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Fredi auf dem Feuerstuhl

Fredi auf dem Feuerstuhl
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Der VfB Stuttgart kickt gegen Abstieg, feuert den jungen Trainer Thomas Schneider und holt in Huub Stevens einen Schleifer alter Schule. Geblieben ist Sportdirektor Fredi Bobic, dem die Misere zum Gutteil angelastet wird. Nicht zu Unrecht – wobei auch er gegen VfB-Mysterien machtlos ist.

Die Stimme des Volkes kann manchmal laut und fordernd sein. Zumindest auf dem Fußballplatz. Da haben die Fans, beim Spiel ihres VfB gegen Braunschweig, ihren Job gemacht. 90 Minuten gegrölte Dauerunterstützung. "Wir sind immer für euch da, kämpfen, siegen" und so weiter. Die Männer und Frauen der Cannstatter Kurve geben alles und ertragen dabei auch jeden noch so tristen Gurkenpass oder Stockfehler stoisch. Die Edlen auf der Haupttribüne pfeifen sich dagegen ihren Frust von der Seele. Und nach dem Abpfiff auch die Fans, aber erst dann.

Während das Stadion so gut wie leer ist und sich die Business-Fraktion am Büffet mit schwerem Roten beruhigt, platzt dem gemeinen Fan der Kragen. "Wir wollen den Vorstand sehen", brüllen sie mit verzerrten Gesichtern und schwingenden Fäusten aus dem immer noch proppenvollen Fanblock. "Stellt Euch." Aus den Lautsprechern der Arena tröpfelt dagegen sanft die schwäbische Liebeserklärung "VfB, i steh zu Dir" von Wolle Kriwanek. Aber das wirkt jetzt auch nicht mehr. Eine Legion Ordner marschiert auf, einige Fans, die über die Absperrung drängen, werden im Polizeigriff aus dem Stadion gezerrt. Die Situation droht zu kippen, aber dann kommen sie tatsächlich, die Herren des VfB. 

Bernd Wahler, der Präsident, vorneweg. Dahinter Sportdirektor Fredi Bobic und Finanzvorstand Ulrich Ruf. Das ist das komplette Präsidium des Bundesligisten. Wahler, erst seit ein paar Monaten im Amt, genießt offenbar selbst in dieser brenzligen Situation noch Welpenschutz, Kassenwart Ruf ist länger beim VfB, als die meisten Fans alt sind, also bekommt der Manager, der Fredi, den Zorn ab. "Bobic raus", hallt es, und als er den Zusammenhalt beschwören will, wird er niedergepfiffen. Für die Fans, das ist klar, ist er der große Übeltäter. Er und ein bisschen auch Trainer Thomas Schneider, der ein paar Stunden später entlassen wird.

Der VfB ist so etwas wie ein 80-Minuten-Club

Ist Bobic tatsächlich der Grund allen Übels? Zunächst einmal ist die Situation sportlich doch sehr speziell, der VfB im Moment so etwas wie ein 80-Minuten-Club. So lange geht's so lala, danach wird es aber ebenso unerklärlich wie sportlich grausam. Gegen Braunschweig, gegen die Bayern, gegen Mainz, Leverkusen, die Hertha und in Frankfurt. Am Ende standen sie in ganz kurzen Hosen da. Ohne diese Last-Minute Niederlagen läge der VfB jetzt auf Platz 12.

Tut er aber nicht, der Club steckt tief im Abstiegskampf, und viele fragen sich in der Stadt, warum der Verein über all die Jahre mit einer Art Achterbahnautomatik durch die Liga rumpelt. Mal ganz oben wie bei der Meisterschaft 2007, dann wieder mit einem Bein in der zweiten Liga wie jetzt. Prognosen über die Entwicklung des VfB haben deshalb in etwa die Aussagekraft eines 100-jährigen Wetterkalenders. Aber woran liegt es, wie kann es sein, dass ein Club, der treue Zuschauer hat und in einem der wirtschaftsstärksten Regionen Deutschlands angesiedelt ist, keine Beständigkeit wie zum Beispiel Leverkusen oder Dortmund entwickelt? Langjährige Beobachter erzählen, dass der VfB eben schon zu lange im eigenen Saft koche und zu wenig Klasse und Fantasie beim Führungspersonal besitze. Und im Moment rückt dabei der Sportdirektor in den Fokus. Nicht nur bei den Fans.

Fredi Bobic, ein Kind der Stadt, das über die zweite Liga bei den Stuttgarter Kickers 1994 zum VfB kam, in fünf Jahren als Stürmer 69 Tore für den VfB schoss und mit der Nationalmannschaft Europameister wurde. Der Fredi, dem die Tribüne oft zugejubelt hat, ist jetzt Manager – und droht am eigenen Anspruch zu scheitern. Noch bei der letzten Mitgliederversammlung machte er klar, dass diese Mannschaft sozusagen seine sei. Und an deren Erfolg wolle er sich messen lassen. Das könnte bitter werden – von 24 Lizenzkickern des VfB-Kaders hat er 18 verpflichtet. Und die meisten tun derzeit wenig für ihren Sportdirektor. Auch Vedad Ibisevic nicht, der sich mit einer dämlichen Roten Karte in Augsburg für fünf Spiele verabschiedet hat.

Einige von Bobics Einkäufen waren in der Tat kurios. Gleich zu Beginn seiner Amtszeit 2010 holte er von Juventus Turin den italienischen Nationalspieler Mauro Camoranesi nach Stuttgart. Ein leibhaftiger Weltmeister beim VfB – wow, da wurden Erinnerungen an den Brasilianer Carlos Dunga wach, der von 1993 bis 1995 beim VfB kickte und 1994 Weltmeister wurde. Camoranesi war nach sieben Ligaspielen wieder weg. Und in denen zeigte er sich als das, was ihn in Turin auf die Bank gebracht hatte – als Auslaufmodell. Bobic holte auch Spieler wie Tunay Torun (schon wieder weg) oder zu Beginn dieser Saison Sercan Sararer. Beide traten so gut wie nicht in Erscheinung.

Schlecht, wenn man die Ersatzbank von Hannover 96 leer kauft

Mit Häme überschüttet wird Bobic mittlerweile für seinen Dreifach-Deal mit Hannover 96. Spötter im Norden freuten sich, dass der VfB die Ersatzbank der Niedersachsen leer gekauft hat. Das ist leicht übertrieben, weil der 3,5 Millionen Euro teure Stürmer Mohammed Abdellaoue als Mann mit Potenzial gilt. Nur, gezeigt hat er es bisher kaum. Die beiden anderen, Karim Haggui und Konstantin Rausch, sind alles, nur nicht erste Wahl. Das gilt auch für den Neuseeländer Marco Rojas und Carlos Gruezo aus Ecuador. Beide tauchen einfach nicht auf.

Ein bisschen viel auf einmal, und deshalb sinkt der Stern des Urstuttgarters Bobic. Beschleunigt noch durch den Versuch, seinen alten Kumpel Krassimir Balakov zum Nachfolger von Thomas Schneider zu machen. Das war selbst seinen Vorstandkollegen zu viel der alten Seilschaften. Statt "Bala" kam der Holländer Huub Stevens, bei dem Bobic schon in Berlin als Spieler war. Die beiden waren damals keine Freunde, Stevens deshalb sicher auch nicht Bobics Wunschkandidat.

Der Holländer soll es jetzt bis zum Saisonende richten. Danach will Wahler das Konzept – eigene Jugend unterstützt von wenigen aber wertvollen Routiniers – offenbar unbeirrt fortsetzen. Der neue Präsident, der in den ersten Monaten seiner Amtszeit nahezu unsichtbar war, zeigt damit langsam Profil und den Anspruch, das Schiff auch gegen den Sportdirektor zu steuern.

Fredi Bobic müsste sich glatt selbst entlassen

Und er setzt dabei auch auf Symbolik. So präsentierte der Verein zwei Tage vor dem Spiel gegen Braunschweig, stolz wie Bolle, eine Personalie, die wohl die Politik des Präsidenten untermauern sollte. Timo Werner, einer aus dem eigenen Nachwuchs, jung und gerne mit dem Beinamen "Supertalent" geführt, unterschrieb an seinem 18. Geburtstag einen Vertrag bis 2018. Na also, geht doch, sollte das zeigen. Werner, der im August 2013 zum ersten Mal in der Bundesliga spielte und in der Historie als jüngster Bundesliga-Torschütze des VfB geführt wird, hatte sich vorher freilich wochenlang geziert, dem Werben des Vereins nachzugeben. Supertalente spielen nicht gerne in der zweiten Liga, sodass man davon ausgehen muss, dass dem original Cannstatter Bub sicher noch pekuniäre Entscheidungshilfe gewährt wurde.

Die unruhigen Zeiten in Cannstatt sind also mit dem zweiten Trainerwechsel in dieser Saison sicher nicht vorbei. Stevens, der kantige Disziplinario aus Holland, soll das Team in der Liga halten, danach der Kurs mit jungen Leuten fortgeführt werden. Was nicht so einfach ist, solange nicht klar ist, in welcher Liga der VfB demnächst kickt. Ein immer wieder genanntes Gedankenspiel am Neckar ist es, Ralf Rangnick als Sportdirektor zu holen, ihm die Verantwortung für den Kader zu übertragen und ihn den geeigneten Trainer suchen zu lassen – was dann aber das Ende für Fredi Bobic bedeuten würde. Nur, wie geht so was? Bobic sitzt im Präsidium, müsste sich also selbst entlassen.

Aber taugt Bobic zum alleinigen Sündenbock? Dazu gibt es zu viele Mysterien in den vergangenen Jahren. Spieler, die als gute kamen, verloren auf unerklärliche Weise ihre Klasse, wie zum Beispiel der Däne William Kvist oder der italienische Nationalspieler Christian Molinaro. Andere werden in Cannstatt als zu leicht empfunden und verscherbelt. Und danach drehen die so richtig auf, wie etwa der Japaner Shinzij Okazaki in Mainz. Das verstehe, wer will. 

Insofern schön ruhig bleiben, VfB-Fans. Oder um es mit Dragoslav Stepanovic zu sagen: "Lebbe geht weider." Mit oder ohne Bobic.


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8 Kommentare verfügbar

  • Michael
    am 18.03.2014
    Antworten
    Runter mit dem VFBäh!
    Grüße aus Karlsruhe
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