Auch in der zweiten Liga stets gut besetzt: Cannstatter Kurve. Fotos: Joachim E. Röttgers

Ausgabe 319
Kultur

Cacaus Schuhe berührt

Von Helena Piontek
Datum: 10.05.2017
Der VfB Stuttgart steht kurz vor dem Wiederaufstieg in die erste Liga. Darf frau sich darüber freuen? Unsere Autorin sagt ja. Mit neun hat sie bei Klinsmanns Abschied geweint, mit 17 Cacaus Schuhe berührt, mit 27 will sie wieder Meisterin werden.

Samstag, 29. April, 13.20 Uhr: Nur wenig Licht fällt an diesem grauen Tag durch die Scheiben der Kneipe im Stuttgarter Westen. Die beiden Fernseher an den Wänden zeigen einen leuchtend grünen Rasen in Nürnberg, wo der VfB spielt. Frisch gezapft steht ein kühles Pils vor mir auf dem Tisch, ich bin bereit. Bereit zu erfahren, was es auf sich hat mit dem VfB und seinem Plan, die zweite Liga hinter sich zu lassen.

In meiner Vorstellung: Große Emotionen. Fans und Mannschaft ziehen gemeinsam den Kopf aus der Schlinge, vereint durch den schmerzlichen Abstieg, vereint in Liebe zu ihrem Verein und zusammengeschweißt in einer schon fast berüchtigten Aufbruchstimmung, die Zeitungen der Fanszene und dem VfB attestieren. Ich bin dabei.

13.30 Uhr, Anpfiff in der dunklen Kneipe. Gerade einmal neun Männer haben sich vor den Bildschirmen versammelt, ich bin die einzige Frau und die einzige Person mit Trikot. Die erste Halbzeit ist zäh, zwei Bälle landen im Tor des VfB, die Gespräche der Zuschauer kreisen bald um andere Themen: Der Urlaub, die Frau, der Segelschein. Stimmung sieht anders aus.

Rückblende, Mai 1999: Ich bin neun Jahre alt, als Jürgen Klinsmann unten auf dem Spielfeld sein großes Abschiedsfest im ausverkauften Daimlerstadion feiert. Bryan Adams singt "Eighteen 'til I die", und oben auf dem Rang halte ich die Hand meines Vaters, blicke zu ihm auf und sehe ihn das erste Mal mit Tränen in den Augen.

Mein Vater beflaggt unser Auto weiß-rot

Mai 2007: Nur noch wenige Spieltage verbleiben, und zaghaft wagt man zu hoffen, was noch zur Winterpause unmöglich schien: der VfB Stuttgart wird Deutscher Fußballmeister. Die Bäckerei Klinsmann formt kleine Fußballtrikots aus Biskuitteig und Zuckerguss, und mein Vater beflaggt unser Auto in weiß und rot. Menschen, von denen man zuvor als Fan spöttisch belächelt wurde, tragen plötzlich stolz den roten Brustring, die Euphorie scheint zu brodeln im Kessel. Ein paar Wochen später stehe ich da: Um mich herum eine Viertel Million Menschen, mitten auf dem Stuttgarter Schlossplatz. Wir singen im Freudentaumel "ein Stern, der über Stuttgart schwebt, wo der Deutsche Meister lebt" und ich berühre für einen kurzen Moment die schwarzen Lederschuhe von Stürmerstar Cacau.

Zehn Jahre ist es her, dass der VfB Deutscher Meister wurde. Manch einer kam sich in den vergangenen Jahren wie sein eigener Großvater vor, wenn er von der guten alten Zeit erzählte, damals, als der VfB noch gewann, Thomas Hitzlsperger – alias "The Hammer" – den Stuttgartern zum Titel verhalf, und man ganz oben mitspielten konnte. Nie fand der VfB danach wieder ganz zu seiner Form. Es folgten Jahre der Kellerduelle in der ersten Liga, die schließlich mit dem Abstieg endeten – die Geschichte ist bekannt. Jetzt ist der VfB wieder wer, zumindest in der zweiten Liga. Zwei Spieltage vor Saisonschluss scheint der Aufstieg zum Greifen nah. Am 21. Mai könnten die Stuttgarter – auf den Tag genau 40 Jahre nach dem ersten Wiederaufstieg – die zweite Liga wieder verlassen.

Und jetzt? Cacau spielt nicht mehr, die Bäckerei backt vorerst noch keine Trikots, und von der großen Euphorie vor dem möglichen Aufstieg ist zumindest in der Kneipe im Stuttgarter Westen wenig zu spüren. Also suche ich weiter.

Ich erinnere mich an meine Großmutter. Sie verstand nicht viel von Fußball, doch wenn ihr VfB lief, saß sie da: Genüsslich zog sie an ihrer Zigarette und aschte in den geblümten Porzellanaschenbecher auf dem kleinen Beistelltisch mit der weißen Häkeldecke. Man muss kein Experte sein, um vom Fußball fasziniert zu sein. Zu größeren Spielen traf sie sich mit anderen Bewohnern des Altersheims, da stand dann Porsche an Mercedes – so nannten sie ihre Rollatoren – und gemeinsam feuerten sie die jungen Spieler auf dem Rasen an. Trifft sich die Gruppe Fußballfans womöglich heute noch? Nein, bedauert die Leiterin des Hauses, ihr sei nur eine Gruppe Kickers-Fans bekannt.

Mit Maxim nach einer reifen Avocado tasten

Dienstagabend, 2. Mai 2017, 19.30 Uhr, am Stuttgarter Olgaeck. Menschen schlängeln sich vom Eingang des Supermarkts an der Hauswand entlang. Eltern stehen geduldig mit ihren drängelnden Kindern hintereinander und warten auf Einlass. Denn drinnen sind Torschützenkönig Simon Terodde und Mittelfeldspieler Berkay Özcan, eine Stunde lang signieren sie Trikots, machen Selfies mit den Fans, unterschreiben Autogrammkarten, während Spielerkollege Alexandru Maxim ganz gemütlich im Laden einkaufen geht und an der Kasse noch kurz ein paar Autogramme verteilt. Neben Terodde an der Wursttheke stehen, mit Maxim nach einer reifen Avocado tasten, das muss schon ein besonderer Verein sein, der seine Fans dort abholt, wo sie nach Feierabend noch schnell sind. Oder gilt der Respekt eher den 400 Fans, die sich das nach Feierabend noch antun? Wie dem auch sei, endlich ist ein bisschen Stimmung zu spüren.

420 offizielle Fanclubs zählt der VfB, jährlich kommen zwischen fünf und zehn neue hinzu. Vom lesbisch-schwulen Fanclub "Stuttgarter Junxxx" oder der Frauengruppe "Stuttgarter Mädle" bis hin zum "Commando Cannstatt" oder dem "Schwabensturm". Nur ein Fanclub hat sich in der Spielzeit in der zweiten Liga aufgelöst.

Wer gründet einen Fanclub, kurz nachdem die Mannschaft, die man liebt, offensichtlich schlecht genug ist, um abzusteigen? Steffen Stauch zum Beispiel. "Echaz 1893" heißt der Fanclub für "alle Anhänger des VfB Stuttgart entlang der Echaz: Honau, Lichtenstein, Pfullingen, Reutlingen, Betzingen, Wannweil, Kirchentellinsfurt", heißt es auf der Facebook-Seite des Clubs. "In guten Zeiten kann ja jeder Fan sein", erzählt Stauch. Schon länger haben er und seine Freunde darüber nachgedacht, einen Fanclub zu gründen, doch als der VfB abstieg, war klar: "Jetzt müssen wir zusammenstehen." Seitdem steht der Gruppenchat der Freunde nicht mehr still, der VfB, die Hoffnung auf den Aufstieg, ist Thema Nummer eins. "Das ist schon toll, zu sehen, wie sich aus den Spielern in den letzten Begegnungen eine Mannschaft geformt hat, die zusammenhält. Und so machen wir's eben auch." Da ist er, der oft beschworene zwölfte Mann. Und die Bilder kommen wieder hoch: Auswärtsspiel gegen Nürnberg, am Samstag in der Kneipe. 20 000 Fans folgen den Schwaben nach Franken, und auf dem Platz, nach dem Siegtor in letzter Minute, tanzt die Mannschaft im Kreis, die Arme ineinander verschlungen.

Die Euphorie der Fans lässt niemanden unberührt

Nun will ich es wissen, will sie spüren, die große Aufbruchstimmung. Sonntag, 7. Mai, 12.00 Uhr, Mercedes-Benz Arena, gegen Erzgebirge Aue. Auf der Straße ergattere ich ein zu teures Ticket, Block 69 b, direkt über dem Gästeblock. Ich bin nicht begeistert, doch man nimmt, was es gibt. Das Spiel ist ausverkauft, schon wieder. 60 000 Zuschauer bei einem Zweitligisten. Im Schnitt schauten in dieser Saison mehr als 50 000 Menschen zu, schon jetzt ist klar, dass das ein neuer Ligarekord ist. Der Zweitligist versammelt mehr Fans als europäische Fußballriesen, wie Inter Mailand, FC Chelsea oder Ajax Amsterdam.

Die Menschentraube vor der Einlasskontrolle will nicht kleiner werden. Dicht an dicht stehen wir da, der ununterbrochene Nieselregen durchnässt nach und nach unsere Kleidung, und mal wieder hat jemand seine Senfwurst an meine Jacke geschmiert. Ich seufze innerlich.

Betonstufen führen hoch zu meinem Platz, mir ist kalt, und das Bier in meiner Hand lässt mich noch mehr frösteln. Als die Musik angeht, blicke ich auf die Choreografie der Fans in der Cannstatter Kurve, sehe die vollbesetzten Ränge des Stadions – und bin glücklich. Der Senf auf der Jacke ist mir plötzlich egal und auch die Kälte stört mich nicht. Ich reiße die Arme hoch, wenn die La-Ola-Welle ihre Kreise im Stadion zieht, singe die Lieder mit und juble bei jedem der drei Tore. Mein Nebensitzer umarmt mich und ruft: "Jetzt schaff mers!", und ich will ihm glauben. Es ist nicht die spielerische Leistung, die die Menschen hier jubeln lässt, es ist die Euphorie der Fans, die in diesem Moment niemanden unberührt lässt.

Noch auf dem Weg zur Haltestelle weht der Gesang zu mir herüber und ich summe leise mit: "Wenn du mich fragst, wer Meister wird, dann sage ich zu dir: das können nur die Schwaben sein, die Jungs vom VfB."


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2 Kommentare verfügbar

  • Klaus Bremer
    am 10.05.2017
    "Die Euphorie der Fans lässt niemanden unberührt" Doch mich! Brot und Spiele. Braucht kein Mensch!
  • Steffen Stauch
    am 10.05.2017
    Hallo Helena, ein sehr gelungener Artikel in das Seelenleben eines VfB-Fans. Ich kann dem nicht mehr hinzufügen....außer....der Fanclub heißt Echaz 1893 (aber ich denke, dass war eher ein Schreibfehler der Redatktion :-)).
    Ich wünsche alles Gute!
    Beste Grüße
    Steffen

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