Klingt irgendwie bedrohlich, wie die VfB-Homepage heuer aufmacht. Screenshot: www.vfb.de

Klingt irgendwie bedrohlich, wie die VfB-Homepage heuer aufmacht. Screenshot: www.vfb.de

Ausgabe 267
Zeitgeschehen

Libido oder Libero?

Von unserer Sportredaktion
Datum: 11.05.2016
Eine ganze Region bebt. Der Vaueffbeh in der zweiten Liga? Da halten wir es mit Hölderlin: "Wo aber Gefahr ist, da wächst das Rettende auch." Damit kann nur Gerhard Mayer-Vorfelder gemeint sein. Ein Interview zwischen Himmel und Hölle.

Herr Mayer-Vorfelder, der VfB steht vor dem Abstieg. Jetzt sollen Sie den Karren wieder aus dem Dreck ziehen. Wie gehen Sie's an?

Ich verlange eine komplette Neuaufstellung. Alle müssen nach vorne denken und an einem Strang ziehen.

An welchem?

An meinem natürlich. Wenn ich eins habe, dann Erfahrung mit Krisen aller Art. Nehmen Sie die Spielzeit 1974/1975.

Da war der VfB schon mal abgestiegen.

Damit hatte ich nichts zu tun. Das war mein Vorgänger. Das war vielleicht ein Kerle. Wie alt sind Sie? Na ja, zu jung. Der gab die "Jasmin" heraus, die war toller als der "Playboy". Da gab's rosa Seiten, die mit einer Schere aufgeschnitten werden mussten, so heiß waren die.

Hat dem VfB auch nix genutzt.

Weil total falsch eingekauft wurde. Da waren viel zu viele Dilettanten am Werk. Der Weitpert, mein Vorgänger, konnte nicht mal Libido und Libero auseinanderhalten. Für wen schreiben Sie eigentlich?

Für Kontext, wir erscheinen mittwochs im Internet.

Ach, fürs Internet. Das wird als Erstes abgeschafft beim VfB. Der Bobic hat schon lauter Vollposten eingekauft, weil er dauernd im Internet unterwegs war statt im Stadion. Wenn Sie schon die "Jasmin" nicht kennen, an den Camoranesi werden Sie sich ja vielleicht noch erinnern. Den haben die 2011 gekauft und Sebstian Rudy dafür an Hoffenheim verkauft. Und wo steht Hoffenheim heute? Auf Platz 13.

Wenn wir Sie richtig verstehen, sind die vielen Fehlein- und -verkäufe schuld.

Richtig. Der Rudy hat sogar mal ein Tor in der Champions League gemacht. Und der Camoranesi kam als Superstar für endlos viel Kohle von Juventus Turin, spielte sechs Mal und flog einmal vom Platz. Dann war Ende. Und wir waren Achtzehnter.

Und deshalb wird jetzt beim VfB das Internet abgeschafft?

Richtig. Ich hab's dem Dutt x-mal gesagt: Mach's wie Margit (MV-Gattin – d. Red.) und ich, geh mit den Leuten essen, schau, wie sie Messer und Gabel halten, mach den Abend lang, schau, ob sie mithalten beim Trollinger oder nicht, und dann jag sie am nächsten Morgen über den Platz. Aber was macht der Dutt? Sammelt Internetadressen von den Spieler- und den Beraterseiten. Damit ist jetzt Schluss, Ende, Legende.

Kommen wir zurück auf Ihre Krisenerfahrungen von 1974.

Da wollte dieser linke Sozi Conradi OB in Stuttgart werden. Wir haben ein paar Kinos dazu gebracht, dass "Der Wüstenfuchs" gespielt wurde. Und dann hat der Manfred Rommel gewonnen.

Wie der VfB, der 1977 mit Ihnen als Präsident nach zwei Jahren den Wiederaufstieg geschafft hat.

Richtig. Bei mir hieß die Devise: Als Spieler musst du lernen, Gras zu fressen. Auch wenn da immer sofort die Ernährungsfritzen kommen mit ihrer Bedenkenträgerei. Die rechnen dir dann die Herbizide im Nanogramm vor. Davon darfst du dich nicht kirre machen lassen, als Präsident schon gar nicht. Da brauchst du den Überblick. Den hatte ich immer. Und ein ganz langes Gedächtnis. 1976 haben wir zu Hause gegen Reutlingen zwei zu drei verloren, vor 1200 Zuschauern. Ab 1977 spielten wir immer vor vollem Haus, vor fast 55 000 Leuten im Schnitt. So was geht nur, wenn alle an meinem Strang ziehen.

Kommt denn da der VfB wieder hin?

Da könnt ihr Gift drauf nehmen. Dass die Gegner denken, gegen den VfB, das gibt für uns wieder so ein betreutes Torschießen, das ist jetzt genauso vorbei wie Einkaufen im Internet.

Woher der Optimismus?

Unsere Zeit ist viel zu schnelllebig und vergesslich. In der ewigen Tabelle aller 54 Vereine, die jemals in der Bundesliga waren, liegen wir auf Platz fünf. Das soll uns erst mal einer nachmachen. Das ist nicht nur Geschichte, das ist Verpflichtung.

Apropos Verpflichtung. Holen Sie neue Spieler?

Ich habe immer neue Spieler geholt. Bei mir sind Leute von außerhalb wie die Förster-Brüder, der Kuranyi, der Klinsmann, der Buchwald, der Fritz Walter groß geworden. Und zwar ohne Internet. Ihr kennt eure Leser doch sicher genauso wenig wie der Dutt die Spieler, die er gekauft hat. Ich fliege vom Pokalfinale in Berlin, Dortmund holt übrigens den Pott, direkt ins Allgäu zum Pfingstcamp der Jugend. Ab sofort behalten wir unsere Talente. In drei, was sag ich, in zwei Jahren, spielen wir wieder oben mit.

Und unter wie vielen der gefühlt 35 Trainer in Ihren 25 Präsidentenjahren haben Ihre Spieler kein Gras gefressen?

Das ist das Problem. Die Leistung stimmt zu oft eben nicht. Wenn du jedes Jahr mit dem Oettinger in Lech Skifahren warst, dann bist du da Experte. Der hat in den höchsten Bergen gerufen und gerufen, aber außer Echo kam nix. Und wenn die Lawine rollt, immer schön zur Seite treten.

Auf welchen Trainer dürfen wir uns jetzt freuen?

Jetzt verrate ich Kontext mal wirklich ein Geheimnis. Damit könnt ihr groß rauskommen. Übermorgen treffe ich den Toto Wolff. Da schaut ihr, oder? Da fällt euch nichts mehr ein!

Außer vielleicht, dass der kein Fußballtrainer ist, sondern Motorsportchef bei Mercedes?

Na und. Darum geht es doch nicht. Es geht ums Prinzip, um die Mechanismen, um die Neuaufstellung. Hat er den Rennstall von Grund auf saniert und zur Weltmeisterschaft geführt oder nicht? Er hat. Und das kopieren wir jetzt bis zur Weltmeisterschaft, halt, bis zur Meisterschaft.

Das kostet aber Geld. Viel Geld.

Also, Geld wird überschätzt. Das hat auch der Blatter immer gesagt, und der Franz sowieso. Wichtiger ist, dass die Fans sich mit ihrem Verein identifizieren. Das funktioniert aber nicht, wenn bei Bayern gegen Cottbus nur zwei Germanen auflaufen. Dann stimmt da was nicht, und das merkst du doch sofort. Ich gebe den Schwaben das Wir-Gefühl. Vauvauvaueffbeh!

Das berühmte magische Dreieck beim VfB in den Achtzigerjahren hieß Elber, Bobic, Balakow. Die waren geboren in Brasilien, Jugoslawien und Bulgarien.

Jetzt kommt mir nicht mit irgendwelchen Einzelfällen.

Dann zum großen Ganzen: Hoffen Sie bei Ihren Anstrengungen auf die grün-schwarze Landesregierung?

Wir bemühen uns nicht, wir sind schon wieder auf der Erfolgsspur. Meine Rückkehr ist der Beweis. Und von dem VfB-Mitglied Kretschmann erwarte ich als sein Präsident eine Initiative im Bundesrat, dass die Spieler auch bei den Spielen der Bundesliga die Bundeshymne anstimmen. Das eint. Und bevor mir von links-grün versifften Alt-68ern etwas angedichtet wird: Die dritte Strophe würde reichen.


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6 Kommentare verfügbar

  • by-the-way
    am 16.05.2016
    @ Zaininger:

    Zitat: "Wir können alles außer Fußball..."

    Den Spruch muss ich korrigieren:

    "Wir können gar nichts (Demokratie, Stuttgart21, lebenswerte Stadt...) , und auch nicht Fußball!

    Das ist die treffende Beschreibung dieser Stadt.

    "Oben bleiben!", der legendäre Spruch dieser Stadt hätte auch auf die Fußballvereine gepasst!

    Seltsamerweise scheint der Niedergang der Fußballvereine Stuttgarts irgendwie in Zusammenhang mit der Stadtseuche "Stuttgart21" zu stehen.

    2007 noch Deutsche Meisterschaft...

    2016 nur noch unterirdisch!
  • Zaininger
    am 15.05.2016
    Wir können alles außer Fußball...
    Ob MV nun von ganz oben oder ganz unten Ratschläge gibt: der VfB I. und II. und Kickers I. sind zumindest erst mal eins tiefer und das empfinden manche schon als "die Hölle".
    Wenn eine wirtschaftsstarke Region - nach der Logik der kapitalistischen Wertschöpfung - sich im Kommerz-Fußball nicht behaupten kann, scheint da anderes eine Rolle zu spielen. Vielleicht tummeln sich im Windschatten von erfolgreichen Managern und Unternehmen auch eine Menge zweit- und drittklassige Figuren durch die schwäbische Landschaft.
  • Blinkfeuer
    am 12.05.2016
    "Und vor dem letzten Spiel kann es nur heißen: sich zu besinnen und kräftig durchatmen!"
    "Durchatmen? In Stuttgart?"
    Tja, die Grünen Kuhn und Kretsche haben das größte Dreckloch der Beraterrep. D. das gönne ich denen.
  • Peter Schey
    am 11.05.2016
    Meine Ehefrau und mein Vater sind Fußballfans. Zwischen ihnen läuft seit Jahren eine Wette: Bei der nächst möglichen Liga-Begegnung ihrer Mannschaften lädt der eine den anderen (jeweils samt Partner) zum Heimspiel seines Teams ein.
    Mein Vater bekennt sich seit gefühlten Jahrhunderten - mit Sorgenfalten unter den Augen wie Jahresringe - bekennender VfBler. Meine Gattin schwärmt für St. Pauli. Wir freuen uns auf Hamburg !
  • Claus Wilcke
    am 11.05.2016
    "Alle müssen an einem Strang ziehen! An welchem? An meinem, natürlich!"
    yezz!yezz!yezz! Bitte mehr von dieser Sportredaktion!
  • Peter S.
    am 11.05.2016
    Klasse, ganz im Stil von Oskar ;-)

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