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"Jeder möchte einen Rolls Royce"

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"Massive Kritik" übt die Initiative Aufbruch Stuttgart am Beteiligungsverfahren zur Opernsanierung, "scharfe Kritik" die Gemeinderatsfraktion Die Fraktion aus Linken, SÖS, Piraten- und Tierschutzpartei. Kontext hat Wieland Backes und Hannes Rockenbauch befragt.

"Die Landesregierung hat sich die Politik des Gehörtwerdens auf die Fahnen geschrieben", sagt Wieland Backes, Sprecher der Initiative Aufbruch Stuttgart. "Das ist ein Versprechen an Fairness, Ausgewogenheit und Demokratie. Was jetzt eingelöst wird, ist so ziemlich das Gegenteil davon. Es ist parteiisch, interessengeleitet, unfair, und so fühlen wir uns als Bürgerinnen und Bürger behandelt."

Ein zweiteiliges Verfahren soll den Bürgern der Stadt und des Landes Gelegenheit geben, bei der Sanierung der Stuttgarter Oper ein Wörtchen mitzureden. Zuerst gab es eine Online-Befragung mit vorgegebenen Fragestellungen, an der weniger als 100 Personen teilnahmen. Nun soll am kommenden Freitag und die Woche darauf eine durch ein Zufallsverfahren ausgewählte Gruppe von 40 Bürgern ihre Meinung äußern dürfen, nach Kurzvorträgen verschiedener Experten.

Backes moniert, dass 40 Personen niemals die Bürgermeinung repräsentieren können. "Wer nimmt sich dafür Urlaub?" fragt er. "Da kommen vor allem die, die Zeit haben. Auch ob das Telefonbuch heute noch die geeignete Quelle ist, wird man bezweifeln müssen." Die Experten, darunter Vertreter der Opernbesucher, der Landesbehörde Vermögen und Bau, der Stadt und des Wissenschaftsministeriums, seien in der Mehrzahl Befürworter des vorliegenden, bisher alternativlosen Plans. Lediglich von Aufbruch Stuttgart und vom Bund der Steuerzahler sei Kritik zu erwarten, und vielleicht noch von einem externen Denkmalschutz-Experten zur Versetzung des Seitenflügels.

Zweifel an der Unabhängigkeit der Agentur

Dass die Beteiligungsveranstaltung im Opernhaus selber stattfindet, bleibe nicht ohne Einfluss auf die Meinungsbildung, so Backes. "Die Wahl des Ortes ist mit entscheidend. Die Opern- und Theaterleute werden – was Ihnen nicht zu verdenken ist – alles tun, damit sich die Zufallsbürger wohlfühlen." Nach Protesten werde erst jetzt nach einem alternativen Raum Ausschau gehalten. "Die Begründung: In Zeiten des Corona-Virus, wolle man doch nach einem ‚gut durchlüfteten‘ Tagungsort suchen."

Für problematisch hält Backes auch, dass die Vergabe an die Agentur, die das Verfahren durchführt, durch interessengebundene Regierungsstellen erfolgte: "Ich kritisiere nicht die Agentur als solche. Aber so ein Unternehmen muss stets auch an den nächsten Auftrag denken. Wir fordern eine unabhängige, staatsferne Institution, die die Bürgerbeteiligung organisiert und Neutralität gewährleistet." Vorstellen könnte er sich ein öffentlich-rechtliches Gremium wie die Rundfunkanstalten, für die er viele Jahre gearbeitet hat.

Hannes Rockenbauch kann dem allen zustimmen. "Wir haben wirklich jetzt schon mehrere Jahre lang eine offene, transparente Bürgerbeteiligung beantragt", unterstreicht der Vorsitzende der Gemeinderatsfraktion "Die Fraktion" aus Linken, SÖS, Piraten- und Tierschutzpartei. "Was die Kosten, vor allem auch die städtebauliche Situation an der Kulturmeile angeht, ist die Opernsanierung von solcher Bedeutung, dass es geradezu nach Bürgerbeteiligung nach schreit." Der jetzige Zeitpunkt sei viel zu spät, um noch ernsthaft mitreden zu können. "Herr Backes kam schon vor zwei Jahren mit alternativen Vorstellungen, die wurden aber nie ernsthaft geprüft, sondern sind von den Machern schon aussortiert worden."

Was fehlt: Alternativplanungen

"Zu Beginn der Planung hätte man noch Augenhöhe haben können", meint Rockenbauch, "auch um ein breiteres Spektrum an Ideen zu erarbeiten und Alternativplanungen vertieft gegeneinander zu stellen. Jetzt kommst du als Bürger, und die sagen: Geht aber nicht, jetzt planen wir schon fünf Jahre, wollt ihr das jetzt alles aufhalten? Ganz schlimm sind Argumente wie: Wenn wir jetzt nicht loslegen, wird’s teurer, für jedes Jahr, das wir an Zeit verlieren. Oder: Dann müssen wir die Oper wegen Brandschutz schließen."

Rockenbauch fordert einen Plan B, eine Alternative zu den bestehenden Planungen. "Wenn es keine Alternativen gibt, kommt ganz schnell die Frage: Bist du für oder gegen Kultur?" "Wir sind für Kultur", betont Backes. "Wir sind für die Oper. Die Frage ist, ob man dem Gebäude für viel Geld Gewalt antun muss. Das glaube ich nicht." Er meint die Versetzung des Seitenflügels, um eine Kreuzbühne einbauen zu können, die, so die Argumentation der Staatstheater, einen schnelleren Wechsel der Bühnenbilder und damit mehr Aufführungen erlaubt.

Die Staatstheater beziffern die Kosten für die Verschiebung des seitlichen Bauteils in Richtung Landtag auf 36 Millionen Euro. "Das erscheint im Vergleich zu der Gesamtsumme von einer Milliarde nicht viel", meint Rockenbauch, "aber es ist auch nicht nichts." Die genannte Summe beziehe sich nur auf die Verschiebung der Mauern, meint Backes. "Unsere Experten weisen immer wieder darauf hin, dass eine vernünftige Kostenschätzung, wenn man die Kreuzbühne will, überhaupt nicht möglich ist. Die Stunde der Wahrheit ist dann gekommen, wenn die Presslufthammer und die Bagger anrücken: wenn man den Untergrund sieht und was an Fundamenten neu gelegt werden muss. Das ist ein Vabanque-Spiel, von dem man nur abraten kann."

Aufbruch Stuttgart hat einen Plan B. Er sieht statt einer Interimsspielstätte auf dem Wagenhallengelände einer Gesamtlösung auf dem Areal zwischen den Staatstheatern und der und dem Gebhard-Müller-Platz vor. Auch die untere Königstraße, wo die Landesbank den gesamten Block, der die Fußgängerzone vom Schlossgarten trennt, abreißen will, war zeitweise eine Option. Wenn jetzt, wo heute noch die Stadtautobahn und die Erweiterung des Kulissengebäudes dominieren, ein Ausweichstandort eingerichtet werde, der anschließend als Konzerthalle oder multipel genutzter Veranstaltungsraum genutzt werden kann, ließen sich 300 bis 400 Millionen Euro einsparen. Und zwar wie bei der vorliegenden Variante einschließlich aller Baukostensteigerungen und Risiken.

Hybridbau ungeeignet? "Eine Legende", sagt Backes

Das Argument, dass ein solcher Bau entweder für die Oper oder für die Anschlussnutzung als Konzertsaal ungeeignet sei, lässt Backes nicht gelten: "Es ist eine Legende, dass ein Hybridbau weniger geeignet ist als andere. Der Raum mit der besten Akustik der Welt, sagt man, ist das KKL in Luzern, ein für viele Zwecke genutzter Bau: für Kongresse, Musiktheater und Konzerte." Backes vermutet eher, dass Staatstheater und Rundfunkorchester ganz und gar Herr im eigenen Haus sein wollen, statt sich den Bau mit anderen teilen zu müssen. Und zwar nicht unter höchstem Niveau: "Jeder möchte einen Rolls Royce für sich."

Rockenbauch hätte das Paketpostamt favorisiert. Die Aufführung des "Herzog Blaubart" habe gezeigt, dass das gut funktioniere und man damit auch ein neues Publikum ansprechen könne. Aber auch die Pläne der fünf Büros, die an einem Ideenwettbewerb von Aufbruch Stuttgart teilgenommen haben, findet er gut. Insbesondere die Ideen von Herzog und de Meuron, den Architekten der Elbphilharmonie. "Das war ja das Tolle an dem Entwurf, dass sie die gesamte räumliche Situation im Oberen Schlossgarten neu denken, auch die Rückseiten der Königstraßen-Gebäude, und auch andere als kommerzielle Nutzungen ins Spiel bringen."

Insbesondere ärgert Backes wie Rockenbauch, dass immer nur stückweise geplant werde und nie ein Gesamtkonzept erstellt wurde. Derzeit läuft der Wettbewerb für die Neugestaltung der B14 auf der Rückseite der Oper. In einem Beteiligungsverfahren, das Backes als "Fast-Food-Veranstaltung" bezeichnet, hat Aufbruch Stuttgart immerhin erreicht, dass die Ausschreibung auf die gesamte Länge der innerstädtischen Straßenschneise erweitert wurde, von den Mineralbädern bis zum Marienplatz. Ziel ist, den Autoverkehr zu halbieren. Auf Antrag von Die Fraktion ist der endgültige Zielbeschluss für die Opernsanierung nun auf die Zeit nach dem Wettbewerbsentscheid verschoben worden, also auf Juni statt Mai. Das reicht Rockenbauch und Backes nicht aus.

"Wir haben die Notwendigkeit, über die Staatstheater zu reden", so Rockenbauch, "und ein großes Problem, die B14. Im Gemeinderat habe ich schon vor zwei, drei Jahren gesagt: Das muss man zusammen denken!" Nun soll aber der Gebhard-Müller-Platz – das ist die große Straßenkreuzung an der Staatsgalerie – in zwei Jahren genau so wieder hergestellt werden, wie er vor der Stuttgart-21-Baustelle war. "Wir haben Anträge gestellt, bekommen aber von keiner Fraktion Unterstützung, weil man sich nicht traut, die Planfeststellung von 2005 wieder zu ändern! Daher liegt die Hauptradroute – in den derzeitigen Planungen, so blöd, dass das Kulissengebäude hälftig auf dem Stadtbahntunnel sitzt, was statisch ein Unding ist und die Kosten erhöht."

"Vertane Chance für eine lebenswerte Stadt"

Statt also Opernsanierung, B14, Gebhard-Müller-Platz, Schillerstraße und das Areal an der unteren Königstraße jeweils für sich zu planen, böte sich hier die einmalige Chance, einen zentralen Bereich der Innenstadt, der vom Bahnhof kommend den ersten Eindruck bestimmt, neu zu konzipieren. Dies ist Rockenbauch sogar noch wichtiger als die Kosten. "Sowohl der Gemeinderat wie die Verwaltung nutzen diese Gelegenheit nicht, was nicht nur von den Kosten her ärgerlich ist, sondern von der vertanen Chance für eine lebenswerte Stadt!"

Backes stimmt zu: "Wir wollen, dass alle Stuttgarter und auch Besucher Stuttgarts davon profitieren und nicht nur das Opernpublikum. Das ist zum gleichen Geld machbar, das sollte man nutzen." Differenzen gab es in der Vergangenheit unter anderem beim Königin-Katharina-Stift. Vor allem der Architekt Arno Lederer vom Verein Aufbruch Stuttgart wollte die Schule lieber abreißen. "Wir glauben, dass es eine Lösung gibt", meint Backes nun, "die ohne Abriss des Königin-Katharina-Stifts auskommt."

Aufbruch Stuttgart und das von SÖS initiierte Bündnis "Platz da" haben bisher getrennt für eine Verkehrsberuhigung auf der B14 demonstriert. Backes betont, der Verein möchte parteiunabhängig bleiben. Rockenbauch hat sich schon ein wenig gewundert, dass es dem Verein mit dem Promi Backes in kurzer Zeit gelungen sei, Aufmerksamkeit auf ein Thema zu lenken, das er schon seit 15 Jahren im Gemeinderat vertrete. "Aber dann denkt man eine Sekunde nach und sagt: cool. Das ist doch genau das, was es jetzt braucht. Das ist gelebte Demokratie."

Wenn der Grundsatzbeschluss zur Opernsanierung, der nun am 20. Juni gefällt werden soll, noch einmal für eine Denkpause hinausgeschoben werde, davon sind beide fest überzeugt, könne es gelingen, sogar noch schneller zu einer besseren Lösung zu gelangen. Und das Kostenargument? "Unsere Oper, unser Ballett hat Weltformat", betont Backes. "Es heißt, um das Weltformat zu sichern, müsse man das Geld ausgeben. Ich würde niemals das Weltformat in Frage stellen. Aber ich glaube nicht, dass das nur vom Geld abhängig ist. Hochkultur kann sich nicht einem maßvollen Wirtschaften entziehen." Und Rockenbauch: "Mit ein bisschen mehr Anstrengung kann man etwas hinkriegen, was einen größeren Mehrwert hat, für die Kultur wie für die Bevölkerung."


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1 Kommentar verfügbar

  • Ruth
    am 06.03.2020
    Antworten
    "Weltformat" - geht es, vielleicht, auch eine Nummer kleiner? Ich glaube nicht, dass sich Weltstadtformat vor allem daran zeigt, dass man diese selbstverliebte Kulturtruppe mit Geld nur so zuschüttet. Als Bürgerin der Innenstadt, die Steuern zahlen darf, deren Wünsche, wie die Umgebung des täglichen…
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