Keine Glanzleistung von zwei Kandidaten und vier Moderatoren. Foto: WDR/Herby Sachs

Ausgabe 336
Medien

Verlierer waren die Zuschauer

Von Franz Alt
Datum: 06.09.2017
Für einen, der die solare Weltrevolution im Blick hat, war das Fernseh-Duell Merkel/Schulz schwer auszuhalten. Unser Autor hat sich gleich doppelt aufgeregt. Als Kämpfer für ökologisches Wirtschaften. Und als langjähriger Fernseh-Moderator.

Die Frage nach dem Kohle-Ausstieg hätte man sich gewünscht beim TV-Duell zwischen Merkel und Schulz. Aber keinem der gleich vier Moderatoren war sie eingefallen. Als Moderator mit 35-jähriger Fernseherfahrung kann ich mich nur wundern. Überhaupt waren die wichtigsten Zukunftsfragen wie Klimawandel und Energiewende, Digitalisierung, Arbeit der Zukunft und Verkehrswende kein Thema. Was muss denn noch passieren, bis Journalisten aufwachen?

Durch tödlichen Regen versinkt im August 2017 der Tropengürtel rund um den Globus von Südasien bis Westafrika im Wasser. 40 Millionen Menschen sind betroffen. 1400 Tote allein in Indien und Bangladesch. Katastrophale Überschwemmungen außerdem in Pakistan, Nepal, Sierra Leone, Niger, Nigeria, Kamerun, Sudan und Texas. Der Hurrikan "Harvey" hat deshalb so zerstörerische Folgen, weil die vom Klimawandel erwärmten Ozeane einen großen Teil der Wärmeenergie schlucken, die über das Verbrennen von Kohle, Gas und Öl in die Luft gelangen. Wärmere Ozeane sorgen für mehr Extremwetter und noch mehr Klimaerhitzung. Angela Merkel hatte im Jahr 2008 den Klimawandel noch als die "Überlebensfrage der Menscheit" bezeichnet.

Gegenwartsversessen und zukunftsvergessen

Doch das Wort "Klimawandel" kommt in der wichtigsten Sendung zum deutschen Wahlkampf nur mal kurz am Rande vor. Auch in Deutschland, so berichtet die Münchner Rückversicherung, werde es künftig wesentlich mehr Unwetter geben. Zwei Drittel der Menschen werden in Mitteleuropa bis Ende dieses Jahrhunderts von der Klimaerhitzung betroffen sein. Die Zahl der Toten durch Wetterextreme werde sich verfünfzigfachen, prognostizierte zwei Tage vor der Sendung eine Studie im Auftrag der EU-Kommission.

Aber all das war kein Stoff für den vielleicht wichtigsten politischen Abend des Jahres. Stattdessen die umwerfend wichtige Frage: "Waren Sie heute in der Kirche?"

Auch das wichtige Zukunftsthema Elektroauto war ein Tabu. Die Kanzlerin gab sich zwar "entsetzt" und sogar "stocksauer" über den Dieselskandal, sagte aber – ebenso wie Martin Schulz – kein Wort zu möglichen Alternativen. Die ökologische Bauwende wurde ebenso wenig thematisiert wie die Landwirtschaftswende im 97-Minuten-Duell. Fernseh-Deutschland gab sich an diesem wichtigen Abend vor 16 Millionen Zuschauern gegenwartsversessen und zukunftsvergessen. Leichtfertig wurde eine große Chance verpasst, Politik wieder spannend sein zu lassen.

Ist Deutschland kein Rechtsstaat mehr?

Merkel und Schulz bestätigten, dass der Diesel-Skandal "Betrug" ist. Aber wo bleiben die Konsequenzen? Ist Deutschland kein Rechtsstaat mehr, in dem Betrug selbstverständlich vor Gericht landet? Warum so gut wie keine kritischen Nachfragen? Natürlich, liebe Kolleginnen und Kollegen, wegen der vier Moderatoren – bitte nie wieder einen solchen Unsinn. Verwahrt Euch dagegen!

Der Erzfehler wurde vorher begangen. Wieso und seit wann darf die Kanzlerin die Regeln bestimmen? Angela Merkel, so war zu lesen, soll auf dem Format bestanden haben, das wir dann am letzten Sonntag sahen oder sehen mussten. Beim Bundestagswahlkampf 1976 hatte ich Helmut Kohl und Helmut Schmidt zum Duell in meine Sendung "Report Baden-Baden" eingeladen. Schmidt als Kanzler hat abgesagt in der Hoffnung, dass dann das ganze Vorhaben ausfällt. Aber nein, dann saß eben Helmut Kohl allein da und die Zuschauer wurden darüber informiert, dass Schmidt nicht wollte. Der anschließende Ärger war im anständigen Redakteurs-Gehalt inbegriffen.

Journalisten haben die Spielregeln zu bestimmen. Und wer nicht will, der hat gehabt. Wer sich auf Politkerregeln einlässt, hat schon verloren – auch an Glaubwürdigkeit bei den Zuschauern. Die Verlierer des "Duells" waren die Zuschauer.

Man hätte es sich schenken können. Es war eher ein Duell der vier Moderatoren, von denen keiner zu kurz kommen wollte. Jeder erfahrene Moderator und Interviewer weiß, dass so ein Frage-Quartett ein Unding ist. Zum Glück gibt es keine Fortsetzung. Die Antwort auf diese Zukunftsvergessenheit sollten die Wähler am 24. September geben. Die größten Gewinner waren die am Sonntag nicht anwesenden kleinen Parteien. Wer von ihnen bei der Wahl Dritter wird, bestimmt die Politik der nächsten vier Jahre ganz wesentlich.

Weit spannender war dann auch am Tag danach der Fünfkampf der vier Kleineren: Zwei Moderatoren statt vier. Keine stupide Abfragerei, viele Nachfragen, sinnvoller Streit in der Sache einschließlich erfrischender Polemik. Vier angriffslustige Wahlkämpfer gegen einen einsamen CSU-Mann, der Positionen einer Regierung vertreten musste, der er gar nicht angehört. Wehmütig habe ich mich beim "Duell" an die früheren Elefanten-Runden mit zwei Moderatoren und richtigen Wahlkämpfern erinnert zum Beispiel mit Franz-Josef Strauß und Herbert Wehner.

 

Franz Alt, Jahrgang 1938, war bis 2003 Journalist beim SWR und engagiert sich seit vielen Jahren für ökologisches Wirtschaften.Seine Homepage ist hier zu finden.


Gefällt Ihnen dieser Artikel?
Unterstützen Sie KONTEXT jetzt!

6 Kommentare verfügbar

  • by-the- way
    am 12.09.2017
    @Bernd Oehler
    diese Schlechtleistng kann ich sehr wohl beurteilen, wenn ich z.B. bei einem Besuch bei meinen Eltern diesen Mist mitansehen muss. Im Übrigen kann ich Ihnen mal seriöse und glaubwürdige Informationsquellen empfehlen:
    http://www.nachdenkseiten.de/?p=40047
    Es ist nämlich ziemlich blindwütig, jede Kritik an den Öffentlich-Rechtlichren und insbesondere an deren Zwangsfinanzierung mit der "AfD-Keule" erschlagen zu wollen.
    Argumentationsfrei!
    • Bernd Oehler
      am 13.09.2017
      Ich war z. B. mal zu Besuch in Zürich, also ich könnte Ihnen da was über Zürich erzählen, Verkehrspolitik, Fahrradfahren, Autonome Szene etc. etc., was da alles schiefläuft! (Das Buch darüber schreibe ich erst nach meinem dritten Besuch.)
      Was die Nachdenkseiten angeht, so dürfen Sie mir gerne nachweisen, dass dort das Geschwätz von der Zwangsfinanzierung mitgemacht wird. Diese Keule wird nunmal von Pegida, AfD und der ganzen Mimimi-Ecke geschwungen, aber nicht von seriösen Kritikern der öffentlich-rechtlichen Medien (zu Letzteren gehören übrigens mehr als ARD und ZDF - Sie könnten mit Ihren Eltern ja mal deren Fernsehgewohnheiten besprechen, 3Sat und Arte nur mal als Tipp, von der Anstalt ganz zu schweigen ...).
      Falls es beim Nachdenken hilft: http://www.nachdenkseiten.de/?p=15832
  • Schwa be
    am 11.09.2017
    In der Welt von Philippe Ressing und Rolf Steiner scheint es reflexartig nur die Wahl zu geben zwischen den derzeitigen, manipulativen und zwangsfinanzierten öffentlichen Medien sowie dem Schreckgespenst von AfD-Fernsehen. Auf die Idee eines Abgabenfinanzierten und die Bevölkerung aufklärenden (investigativen) Journalismus scheinen beide nicht zu kommen. Am Ende wollen beide einen solchen gar nicht sondern sind mit dem manipulierenden Status Quo zufrieden.
    Zwei Links zum besseren Verständnis:
    http://www.nachdenkseiten.de/?p=39914
    http://www.nachdenkseiten.de/?p=39985#more-39985
  • Rolf Steiner
    am 09.09.2017
    Wer will das schon: Anstellle der öfffentlich rechtliche Medien ein zentralregiertes goebbelsdelierendes AfD-Fernsehen? Die Dummheiten, die aus den rechten Hetzorganen von Compact bis zu Tichys Verblödungsorgan in brauner Eintönigkeit herüber schwafeln, sollte man weder kopieren noch kolportieren. Gottseidank berichten die bis jetzt freien Medien neutral, und nicht wie die Lügen-Zentrifugen von RT, Spucknit, Breitbart oder Fox.. Wer sich gern zum neuen "Volksempfänger" zurück "entwickeln" möchte, darf sich von mir aus in Nordkorea einen Wohnsitz suchen und möglichst schnell vom Acker machen!
  • By-the- way
    am 08.09.2017
    Endlich abschalten, diese Staatspropaganda-Sender!
    Finanziert über nicht legitimierte Zwangsgebühren, die einer "Wohnsteuer" entspricht.
    Damit kann der Bürger nicht mehr entscheiden, ob er diesen Propaganda-Müll sehen und damit auch finanzieren will. Und insbesondere die ungerechtfertigten fetten Pensionen, die dort gezahlt werden und weswegen demnächst eine Gebührenerhöhung ansteht.
    Hier wäre, wie auch bei den Angestellten-Renten praktiziert, erst mal eine Kürzung der Luxus-Versorgung angebracht.
    Vor dem europäischen Gerichtshof hat ein kluger Richter aus Thüringen eine Klage gegen diese Wohnsteuer eingereicht.
    Dazu kann man nur vollsten erfolg wünschen - und der Propaganda endlich den Stecker ziehen!
    • Philippe Ressing
      am 10.09.2017
      ..ja und dann tauchen gleich diejenigen auf, die den öffentlich-rechtlichen Rundfunk zerschlagen wollen. Kein Wort darüber, dass mit Herrn Klöppel (RTL) und Herrn Strunz (Sat1) auch die Kommerzsender schön mitmachten. Der Schreiber weiß schon, warum er sich hinter einem Pseudonym verbirgt - ein AfD Troll? Welche Folgen die von der AfD geforderte Abschaffung der Rundfunkabgabe für Baden-Württemberg hätte: https://medienfresser.blogspot.de/2017/05/afd-kulturzerstorer.html

Neuen Kommentar schreiben

KONTEXT per E-Mail

Durch diese Anmeldung erhalten Sie regelmäßig immer mittwochvormittags unsere neueste Ausgabe unkompliziert per E-Mail.JETZT ANMELDEN

Letzte Kommentare:
















Die KONTEXT:Wochenzeitung lebt vor allem von den kleinen und großen Spenden ihrer Leserinnen und Leser.
Unterstützen Sie KONTEXT jetzt!