KONTEXT Extra:
Jetzt weiß es auch die CDU: So viele bezahlbare Wohnungen fehlen

Baden-Württembergs Wirtschaftsminister Nicole Hoffmeister-Kraut (CDU) ist zufrieden: Weil die neue Wohnbau-Förderung im Land dazu geführt habe, dass "2017 nach knapp sechs Monaten Programmlaufzeit bereits Anträge für den Neubau von deutlich über 800 Sozialmietwohnungen sowie beantragte Bindungsbegründungen im Umfang von mehr als 300 Wohneinheiten vorliegen". Tatsächlich müsste sie hell entsetzt sein angesichts solcher Zahlen. Denn aus einer Studie, die die von ihr selber beförderte "Wohnraum-Allianz" in Auftrag gab, geht ein deutlich höherer Bedarf im Land hervor. Auch der Versäumnisse wegen, die frühere CDU-geführte Landesregierungen verantworten.

"Die Bestandsentwicklung im sozialen Wohnungsbau ist in Baden-Württemberg stark rückläufig", schreiben die Autoren. Ausgehend von 137 000 Wohnungen im Jahr 2002 sei es zu einem Rückgang auf rund 60 000 preisgebundene Wohnungen im Jahr 2015 gekommen. Weil weitere aus der Mietbindung fallen, wird es 2020 überhaupt nur noch 22 000 Einheiten im ganzen Land geben: "Vor diesem Hintergrund ist eine Verstärkung und Verstetigung der sozialen Wohnraumförderung über einen längeren Zeitraum von entscheidender Bedeutung." Der Stabilisierung und "sukzessive Weiterentwicklung" der angespannten urbanen Wohnungsmärkte komme auch eine "sehr wichtige" sozialpolitische Rolle zu. Nur um den Status quo von 60 000 mietgebundenen Wohnungen zu erhalten, müssen 1500 im Jahr umgewidmet oder gebaut werden. Um den tatsächlichen Bedarf zu decken, wären bis zu vier Mal so viele notwendig.

Hoffmeister-Kraut setzt bisher vor allem auf aufgestockte Mittel des Bundes, auf Investoren oder auf Förderungen, die auch einkommensschwächere Familien in Stand setzen, Eigentum erwerben zu können. Das Analyse-Institut Prognos rät ebenfalls zur "Gewinnung und Aktivierung privater Mittel, aber auch zur Verstetigung der Mittel des Landes". Auf einer Reise des Städtetags, der auch in der Allianz vertreten ist, konnten sich kürzlich VertreterInnen zahlreicher Städte und Gemeinden in der österreichischen Bundeshauptstadt Wien von einem ganz anderen Weg überzeugen: Dort wird sozialverträglicher Wohnungsbau Marktmechanismen weitgehend entzogen. Pro Jahr entstehen mehr als 10 000 neue, bezahlbare Einheiten. "Das wirkt preisdämpfend", heißt es in einer aktuellen Darstellung der Wohnbau-Strategie, "schafft zusätzliche Angebote und sichert außerdem mehr als 20 000 Arbeitsplätze." (17.10.2017)

Mehr dazu in den Artikeln "Besser wohnen in Wien" und "Friede den Hütten".


Punktlandung: Erster Feinstaub-Alarm im Herbst 2017

Nach den Regeln der Landeshauptstadt für die Ausrufung von Feinstaubalarm kann dies jeweils vom 15. Oktober an geschehen. Unter dem Aspekt der Sensibilisierung in der aufgeheizten Debatte für und wider Fahrverbote ist auf Petrus so gesehen jedenfalls Verlass: Das stabile Hoch lässt die Emissionen am Neckartor seit Tagen kontinuierlich ansteigen. Jetzt wurde für Montag, 16. Oktober, 0.00 Uhr, für den Autoverkehr und ab 18.00 Uhr für die Verwendung von Komfortkaminen Feinstaub-Alarm ausgelöst. Der Verzicht auf erstere ist freiwillig, der auf zweitere Pflicht.

An maximal 35 Tagen im Jahr darf die Feinstaubkonzentration über dem Limit von 50 Mikrogramm pro Kubikmeter Luft liegen. Am Neckartor ist diese Schwelle aber schon in den ersten dreieinhalb Monaten 2017 mit 39 Tagen überschritten worden. Dennoch geht die Landesregierung, gedrängt von der CDU, gegen einen mit den Anwohnern am Neckartor im Sommer 2016 geschlossenen Vergleich vor, der ab dem 1.1.2018 eine Verringerung des Verkehrs an Feinstaubtagen um 20 Prozent vorsieht. Das Argument der grün-schwarzen Landesregierung lautet, es stünden entgegen der in diesem Vergleich gemachten Zusage keine "rechtmäßigen Maßnahmnen" zur Verfügung. Im November wird darüber vor dem Stuttgarter Verwaltungsgericht verhandelt. Wie die Stadt weiter mitteilte, bietet der VVS ab 16. Oktober für die gesamte halbjährige Feinstaub-Periode und nicht nur an Alarmtagen das neue, um rund 40 Prozent verbilligte "UmweltTagesTicket" an. Außerdem geht die Stadtbahnlinie U19 von Neugereut bis zum Neckarpark mit einem Zehn-Minuten-Takt werktags zwischen sechs und 20 Uhr ab Montag, den 16.10., in den Dauerbetrieb. Vom Dezemeber an wird zudem die U12 bis nach Remseck verlängert und mit den neuen 80-Meter-Zügen ihre Kapazitäten verdoppeln. Außerdem sollen das Projekt "Straßenreinigung Feinstaub" für 600 000 Euro fortgesetzt und die Fahrspuren und Gehwege rund um das Neckartor abgesaugt werden, um belastbare Daten darüber zu erhalten, ob dieses Vorgehen zu geringeren Schadstoffemissionen führt. Im grüngeführten Verkehrsministerium gibt es deutlich weitergehende Überlegungen: Die Fahrspuren an der B 14 zwischen Cannstatt und Innenstadt könnten verknappt werden, was den Verkehr zwangsläufig reduzieren und Platz für einen neuen Expressbus auf eigener Spur schaffen würde. (14.10.2017)


Neckartor Bürgerinitiative: Erler steigt vom Reitzenstein herab

Nachdem es den Anwohnern in Europas Feinstaub-Hochburg am Stuttgarter Neckartor Anfang September nicht gelungen ist, in der Villa Reitzenstein ihre Forderungen nach einer wirksamen Luftreinhaltung im Talkessel loszuwerden, nimmt sich jetzt die Staatsrätin für Zivilgesellschaft und Bürgerbeteiligung der Sache an: Es wird ein Gespräch mit Vertretern der Bürgerinitiative Neckartor geben. Gisela Erler (Grüne) will das Vorgehen der Landesregierung und vor allem des grünen Verkehrsministers Winne Hermann erläutern, darunter auch, warum – vorerst – keine rechtmäßigen Möglichkeiten gefunden wurden, um den Verkehr in der hochbelasteten B 14 ab 1.1.2018 an Feinstaub-Tagen um 20 Prozent zu reduzieren. Dieses Versprechen war Gegenstand eines Vergleichs aus dem April 2016, den die damals neue grün-schwarze Landesregierung einstimmig angenommen hat. Später ruderte die CDU, in der Koalition genauso wie im Gemeinderat, zurück. Inzwischen halten auch die Grünen, der Ausweichverkehre wegen, Fahrverbote oder Verkehrsbeschränkungen für nicht rechtmäßig. "Das heißt aber nicht, dass wir uns mit den Grenzwert-Überschreitungen abfinden", sagt Erler. Das Verkehrsministerium habe ein umfangreiches Maßnahmen-Paket ausgearbeitet. Dem allerdings verweigert der kleinere Regierungspartner noch die Zustimmung. (12.10.2017)

Mehr zum Thema im Artikel "Übel bleibt Übel".


Protest gegen Militärmesse in Stuttgart wächst

Hauptsponsor ist die Rheinmetall, Deutschlands umsatzstärkster Rüstungskonzern. Präsentiert werden Drohnentechnik, Raketenabwehrsysteme und andere Erfindungen, mit denen sich Menschen im 21. Jahrhundert möglichst effektiv gegenseitig umbringen können: In Köln musste die internationale Waffenmesse ITEC nach vehementen Protesten von Rüstungsgegnern, SPD, Grünen und Linken die Segel streichen. Und hat sich als Ersatz-Austragungsort ausgerechnet Stuttgart ausgesucht, vom 15. bis zum 17. Mai 2018.

Nachdem schon im Juli 2017 die SÖS/Linke-Stadtratsfraktion und Anna Deparnay-Grunenberg von den Grünen gegen die Messe protestiert hatten (Kontext berichtete ausführlich), legt jetzt die Grüne Jugend nach: "Dem werden wir auf keinen Fall still zuschauen", erklärt die Jugendorganisation mit dem wütenden Igel im Logo. Auf der Kreismitgliederversammlung hat sie einen Antrag gegen die Messe gestellt. Zwar wurde er mit großer Mehrheit angenommen und die Stuttgarter Grünen fordern den Aufsichtsrat der Messe auf, den Vertrag mit der ITEC zu kündigen und keine Messe mit ähnlich militärischem Bezug mehr in Stuttgart stattfinden zu lassen. Verhindern lassen wird sich der Rüstungszauber aber vermutlich nicht mehr. Proteste sind den Waffenbauern aber sicher. Die Grüne Jugend jedenfalls kündigt an, der ITEC zu zeigen, "dass sie in Stuttgart nicht willkommen ist." (06.10.2017.)

Dazu: "Die heimliche Militärmesse", Kontext-Ausgabe 328: https://www.kontextwochenzeitung.de/wirtschaft/328/die-heimliche-militaermesse-4470.html


So schnell kann's gehen: Grün-schwarzer Knatsch

Es war schon in trockenen Tüchern, dass die Landesregierung eine Sprungrevision gegen das zweite Stuttgarter Feinstaub-Urteil anstrengt. Fast. Die CDU-Fraktion hatte diesen Weg zum Bundesverwaltungsgericht in Leipzig am Dienstag einstimmig als Kompromiss eröffnet und tags darauf bestätigt. Und die Grünen, von denen viele in Fraktion und Partei zur Annahme des Richterspruchs vom Juli 2017 samt Fahrverboten neigte, wären auch einverstanden gewesen. Trotzdem platzten am Freitag die Verhandlungen der Koalittionsspitzen im Staatsministerium – völlig unerwartet. Denn: Ministerpräsident Winfried Kretschmann (Grüne) sollte längst im Flieger nach Berlin sitzen, als sich die Verhandlungsgruppen in Stuttgart, mal gemeinsam und mal getrennt, immer noch die Köpfe heiß debattierten.

Ein Knackpunkt klingt besonders absurd. Winfried Hermanns Verkehrsministerium hat ein Maßnahmenbündel zur Luftreinhaltung in Stuttgart erarbeitet, wonach das Land Geld aus dem mit einer Milliarde Euro für diesen Zweck gefüllten Topf des Bundes abrufen und eventuell auch selber Mittel in die Hand nehmen will, etwa um ÖPNV-Preise deutlich abzusenken. Die CDU-Fraktion formulierte am Dienstag ausdrücklich, es solle "jetzt schnell ein Bündel an verbindlichen, rechtlich zulässigen Maßnahmen als Alternative zu Fahrverboten beschlossen werden". Hier sei "in erster Linie das Ministerium für Verkehr gefordert, entsprechende Vorschläge zu unterbreiten". Das Ministerium hat unterbreitet. Nun aber will die CDU plötzlich ein Gegengeschäft machen und diesen Maßnahmen nur dann zustimmen, wenn die Grünen ihrerseits damit einverstanden sind, dass gegen das Urteil berufen wird. Bis kommenden Mittwoch um 23.59 Uhr bleibt Zeit, einen Kompromiss zu finden. Andernfalls, die KlägerInnen würden jubeln, ist das Urteil angenommen. (29.09.2017)


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Klaus Dörre, Professor für Arbeitssoziologe in Jena. Foto: SWR

Klaus Dörre, Professor für Arbeitssoziologe in Jena. Foto: SWR

Ausgabe 319
Politik

Ritt auf der Rasierklinge

Von Hermann G. Abmayr (Interview)
Datum: 10.05.2017
Leiharbeiter, Beschäftigte von Sub-Unternehmen, Solo-Selbständige: Viele Menschen können nicht von dem leben, was sie erarbeiten. Sie sind auf staatliche Unterstützung angewiesen. Ein Gespräch mit dem Jenaer Soziologen Klaus Dörre über Beschäftigte zweiter und dritter Klasse und über die Gefahren für die Demokratie.

Herr Dörre, die Agentur für Arbeit meldet jeden Monat weniger Arbeitslose, inzwischen so wenige wie 1991. Alles bestens also?

Wir sprechen heute von einer prekären Vollerwerbsgesellschaft. Auf der einen Seite haben wir eine Rekordzahl an Erwerbstätigen. Aber immer mehr Menschen werden über unsichere, heikle und schlecht bezahlte, kurz, über prekäre Arbeitsverhältnisse in den Arbeitsmarkt integriert. Die Arbeitslosigkeit wurde also vor allem durch die Ausdehnung prekärer Beschäftigung gesenkt. Der Beweis: Das Volumen an bezahlten Erwerbsarbeitsstunden ist gegenwärtig nicht größer sondern sogar geringer als 1991. Dies ist nur mit der hohen Zahl an unsicheren Beschäftigungsverhältnissen zu erklären. Viele der Betroffenen kommen mit ihrem Lohn kaum über die Runden.

Oder müssen beim Jobcenter um Unterstützung bitten. Das gibt es sogar bei profitablen Konzernen wie Daimler.

Nichts ist erniedrigender, als hart zu arbeiten und trotzdem auf Stütze angewiesen zu sein. Und damit sich und der Gesellschaft eingestehen zu müssen: 'Wir sind aus eigener Kraft nicht in der Lage, das Leben unserer Familien zu sichern, wir brauchen staatliche Hilfe.' Das ist ein Skandal. Denn in der Konsequenz bedeutet das, dass die Steuerzahler, also wir alle, zur Kasse gebeten werden. Und die Kosten, die die Unternehmen tragen müssten, abgewälzt werden auf die Gesellschaft.

Protest vor dem Daimler Werk in Mettingen im September 2015. Foto: Joachim E. Röttgers
Protest vor dem Daimler Werk in Mettingen im September 2015. Foto: Joachim E. Röttgers

Weit über ein Fünftel der Erwerbstätigen lebt unter prekären Verhältnissen. Die Menschen fühlen sich abgehängt.

Mit der Ausdehnung des Niedriglohns haben wir zunächst erlebt, dass sich immer mehr Menschen von der Politik abgewandt, dass sie nicht mehr gewählt haben. Wir haben in unseren Untersuchungen festgestellt, dass sie sich nicht mehr mit Politik beschäftigt haben. Das beginnt sich jetzt zu ändern, aber auf problematische Weise. Wenn wir die Wahlerfolge der AfD betrachten, erkennen wir ein überraschendes Phänomen: Die Partei mobilisiert enorm viele Nichtwähler und bekommt überdurchschnittlich viele Stimmen. Und zwar sowohl von den Arbeitslosen und im prekären Sektor als auch von den beschäftigten Arbeitern, inklusive Gewerkschaftsmitgliedern. Das ist eine außerordentlich bedrohliche Entwicklung, weil diese neue Rechte die soziale Frage instrumentalisiert. Sie deutet den Verteilungskampf zwischen oben und unten um in einen Kampf zwischen drinnen und draußen. Und damit macht sie gezielt Stimmung gegen demokratische Institutionen. Die Ausdehnung des prekären Sektors bedroht letztendlich die Demokratie.

Zurück zum Thema Leiharbeit. Heute werden über eine Million Menschen von Arbeitskräftehändlern verliehen, werden oft nur für wenige Wochen hin und her geschoben. Wie konnte es so weit kommen?

Leiharbeit ist seit Anfang der 70er Jahre zugelassen, doch damals war sie stark reglementiert. So galt eine Höchstgrenze von drei Monaten. Gedacht war die Leiharbeit für einen befristeten Ausgleich – beispielsweise von Krankheitszeiten oder Produktionsspitzen. Vor allem mit den Hartz-Reformen Anfang der Nullerjahre wurden die Möglichkeiten, Leiharbeiter einzusetzen dann deutlich erweitert: Seit dieser Zeit wird Leiharbeit zunehmend strategisch eingesetzt. Das heißt, die Leiharbeiterinnen und Leiharbeiter machen genau das Gleiche wie die Stammbeschäftigten, werden aber deutlich schlechter bezahlt und genießen im Grunde keinen Kündigungsschutz. Sie sind Beschäftigte zweiter oder sogar dritter Klasse.

Häufig wird die Arbeit von Stammbeschäftigten inzwischen auch über Werk- und Dienstverträge ausgelagert. Schlecht bezahlte Arbeiter von Subunternehmen übernehmen die Jobs.

IG-Metall-Aktion im Juli 2010 auf dem Stuttgarter Marktplatz. Foto: Joachim E. Röttgers
IG-Metall-Aktion im Juli 2010 auf dem Stuttgarter Marktplatz. Foto: Joachim E. Röttgers

Diese Entwicklung hat in den vergangenen Jahren stark zugenommen. Denn die Leiharbeit wurde zumindest teilweise reguliert. So gibt es in der Metall- und Elektroindustrie relativ hohe tarifliche Zuschläge. In diesen Fällen ist Leiharbeit für die Unternehmen zwar immer noch lukrativ. Doch viele tendieren zu der noch billigeren Variante, zur Vergabe von Arbeiten über Werk- und Dienstverträge. Das kennen wir in der Automobilindustrie seit vielen Jahren. Ob VW oder Daimler, das machen alle. Sie gründen ganze Produktionsschritte aus und vergeben sie fremd. Zum Teil für nur ein Jahr; dann wird neu ausgeschrieben. Auf die Bewerber wird ein enormer Kostendruck ausgeübt. Es leben also nicht nur die Werkvertragler prekär, sondern auch ein Teil der betroffenen Unternehmen selbst.

Vor vier Jahren war das schon einmal Thema der öffentlichen Debatte. Die Politik – bis hin zu Angela Merkel – hat versprochen, den Missbrauch bei Werkverträgen und Leiharbeit zu stoppen. Seit 1. April gilt nun ein neues Gesetz. Was bringt es?

Ich kann nicht erkennen, dass das neue Gesetz etwas ändert. Ganz im Gegenteil, es scheint so zu sein, dass man jetzt für jede Art von Tätigkeit auch Leiharbeiter einsetzen kann. Man muss sie nur nach einer bestimmten Frist wieder austauschen. Das Gesetz fördert also die strategische Nutzung von Leiharbeit, statt die Möglichkeiten einzuschränken. Einige Gewerkschaften ziehen daraus den Schluss, bei der Dauer von Leiharbeitseinsätzen noch über das Gesetz hinauszugehen und vierjährige Einsatzzeiten zu ermöglichen. Die Betriebsräte sollen das verhandeln können. Das ist aber ein Ritt auf der Rasierklinge. Standortkonkurrenzen und Krisensituationen machen die Betriebsräte erpressbar. Davor kann ich nur warnen.

Wie ist die Entwicklung in der Automobilindustrie, die Sie seit Jahrzehnten beobachten?

Der Einsatz von Leiharbeitern begann Anfang der 1990er Jahre. Danach hat sich das System ausgebreitet. Porsche in Leipzig und BMW in Leipzig waren wichtige Vorreiter. Beide Werke entstanden auf der grünen Wiese. Beide arbeiten mit einer extrem niedriger Fertigungstiefe: Nur wenige Tätigkeiten erledigt die Stammbelegschaft. Das meiste geht an so genannte industrielle Dienstleister, die sich um die Werkverträge bewerben müssen und die ihrerseits oft extrem schlecht bezahlte Leiharbeiter beschäftigen. Dagegen gab es immer wieder Proteste der IG Metall. Und auch einige Erfolge. Seit dem Mai arbeiten jedenfalls 400 ehemalige Werkvertrags-Arbeiter in Leipzig als "vollwertige" BMW-Beschäftigte. Durch die Festanstellung erhalten sie nicht nur mehr Sicherheit, sondern auch einen höheren Lohn.

Protest vor dem Daimler-Werkstor in Wörth, Dezember 2016. Foto: SWR
Protest vor dem Daimler-Werkstor in Wörth, Dezember 2016. Foto: SWR

Wie wirkt sich die Auslagerung von Arbeiten auf die Arbeit der Interessensvertreter im Betrieb aus?

Werke wie Porsche und BMW in Leipzig haben in den Nullerjahren Standards für die gesamte Branche gesetzt. Wenn etwa bei Daimler in Stuttgart oder VW in Hannover verhandelt wurde, ob man einen bestimmten Auftrag bekommt oder ein bestimmtes Modell produzieren kann, dann sagten die Manager den Betriebsräten: 'Kommt uns in folgenden Punkten entgegen, sonst machen wir es wie in Leipzig.' So kann man ganze Belegschaften und ihre Betriebsräte disziplinieren und gefügig machen.

Wird die Zahl der prekär Beschäftigten mit zunehmende Digitalisierung zurückgehen?

Es gibt Szenarien, die schlimmes befürchten lassen. Denn bei der Digitalisierung geht es auch um Rationalisierung und das kostet Arbeitsplätze. Vieles spricht dafür, dass wir eine starke Polarisierung am Arbeitsmarkt erleben werden, dass nicht nur Tätigkeiten mit wenig Qualifikation bedroht sind sondern auch qualifizierte. Es besteht also die Gefahr, dass wir ein digitales Prekariat bekommen.

Wie werden diese Menschen dann arbeiten? Als Solo-Selbständige, also Kleinstunternehmer ohne eigene Angestellte? Davon gibt es heute schon 2,3 Millionen.

Diese Gruppe hat die Arbeitsmarktpolitik nie ins Visier genommen, auch die Gewerkschaften nicht. Die Leute sind auf sich selbst gestellt, haben keine wirksame Interessenvertretung, sind aber besonders verwundbar. Es gibt zwar einige Spitzenverdiener, aber das Gros arbeitet unter prekären Verhältnissen. Bei unserer 2013 veröffentlichten Hartz IV-Studie "Bewährungsproben für die Unterschicht?" sind wir immer wieder auf Solo-Selbständige gestoßen. Inzwischen wissen wir, dass über 100 000 aufstocken müssen. Wenn der Begriff Selbstausbeutung für eine Gruppe zutrifft, dann für sie. Die haben oft überlange Arbeitstage, tun alles, um in bessere Verhältnisse zu kommen. Doch oft sind es gerade sie, die am stärksten abstiegsbedroht sind.

Von prekärer Arbeit sind viele betroffen, passend dazu das diesjährige Motto auf der Stuttgarter Mai-Demo: "Wir sind viele. Wir sind eins." Foto: Joachim E. Röttgers
Von prekärer Arbeit sind viele betroffen, passend dazu das diesjährige Motto auf der Stuttgarter Mai-Demo: "Wir sind viele. Wir sind eins." Foto: Joachim E. Röttgers

Woher kommen die vielen Solo-Selbständigen?

Auch in diesem Fall geht es häufig um die Auslagerung von gut und tariflich bezahlten Arbeiten. Die Aufträge gehen dann direkt an Solo-Selbständige oder an Firmen, die dazwischengeschaltet werden. Aber auch der Staat beauftrag Solo-Selbständige und bezahlt sie miserabel. Beispielsweise an Universitäten oder Volkshochschulen. Ähnlich mies sind die Verhältnisse bei freien Journalisten. Was viele nicht wissen: Mit der Solo-Selbständigkeit kann man den allgemeinen gesetzlichen Mindestlohn aushebeln, weil er ja nicht für selbständig Beschäftigte gilt.

Ob selbständig oder angestellt, wer wenig verdient, kann nichts für später zurücklegen. Wird der Mindestlohn die Altersarmut mindern?

Ein Problem, das jetzt im Erwerbssystem entsteht, verschiebt sich später in das Rentensystem. Damit wird es künftige Generationen belasten, weil sie in irgendeiner Art und Weise dafür bezahlen müssen, dass so viele Menschen im Alter in prekäre Verhältnisse geraten. Auch der allgemeine gesetzliche Mindestlohn ändert daran nichts.

Wie hoch müsste der Mindestlohn denn sein?

Um Altersarmut wirklich zu verhindern und das schon auf der Ebene der Lohnpolitik, wird in Gewerkschaftskreisen über mindestens elf Euro in der Stunde gesprochen. Es gibt aber auch Schätzungen, die höher liegen, etwa bei 13 Euro.

 

Klaus Dörre ist seit 2005 Professor für Arbeits-, Industrie- und Wirtschaftssoziologie an der Friedrich-Schiller-Universität in Jena. Er forscht seit Jahren über flexible und prekäre Beschäftigung. Ein Schwerpunkt ist dabei die Automobilindustrie. Dörre ist Mitglied des wissenschaftlichen Beirats von Attac.

Info:

Der SWR hat kürzlich unter dem Titel "Harte Arbeit – schlechter Lohn" darüber berichtet, wie Menschen abgehängt werden, darunter auch zwei Arbeiter, die für Daimler in Stuttgart und Wörth arbeiten. Der Beitrag ist hier online abrufbar.

 

 


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