KONTEXT Extra:
Ganz schlechte Noten für Kultusministerin Susanne Eisenmann

Joachim Straub, Florian Kieser und Jan Pfeiffer sind demokratisch legitimierte Vertreter von 1,5 Millionen Schülern und Schülerinnen im Land. Experten, die Erfahrungen vor Ort sammeln und selber direkt betroffen sind von allen bildungspolitischen Entscheidungen. Und die Jungs vom Landesschülerbeirat (LSBR) sind diplomatisch: Denn eigentlich hat Kultusministerin Susanne Eisenmann (CDU) mindestens eine Fünf verdient, weil die das LSBR-Konzept für die anstehende Reform der Oberstufe nicht ein einziges Mal mit ihnen besprochen hat. Tatsächlich bekommt die Neustrukturierung des Wegs zum Abitur ab 2018/2019 nur magere eins bis drei Punkt oder das, was früher "Mangelhaft" hieß.

Als offizielles Beratungsgremium des Ministeriums hat sich der LSBR intensiv befasst mit der heiklen Thematik. Dafür habe es zweimal ein "Vielen Dank" aus dem Ministerium gegeben, berichtet Straub. "Wie kann das sein?", fragt sich der LSBR-Vorsitzende. Aus den Medien habe man erfahren, "dass die ganze Sache gelaufen ist". Das Vorgehen Eisenmanns hat System. Denn auch der Landeselternbeirat (LEB), als zweites offizielles und wichtiges Beratungsgremium des Kultusministeriums, war nicht befasst, sondern "eiskalt außenvor", berichtete dessen Vorsitzender Carsten Rees.

Eltern wie Schüler und Schülerinnen hätten so Manches beizutragen gewusst. Gerade dem Schülerbeirat passt die ganze Richtung nicht, weil die Allgemeinbildung künftig zu kurz komme. Anders als von der Kultusministerin entschieden, wird verlangt, dass Mathematik und Deutsch schriftliche Pflichtfächer bei der Abiturprüfung bleiben. Und dass die neuen Niveaukurse, "mehr Individualität gewährleisten", damit Schülerinnen und Schüler "ihren Interessen, allgemein, sprachlich, naturwissenschaftlich, gesellschaftswissenschaftlich nachgehen" können. Genau das sieht aber die Reform mit ihrem neuen naturwissenschaftlichen Schwerpunkt nicht vor. Das sei, sagt Straub, eine "ganz klare Diskriminierung der Geisteswissenschaften" und unverständlich gerade angesichts der zunehmenden gesellschaftspolitischen Kontroversen. (20.10.2017)

Mehr zum Thema Bildung im Artikel "Zurück in die Kreidezeit".


Jetzt weiß es auch die CDU: So viele bezahlbare Wohnungen fehlen

Baden-Württembergs Wirtschaftsminister Nicole Hoffmeister-Kraut (CDU) ist zufrieden: Weil die neue Wohnbau-Förderung im Land dazu geführt habe, dass "2017 nach knapp sechs Monaten Programmlaufzeit bereits Anträge für den Neubau von deutlich über 800 Sozialmietwohnungen sowie beantragte Bindungsbegründungen im Umfang von mehr als 300 Wohneinheiten vorliegen". Tatsächlich müsste sie hell entsetzt sein angesichts solcher Zahlen. Denn aus einer Studie, die die von ihr selber beförderte "Wohnraum-Allianz" in Auftrag gab, geht ein deutlich höherer Bedarf im Land hervor. Auch der Versäumnisse wegen, die frühere CDU-geführte Landesregierungen verantworten.

"Die Bestandsentwicklung im sozialen Wohnungsbau ist in Baden-Württemberg stark rückläufig", schreiben die Autoren. Ausgehend von 137 000 Wohnungen im Jahr 2002 sei es zu einem Rückgang auf rund 60 000 preisgebundene Wohnungen im Jahr 2015 gekommen. Weil weitere aus der Mietbindung fallen, wird es 2020 überhaupt nur noch 22 000 Einheiten im ganzen Land geben: "Vor diesem Hintergrund ist eine Verstärkung und Verstetigung der sozialen Wohnraumförderung über einen längeren Zeitraum von entscheidender Bedeutung." Der Stabilisierung und "sukzessive Weiterentwicklung" der angespannten urbanen Wohnungsmärkte komme auch eine "sehr wichtige" sozialpolitische Rolle zu. Nur um den Status quo von 60 000 mietgebundenen Wohnungen zu erhalten, müssen 1500 im Jahr umgewidmet oder gebaut werden. Um den tatsächlichen Bedarf zu decken, wären bis zu vier Mal so viele notwendig.

Hoffmeister-Kraut setzt bisher vor allem auf aufgestockte Mittel des Bundes, auf Investoren oder auf Förderungen, die auch einkommensschwächere Familien in Stand setzen, Eigentum erwerben zu können. Das Analyse-Institut Prognos rät ebenfalls zur "Gewinnung und Aktivierung privater Mittel, aber auch zur Verstetigung der Mittel des Landes". Auf einer Reise des Städtetags, der auch in der Allianz vertreten ist, konnten sich kürzlich VertreterInnen zahlreicher Städte und Gemeinden in der österreichischen Bundeshauptstadt Wien von einem ganz anderen Weg überzeugen: Dort wird sozialverträglicher Wohnungsbau Marktmechanismen weitgehend entzogen. Pro Jahr entstehen mehr als 10 000 neue, bezahlbare Einheiten. "Das wirkt preisdämpfend", heißt es in einer aktuellen Darstellung der Wohnbau-Strategie, "schafft zusätzliche Angebote und sichert außerdem mehr als 20 000 Arbeitsplätze." (17.10.2017)

Mehr dazu in den Artikeln "Besser wohnen in Wien" und "Friede den Hütten".


Punktlandung: Erster Feinstaub-Alarm im Herbst 2017

Nach den Regeln der Landeshauptstadt für die Ausrufung von Feinstaubalarm kann dies jeweils vom 15. Oktober an geschehen. Unter dem Aspekt der Sensibilisierung in der aufgeheizten Debatte für und wider Fahrverbote ist auf Petrus so gesehen jedenfalls Verlass: Das stabile Hoch lässt die Emissionen am Neckartor seit Tagen kontinuierlich ansteigen. Jetzt wurde für Montag, 16. Oktober, 0.00 Uhr, für den Autoverkehr und ab 18.00 Uhr für die Verwendung von Komfortkaminen Feinstaub-Alarm ausgelöst. Der Verzicht auf erstere ist freiwillig, der auf zweitere Pflicht.

An maximal 35 Tagen im Jahr darf die Feinstaubkonzentration über dem Limit von 50 Mikrogramm pro Kubikmeter Luft liegen. Am Neckartor ist diese Schwelle aber schon in den ersten dreieinhalb Monaten 2017 mit 39 Tagen überschritten worden. Dennoch geht die Landesregierung, gedrängt von der CDU, gegen einen mit den Anwohnern am Neckartor im Sommer 2016 geschlossenen Vergleich vor, der ab dem 1.1.2018 eine Verringerung des Verkehrs an Feinstaubtagen um 20 Prozent vorsieht. Das Argument der grün-schwarzen Landesregierung lautet, es stünden entgegen der in diesem Vergleich gemachten Zusage keine "rechtmäßigen Maßnahmnen" zur Verfügung. Im November wird darüber vor dem Stuttgarter Verwaltungsgericht verhandelt. Wie die Stadt weiter mitteilte, bietet der VVS ab 16. Oktober für die gesamte halbjährige Feinstaub-Periode und nicht nur an Alarmtagen das neue, um rund 40 Prozent verbilligte "UmweltTagesTicket" an. Außerdem geht die Stadtbahnlinie U19 von Neugereut bis zum Neckarpark mit einem Zehn-Minuten-Takt werktags zwischen sechs und 20 Uhr ab Montag, den 16.10., in den Dauerbetrieb. Vom Dezemeber an wird zudem die U12 bis nach Remseck verlängert und mit den neuen 80-Meter-Zügen ihre Kapazitäten verdoppeln. Außerdem sollen das Projekt "Straßenreinigung Feinstaub" für 600 000 Euro fortgesetzt und die Fahrspuren und Gehwege rund um das Neckartor abgesaugt werden, um belastbare Daten darüber zu erhalten, ob dieses Vorgehen zu geringeren Schadstoffemissionen führt. Im grüngeführten Verkehrsministerium gibt es deutlich weitergehende Überlegungen: Die Fahrspuren an der B 14 zwischen Cannstatt und Innenstadt könnten verknappt werden, was den Verkehr zwangsläufig reduzieren und Platz für einen neuen Expressbus auf eigener Spur schaffen würde. (14.10.2017)


Neckartor Bürgerinitiative: Erler steigt vom Reitzenstein herab

Nachdem es den Anwohnern in Europas Feinstaub-Hochburg am Stuttgarter Neckartor Anfang September nicht gelungen ist, in der Villa Reitzenstein ihre Forderungen nach einer wirksamen Luftreinhaltung im Talkessel loszuwerden, nimmt sich jetzt die Staatsrätin für Zivilgesellschaft und Bürgerbeteiligung der Sache an: Es wird ein Gespräch mit Vertretern der Bürgerinitiative Neckartor geben. Gisela Erler (Grüne) will das Vorgehen der Landesregierung und vor allem des grünen Verkehrsministers Winne Hermann erläutern, darunter auch, warum – vorerst – keine rechtmäßigen Möglichkeiten gefunden wurden, um den Verkehr in der hochbelasteten B 14 ab 1.1.2018 an Feinstaub-Tagen um 20 Prozent zu reduzieren. Dieses Versprechen war Gegenstand eines Vergleichs aus dem April 2016, den die damals neue grün-schwarze Landesregierung einstimmig angenommen hat. Später ruderte die CDU, in der Koalition genauso wie im Gemeinderat, zurück. Inzwischen halten auch die Grünen, der Ausweichverkehre wegen, Fahrverbote oder Verkehrsbeschränkungen für nicht rechtmäßig. "Das heißt aber nicht, dass wir uns mit den Grenzwert-Überschreitungen abfinden", sagt Erler. Das Verkehrsministerium habe ein umfangreiches Maßnahmen-Paket ausgearbeitet. Dem allerdings verweigert der kleinere Regierungspartner noch die Zustimmung. (12.10.2017)

Mehr zum Thema im Artikel "Übel bleibt Übel".


Protest gegen Militärmesse in Stuttgart wächst

Hauptsponsor ist die Rheinmetall, Deutschlands umsatzstärkster Rüstungskonzern. Präsentiert werden Drohnentechnik, Raketenabwehrsysteme und andere Erfindungen, mit denen sich Menschen im 21. Jahrhundert möglichst effektiv gegenseitig umbringen können: In Köln musste die internationale Waffenmesse ITEC nach vehementen Protesten von Rüstungsgegnern, SPD, Grünen und Linken die Segel streichen. Und hat sich als Ersatz-Austragungsort ausgerechnet Stuttgart ausgesucht, vom 15. bis zum 17. Mai 2018.

Nachdem schon im Juli 2017 die SÖS/Linke-Stadtratsfraktion und Anna Deparnay-Grunenberg von den Grünen gegen die Messe protestiert hatten (Kontext berichtete ausführlich), legt jetzt die Grüne Jugend nach: "Dem werden wir auf keinen Fall still zuschauen", erklärt die Jugendorganisation mit dem wütenden Igel im Logo. Auf der Kreismitgliederversammlung hat sie einen Antrag gegen die Messe gestellt. Zwar wurde er mit großer Mehrheit angenommen und die Stuttgarter Grünen fordern den Aufsichtsrat der Messe auf, den Vertrag mit der ITEC zu kündigen und keine Messe mit ähnlich militärischem Bezug mehr in Stuttgart stattfinden zu lassen. Verhindern lassen wird sich der Rüstungszauber aber vermutlich nicht mehr. Proteste sind den Waffenbauern aber sicher. Die Grüne Jugend jedenfalls kündigt an, der ITEC zu zeigen, "dass sie in Stuttgart nicht willkommen ist." (06.10.2017.)

Dazu: "Die heimliche Militärmesse", Kontext-Ausgabe 328: https://www.kontextwochenzeitung.de/wirtschaft/328/die-heimliche-militaermesse-4470.html


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Karikatur: Oliver Stenzel

Karikatur: Oliver Stenzel

Ausgabe 252
Medien

Auf der Geisterbahn

Von Josef-Otto Freudenreich (Interview)
Datum: 27.01.2016
Was für ein Eiertanz! Der eine kommt, der andere nicht – und der SWR springt von Stuhl zu Stuhl. Alles wegen der AfD, die nicht bei den Elefanten sitzen darf. Chefredakteur Fritz Frey fühlt sich bisweilen wie auf der Geisterbahn.

Herr Frey, starker Spruch an Ihrer Bürowand: "Wir stellen uns in den Wind." Kaum pfeift Ministerpräsident Kretschmann, fallen Sie um.

Es wird Sie nicht wundern, dass ich das nicht so sehe. Wir sind im Moment in einer schizophrenen Situation. Auf der einen Seite haben wir unseren Informationsauftrag, auf der anderen Politiker, die uns klar gesagt haben: Wir setzen uns mit der AfD nicht in eine Sendung. Damit war unser Konzept, die Spitzenvertreter der im Landtag vertretenen Parteien und die Kandidaten der AfD und der Linken in einer Runde zu haben, geplatzt. 

Kretschmann sagt ganz cool: Das ist eine Entscheidung des SWR.

Das ist eine richtige Beschreibung des Sachverhalts, spart aber aus, dass er mit seiner Absage Fakten geschaffen hat, um die der SWR keinen Bogen machen kann. Richtig ist auch, dass es keinen Druck gegeben hat. Da kam kein Anruf an, weder in der Intendanz noch bei mir. Es wurde nicht versucht, in den Sender hineinzuregieren.

Fritz Frey: "Es wurde nicht versucht, in den Sender hineinzuregieren." Joachim E. Röttgers
Fritz Frey: "Es wurde nicht versucht, in den Sender hineinzuregieren." Bild: Joachim E. Röttgers

Wissen Sie, woher die Idee der Absage wirklich kam?

Ich kann nur vermuten, dass die Berliner SPD diese Marschroute ausgegeben hat und sich die Grünen nicht dagegenstemmen wollten. In der irrigen Annahme, dass über das Leitmedium Fernsehen eine Grundstimmung zu steuern wäre. 

Trotzdem, Sie wissen, wie Politiker ticken. Fernsehen ist ihre liebste Bühne.

Wir haben alles durchdekliniert: Sollen wir die Sendung ausfallen lassen? Das kann man machen. Kommen wir damit unserem Informationsauftrag nach? Nee. Wir haben sogar daran gedacht, zwei leere Stühle hinzustellen.

Das wäre eine klare Ansage gewesen. Voll souverän.

Das hätte uns sicher Schlagzeilen eingebracht, aber ehrlich, wenn man über Landespolitik diskutieren will, und das ohne die Regierenden, dann wäre nach fünf Minuten der Spaß rausgewesen. Und die Elefantenrunde ist nun mal eine der Korsettstangen in der Wahlberichterstattung.

Na ja.

Jetzt haben wir nach heutigem Stand eben beides im Angebot: Die Spitzenkandidaten in der Elefantenrunde und die Bewerber der Linken und der AfD in jeweils zehnminütigen – am Sendetag der Elefantenrunde unter Live-Bedingungen aufgezeichneten – Interviews danach. Das ist unsere journalistische Antwort auf die Absage von Grün-Rot. Mit Clemens Bratzler wird in Stuttgart ein Journalist antreten, der auf Augenhöhe mit dem Spitzenkandidaten der Linken und der AfD diskutieren kann.

Wenigstens der Elefant Guido Wolf macht keinen Tanz. Er hätte mit der AfD gesprochen, Seit an Seit. Ganz gelassen.

Wenn ich mir die Popularitätswerte von Kretschmann anschaue, wäre ich weniger gelassen. Aber sei's drum. Wir hatten für Baden-Württemberg, weil es hier drei politische Kraftzentren gibt (Grün, Rot, CDU) – oder muss ich angesichts des SPD-Sinkflugs sagen, gab – ein sogenanntes Triell geplant. Mit Wolf, Kretschmann und Schmid. Daraufhin hat CDU-Spitzenmann Wolf verkündet: Ich bestehe auf einem Duell. Damals haben wir gesagt: Wir verhandeln das nicht, entweder Sie kommen, oder die Sendung findet nicht statt. Letzteres war dann der Fall. 

So ein öffentlich-rechtlicher Chefredakteur hat's ganz schön schwer.

Ich habe keinen Grund zur Klage. Richtig ist, dass ich über die Weihnachtsfeiertage anregende Stunden mit der Frage verbracht habe, wie wir mit den Regierungsparteien, die sich verweigern, umgehen, und gleichzeitig eine Berichterstattung über die AfD und die Linke gewährleisten. Unser Informationsauftrag lautet nun mal, den Wählerinnen und Wählern ein umfassendes Bild aller relevanten Parteien und ihrer Positionen zu vermitteln.

Haben gut lachen: AfDler auf ihrem Parteitag 2015 in Horb. Bild: Joachim E. Röttgers
Haben gut lachen: AfDler auf ihrem Parteitag 2015 in Horb. Bild: Joachim E. Röttgers

Nach den anregenden Stunden mussten Sie die "Schönwetterdemokraten" im "Spiegel"-Interview geißeln.

Ich kann das Verhalten der Grünen und der SPD nur als kapitalen Fehler bezeichnen. Die AfD ist – ob es einem gefällt oder nicht – eine ernst zu nehmende Kraft, der argumentativ zu begegnen ist. Ignorieren kann doch nicht die Antwort sein. Was ist das für ein Demokratieverständnis? Das müssen sich Kretschmann und Schmid schon fragen lassen, ganz abgesehen davon, ob es politisch klug ist, nun der CDU die Position der diskursbereiten Partei zu überlassen, wenn es um die AfD geht.

Gerade bei Kretschmann ist es wundersam. In seiner Biografie ist der ideologische Kampf fest verankert.

Diese Verwunderung teile ich. Es muss doch nachdenklich stimmen, wenn auch etliche parteiunabhängige Politikwissenschaftler inzwischen warnen: So könnt ihr mit dieser Partei nicht umgehen. Und mit Verlaub: Es gibt sowohl bei den Grünen als auch in den Reihen der SPD Leute, die eine argumentative Auseinandersetzung mit der AfD wirklich nicht scheuen müssen.

Vielleicht haben die Herrschaften die Sorge, die Krätze zu kriegen, wenn ein AfD-Mensch neben ihnen steht.

Das Problem könnten wir durch eine entsprechende Sitzordnung lösen.

Sie haben mächtig Prügel gekriegt, unter anderem von Ruprecht Polenz aus dem ZDF-Fernsehrat. Er sagt, der SWR habe der AfD die Märtyrerrolle gratis geliefert und seine Rolle als Staatsfunk bestätigt.

Ich will nicht das billige Argument heranziehen, dass Herr Polenz in der CDU ist. Aber mal ganz grundsätzlich: Ich beobachte die Tendenz, dass man Fehler bei ARD und ZDF in geradezu hysterischer Weise hochjazzt zu einem Komplettversagen des gesamten Systems. Was ist denn beim ZDF passiert, das die Kölner Silvesternacht in seiner 19-Uhr-Ausgabe verbaselt hat? Vor zehn Jahren hätte man noch gesagt: Freunde, das darf nicht noch mal passieren. Heute wird daraus der Untergang des öffentlich-rechtlichen Systems, obwohl der zuständige Chef sofort eingestanden hat, dass das ein Fehler war. Da würde ich mir mehr Gelassenheit wünschen und einen stilvolleren Umgang miteinander.

Polenz war mit seiner Kritik nicht alleine.

Um nicht missverstanden zu werden: Natürlich muss es Kritik geben, gerne auch scharfe, und wir müssen es ertragen, wenn der geschätzte Medienkritiker Hans Hoff schreibt, dass es auch bei uns Idioten gibt. Aber er schreibt eben auch, ich zitiere, "es gibt kein Systemversagen bei ARD und ZDF, es gibt eher ein Systemversagen in der medialen Wahrnehmung, in der Facebook-gesteuerten Aufbauschung von Nichtigkeiten zum eigenen Nutzen". Und es schauere ihn beim Gedanken, dass ihn "ARD und ZDF eines Tages alleinlassen könnten mit RTL und Sat 1."

Sie hätten nicht mehr "alle Gurken im Glas", kommentierten einst Ihre ARD-Kollegen, als der SWR den Ukas ausschickte, die AfD nicht mehr rechtspopulistisch zu nennen. Da scheint ein Umdenken in Ihrem Haus stattgefunden zu haben.

Sie sagen Ukas, aus meiner Sicht war es eher ein Missverständnis. In jedem Fall war es ein Fehler, er ist aber inzwischen korrigiert. Was die jetzige Situation anbelangt, so wissen die ARD-Kollegen, dass wir durch die Parteien in diese Lage hineinmanövriert wurden. Sie haben uns ihre Solidarität beim Griff in den Mustopf bekundet.

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Wie hält es der SWR-Chefredakteur selbst mit der AfD?

Die AfD als rechtspopulistisch einzuordnen ist das Mindeste. Wenn man sich anhört, was beispielsweise Herr Höcke von sich gibt, dann ist das reinste NS-Ideologie. Dieser beurlaubte Lehrer schwadroniert von "dem" Afrikaner, der die "r-Strategie" verfolge, sprich eine Reproduktionsstrategie, die bedeutet, möglichst viele Nachkommen zu zeugen, damit wenigstens einige überleben. Da fällt es mir schwer, noch Unterschiede zur NS-Ideologie zu erkennen.

Solche Rassisten darf man nicht salonfähig machen, indem sie mit den Demokraten auf dieselbe Bühne gehoben werden. So lautet das Argument derjenigen, die jetzt den TV-Auftritt mit der AfD verweigern.

Das aber ist Wasser auf die Mühlen der AfD, weil sie sich in ihrer Erzählung, in ihrem Märtyrermythos bestätigt fühlt: Schaut, wie uns die Altparteien behandeln. Und wir Öffentlich-Rechtlichen werden sofort in die Mithaftung genommen, sozusagen als der verlängerte Arm der Regierenden. Und damit sind wir beim hässlichen Wort "Staatsfunk". Das heißt, am Ende sind wir alle beschädigt, insbesondere aber die demokratische Diskurskultur, die die Wählerinnen und Wähler brauchen zur Meinungsbildung. Wir müssen doch sehen, womit wir es zu tun haben. Ich rede oft mit den Meinungsforschern von Infratest dimap, die mir sagen: So eine Volatilität wie vor diesen Landtagswahlen haben wir noch nie erlebt. Das ist irre.

Irritiert Sie das Irre?

Ich kann nur konstatieren, dass die Grundpfeiler, die viele Jahre lang verlässlich waren, jetzt wackeln. Der wichtigste ist Angela Merkel, die beständig das Gefühl vermittelt hat: Bei mir seid ihr gut aufgehoben. Dieses Gefühl droht jetzt verloren zu gehen, und dieser Verlust verwandelt sich für die CDU-Wahlkämpfer nun in einen heftigen Gegenwind aus Berlin. In Rheinland-Pfalz macht die CDU einen der professionellsten Wahlkämpfe, den sie bisher auf die Beine gestellt hat, und dennoch verliert sie zwei Prozent in unserer letzten Umfrage. Auch das bringt absolute Verunsicherung.

Und deshalb Frau Klöckner auf die Idee, nicht zur pfälzischen Elefantenrunde zu kommen, weil die AfD nicht kommt.

Die CDU erkennt, dass die Regierungsparteien mit ihren Absagen in beiden Bundesländern eine Flanke geöffnet haben und hier eine Gegenposition zu beziehen ist. Aber ich warne vor der Schlussfolgerung, dass die AfD nur am rechten Rand fischt. Unsere Reporter berichten von Veranstaltungen der AfD, auf denen sie das gesamte Spektrum vorgefunden haben, bis hin zu Wählern der Linken. Das kann auch für die CDU gefährlich werden.

Wir rekapitulieren: doppelter Schadensfall. Einer für den SWR, einer für die etablierte Politik. Voll beknackt.

Sie können jetzt schreiben: nickt zustimmend. Aber es hilft alles nichts. Auch wir dürfen uns nicht wegducken, wir müssen gutes Programm machen und damit unsere Zuschauer überzeugen.

Und das ausgerechnet im politischen "Eunuchenstadl" SWR, wie vor Kurzem in Kontext stand. Das werden Sie jetzt sofort scharf dementieren müssen.

Als Vater von drei Töchtern sowieso.

"Bei jeder Geisterbahn wird's am Ende auch wieder hell." Bild: Joachim E. Röttgers
"Bei jeder Geisterbahn wird's am Ende auch wieder hell." Bild: Joachim E. Röttgers

Wir reden von der Anstalt.

Ja, wir müssen Kante zeigen, wir müssen uns in den Wind stellen. Wer's gemütlich haben will, ist nicht gut beraten, in den Journalistenberuf zu gehen. Und es ist meine Aufgabe, das den Mitarbeitern zu vermitteln. Bisher habe ich nicht den Eindruck, dass das nicht verstanden wird. Ich erinnere an das kritische Daimler-Stück von Jürgen Rose, auf das ich wirklich stolz bin. Das ist für mich eines der Beispiele, von denen wir mehr brauchen. Wenn ich dazu beitragen kann, habe ich meinen Job nicht ganz falsch gemacht.

Zum Schluss nochmals ein Bild: der SWR auf der Geisterbahn, links und rechts klappern Kretschmann, Schmid, Dreyer und Klöckner, und bei Boudgoust & Co. die Zähne.

Manchmal kommt man sich schon ein bisschen so vor. Aber im Ernst: Ich habe ja ein paar Landtagswahlen mit einigen Überraschungen in den Knochen. Die jetzige übertrifft bereits alle. Aber dann muss man halt schauen, dass – um in Ihrem Bild zu bleiben – dieses Wägelchen auf dem Gleis bleibt. Auch diese Fahrt ist irgendwann vorbei, und bei jeder Geisterbahn wird's am Ende auch wieder hell.

 

Fritz Frey (57) ist seit August 2014 alleiniger Chefredakteur des SWR. Er moderiert auch das Politmagazin "Report Mainz".


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