Ausgabe 441
Medien

Kein Thema

Von Anna Hunger
Datum: 11.09.2019
Über Bahnkritiker Arno Luik und sein Buch "Schaden in der Oberleitung" wird bundesweit berichtet. In Stuttgart, mit S 21 das Zentrum des Bahn-Desasters, allerdings nicht. In den beiden Zwillingszeitungen "Stuttgarter Zeitungsnachrichten" findet Luik einfach nicht statt.

Dienstag vergangener Woche – der vielleicht schärfste Kritiker der Deutschen Bahn (DB) startet seine Lesereise durch Deutschland im Großen Sitzungssaal im Stuttgarter Rathaus. Es ist ein symbolträchtiger Ort für alle die, die seit vielen Jahren gegen das Bahnprojekt Stuttgart 21 demonstrieren. Dort sind viele fragwürdige Entscheidungen gefallen, in den Fluren, in den Sälen, auf dem Platz vor dem Rathaus wurde und wird der Protest gegen das verhasste Projekt seit vielen Jahren gelebt.

Der Saal ist proppenvoll, um die 450 Gäste sitzen in Parkett und Loge und hören dem Gespräch zwischen Arno Luik und Moderator Stefan Siller (Ex-SWR) zu. Der gebürtige Königsbronner Luik ist einer der ersten, der Stuttgart 21 durchleuchtet hat, einer, der nachfragt, und immer wieder schreibt. Im Hamburger "Stern", auch in Kontext. Er kennt sich aus mit dem Tiefbahnhof und seinen Ausläufern, mitunter ist es seinen Recherchen zu verdanken, dass die Sauereien in der Planung und der Kommunikation dieses Mega-Bauvorhabens überhaupt öffentlich wurden. Von Hamburg aus, weil die örtlichen Zeitungen sich entschieden hatten, Stuttgart 21 positiv zu begleiten, anstatt zu hinterfragen, was denn da alles schief läuft. Legendär der Satz vom damaligen Ressortchef Adrian Zielcke: "Ohne die Stuttgarter Zeitung hätte es S 21 vermutlich nicht gegeben".

Man kann also festhalten: Luik spielt eine Rolle in der Stuttgarter Stadtgesellschaft, bei den S-21-Gegnern in ganz Baden-Württemberg, ja ganz Deutschland. Und keine kleine.

Eine Lokal- und Regionalzeitung, die in der Stadt verwurzelt sein will, die nahe dran sein will am Puls der Menschen, für die sie berichtet, kann diesen Termin und dieses Buch eigentlich nicht nicht im Blatt behandeln. Zumal der Bahnhofsumbau seit Monaten nahezu täglich einen Großteil aller ÖPNV-Nutzenden das Leben zur Hölle macht und die beiden zusammengelegten Zeitungen, die StZN, erst jüngst eine Studie zitierten, nach der die Zustimmung der Bevölkerung für Stuttgart 21 immer weiter sinkt. Stattdessen: nichts. Das Innenstadt-Büro hat es immerhin geschafft, eine kleine Terminankündigung ganz unten rechts zu platzieren. Sonst: Schweigen im Walde.

Die StZ traut sich was

Die "Badische Zeitung" in Freiburg hat auf einer halben Seite auf Luiks Veranstaltung hingewiesen – Titel "Salz in tiefe Wunden". "Warum die Verkehrswende auf die Schiene eine Illusion ist", überschreibt "Deutschlandfunk Kultur" sein Interview mit Luik. Der "Stern online" bringt Buchauszüge, gleichfalls die "Frankfurter Rundschau". Die "Augsburger Allgemeine" und die "Heidenheimer Zeitung" veröffentlichen lange Interviews. In Kontext sind zwei Vorabdrucke erschienen. Das "Handelsblatt" ist umfänglich auf das Buch eingestiegen: "Was für eine verstörende Buchlektüre für Bahnfahrer!" Es folgt zwar ein Verriss, aber immerhin.

Die "Vaihinger Kreiszeitung" findet auf Facebook besonders hübsche Worte zur Ankündigung des Stuttgarter Events: "Guten Morgen, an all die Bahn-Gebeutelten, die hinter dem Schienen-Wahnsinn etwas Größeres vermuten. Heute ist Euer Tag, denn Arno Luik stellt in Stuttgart (Rathaus, 18.30 Uhr) sein Buch 'Schaden in der Oberleitung' vor. ... Klingt nach einem interessanten Abend. Kommt gut hin und wieder zurück ins Hauptstädtle. Am besten vielleicht mit dem ... Fahrrad?" Den Mantel bezieht das Lokalblatt von den "Stuttgarter Nachrichten".

Und die "Stuttgarter Zeitung"? Tatsächlich, so hört man, gab es wohl einen fertig geschriebenen Text zu Luiks Buch. Vorab sogar, fest eingeplant. Bis Michael Maurer, stellvertretender Chefredakteur, den Artikel kurz vor knapp gekippt haben soll. Heißt es. S-21-Freund Maurer ("wir sehen das Vorhaben positiv") möchte sich dazu auf Anfrage nicht äußern, er spreche nicht mit Kontext, sagt er. Schade, weil sich damit auch die Frage erübrigt hatte, ob da theoretisch nicht noch die Möglichkeit bestanden hätte, am Dienstagabend mal im vollen Rathaus vorbeizuschauen.

Nachzulesen ist am Tag danach etwas Anderes: ein Interview mit Bernhard Bauer, dem neuen Vorsitzenden des Vereins Bahnprojekt Stuttgart–Ulm, der PR-Abteilung von Stuttgart 21. Vorspann: "Im Interview betont der ehemalige Spitzenbeamte im Land die städtebauliche Chance des Vorhabens." Dann darf er Dinge sagen wie: "Der Plan für Stuttgart 21 war da von Anfang an überzeugend."

Hut ab, das muss man sich in der Hauptstadt des Bahnprotests auch erstmal trauen.


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9 Kommentare verfügbar

  • Roland Morlock, DBV Baden-Württemberg
    am 11.09.2019
    Man ist in Stuttgart ja schon gewohnt, daß Stuttgarter Zeitung und Nachrichten kritischen Meinungen zu Bahnthemen nur recht wenig Beachtung schenken, sobald sie irgend eine kritische Aussage zu Stuttgart21 enthalten. Und wenn doch, dann darf am Ende des Artikels immer ein Projektsprecher erklären, daß schon alles toll und in Ordnung ist. Insofern verwundert es kaum, wenn die an sich zuständigen Redakteure zur Veranstaltungs-Prime-Time im Rathaus bereits ihren wohlverdienten Feierabend genießen durften.

    All dem setzt jedoch der in diesem Kontext-Artikel erwähnte Verriß des Handelsblattes die dickste Krone auf: Man wirft dem Autor Arno Luik vor, er würde sich mit Behauptungen, ein Mann könne alleine eine Lok ziehen, unglaubwürdig machen. Doch dieser Vorwurf an Luik ist falsch. Um dies zum Ausdruck zu bringen, habe ich einen Leserbrief an das Handelsblatt geschickt, der bisher ohne jegliche Resonanz blieb und meines Wissens weder abgedruckt noch sonst publiziert wurde (warum auch?):

    Sehr geehrte Redaktion,

    Auch wenn es zunächst ganz unglaublich klingt, es ist sehr wohl möglich, daß ein einzelner Mensch eine Lokomotive von 84t ziehen kann. Das liegt an den extrem geringen Rollreibungskoeffizienten, die zwischen ca. 1/1000 und 2/1000 liegen. Dadurch benötigt man eine Zugkraft, die in der gleichen Größenordnung liegt, wie wenn man einen etwas kräftiger gebauten Menschen hochheben will. Im Detail hängt das auch noch davon ab, ob man z.B. die Gleise blankpoliert oder die Fahrmotoren ausgekoppelt hat (z.B. wegen des Losbrschwiderstandes). Falls Sie sich lieber von der Praxis als von der Theorie überzeugen lassen, schauen Sie kurz in das folgende Video (ab 7:55)

    https://www.prosieben.de/tv/galileo/videos/2013326-klein-zieht-gross-der-lok-weltrekord-clip

    Statt also sauber zu recherchieren, macht man sich über einen Buchautor rhetorisch lustig, indem man seine Argumentation mittels Übertreibung ins Lächerliche zieht und Behauptungen widerlegt, die dieser gar nicht geäußert hat (800t anzuziehen ist auch für einen starken Menschen selbstverständlich zu schwer, er müßte einen kleinen bis mittleren Elefanten stemmen können)

    Bevor man also dem Buchautor Luik vorwirft, im Physikunterricht nicht aufgepaßt zu haben, sollte man wenigstens zuvor jemanden fragen, der in Physik aufgepaßt hat.

    herzliche Grüße
    R. Morlock
    Diplom-Physiker
    Deutscher Bahnkunden-Verband Baden-Württemberg
    Landesvorsitzender
  • a dabei
    am 11.09.2019
    S21 hat natürlich innerhalb der Leserschaft der StZN schon für eine deutliche Bereinigung gesorgt. Wer also die "Mitteilungsblätter" des Möhringer Pressehauses jetzt nach wie vor abonniert, ist entweder noch immer ein gutgläubiger S21-Befürworter, hat bisher noch nix mitgekriegt (das soll's tatsächlich geben), liest vielleicht gerne Aldi-Werbung oder Todesanzeigen, sieht in der Kritik an Obrigkeits-Entscheidungen eine linksgrün versiffte Haltung oder hält den Rechtskurs der StZN sogar für den Beleg von Qualitätsmedien (auch das soll es geben). Oder er ist einfach zu faul zu kündigen. Sie schreiben also genau richtig für ihr Publikum.
  • Karl Heinz Siber
    am 11.09.2019
    Man weiß nicht, wovor man sich mehr ekeln soll, vor der Stuttgarter Presse, vor dem Projekt S21 oder vor dem unsäglichen Bernhard Bauer. Aber gottseidank braucht man sich gar nicht entscheiden, man kann seinen Ekel ja gleichmäßig auf alle verteilen.
  • Werner Sauerborn
    am 11.09.2019
    Was Anja Hunger zur Nicht-Thematisierung der fulminanten Luik-Veranstaltung schreibt, ist leider kein Einzelfall. Keine Vertreter*in von StZ/N kam, als SÖS-LINKE-PluS zu einer Pressekonferenz mit Christoph Engelhardt am 16. Juli eingeladen hatten. Es ging um den Widerspruch zwischen Halbierung der Gleiszahl und dem Anspruch einer Verdopplung der Kapazität bei S21. Christoph Engelhardt kam dann später auf Betreiben der Grünen/bzw. Kuhns im S21-Ausschuss nicht zu Wort.

    Routiniert werden auch die Pressemitteilungen des Aktionsbündnisses ignoriert. Genauso ergeht es den inhaltlichen Ankündigungen der MoDemos. Allenfalls wird mal zitiert, dass auch ein paar der üblichen Demonstranten da waren. Ansonsten hält sich StZ/N lieber bei der Prominenz im Rathaussaal (bei der Schuster-Ehrung am 6.9.) oder bei der Tunnelfeier am 9.9., statt vom Protest der etwa 150 S21- Gegner und deren der sehr inhaltlicher Kritik Kenntnis zu nehmen - und die auch mal zu Wort kommen zu lassen.

    StZ/N gegenüber sollte deutlich angesprochen werden, dass sie so ihrem Anspruch („unabhängigen Tageszeitung“), nicht gerecht wird. Wer sich über die Kritik an S21 derart ausschweigt, reißt auch die selbst gesteckte Messlatte des Qualitätsjournalismus, denn immerhin geht es hier um nicht weniger als eine Schicksalsfrage für Stuttgart und die Region. Wenn das so weiter geht, wäre auch mal wieder eine Demo zum Stadtbüro von StZ/N ins Auge zu fassen.
  • Werner Buck
    am 11.09.2019
    Ich weiß gar nicht, was Sie gegen die Berichterstattung der Stuttgarter Zeitung haben. Die ist doch am Puls der Zeit bzw. dem ihrer Leser. Immerhin hat sie seitenlang über den 70. Geburtstag der Schlaftablette Professor Dr. Schuster berichtet, auch wenn dies kaum einen Menschen interessiert hat.
  • Daniel
    am 11.09.2019
    Die Stuttgarter Nachrichten widmen sich lieber wichtigeren Themen, zum Beispiel der "freien Mobilität", die in diesem unserem Lande nun plötzlich in Frage gestellt wird. Die Diesel-, Raser- und SUV-Vorkämpfer aus dem Pressehaus hofieren dazu die FDP, die allein schon Tempolimits als schweren Eingriff in die persönliche Freiheit definiert. "FDP wirft CDU Täuschung bei Fahrverboten vor", war am Montag in den StN zu lesen, am Dienstag wurde die "freiheitlich-demokratische" Partei dann sogar mit zwei Schlagzeilen auf der Titelseite hofiert: "FDP: Haushalt der gebrochenen Versprechen" und "FDP kritisiert Ausschlachten von Porsche-Unfall". Wer glaubt, schlimmer geht's nimmer. erlag einem Trugschluss, denn in den Landesnachrichten fand sich ein dreispaltiger Artikel mit der Überschrift: "Autokorsos: FDP fordert Aktionsplan." Hier noch einige Vorschläge für die nächsten Schlagzeilen aus dem Pressehaus: "FDP: SUV-Panzer sind die wahren Klimaschützer." "FDP fordert größere Parkhäuser für SUVs." "FDP: Tempo 250 spart Zeit und Geld." "FDP: Arbeitsplätze in Deutschland hängen zu 120 Prozent von der Autoindustrie ab." "FDP: Fahrräder sind Klimakiller." "FDP: Parken auf Geh- und Radwegen gehört zur persönlichen Freiheit." "FDP: Tempolimits sind eine Ausgeburt des Sozialismus."
    • Luca
      am 11.09.2019
      Die Vorschläge, ich schmeiß mich weg!
    • Thomas A
      am 11.09.2019
      2005 habe ich von einem Stadtverteter gehört, man wolle genau null machen. In Erwartung von Euro 5 und Euro6 war die Erwartungshaltung des Selbstlösens berechtigt. Was kamen waren jedoch nur die Plaketten und nicht die Motoren die das rechtfertigten. Da hätte man die Gesundheit der Stadtbewohner durchaus berücksichtigen dürfen. Danach wurde es aber richtig schlimm. Das Trauerspiel bei der Einführung des geregelten Katalysators (Einführung von rot, gelb grünen Plaketten)wurde wiederholt. Den Nachrüstsätzen(HJSkatalysatoren, Paul Wurm) wurde die ABE verweigert. Aus der ungesunden Luft wurde keine gesunde Luft sondern eine Verkaufsveranstaltung für Neuwagen. Und währendessen hat die Stadt die Dreckschleudern mit roter Welle die Luft verdrecken lassen.
    • Jue.So Jürgen Sojka
      am 12.09.2019
      @Daniel,
      wie zutreffend die Rundumbetrachtung zur PARTEI, die sich seit 1866 zu jedem Jahresbeginn in Stuttgart trifft. | ;-)

      FDP/DVP nicht alleine seit einem gewissen Hans-Ulrich Rülke verpflichtet in Anfeindung der Gewaltenteilung – und das von Generation zu Generation weiter gereicht! [1]
      Der Auftritt von Gerhart Rudolf Baum (RA und Ex-Bundesinnenminister) in der Sendung "Hart aber fair", in der er die Contenance aufgibt, wird mir für immer in Erinnerung bleiben. [2]

      Heute Morgen auf SWR2 Leben & Gesellschaft " 12.9.1945: Die CSU wird gegründet" mit Audio 4:04 Min.
      Und gestern Abend um 17:05 Uhr Diskussion: Das Maß aller Dinge – Was ist Gerechtigkeit? https://www.swr.de/swr2/leben-und-gesellschaft/Diskussion-Das-Mass-aller-Dinge-Was-ist-Gerechtigkeit,av-o1151803-100.html Audio 44:19 Min.
      Es diskutieren: Dr. Rainer Hank - Publizist und Kolumnist für die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, Prof. Dr. Otfried Höffe - Philosoph, Universität Tübingen, Prof. Dr. Regina Kreide - Lehrstuhl für Politische Theorie und Ideengeschichte, Universität Gießen

      [1] KONTEXT Ausgabe 403 Sand ins demokratische Getriebe https://up.picr.de/35919349pe.pdf Seite 3 zur Gewaltenteilung und dem geschichtstragenden Auftritt von Rülke im Landtag B-W…
      G. Baum (*28. Okt. 1932), W. Kubiki (*3. März 1952), H.-U. Rülke (*3. Okt. 1961), C. Lindner (*7. Jan. 1979)

      [2] Terror – Ihr Urteil Okt. 2016 und in der Themenwoche Gerechtigkeit im Nov. 2018 https://www.rbb-online.de/film/t/terror-ihr-urteil.html Autor Ferdinand von Schirach
      Der Faktencheck zur Sendung vom 17.10.2016 https://www1.wdr.de/daserste/hartaberfair/faktencheck/faktencheck-158.html
      Franz-Josef Jung und Gerhart Baum über das Urteil des BVferG

      Allerdings ist auch die Behauptung von Gerhart Baum falsch, das Bundesverfassungsgericht habe gesagt, Piloten, die ein mit unschuldigen Passagieren besetztes Flugzeug abschießen, um Menschleben am Boden zu schützen, seien Mörder. Das wird von den Verfassungsrichtern in ihrem Urteil nie gesagt.

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