Ausgabe 247
Medien

Der Zufrüh-Rentner

Von Josef-Otto Freudenreich
Datum: 23.12.2015
Nach 2950 "Leute"-Gesprächen ist Schluss. Stefan Siller, solitäre Stimme des SWR, hört auf. Der Sender verliert damit nicht nur einen Moderator. Es geht auch einer mit Haltung. Ein kleiner Abschiedsgruß.

Schwierige Geschichte. Stefan zieht eine rote Gauloise aus der Schachtel, bestellt einen Cappuccino, am Stuttgarter Marienplatz spielen Kinder, der Dezember ist warm. Er stellt keine Fragen, er muss antworten. "Wie geht's dir jetzt, Rentner Siller?" Zwiespältig sei's, sagt er. Einerseits gut, nicht mehr funktionieren zu müssen, anderseits schlecht, weil die Arbeit fehlt. Er hat ja keinen Scheißjob gemacht. 30 Jahre lang mit Leuten reden und damit Geld verdienen, das ist ein Privileg.

Jetzt heißt es aufpassen. Nicht bis mittags im Bett liegen, danach saufen und danach wieder ins Bett legen. Siller (65) hat Spaß an seiner Arbeit gehabt, aber er ist kein Spaßvogel.

Hunderte von Postings, "so heißt das doch, oder?", auf Facebook hat er zum Abschied gekriegt. Der Sender hat sie ihm geschickt, weil Siller nicht auf Facebook ist. Alle haben sie ihm nachgeweint. Er werde fehlen, haben sie geschrieben, die Stimme, die Gespräche, das Flapsige, Schnoddrige, Humorvolle, Tiefgründige. Er habe sie durchs ganze Leben begleitet, als morgendliche Konstante, so lange, dass sie glaubten, das bleibe für immer so. Im Mediensprech würde man das einen Anchorman nennen. Im normalen Leben einen vertrauten Freund.

Siller hat's gelesen. Er grinst und sagt, wenigstens habe ihn "keiner zur Hölle" gewünscht. Das ist Humor aus Ostwestfalen, wo er aufgewachsen ist, wo der Grünkohl wichtiger ist als Glamour. Dort hat er Briefmarken gesammelt, den Kriegsdienst verweigert und bei der "Neuen Westfälischen" in Bielefeld, einem SPD-Blatt, volontiert. Wer das überlebt, ist gestählt für den Überlebenskampf, sozialkritisch getragen von Hannes Wader, ebenfalls Bielefeld. Richtig Politik gab's dann beim Studium in Berlin, Karl Marx und so, Schwierigkeiten beim SFB und 1978 eine Chance beim damaligen SDR, der sogar einen Werner Schretzmeier, den heutigen Theaterhauschef, ausgehalten hat.

Es ist schwierig, die Welt zu verbessern

Von 1987 an hat er "Leute" moderiert, von zehn bis zwölf, im Wechsel mit Wolfgang Heim (60), seinem Kollegen, mit dem er zu einem Duo wurde, das fast schon eheähnliche Züge trug. Natürlich nur beruflich. 2950 Gespräche mit Großen und Kleinen. Die Promis hat er durchbefragt, von Adorf über Merkel bis Willemsen, die Unbekannten, wie Lisa Müller aus Illingen, die mit 14 Hure wurde, oft spannender gefunden. Und hängen geblieben sind Leute wie Willi Hoss, der linke Betriebsrat bei Daimler, aber auch Manfred Rommel, der Stuttgarter Alt-OB – und Stuttgart 21. Nach den Sendungen mit Bahnchef Rüdiger Grube und Widerstandsvater Gangolf Stocker ist aus dem "feurigen Befürworter" ein "absoluter Gegner" geworden. "Ich habe gelernt, dass alles erstunken und erlogen war", sagt er, und reihte sich bei den Demos ein.

"Unterhaltung mit Haltung" wollte er machen. Das ist ihm gelungen. Er gehörte nicht zu jenen Moderatoren, die morgens schon auf Speed zu sein scheinen, das Grau zum Blau aufmotzen, die gute Laune quälen, bis einem wirklich elend ist. Siller hat sich die Welt angeschaut, wie sie ist, den Schweizer Philosophen Jean Ziegler ins Studio geladen und ihn erklären lassen, "warum wir die kannibalische Weltordnung stürzen müssen". Weil jedes Kind, das verhungert, ermordet wird, hat der Globalisierungskritiker gesagt, und so ging es auch über den Sender.

Leute wie Siller sind, so steht's zu befürchten, Auslaufmodelle. Es hat schon seinen Grund, warum der SWR immer an der "Leute"-Sendung herumgeschraubt hat. Zu viel Wort, zu viel Probleme, zu lang. Und immer wieder haben er und Heim den Zuspruch von Personen gebraucht, die darauf beharrt haben, dass ein öffentlich-rechtliches Radioprogramm kein Dudelfunk ist. Er sei ein "Juwel" in der "verblödeten und verblödenden" Medienlandschaft, hat ihm ein Hörer geschrieben. Oder täuschten sich eine halbe Million Lauschender? Tag für Tag? Fast 30 Jahre lang? 

In diesem Umfeld zu arbeiten, zumal über so viele Jahre, bedarf starker Nerven und einer Kraft, die einen in den Turnschuhen hält. Sillers Lieblingstretern. Er meint, es sei mal seine Idee gewesen, die Welt zu verbessern. Das habe sich als schwierig erwiesen. Danach hat er's eine Etage tiefer gehängt, die Neugierde zum Leitmotiv und Roger Willemsens Botschaft an die Kinder zum eigenen Fazit erklärt. O-Ton Willemsen:

"Folgt eurer Leidenschaft. Macht unbedingt die Dinge, die ihr mit Enthusiasmus betreiben könnt. Ihr entwickelt eine unheimliche Stärke in dem Augenblick, wo ihr für eine Sache brennt. Also verwendet viel Zeit darauf, herauszufinden, wofür ihr brennt. Und dann – zweite Regel – scheut den plötzlichen Abbruch, den Ausstieg, den Kurswechsel nicht in dem Augenblick, wo es sich nicht mehr fühlen lässt, was ihr tut. Also ich glaube, man muss beherzt auch durch das Berufsleben gehen."

Sinnvolles tun, sauber bleiben

Siller zieht an der Gauloise. Eigentlich hätte er schon vor einem halben Jahr aufhören müssen, weil die Anstalt keine Ü-65er will, aber auch vergessen hatte, die Nachfolge zu regeln. So hat er den Abschied aufgeschoben, auf Wunsch des Senders, und das gerne. Aber jetzt ist final, jetzt ist nach dem Berufsleben.

Der "wohlverdiente Ruhestand", allein der Gedanke ist ihm ein Graus. Keine Kantine mehr, in der er am liebsten die Gespräche mitgeschnitten und gesendet hätte, zur Steigerung der SWR-1-Quote ins Unermessliche. In seinem Viertel Heslach hat seine Stammkneipe da Paolo dichtgemacht, wo einst Nina Hoss als Achtjährige auf der Bank geschlafen hat, während Papa Willi die Revolution ausgerufen hat. Zumindest beim Daimler.

Der Fußballfan hofft, dass er weiter über den VfB berichten kann. Als Erzähler des Spiels, das 30 blinde Zuschauer auf der Tribüne nicht sehen, aber über Kopfhörer erleben können. Sinnvolles tun, sagt er, könnte er auch im Mehrgenerationenhaus in seinem Quartier oder für Flüchtlinge.

Und schließlich, das Beste, was er in seinem Leben zustande bekommen habe: seine beiden Kinder. Also mehr Zeit für Sven (43), Architekt, und Janosch (37), Informatiker, und deren Kinder. Er werde verstärkt Opa sein, verspricht der frühe Vater.

So kann er weitergeben, was er selbst gelernt hat: dass es sich lohnt, zuzuhören, miteinander zu reden, mutig zu sein, Experimente zu wagen und sauber zu bleiben. Das, Stefan, nimmt auch die Angst vor dem Rentnerdasein.

  

Info:

"Neugierig – auf Leute und die Welt", heißt das Buch, das Stefan Siller im Tübinger Verlag Klöpfer & Meyer veröffentlicht. Es erscheint Anfang Januar 2016. Präsentiert wird es am 17. Januar, 20 Uhr, im Theaterhaus.


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8 Kommentare verfügbar

  • Jue.So Jürgen Sojka
    am 16.01.2016
    Zu früh Rentner - ja?
    Naja, Mann kann es so und so betrachten!
    Betrachten wir uns also meinen SWR-Kollegen Stefan Siller, der sich, in der persönlichen Begegnung im SWR-Gebäude, beständig freundlich lächelnd -auch verbal freundlich- zeigte (August 2000 bis Dezember 2009).

    Nun ist dies mit wenig Aussagekraft verbunden - also mehr in die Tiefe gehend Kontakt aufnehmen |:-)

    Dazu eignen sich auch E-Mails in die SWR1-Leute-Sendungen. Der Leute-Redaktion liegen mehrere Hundert E-Mails vor, von mir geschrieben in Sendungen mit Gästen die nicht aus den 2 Stunden-Gesprächen entlassen werden sollten, ohne dass ihre bisherigen Lebensleistungen genügend gewürdigt sind - von uns Hörerinnen/Hörern gewürdigt!

    Hier also zu 5 E-Mails in die Sendung mit Prof. Hans-Martin Gauger (Sprachwissenschaftler) – Buchvorstellung "Das Feuchte & das Schmutzige" KLEINE LINGUISTIK DER VULGÄREN SPRACHE vom 27.03.2013 über die Internet-Seite www.trueten.de/archives/9202-Vom-Recht-auf-freie-Meinungsaeusserung.-Und-von-dem-auf-Lesen..html#c8629
    Sonntag, 8. Februar 2015 Vom Recht auf freie Meinungsäußerung. Und von dem auf Lesen.

    Hier auf parkschuetzer.de im Statement #Radiosendung: Drunter und drüber bei Stuttgart 21 www.parkschuetzer.de/statements/188011
    mein Kommentar:
    Jürgen Sojka » @zapf um 17:46 • "...Mitarbeiter des SWR Stuttgart ... besser informiert..."

    Siehe Stefan Siller Redakteur der SWR1 Leute-Sendung, nun im Ruhestand, mit seinem jetzt veröffentlichten Buch www.kontextwochenzeitung.de/medien/249/einfach-nur-dreist-3363.html

    Wie 'Einsichten', die längst schon bestanden haben, zurück gehalten sein wollen - Zivilcourage zeigt sich jedenfalls so nicht |.-((
    14.01.2016 um 17:56
    *
    Übrigens, es passt die Sendung mit Prof. Hans-Martin Gauger "KLEINE LINGUISTIK DER VULGÄREN SPRACHE" zum KONTEXT-Artikel Ausgabe 249 "Kontext ist kein Kotzkübel" www.kontextwochenzeitung.de/editorial/249/kontext-ist-kein-kotzkuebel-3371.html

    Mehrere Hundert E-Mails in Sendungen der 'öffentlich rechtlichen' gesendet, ein Fundus aus dem es gilt zu schöpfen - also bis neulich |;-))
  • Thomas Rothschild
    am 27.12.2015
    Auch hier: Wasser in den Wein. Für die Musikauswahl waren in erster Linie der viel zu früh verstorbene Peter Mordo und die kenntnisreiche und geschmackssichere Uschi Albrecht zuständig. Nur um der Wahrheit willen. Auch abseits vom Mikrofon findet Rundfunk statt. (Kann auch ins Vorwort, invinoveritas.)
  • M. Reiser
    am 26.12.2015
    Nicht zu vergessen hat Stefan Siller in den 1980-ern (auch) den legendären "Schlafrock" auf SDR3 moderiert. Da gab es so manche Anregung für Platteneinkäufe wie zum Beispiel von Aztec Camera, The Go-Betweens, The Jazz Butchers, The Clash, Prefab Sprout.... Musik, die tagsüber kaum lief. Und auf SWF3 schon dreimal nicht. Ja, ja, der alte "Streit", welches 3. Programm besser war.... :-)
  • Klaus
    am 24.12.2015
    ..und in vino no caritas est hat es festgehalten, weil es ihm aufgefallen ist. Nein, doch, ooh.
  • invinoveritas
    am 24.12.2015
    "was?? siller hat rothschild nicht mehr gegrüßt? das gibt's doch nicht!!!" olli welke tät mit der faust auf seinen moderatorentisch hauen und sein ich-bin-restlos-fassungslos-gesicht aufsetzen.
    und potenzielle "leute"-chronik-autoren, alle mal herhören! nicht vergessen: siller hat rothschild nicht mehr gegrüßt! das muss rein!! am besten ins vorwort.
  • marion kuster
    am 23.12.2015
    Heim lässt die Gäste reden. Siller erzählt am liebsten seine eigene Anektdoten. Die dürfen jetzt seine Enkelkinder anhören. Ich freue mich!
  • Thomas Rothschild
    am 23.12.2015
    Um der Wahrheit willen: ein Tropfen Wasser in den Wein. Als Stefan Siller, damals noch bei der Jugendsendung POINT, Schwierigkeiten beim SDR bekam, habe ich mich öffentlich für ihn eingesetzt. Das sollte eine Selbstverständlichkeit sein. War es aber nicht. Die meisten Kollegen und erst recht die ganz normalen Radiohörer hüllten sich in Schweigen.
    Wenig später, 1985, veröffentlichte ich in der Stuttgarter Zeitung einen Artikel - "Die Verhackstückung der Wirklichkeit" -, in der ich die immer kürzer werdenden Wortbeiträge bei SDR 3 beklagte. Darauf hin bekam ich ein Mikrofonverbot, das dieses Programm überlebt hat. Kaum war der Bannspruch seiner Vorgesetzten gegen mich ausgesprochen, grüßte mich Siller, der mich durchaus kannte, nicht mehr, wenn wir uns im Kasino des SDR oder bei einer Theaterpremiere begegneten. Wie Recht ich mit meiner Diagnose gehabt hatte, muss er längst eingesehen haben. Eingestanden hat er es nie. Vielleicht schafft er es jetzt, da er aus der Abhängigkeit entlassen ist. An seinen Verdiensten für die und innerhalb der Nische "Leute" ändert dies nichts. Aber fürs Protokoll und für zukünftige Chronisten sei es festgehalten.
  • F. Fischer
    am 23.12.2015
    Siller, Schmidt und Holtmann. Seufz. Drei ... Musketiere. ... The way of the world. ...

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