Auf dem Podium der Gesprächsreihe "Kontext im Merlin" sitzt Jürgen Resch, 65, Chef der Deutschen Umwelthilfe (DUH) seit 1988. Die "Zeit" nennt ihn den "Schrecken der Autoindustrie", für den "Spiegel" ist er ein "Umweltkrieger", für die "Bild" der "gefürchtetste Umwelt-Aktivist" im ganzen Land. Und bei Winfried Kretschmann (Ministerpräsident) und Ola Källenius (Mercedes-Chef) löst schon allein der Name schlechte Laune aus.
Stichwort Fahrverbote: "Diesel-Gate" wurde zum Synonym für das Schweigekartell der Autokonzerne, die ihre Motoren manipulierten, um die Grenzwerte der Abgase zu unterlaufen. Erste Signale kamen 2006 von Bosch, aber erst zehn Jahre später ging es vor Gericht, wo Resch Dauergast als Kläger war und ist. Nicht nur gegen VW, Mercedes und BMW, auch gegen die Regierung Kretschmann, der er vorwarf, "auf Anweisung" der Konzerne die gerichtlich angeordneten Dieselfahrverbote blockiert zu haben. Seitdem mag der grüne Ministerpräsident seinen einstigen Duzfreund nicht mehr. Für die CDU, schon immer für freie Fahrt für freie Bürger, war's kein Problem. Sie beantragte unter Verweis auf die Argumente der Autobauer, der Deutschen Umwelthilfe Klagerechte und Gemeinnützigkeit zu entziehen. Es könnte also noch schwieriger werden, sollte die CDU die Landtagswahl am 8. März gewinnen.
Weiter auf dem Podium: Maike Schmidt, Leiterin Systemanalyse am ZSW, Zentrum für Sonnenenergie- und Wasserstoff-Forschung Baden-Württemberg. Die Wirtschaftsingenieurin ist Vorsitzende des unabhängigen Klimasachverständigenrats der (noch amtierenden) grün-schwarzen Landesregierung und hat, laut Auftrag, das Land auf dem Weg zur Klimaneutralität zu unterstützen. Das Gremium beobachtet mit "großer Sorge", dass der Klimaschutz zunehmend aus Debatten der Landesregierung "verschwindet". Die Umsetzung von Klimaschutzmaßnahmen sei "dringender denn je".
Jan Kohlmeyer leitet die Stabstelle Klimaschutz bei der Stadt Stuttgart. Er ist angetreten, die Landeshauptstadt bis 2035 klimaneutral zu machen. Ein höchst ambitioniertes Unterfangen im Kessel, in dem nach Aussagen des Deutschen Wetterdienstes die heißeste Großstadt Deutschlands heranwächst. "Stop burning things" sei oberstes Gebot, sagt Kohlmeyer, und der Ausbau von Fuß- und Radwegen, des öffentlichen Nahverkehrs und der Elektromobilität Pflicht. Alles nicht einfach bei einem Oberbürgermeister, dem das heilige Blechle über alles geht.
Für seine Perspektive kämpfen wird Samuel Bosch. Vor fünf Jahren, am 12. Dezember 2020, hat er eine Bluteiche in der Ravensburger Karlsstraße bestiegen und ein Baumhaus gebaut, geschmückt mit einem Banner, auf dem "System Change not Climate Change" stand.
Danach ist er in den Altdorfer Wald gezogen, wo er seit fünf Jahren mit jungen Menschen zusammenlebt und von dort zu Protestaktionen aufbricht. Zum Ulmer Münster beispielsweise, an dessen Turm dann ein Plakat mit der Aufschrift "Wäre Jesus Klima-Aktivist?" prangt. In der Region ist er das Gesicht des zivilen Ungehorsams, Aufenthalte im Knast inbegriffen. Der 23-Jährige sagt, es brauche ein "Bewusstsein für die Realität, auf die wir zurasen". Deshalb gelte es, laut zu bleiben.
"Wer spricht noch über das Klima?" – Podiumsdiskussion am Montag, 16. Februar um 19.30 Uhr im Merlin, Augustenstraße 72, 70178 Stuttgart. Den Abend moderieren wird Stefan Siller. Der Eintritt ist frei. Über Spenden freuen wir uns und leiten sie ans Merlin weiter, denn das Kulturzentrum muss die massive Kürzung öffentlicher Gelder verkraften.




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