoliberale Kampforganisation gerierte und nur allzu selten als Schutzmacht der sozial Schwächeren; und weil eine riesige Projektionsmaschine immer wieder fiktive Bilder eines England vorgaukelt, in dem es noch immer so aussieht, wie es niemals wirklich war.

Schon in den Neunzigern warf das Broadcasting Standards Council der TV-Soap-Serie "Coronation Street" vor, dass ethnische Minderheiten in ihr unterrepräsentiert seien. Erst 2014 durfte die erste muslimische Familie dort einziehen. Natürlich kann man sich in England auch ein nicht ganz so heimeliges und, jawohl, man muss es aussprechen, nicht ganz so weißes Bild seines Landes und seiner Gesellschaft ansehen, etwa in Filmen von Ken Loach oder Mike Leigh. Aber weniger anstrengend ist es, sich in Whodunit-Krimis in Agatha-Christie-Tradition zurückzuziehen, in die TV-Ermittlungen des Inspector Lewis etwa, bei denen der DVD-Anbieter die "gediegenen Mordfälle in der altehrwürdigen, pittoresken Universitätsstadt Oxford" und die "prächtige Architektur, malerische Landschaften, gemütliche Pubs" preist.

"Letzte Bastion Englishness": eine Welt ohne Schwarze oder Asiaten

Auch Inspector Barnaby ermittelt angeblich im Hier und Jetzt, allerdings in der fiktiven Grafschaft Midsomer. Auf die Frage, warum dort keine Schwarzen und keine Asiaten auftauchten, antwortete der Produzent Brian True-May: "Dann würde es nicht mehr aussehen wie ein englisches Dorf." Dass er seine Serie auch als "letzte Bastion von 'Englishness'" bezeichnete, war dann zu viel, er musste zurücktreten. Und wie sieht es aus in Harry Potters Welt? Es wird dort einerseits Offenheit und Toleranz gerühmt, andererseits geht es um eine im heutigen England operierende Geheimgesellschaft. Dieses Schloss-Internat, diese Uniformen, diese Regeln, diese Sprache! "Bring Harry home to Britain", hat der Ober-Brexiter Boris Johnson in Bezug auf die Verfilmungen gefordert: "Wir müssen als Land total verrückt sein, es den Amerikanern zu überlassen, mit einer großen britischen Institution Geld zu verdienen."

Der Beginn des ersten J.-K.-Rowling-Romans, in dem der Waisenjunge Harry Potter von den Stiefeltern in der Abstellkammer gehalten wird, fühlt sich an wie Dickens. Überhaupt kann es in der englischen Literatur, im Kino und vor allem im Fernsehen nicht oft genug zurückgehen in die Vergangenheit. Immer wieder werden Vorlagen von Dickens, den Brontë-Schwestern oder Jane Austen adaptiert, so als brauche jede Generation ihre eigene Version. Während es hierzulande mit dem Traumschiff hinaus in die Welt geht oder nach Cornwall, um dort sehr deutsch herumzupilchern, kann sich der englische Zuschauer in der eigenen (Kultur-)Geschichte niederlassen. Und dabei dem modernen Leben entfliehen: In der TV-Serie "Lost in Austen" (2008) fällt eine Frau aus dem London von heute zurück ins 19. Jahrhundert und in die Romanwelt ihres Idols.

Das Brexit-Gefühl ist die Sehnsucht, aus England ein Museum zu machen. Dazu gehört die immerwährende Monarchie respektive deren immerwährende Beschreibung. So differenziert Filme wie "Die Queen" (2006), "Victoria, die junge Königin" (2009) oder "The King's Speech" (2010) im Einzelnen auch sein mögen, in der Summe arbeiten sie am Denkmal einer quasi über alle Zeiten erhabenen Institution. Und dann diese Herrenhäuser in grüner Landschaft! Der Humorist P. G. Wodehouse hat 59 Jahre lang immer wieder aufgelegte und verfilmte Romane über den trotteligen Junggesellen Bertie Wooster geschrieben, den sein smarter Butler Jeeves vor heiratswütigen Ladys bewahrt. Die Zeiten mögen sich in diesen 59 Jahren geändert haben, diese Geschichten nicht. Wodehouse habe die Realität ignoriert, schrieb dessen Kollege Evelyn Waugh: "Er hat für uns eine Welt erschaffen, in der wir leben und in der wir uns vergnügen können."

Waugh selber reüssierte mit der melancholischen Variante des Herrenhaus-Romans, auch sein "Wiedersehen mit Brideshead" wurde mehrfach verfilmt. Die erfolgreichste Herrenhaus-Geschichte aber dürfte inzwischen die von "Downton Abbey" sein, in der vieles von dem zusammenkommt, was das Brexit-Gefühl ausmacht: glorifizierte Vergangenheit, Land und Landschaft, Adel und Dienstboten. Und so gut wie keine Ausländer. Mag die erste Staffel der Serie noch das Ende einer Ära andeuten, so sind die Fortsetzungen zur apologetischen Beschreibung eines England geworden, in dem alles noch seine Ordnung hatte. Fast unnötig zu sagen, dass Julian Fellowes, der zum Baron geadelte und im Oberhaus sitzende Schöpfer von "Downton Abbey", ein Brexit-Befürworter ist.

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6 Kommentare verfügbar

  • Horst Ruch
    am 09.07.2016
    ...@müller, stimme ihnen ausnahmsweise zu. Grenzenlos. Schlagbaumlos. Schamlos. Nachdem bei der EM, Deutschland ausgestiegen ist, sollten doch die Nationalhymnen und all der Quatsch im Sport abgeschafft werden. Es ist schon witzig mit wieviel "Inbrunst" die "ausländischen" Mitspieler und die politische Garde im Hintergrund bei der Hymne zugange sind......was alle Funktionäre vereint; einzig zählt der € , das Pfund oder der Dollar. Es lebe die EU AG, alleinige Auszahlung der Dividenten in € auf ein Dollar-Konto auf den Bahamas, wenigsten solange, bis der Rubel wieder rollt, in Pfund getauscht werden kann in "Kannitverstan".
    So gesehen: der Brexit lohnt sich.
  • dactylon
    am 07.07.2016
    diese zwar interessante, aber insgesamt recht müde und vor allem unvollständige Interpretation der Ereignisse will sich vor allem eines nicht eingestehen: die EU, diese Friedensfürstin unter den Staatenbünden, ist ein Arschloch.

    Gerade im Film ist es doch ein bekannter und immer wieder erleichternder Topos, wenn das Arschloch vom gebeutelten Partner endlich verlassen wird, no?
  • Fritz
    am 06.07.2016
    Naja, wer schon bei S21 jegliche Kritik ausblendet, der wird das bei der EU wohl auch nicht anders halten.

    Die unbequeme Realität wird schon irgendwann weggehen, wenn man sie nur kräftig genug verdrängt.
  • Schwabe
    am 06.07.2016
    Europa? Ja! Aber nicht dieses Europa!

    Aber schauen wir uns das real existierende Europa doch einmal an: Brüssels Freihandelswahn führt heute schon dazu, dass ein heimisches Lammkotelett in einem Supermarkt auf den Shetland-Inseln teurer angeboten werden muss, als sein Tiefkühlpendant vom anderen Ende der Welt aus Neuseeland. Und wenn die Bürger einer kleinen Gemeinde am griechischen Kallidromo einen neuen Kühlschrank für das Dorfgemeinschaftshaus brauchen, kann es sein, dass der Anschaffungsprozess an Haushaltsvorgaben scheitert, die im fernen Berlin beschlossen wurden. Dafür kann heute ein Computer von Dell im polnischen Lodz gebaut und auf Rechnung von Amazon Luxemburg in jeden europäischen Haushalt geliefert werden, ohne dass die Multis dafür ordentliche Steuern bezahlen und ohne dass die Mitarbeiter angemessen bezahlt würden. EU-Subventionen und der Wegfall von Möglichkeiten, die heimischen Märkte zu beschützen, sorgen dafür, dass riesige Agrarkonzerne sich in Brandenburg auch noch die letzte Scholle unter den Nagel reißen, während der Kleinbauer in Kroatien sich am nächsten Baum aufhängen kann. Das ist das real existierende Europa und genau das ist das Europa, das die Menschen nicht mehr haben wollen.

    Das hat übrigens nichts, aber auch gar nichts, mit Euro-Skeptizismus oder gar Europa-Feindschaft zu tun. Klar, vor allem am rechten Rand gibt es sie auch, die eingefleischten Europa-Gegner, die vor allem, was sich außerhalb ihrer vier Wände befindet, Angst haben und am liebsten eine kleine, übersichtliche Welt hätten, in der selbst sie sich zurechtfinden. Diese Wünsche werden unerfüllt bleiben. Der weitaus größere Teil der Europäer träumt stattdessen von einem gemeinsamen, einem schönen, einem starken Europa. Doch dieses ideale Europa hat nichts mit dem real existierenden Europa zu tun. Juncker steht nicht für dieses Europa. Schulz steht nicht für dieses Europa. Das Europa, das Juncker und Schulz haben wollen, ist nicht das Europa, das die Europäer haben wollen. Und es sieht auch ganz und gar nicht danach aus, als ob die europäischen Eliten den „Schuss gehört hätten“ und nun ernsthaft darüber nachdenken, wie man ein neues, ein besserer Europa aufbauen könnte.
    Jens Berger, NachDenkSeiten ein Auszug
  • Müller
    am 06.07.2016
    Der Brexit ist einfach schade. Ich frage mich woher immer wieder dieser Patriotismus kommt der eine europäische Idee verhindert. Manchmal sind es @barolo, nur Frustwähler die den Populisten wie der AfDin die Hände spielen. Unglaublich naiv.
    Traurig ist das für die jungen Briten, die sich ganz klar zu Europa bekannt haben.
    Und wie bei uns im tiefsten Sachsen haben die britischen Landeier für ein Great Britannia grstimmt.
    In London, wo die Nationen sich vermischen waren über 70% für remain.
    Und ja, ich beobachte mit Freuden, dass die Brexit-Populisten das Schiff verlassen. Genauso wie mir der Verfall der Bawü-AFD Freude bereitet.

    Ich bin lieber Europäer als Deutscher.
    Ob in Brüssel manchmal etwas überreguliert wird ist pillepalle.
    Dahinter steckt eine größere Idee. Ich genieße meine Bewegungsfreiheit. Ein Europa mit unzähligen Einzelgrenzen und -Währungen hatten wir schon.
    Hinter jedem Schlagbaum nationalstolze Gesichter und willkürliche Kontrollen.... Ein Graus.
    Europa ist nicht perfekt und man muss wie in einer Beziehung stetig daran arbeiten.
    Es ist immer sehr viel leichter etwas zu zerstören als etwas aufzubauen.
    Zum Zerstören reichen Sekunden.
  • Barolo
    am 06.07.2016
    Meine Meinung: Viele Worte aber sehr blasser Inhalt. Vor allem wenn man es auf den Titel bezieht.
    Ich denke die Engländer haben sich schon überlegt, warum sie dieses mutige Votum gegen den EU Moloch gamcht haben. Wissend, daß der Brexit auch Schmerzen für UK bringt.
    Aber wenn ich sehe, daß UK nun ein Bashing a la Griechenland erhält..............
    Da kann ich nur sagen: Hut ab UK, und lasst euch von den Brüsslern nich versch....ern.

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