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Jungwähler raus!

Wahlen: Jungwähler raus!
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Während die USA mit ihren zwei Oberopas hadern, zerbricht sich Deutschland über seine Jungwähler den Kopf: Die Halbstarken wählen ja gar nicht grün – sondern rechts!? Deshalb müssen wir das Wahlalter leider wieder anheben, meint unser Kolumnist.

Es reicht! Runter mit dem Maulkorb! Ihre lieb gewonnene Klartextkultkolumne "Oettle über alles" bespricht heute endlich mal jene augenfälligen Probleme, mit denen wir uns in unserem schönen Land wegen einer ganz bestimmten Personengruppe herumschlagen. Schwierige Menschen mit eigener Kultur und eigener Sprache, die sich vorsätzlich vom Gemeinwesen abgrenzen, und vor denen die linksgrüne Woke-Fraktion jahrelang die Augen verschlossen hat: junge Leute im wahlfähigen Alter. Denn Fakt ist: Junge Leute kriegen alles von uns, jammern immer, arbeiten nie, und zum Dank wählen sie dann auch noch Nazis. Junge Leute sind die neuen Ostdeutschen.

Schon der Blick auf die Statistik verrät: Deutschland hat ein Problem mit jungen Leuten. Menschen zwischen 18 und 24 Jahren bauen nicht nur die meisten Autounfälle, sondern auch die größte Scheiße. Sie sind deutlich häufiger kriminell, nehmen deutlich öfter Drogen und haben im Laufe ihres Lebens deutlich weniger zum Bruttoinlandsprodukt beigetragen als etwa die 60- bis 70-Jährigen.

Falls hier junge Leute mitlesen: viel Glück! Dieser Text hat gut 8.000 Zeichen, das schafft ihr mit eurem dopaminverseuchten Goldfischgehirn niemals. Lesezeit: acht Wochen. Spätestens nach dem zweiten Absatz wird euer Smartphone vibrieren und blinken, nach dem dritten Absatz werdet ihr den Drang nach einem raschen Blick auf die Meldung eures Taschentelefons nicht länger unterdrücken können, werdet die Lektüre pausieren, nur kurz, klar, ihr nehmt euch vor, gleich weiterzulesen, aber wir wissen alle, dass ihr schon den vierten Absatz gar nicht mehr ...

Barbaras Rhabarberbar abarakadabaraaahh!!!

Hahaha, was ist denn das, ein neues Video von Lenny the Lizard, diese lustige Bartagame mit einer Million Instagram-Follower, die artig am Tisch sitzt und ihre Mehlwürmer wegknuspert, hihihi, die trägt ja eine Fliege um den Hals, cute! Kurz an der Elfbar ziehen, digga, Ski Aggu droppt 1 Banger mit Ikkimel! Wie Gigi D'Agostino döp dödödöp, nicer Dance von @dilaraa.s, bro, was geht auf Twitch: WTF honeypuu – hat sie nicht gesagt?! Kurz ‘ne Runde "Subway Surfers", boa geiles Rezept für vegane Creamy Butter Beans, safe lowkey schmaggo auf lock – Hawk Tuah! – best of Baller League, Barbaras Rhabarberbar abarakadabaraaahh!!!

Falls Sie im vorherigen Absatz nicht alles verstanden haben, lassen Sie es sich doch von Ihrem Nazinachwuchs erklären. Die jungen Leser:innen sind nun jedenfalls ausgestiegen. Kein Digital Native vermag es, mehr als 2000 zusammenhängende Zeichen am Tag zu lesen, ohne danach ein Sabbatical einzulegen. Ab jetzt sind wir Alten hier unter uns und die Adoleszenten beim Gönrgy saufen und Keta ballern.

Oder was junge Leute halt so machen, keine Ahnung, ich bin zur Stunde 32 Jahre alt, meine Jugend flackert nur noch gelegentlich als vergilbte Erinnerung vor meinem inneren Auge, während ich, die ersten körperlichen Gebrechen gewahrend, hinter Ihnen anstehe, werte Leser:innen, in dieser Warteschlange auf den Tod, die wir Leben nennen. Fragen wir uns daher in der Zeit, die uns noch gemeinsam auf Erden bleibt, was sich so viele Zeitungen seit der Europawahl fragen: Warum wollen Jungwähler unbedingt in Uropas Fußstapfen treten?

Vorweg eine kurze Anekdote: Neulich war ich unbeabsichtigt in ein Gen-Z-Konzert geraten. Auf der All-Gender-Toilette wurden reichlich Drogen konsumiert. Am ökologisch fortschrittlichen, sprich: wasserlosen Urinal vernahm ich, wie eine junge Person zu einer anderen jungen Person, die soeben hereintrat, sagte: "Du kommst genau richtig, Bro, wir hacken grade eine auf!" Woraufhin die hereintretende junge Person erwiderte: "Halt mal die Pferde flach, ich muss ACTUALLY pissen!" Worauf wiederum die andere junge Person meinte: "Wieso gehst du dazu aufs Klo, Digga?" Was verrät uns das? So viel wie jede andere Anekdote über die heutige Jugend: nichts.

Rechtsradikale bei 16 Prozent

Deshalb lieber schnell zu den unanekdotischen Zahlen: Keine andere Partei hat bei den Europawahlen mehr neue junge Wähler hinzugewonnen als die AfD. Fast jede:r sechste Deutsche unter 25 Jahren hat sie gewählt, in dieser Altersgruppe kamen die Rechtsradikalen auf 16 Prozent. Noch erschreckender: Neun Prozent haben sogar Volt ihre Stimme gegeben.

Zugegeben: Auch jede:r sechste Deutsche über 25 hat im Schnitt rechtsextrem gewählt, die AfD kam insgesamt ja ebenfalls auf 16 Prozent. Bei den 25- bis 34-Jährigen waren es sogar 18 Prozent, aber auf die möchte ich nur ungern schimpfen, ich bin wie gesagt selbst 32.

Das Phänomen des juvenilen Rechtsrucks beobachten die Metademoskopen von "Europe Elects" allerdings nur in Frankreich und Deutschland. Die beiden Länder sind in der jüngsten PISA-Studientabelle benachbart. Es wäre aber zu einfach, die Angelegenheit auf einen Bildungsmangel zurückzuführen. Zumal die meisten hierzulande unter "politischer Bildung" ohnehin nur verstehen, aus historischer Verantwortung halt nicht AfD zu wählen, sondern CDU. Und die ist bei den jungen Wählern stärkste Kraft.

Nicht erst seit der Wahl machen junge Leute uns Alten den Vorwurf, wir sprächen "sehr viel über junge Menschen, aber wenig mit ihnen" ("Zeit Campus"). Dabei ziehen doch etliche Reporterinnen und Reporter unentwegt los, um unsere neue Hitlerjugend zu interviewen. Ein Student aus Kassel, Mitte 20, erklärte gegenüber der "Hessischen/Niedersächsischen Allgemeinen" etwa, er sei bei der WM in Katar zuvörderst von den Südkoreanern begeistert gewesen, weil "die nur mit ihren Landsleuten gespielt haben". Die "Süddeutsche" zitiert einen 16-jährigen Azubi aus Augsburg, AfD-Wähler, mit den Worten: "Da kommen irgendwelche von der Ukraine und von Afghanistan und kriegen alles in den Arsch geschoben." Dem "Spiegel" sagte eine 20-jährige AfD-Wählerin: "Ich möchte in keinem Kalifat leben." Und die wundern sich, dass niemand mit ihnen reden will.

A bisserl TikTok, a bisserl Ampel, a bisserl Eltern

Allein: Wer trägt denn jetzt Schuld an der gegenwärtigen Dreikäsehochnazifizierung? Die journalistisch-psychologisch-soziologisch-politologische Analyse der Leitmedien fällt dürftig aus: a bisserl TikTok, a bisserl Ampel, a bisserl Eltern. Da haben Sie als "Oettle über alles"-Lesende mal wieder den entscheidenden Vorteil: Hier wird nicht gemutmaßt, hier gibt es Fakten, Fakten, Fakten, Fakten. Damit kriegen Sie bei mir sogar einmal mehr "Fakten" als beim "Focus".

Drum verrat ich’s: Schuld daran, dass unsere uninformierten Jungspunde wählen waren, sind selbstredend diejenigen, die sie zum Wählen geschickt haben. Namentlich Barbara Schöneberger, Jürgen Vogel, Stefanie Giesinger, Eckart von Hirschhausen, Marie Nasemann, Florian David Fitz und wie immer Hannes Jaenicke. Die und noch ein paar andere Dampfpfannenvisagen hatten sich vor der Wahl für ihre Kampagne "Wählen ist wie Zähneputzen: Machst du’s nicht, wird’s braun!" beim Kauleistenschrubben gefilmt und dazu aufgerufen, wählen zu gehen. Das Resultat ist bekannt.

Um im Bild zu bleiben: Es kommt halt schon drauf an, womit man sich die Fressluke fegt, wenn’s nicht braun werden soll – von Nutella als Zahncreme raten führende Dentist:innen beispielsweise ab. Dabei hatte der Präsident des Lehrerverbandes, Stefan Düll, vorab noch gewarnt: Jugendliche interessierten sich laut Düll "nicht die Bohne" für Politik. Und das lässt sich auch nicht ändern. Junge Leute sind schlichtweg vollverblödet. Doch sie können nichts dafür, es ist genetisch bedingt, schauen Sie sich die Eltern an.

Als Gesellschaft müssen wir deshalb konsequent durchgreifen gegen Jungwähler. Und zwar in drei Schritten. Erstens: Wir lassen Jungwähler, die nach dem Abi nach Australien oder Südamerika geflogen sind, nicht mehr rein. Sollen die sich geschlossene Grenzen mal von außen anschauen. Zweitens: Jene Jungwähler, die noch im Land sind, müssen mit aller Härte abgeschoben werden. Dahin, wo sie hergekommen sind. Leid tun mir da nur die Mütter. Drittens: Wir heben das Wahlalter wieder an. Und zwar schleunigst. Bevor Susanne Daubner "Remigration" als Jugendwort des Jahres vermelden muss. Denn das ist die Lehre der letzten Wahl: Auch mit 18, selbst mit 24 Jahren sind Deutsche ganz offensichtlich noch zu jung, um zu wählen. Welches aber wäre ein angemessenes Wahlalter? Wenn Sie mich fragen: 32.

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3 Kommentare verfügbar

  • Peter Meincke
    vor 2 Wochen
    Antworten
    Ja, wirklich lustig geschrieben, aber den wichtigsten Aspekt glatt vergessen: wieso sollten die Jungen noch die Politiker wählen, die sie evidenzfrei und daher willkürlich monatelang weggesperrt haben? Oder auch anders herum: wieso wählen immer noch so viele trotzdem ihre Quälgeister? Oder diese…
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