Kevin hat sich den Arsch aufgerissen für "seinen" Club. Fotos: www.gibmich-diekirsche.de

Ausgabe 250
Gesellschaft

Kevin allein im Kessel

Von Michael Friederici
Datum: 13.01.2016
Ein Weltmeister beim VfB! Wer hätte das gedacht? Und ausgerechnet Kevin Großkreutz, der gar nicht ins Bild des Daimler-Kickers passt. Ein bekennender Kevin-Fan weint und schreibt, warum das trotzdem nicht schiefgehen muss.

Kevin beim VfB. Was, bitte, soll das? Das Klima im Neckarkessel hat mit Sohle 7 "auffem Pütt" (Zeche/Grube – für die hiesigen Eingeborenen haben wir die Ruhrgebietsidiome übersetzt) so viel zu tun wie Kutteln mit Pfefferpotthast. Hört man jedenfalls. 

Aber mal ehrlich und ganz unter uns: Es gibt Schicksale, die die Welt bewegen, und obwohl Dortmund nun auch nicht gerade Paris und die Ruhr nicht die Seine ist, aber Stuttgart, nein, das hat er nicht verdient.

Obwohl ...

Also für alle, die sich nicht so auskennen, fang ich mal ganz von vorn an: Kevin ist ein Dortmunder, Borusse, durch und durch, mit entsprechendem Tattoo auf der Wade - kurzum: alles andere als einer dieser typischen Daimler-Typen. Und dann ist Kevin ein Kicker, wie es eigentlich keinen mehr geben sollte, in der blattrigen Bayern-Event-und-Verkaufs-Show des Sportes. Er ist einer, der pöhlen (bolzen) will und der es noch richtig ernst meint, wenn er auf sein Herz klopft. Dass Kevin in Dortmund keinen ordentlichen Abschied bekam, das hat mich schon richtig angefressen. In echt (ährlich).

So einer passt nicht zu den Anzugträgern

Das war, das ist kleinkariertes Getue von Anzugträgern, die Angst davor haben, dass jemand sie mit dem Punk verwechseln könnte. Das war, das is schäbbig (schofelig)! So! – Kevin ist BVB – und wer Kevin auf diese schale Art in die Wüste schickt, der will einen anderen Verein, der will nicht den BVB, den wir wollen, na ja, ich zumindest. Aber wer, bitte, würde denn nicht gern mal mit Kevin und seinen Kumpels richtig auf der Süd abfeiern! (Süd = größte Stehtribüne Europas mit einer Kapazität von rund 25 000 Plätzen, die "Gelbe Wand"; dort stehen und leiden und jubeln und inszenieren sich die Treuesten der Treuen). 

Kurzum: Für einen wie Kevin ist es wohl das Beste, dass er endlich wieder beim Fußball angekommen ist.

Gut, ich will jetzt mal versuchen, sachlich zu bleiben, also: Kevin hat sich den Arsch aufgerissen für "seinen" Club, er hatte sogar angeboten, freiwillig zu den Amateuren zu wechseln. Natürlich kann jetzt der gemeine auf "Selbstoptimierung" getrimmte und "Ich will mich verbessern"-Schwätzer darüber lamentieren, dass ihm ein Auslandsaufenthalt gutgetan, den Blick geweitet, ihn weltmännischer gemacht hätte. Hätte, hätte, Fahrradkette.

Kevin, wann kapiert ihr das, tickt anders. Der fühlt sich "bei seine Oma" wohler als in der globalisierten Welt, in der es Wurst ist, ob ich im Hilton New York oder an der Weinsteige logiere; is ja eh alles das Gleiche. Eben nicht. Kevin personalisiert nicht die Sorte "Götze-Karriereplan", er gehört in eine Reihe mit Ente, Stan, Erwin und Aki, mit Willi (Entenmann), Robert (Schlienz) und Günter (Sawitzki) – Kerle, die uns aussterbenden Fußballromantikern noch heute die Tränen in die Augen treiben!

Statt platter Werbesprüche der Abteilung Dummdeutsch hätte Kevin ein Denkmal vorm Tempel bekommen (Tempel = so heißt das Westfalenstadion in Dortmund in "Fachkreisen"). Das mal dazu! Allerdings eines, bei dem nicht jeder Hund sein Revier abpissen kann. Endlich sind wir beim Thema.

Denn dass Kevin in ein Hotel ..., also das nehme ich ihm bis heute übel. Das wollte ich nämlich schon immer mal selbst, aber ich habe mich nie getraut. Ganz unter uns: Ich wüsste noch einige Orte, die das Pinkeln lohnten, um das mal auf die "Sachebene" zu beschränken. Und ich würde von diesen aufgeregt Empörten des guten Geschmacks gern einmal wissen, wo sie denn ihren Harn schon überall erleichtert abgeschlagen haben. Und das heute überall ein Idiot der Sorte "Leser-Reporter" sein Smartphone anlegt, und es dann auch noch Redakteure gibt, die diesen Müll veröffentlichen ...

Verdammte Hacke, wo leben wir denn? Offen gestanden, lieber Kevin: Für diese Deppen ist jeder Döner zu schade – und Spätzle sowieso! So viel dazu.

Charakterköpfe auf den kleinsten Nenner runtergeschrieben

Nebenbei: Dass diesen anpassungswilligen Schreiber- und Sprechlingen in ihrem Beruf die Hose flattert, das haben sie verdient. Sie schreiben Charakterköpfe, die noch Eigensinn ausstrahlen (ich erinnere in diesem Zusammenhang auch an Mats H. aus D.), bewusst auf ihr Niveau, den kleinsten Nenner runter, von Gemeinsamkeit keine Spur, eher von statistischem Gleichmaß. Bei denen soll doch jeder, der nicht den x-beliebigen, pseudocoolen jungstinkreichen Kotzbrocken mimt, also einer wie Kevin, in die Anstalt, um sich aalglätten und anpassen zu lassen. Diese Meinungsmacher helfen aktiv dabei, dass bald niemand mehr den Unterschied zwischen Schreibprogrammen und ihrem berechnenden Personalisieren und Skandalisieren kennt. 

So viel zur Sachlichkeit! Das musste mal raus! 

Meine Güte: Kevin ist 27, immer noch ein junger Kerl, einer, der aber noch nie zu den Sonnenbank-Schnöseln dieser flachstirnigen "Ja, aber"-Plattitüden-Generation gehörte. In Kevin steckt mehr Leben als in zehn Bayern-Spielern in Lederhosen! Das sind doch die wahren Relationen! Und dass das nix geworden ist, mit ihm in der Türkei, ich meine, das lag an 48 Sekunden, das lag an einem Transferpatzer seitens seines vermeintlich neuen Vereins, weshalb ihm die FIFA bis Anfang Januar die Spielberechtigung aberkannte. 

Dass ihn der Süperligist jetzt ohne großes Bohei hat gehen lassen, das war eine richtig große Geste! Denn Kevin ist einer, der noch Spaß am Kicken hat. Ja, der will wirklich nur spielen! Und dieser im besten Sinne Fußball-"Ver-Rückte" durfte jetzt fast ein Jahr nicht mehr auflaufen. Das hat ihm richtig wehgetan. Der Junge ist heiß. Der hat sich bei Westfalia Wickede (einem Dortmund-Vorort-Club, der in der sechsten Liga kickt) fit gehalten.

Kevin wird sich am Neckar zerreißen

Werte VfBler, ihr habt mit Kevin Großkreutz einen richtig guten Kicker, einen "echten Kerle" eingekauft, so viel steht mal fest. Der wird sich auch am Neckar zerreißen. Sogar am 9. Februar, da empfängt der VfB den BVB im Viertelfinale des DFB-Pokals. Pflegt mir diesen Mann bloß einigermaßen. Denn dem deutschen FC Hoeneß-Beckenbauer-Rummenigge-Sammer-Fußball täte nichts besser, als ein, zwei, drei, vier, viele Persönlichkeiten wie Kevin Großkreutz.

Und Kevin? Dem wünsche ich dass er endlich wieder spielen kann, ja, dass er wirklich bei euch ankommt. Das hat er verdient. Wirklich. Dass er dann irgendwann wiederkommt, zumindest auf die Süd, das steht natürlich fest. Denn da gehört er hin. Dort soll er sein richtiges Dankeschön kriegen. Schließlich hat er das Profil des neuen BVB entscheidend mitgeprägt. Wann trifft man heute schon noch einen Kicker, der sich so mit einem Verein identifiziert wie Kevin? – Eben. Und eines steht deshalb natürlich auch fest: Kevin ist einer, der bleibt, auch wenn er geht!

Lieben Kevin, getz hau endlich ab, sons fang ich noch am Heulen an... (Hemmrs jetz? I will jetz nedd heila. Gang ahne!)

 

Michael Friederici ist zuerst einmal Dortmunder, BVBler, um genau zu sein. Und das, seit sein Onkel Fritz mit ihm ins damalige Stadion Rote Erde pilgerte. Da hat er Fußball-Fan gelernt, das Schreiben bei der "Westfälischen Rundschau", danach wohlfeile Kritiken fürs Tübinger Tagblättle verfasst und nebenbei noch das Zentrum Zoo und die Französischen Filmtage mitbegründet und -geleitet. Nach vielen Jahren bei einer Hamburger Filmproduktion nennt er sich jetzt wieder Kulturarbeiter. In dieser Eigenschaft arbeitet er auch für das Dortmunder Online-Fanzine "Gib mich die Kirsche". Seinen dort erschienenen Beitrag hat er für Kontext kompatibel gemacht.


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10 Kommentare verfügbar

  • Top oder Flop?
    am 17.01.2016
    @zainiger
    Ohne die Millionen von Uli H. Wäre der Bvb schon pleite.

    Ich wünsche KG viel Glück und dass sein Körper fit bleibt.
    Das könnte ein guter Transfer werden.
    Aber die Wahrheit liegt auf dem Platz und wir werden im Mai schlauer sein.
    Und ich denke, dass Herr Großkreutz sich mit dem Städtle anfteunden kann.

    Aktuelle Umfrage zur Lebensqualität in deutschen Städten:
    4. Stuttgart
    60. Dortmund

    Noch Fragen?

    Ich liebe mein Städtle. Gerad als Sportler kann man hier mit Fahrrad und Laufschuhen Wunderbares entdecken!
    Die Wälder und Höhen, das kulturelle Leben, die Vielseitigkeit und Weltoffenheit,
    hach... Einfach schön hier!

    Und was hat der Transfer eigentlich schon wieder mit S21 zu tun?
  • Zaininger
    am 16.01.2016
    @blender
    Zu Ihrem Beitrag und Rückwanderungsvorschlag ließe sich gerne einer drauf setzen: der "Pott" hat den Südwesten (wie die preußische Streusandbüchse) ausgehalten, da war von Länderfinanzausgleich und ähnlichem noch nicht die Rede.
    Und mit den bei S21 versenkten Mitteln ließe sich das halbe Regionalbahnnetz der Republik sanieren.
    o.k. times are changing ...
  • Mac
    am 15.01.2016
    @Blender - getroffene Hunde bellen!
  • Blender
    am 15.01.2016
    @Zaininger; ..Vorort-Kübler..
    Warum so beleidigend gegen die Schwaben? Waren wir in der Vergangenheit nicht nett genug? Haben wir ihren Lohn unregelmäßig bezahlt?... oder ist es Neid? ... wenn ich mir Ihr Alias so anschaue, dann scheinen Sie sich in der Gemarkung Römerstein ganz wohl zu fühlen, oder ist das Ihr Name, dann sind hier sogar ihre Wurzeln. ... aber wenn Sie es im Pott schöner finden als hier, ziehen Sie ruhig wieder zurück nach NRW. Mit dem in Schwaben gut verdienten Geld reicht es im Pott für Sie dann auch für eine Luxus-Wohnung im Vorort von Dortmund.
  • Zaininger
    am 14.01.2016
    Es gab (schon im Neckarstadion) Spiele des VfB gegen Borussia, da waren nicht weniger gelb-schwarze Fahnen zu sehen als rot-weiße. O.k. da schwingt immer noch die alte Liebe zur "Rote Erde" mit. Wir "Reingeschmeckten" Arbeitsemigranten aus dem Pott und anderen Regionen von NRW begrüßen den Neuen aufs herzlichste! Nur 2x im Jahr müssen wir dann doch die schwarz-gelbe raus holen und das sind in dem Fall nicht die Farben von Stuttgart (sorry, Ihr Vorort-Kübler mit Luxus-Wohnung im Remstal und Sonnenbank-Schnösel).
  • heiribido
    am 14.01.2016
    Großkreutz fand dies witzig und die Dortmunder Monopol-Journaille "Ruhr Nachrichten" hat es nicht nur einmal veröffentlicht, sondern mehrfach und auch noch fett in einem Kasteni: "Wenn mein Sohn Schalke-Fan wird, kommt er ins Heim." Ich weiß, die Intelligenz von Fußballern lässt häufig zu wünschen übrigen. Die Beschränktheit jedoch leider nicht.
  • Barolo
    am 14.01.2016
    Da hat der Schreiber aber mächtig recht.
    Dachte auch erst bei der Hotelgeschichte - Mann wie arrogant ist der denn.
    Aber wenn ich an meine diversen Örtchen zurückdenke.............

    Dann wollen wir mal alle hoffen, daß der Kerle unserer Laiengruppe aus dem Keller helfen kann.
  • Blender
    am 13.01.2016
    @schäbbig
    der Duden sagt "schäbig" http://www.duden.de/rechtschreibung/schaebig
  • Blender
    am 13.01.2016
    Kevin Großkreutz ist beim VfB in einer ähnlichen Position wie Effenberg als Trainer bei Paderborn. Er hat nichts zu verlieren, aber viel zu gewinnen. Wenn der VfB der Spur Gladbachs folgt und im oberen Tabellendrittel landet ist er der Macher. Wie Vedad Ibišević dereinst bei den Hoffenheimern bzw. der andere Kevin, Kevin Kurányi bei den Stuttgartern..., damals!

    A propos Kurányi bzw. Hoffenheim. Kann mir mal eben einer schnell sagen wo die gerade in der Tabelle stehen?
  • invinoveritas
    am 13.01.2016
    schöne geschichte. aber es muss natürlich nicht schäbbig heißen, sondern: schebbich! sacht ihm das!

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