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Michael Stiller

Der ganz normale Wahnsinn

Michael Stiller: Der ganz normale Wahnsinn
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Der Schauspieler Michael Stiller kam 1993 ans Schauspiel Stuttgart – und blieb. Er sah vier Intendanten und viele Regisseure kommen und gehen. Jetzt geht er selbst: in Rente. Ein Leben im Zentrum des Wahnsinns, den der Theateralltag darstellt.

Michael Stiller als Mann vom Sozialamt: wehrlos in den Fängen seines ständig klingelnden und vibrierenden Jackets und zum Totlachen in seinem Sitzsack-Slapstick. Stiller 2013 als stotternder, rührender Sonderling Telegin im Drama "Onkel Wanja". Stiller zehn Jahre später als Foldal in "John Gabriel Borkman": nicht bloß ein devoter Charakter, sondern mit einer Seele, die Liebe, eine rührende Hilflosigkeit und Verletzlichkeit offenbart. Stiller als Lehmann in Anton Tschechows "Iwanow", unterm Dauerstress, es allen recht machen zu wollen – und wenn er mal brüllend aus der Haut fährt, dann bekommt er gleich einen Schwächeanfall.

Nur ein paar Beispiele der feinen, präzisen, plastischen Charakterisierungskunst, mit der Michael Stiller seit über drei Jahrzehnten das Schauspiel Stuttgart mitgeprägt hat. Statt großen Effekten und Gesten: genaues Timing, Glaubwürdigkeit, Bühnenpräsenz. Ein Ensemblespieler. Ein Verwandlungskünstler. Rollenswitching? Eine Steilvorlage. Wie kürzlich in "Berlin Alexanderplatz", da spielte er auch Frauen: Er brauchte sich dafür nicht mal umzuziehen: kleine Haltungsänderungen, minimalistisch variierte Mimik – und schon ist er eine Frau, ohne dabei auch nur irgendwie albern zu wirken.

Stiller findet leise Töne, wo andere brüllen. Das ist auch in Stefan Puchers Inszenierung von Schillers "Die Räuber" so, die am vergangenen Samstag Premiere hatten. Stiller spielt darin den Vater Moor – getrieben von Selbstzweifeln, schwach, weich, manipulierbar. Seine Verzweiflung bricht einmal auf: die Hände zu Fäusten geballt, in Richtung Brust gezogen, die ganze innere Anspannung entlädt sich im Zittern der Arme. Nur einen kurzen Moment lang, aber explosiv. Es sind diese Feinheiten im Spiel, mit denen er stets auch kleinere Rollen vergoldet.

Im Gespräch erklärt er, das seinen jüngeren Kolleg:innen immer zu empfehlen: auch kleinere Aufgaben ernst zu nehmen, darin durch Leidenschaft aufzufallen. Er erinnert sich an eine Theateraufführung vor Jahrzehnten in Dortmund, in der ihn von allen Beteiligten ein Statist am meisten beeindruckt habe: "Der hatte im Hintergrund ein halbes Hähnchen zu essen. Er hat das mit größter Hingabe gemacht, denn er hatte offenbar Hunger. Das war so echt! Es hat mich umgehauen."

Ein Clown als Karriereberater

Nach 33 Jahren Stuttgart geht Stiller jetzt in Rente – mit seiner Frau will er zurück in seine Heimat, den Ruhrpott, oder zumindest in seine Nähe. Auch sein Sohn lebt dort. Die Umzugskartons seien schon gepackt.

Geboren wurde Stiller 1959 in Gelsenkirchen und wuchs gemeinsam mit seiner Schwester in Essen auf: Vater Bergarbeiter, geflüchtet aus Schlesien, Mutter Hausfrau. "Meine Eltern konnten nichts damit anfangen, dass ich Schauspieler werden wollte", erzählt er. "Als ich mal aus der Schule kam, saß da ein Polizeibeamter zwecks Berufsberatung im Wohnzimmer. Arbeiterfamilien gucken halt erstmal nach Sicherheit." Spricht er privat, hört man in seiner Stimme noch die warmen, kernigen, weichen Ruhrgebietsfarben schimmern.

Den Weg zur Schauspielerei fand er zufällig. Nach dem Abi absolvierte Stiller seinen Zivildienst bei der Kirche. In einer von ihm betreuten Jugendfreizeit lernte er Paco González kennen, den einzigen staatlich ausgebildeten Clown Deutschlands. Der gab dort Workshops, an denen auch Stiller teilnahm. González riet: "Hey, du musst unbedingt auf eine Schauspielschule." Es habe gleich bei der ersten Aufnahmeprüfung geklappt: 1982 in Bochum. Der junge Mann war vorher noch so gut wie nie im Theater gewesen. Er habe sich in der Schauspielschule in der ersten Zeit wie ein Fremdkörper gefühlt. "Da waren Leute unterwegs, die strotzten nur so vor Selbstbewusstsein: Dietmar Bär, Peter Lohmeyer, Martin Wuttke. Der Josef Ostendorf sagte nach einem halben Jahr mal zu mir: 'Ach, du bist hier auf der Schule? Ich dachte immer, du wartest auf jemanden.'"

Nach der Ausbildung geht es aber ratzfatz mit der Theaterkarriere. Kein Hangeln von Job zu Job, kein Stranden in Vorabendserien, keine nervige Nebenbeschäftigung, "keine Leidenszeit", wie Stiller es nennt. Ein erstes Gastengagement für "Macbeth" 1985 führt ihn ans Theater Dortmund, wo er auf Friedrich Schirmer trifft. Der war dort Chefdramaturg und ab der folgenden Spielzeit Intendant an der Württembergischen Landesbühne Esslingen. Schirmer engagiert Stiller sofort fest für sein zukünftiges Ensemble.

Tragödien zwischen Weihnachtsbäumen

Landesbühnen haben traditionell die Hälfte ihrer Vorstellungen dort zu spielen, wo es keine Theater gibt. So geht es für den Berufseinsteiger erst einmal nicht nur auf die Esslinger Bühne, sondern in kleine Städte wie Metzingen, Blaustein oder Künzelsau, in Bürgerhäuser, Gaststätten oder Stadthallen. Einmal mussten sie Shakespeares "Richard III" in einer Turnhalle spielen, die schon für Weihnachten dekoriert war. Das habe geschult: diese Tragödie zwischen zwei riesigen Weihnachtsbäumen aufzuführen. "Man musste sich wahnsinnig konzentrieren, um das wirklich ernst rüberzubringen."

Intendant Schirmer schrieb in Esslingen Theatergeschichte, der Begriff "Esslinger Dramaturgie" machte die Runde. Er setzte auf regional interessante Stoffe, auf politisches Volkstheater, darunter "Der Schweinepriester" von Hermann Essig. "Da musste ich mit einem echten Schwein spielen", erinnert sich Stiller: "Die sind schlau und wahnsinnig sensibel. Das Schwein kannte nach ein paar Proben schon das Stichwort für seinen Auftritt. Das hat seine Rolle immer gleich gespielt. Wahnsinn!"

1989 wechselte Stiller mit Schirmer ans Theater Freiburg. Auch da gab's so ein schlaues Tier: eine riesige schwarze Dogge, "eine imposante Erscheinung namens Lord". Die kam in Euripides' "Orestie" zum Einsatz. "Der Hund sollte über die ersten Zuschauerreihen drüberspringen, während das Herrchen, ein Metzger, hinterm Publikum gestanden und mit einer Wurst gewunken hat. Ein irrsinniger Moment. Und es hat immer geklappt."

Freiburg war eine ungeheuer inspirierende Zeit für den jungen Schauspieler. Schirmer hatte die beiden "Kettenhunde" des damaligen Theaters an Land gezogen: die Regisseure Jürgen Kruse und Günter Gerstner. "Die hatten Wut im Bauch", so Stiller, "sehr martialisch, die Inszenierungen." Gerstner habe sich mal auf dem Titelblatt von "Theater heute" abbilden lassen mit einem Stahlhelm auf dem Kopf, auf dem mit Blut "Regie" geschrieben stand: "Wir fühlten uns als Speerspitze des zukünftigen Theaters. Wir entdeckten bereits die Postmoderne, zäumten das Pferd von hinten auf und schauten, ob es trotzdem funktioniert."

Arbeitsdruck hemmt das Miteinander

1993 ging es dann mit Schirmer nach Stuttgart. Stiller schwärmt vom familiären Miteinander damals, von den "irrsinnigen" Premierenfeiern. Das sei heute anders, auch weil der Arbeitsdruck höher geworden sei. Das Ensemble sei um zehn bis 15 Leute kleiner als damals – bei gleicher Premierenanzahl.

An rund 200 Produktionen hat Stiller in seinen 33 Stuttgarter Jahren mitgewirkt und dabei unter vier Intendanten gearbeitet. Was bleibt ihm in Erinnerung?

Schirmer habe in Stuttgart für ein gute Balance zwischen kalkulierten Aufregern und Unterhaltungsstücken gesorgt. Da kam auch mal "Alt-Heidelberg" von Wilhelm Meyer-Förster zur Aufführung, das Stiller heute noch "eine meiner schlimmsten Erfahrungen" nennt. Es handelt von einem Erbprinzen, der in Heidelberg studiert, sich in eine Kellnerin verliebt und Mitglied einer Burschenschaft wird – die im Stück dann auch aufmarschieren darf. Es wurde ein großer Publikumserfolg – mit dem Nebeneffekt, dass öfters Burschenschafter im Publikum saßen. "Da fragte ich mich: Warum machen wir das! Da ging's mir mit der Unterhaltung ein bisschen zu weit."

Stiller ist ein politisch denkender Künstler, sehr belesen. Im Gedächtnis eingebrannt hat sich "Thyestes" von Hugo Claus, weil mitten in den Proben die Terroranschläge des 11. September 2001 die Welt erschütterten. "Wir wussten nicht, wie wir weiterproben sollten." Denn im Stück geht es um die Anatomie des Bösen: um Rache, die sich endlos fortsetzt, um den Atridenfluch und seine grausamen Folgen. Atreus schlachtet Thyestes' Kinder und setzt sie seinem Bruder zum Mahl vor. Diesen Bruder hatte Stiller zu spielen. Aber wie? "Wir haben lange mit dem Regisseur Stephan Kimmig diskutiert. Letztlich haben wir die Gräueltaten nur gesprochen vorm Mikro, dazu wurden Wärmebilder unserer nackten Körper projiziert, die zuvor mit einer Wärmekamera gefilmt worden waren."

Auf Intendant Schirmer folgte 2005 Hasko Weber, der brachte ein "bodenständiges, politisch durchdachtes, geradliniges Theater nach Stuttgart", so Stiller. Volker Lösch, Hausregisseur von 2005 bis 2013, steuerte "viel hartes Brett, Agitprop" bei, man denke an die Fleischkäseaktion in "Die Heilige Johanna der Schlachthöfe" (2006): ein Lebensmittelberg auf der Bühne als Kritik an der Fleischindustrie. Ein ganz anderer Wind wehte nun im Schauspielhaus, so Stiller. Zu seinen damaligen Lieblingsproduktionen zählte "Orient-Express" (2009), ein großes, europäisches Theater-Kooperationsprojekt. Der Zug mit Bühne fuhr entlang der historischen Route des Orient-Expresses von Ankara über viele Städte bis Stuttgart, machte an den unterschiedlichen Bahnhöfen wie Istanbul oder Burkarest für Aufführungen halt. Beteiligt waren Ensembles aus der Türkei, Rumänien, Serbien, Kroatien, Slowenien, Deutschland.

Unkündbare gelten als anrüchig

In diese Zeit fiel auch Stillers 15. Jahr seiner Stuttgarter Festanstellung, Zeit für die Unkündbarkeitsreglung. Intendant Weber fragte ihn, ob er das wolle. Er nahm an, wusste aber, dass das "Nebenwirkungen" haben könne: "Du warst damals bei vielen unten durch, wenn du unkündbar warst", erklärt er, "zu dieser Zeit waren manche Theater im Osten quasi lahmgelegt durch unkündbare Spieler. Das hatte so einen Ruch." Geschadet hat es ihm aber nicht. Auch nicht, als 2013 Armin Petras die Intendanz übernahm. Der habe sehr deutlich gemacht, dass er nicht auf Leute gewartet habe, die schon am Ort waren. Einigen sei es dann sehr schlecht gegangen. Petras habe viele tolle Leute mitgebracht, die aber froh gewesen seien, wenn sie am Wochenende wieder nach Berlin zurückfahren konnten. Das habe die Atmosphäre am Haus deutlich negativ geprägt.

Petras brachte "literarisch verspieltes Theater" mit, wie es Stiller nennt. Eindrücklichste Erinnerung: seine Rolle als Drunken Poet in Purcells Semi-Oper "The Fairy-Queen". "Mit einer kleinen Koloratur-Arie, geschrieben für einen halbbegnadeten Sänger. Ich dachte, sie wollten mich jetzt doch loshaben. Einer meiner schlimmsten Proben überhaupt: die Orchestersitzprobe inmitten des grandiosen Staatsopernchors und Opernsängern. Und der Dirigent oben ruft die Nummer 7 auf, ich muss aufstehen und singen. Mir haben so die Knie gezittert. Als ich sang, hob der Dirigent immer wieder den Daumen. Ich dachte, wow, ich bin gut. Aber er meinte bloß: 'höher!'"

Intendanten seien für das Schauspielerleben nicht das Allerwichtigste. "Mit Petras hatte ich während seiner gesamten Intendanz kein einziges Gespräch." Es sind die Regisseure, die sie mitbringen, die immer neuen Handschriften. "Unter jeder Intendanz fand ich Regisseure, mit denen ich wirklich gut klar kam: wie Christian Weise, Jürgen Kruse, Stephan Kimmig, Calixto Bieito, Viktor Bodó."

Claus Peymann war eine weniger angenehme Erfahrung. Der inszenierte 2018 "King Lear" in Stuttgart. "Drei Monate Proben, in denen einem die Zeit geraubt wurde mit 'Ach, komm doch mal aus der Tür oder aus der'. Und dafür zwei Stunden Probe." Auch seine Unbeherrschtheit, seine schlechte Laune, "sein Herrenmenschentum" hätten genervt. "Wir mussten die ganzen Proben lang alle hinter der Bühne warten. Man war bestellt worden, kam aber oft den ganzen Tag nicht dran. Reine Willkür, Machtgehabe. Ich habe in meiner Bochumer Zeit mal am dortigen Theater in eine Probe reingelugt, wo Peymann den großen Gert Voss immer wieder die Bühne hat rauf- und runterfahren lassen mit seinem Auftrittssatz – und immer sagte Peymann nur: 'Ne, Gert, ne'. Das gibt's zum Glück heute so nicht mehr."

Mit dem bis heute verantwortlichen Intendanten Burkhard C. Kosminski sei dann 2018 die Zeit des publikumsnahen Theaters nach Stuttgart gekommen, sagt Stiller. Der Spielplan richte sich nach dem, was beim Publikum gut funktioniere. Immer wieder werde er heute von Zuschauer:innen auf seine Darstellung des jüdischen Obsthändlers Schultz in "Cabaret" (2023) angesprochen. "Offenbar habe ich damit Menschen sehr berührt."

Auf den Ruhestand freut sich Stiller. Er wird dem Schauspiel Stuttgart für einzelne Produktionen aber verbunden bleiben. Das Haus, die Kolleg:innen, wird er vermissen. Den oft gesundheitsgefährdenden Stress, die wenige Freizeit, die Angst, irgendwo kurzfristig einspringen zu müssen, sobald jemand krank ist, aber nicht. Nein, der Theatermühle wird Stiller nicht hinterherweinen.


Michael Stiller ist im Stuttgarter Schauspiel aktuell als Vater Moor in Schillers "Die Räuber" zu erleben. Die nächsten Vorstellungen sind am 9., 12., 16., 17., 18. und 20. Juli, weitere folgen im Oktober und November. 

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