KONTEXT:Wochenzeitung
KONTEXT:Wochenzeitung

Umweltaktivist Harry Block

Der Unruhestifter

Umweltaktivist Harry Block: Der Unruhestifter
|

Datum:

Vor 54 Jahren war Harry Block auf seiner ersten Demonstration. Und auch heute geht der 76-jährige Karlsruher Unternehmen und Politik unermüdlich auf die Nerven, um das Beste für die Umwelt herauszuholen.

Selbst die Figuren seiner Modelleisenbahn haben die Schnauze voll. Hunderte Ordner und stapelweise Unterlagen teilen sich in Harry Blocks Büro den Platz mit Lokomotiven, Waggons und gut 40 Metern Schienen. Vor dem Bahnhof, unter dem Regal mit den Unterlagen zu den Kraftwerken im Karlsruher Rheinhafen, haben sich Menschen versammelt. Sie fordern den Ausstieg aus den fossilen Energien, setzen sich für Artenvielfalt ein, sammeln Unterschriften für den Stopp der Atomtransporte. Und stellen klar: "Wenn Gesetze versagen, wird es Zeit für Blockaden."

Die Szene gibt einen kleinen Einblick in Harry Blocks Leben als Umweltaktivist: von den Atomprotesten in den 1970er-Jahren bis zu den Forderungen der Fridays-for-Future-Generation. Seit über 50 Jahren setzt sich Block dafür ein, was er als grundlegendes Recht jedes Menschen ansieht: saubere Luft und sauberes Wasser, eine intakte und friedliche Umwelt. Ein Recht, das er gegen Unternehmen und Politik verteidigt, gerade auch dann, wenn die Gesetze versagen und es eben Zeit wird für Blockaden. In den Regalmetern seines Büros ist jeder Kampf archiviert. Die vergangenen und die aktuellen.

Block zieht einen Ordner aus dem Schrank, RDK 8 steht in großen Buchstaben darauf: Block 8 des Rheinhafen-Dampfkraftwerks Karlsruhe. Der 76-Jährige faltet einen detaillierten Lageplan auseinander. Er zeigt auf einen Bereich im Nordosten: "Hier wollen sie jetzt den Block 9 bauen." Natürlich nicht ohne seine Einmischung. Beim Scoping-Termin im Juli, bei dem das Genehmigungsverfahren vorbereitet wird, hat er seine Einwände schon eingebracht. "Ich verstehe nicht, wie man 2025 noch auf ein Gaskraftwerk setzen kann. Für mich ist das ein Rückschritt in die Steinzeit der Energieversorgung." Ein Fortschritt wäre für ihn eine Flusswärmepumpe, wie sie in Mannheim seit 2023 in Betrieb ist. "Der Rhein ist sowieso schon viel zu warm. Warum also dem Fluss keine Wärme entziehen und sie als Fernwärme nutzen?" Die Wärmeversorgung sieht er als kritischen Punkt der Energiewende. "Wir brauchen nicht mehr Strom. Wir brauchen Wärme!"

Block redet sich schnell heiß. Ein Stichwort – und aus dem älteren Herrn mit den schlohweißen Haaren, die unter seiner bunten Häkelmütze in alle erdenklichen Richtungen abstehen, wird ein Aktivist. Drahtig vom jahrzehntelangen Bergsteigen, die Muskeln angespannt, bereit für den Angriff. Er ist tief drin in den Themen. Energie, Radioaktivität, Grenzwerte, Kommunalpolitik – er kann aus dem Stegreif Vorträge darüber halten. "Als Rentner hab ich dafür ja nun genügend Zeit", sagt der ehemalige Berufsschullehrer und schmunzelt. Ein Schmunzeln als Warnung an alle Unternehmen, die im Umkreis von Karlsruhe Kraftwerke und Anlagen planen, die negative Auswirkungen auf die Umwelt haben.

Die Schöpfung bewahren

Mit der Energiefrage begann auch sein Engagement für die Umwelt. 1971 wollte die Erdölraffinerie MiRo in Knielingen eine neue Anlage bauen – "und damit tonnenweise Schadstoffe in die Luft pusten". Block studierte damals Physik und Mathematik auf Lehramt und war in der evangelischen Studentengemeinde aktiv: "Wir wollten ganz einfach die Schöpfung bewahren." Also sammelten sie Unterschriften. Über 30.000 Karlsruher unterschrieben und verhinderten damit zwar nicht den Bau, aber sorgten für wegweisende Umweltauflagen. Aus der Bewegung entstand die Bürgeraktion Umweltschutz Zentrales Oberrheingebiet (Buzo), eine der ältesten Bürgerinitiativen Deutschlands.

Wenige Jahre später fragte ein Freund, ob Block ihn zur Hauptversammlung der Badenwerk AG begleitet, um zu schauen, was die in den nächsten Jahren planen. "Da hab ich mir erstmal eine Aktie gekauft, das war damals noch spottbillig, damit ich dorthin konnte." Wie er haben sich damals auch Bürgerinnen und Bürger aus Wyhl Aktien gekauft, um bei der Hauptversammlung sprechen zu können. "Sie gingen alle nach vorne, sagten ihren Namen und dass sie in ihrem Ort kein Atomkraftwerk wollen." Beeindruckt von ihrem Auftritt, fuhr Block danach nach Wyhl und unterstützte den Protest, der schließlich so massiv wurde, dass die Bauarbeiten 1977 eingestellt wurden. Anders als beim AKW Philippsburg. "Da war ich bei der Genehmigung des zweiten Blocks dabei – allerdings auch beim Abrissfest." Das Atomkraftwerk wurde Ende 2019 abgeschaltet und anschließend abgebaut. Block lacht. "Ich habe es bisher zweimal in meinem Leben erlebt, dass eine Technologie eingeführt und wieder beendet wurde." Zuerst Atomkraft, dann Kohle.

Kampf gegen Energieriesen

Seit über 50 Jahren kämpft Harry Block gegen "Risikokraftwerke" – eine Auswahl:

1973 begann die Kernkraftwerk Süd GmbH Wyhl, eine Tochter des Badenwerks (das später in der Energie Baden-Württemberg, EnBW, aufging), mit der Planung eines Kernkraftwerks bei Wyhl am Kaiserstuhl. Schon mit der Bekanntgabe formierte sich Protest aus der Bevölkerung, dem sich immer mehr Menschen anschlossen und der schließlich so massiv wurde, dass der Bau gestoppt wurde.

In dieser Zeit entstand in Philippsburg ein Kernkraftwerk, das 1979 ans Netz ging. Bürgerinitiativen demonstrierten auch hier gegen die Inbetriebnahme – doch die Bevölkerung der Stadt war größtenteils für den Bau. 1984 ging Block 2 in Betrieb. Als Kanzlerin Angela Merkel 2011 nach der Nuklearkatastrophe von Fukushima den Atomausstieg in Deutschland einläutete, wurde noch im selben Jahr Block 1 stillgelegt, 2019 folgte Block 2.

Das Rheinhafen-Dampfkraftwerk wird von der EnBW betrieben und besteht aus mehreren Blöcken. Die Blöcke 1 bis 3 sind stillgelegt, die Blöcke 5 und 6 außer Betrieb, Block 4, ein Gas- und Dampfkraftwerk, ist in der Netzreserve, könnte bei Engpässen also wieder hochfahren. Genauso wie Block 7, ein Steinkohle-Kraftwerk, das 2024 vom Netz ging. Block 8, ebenfalls steinkohlebefeuert, gilt als besonders effizient, ist seit 2014 im Marktbetrieb und soll noch bis 2028 laufen. Der neu geplante Block 9 könnte zunächst mit Erdgas, später mit Wasserstoff betrieben werden.  (sw)

Block zeigt aus dem Fenster seines Büros. Von seiner Maisonette-Wohnung in der Karlsruher Innenstadt blickt er über die Stadt bis zum Rhein. In der Ferne ragen die Schornsteine des Rheinhafen-Dampfkraftwerks in die Höhe, weiter flussabwärts die Kamine der Raffinerie. "Ich habe sie immer im Blick." Genauso wie die Schadstoffe, die von dort bis in die Karlsruher Innenstadt gelangen. Block war früh überzeugt, dass Energie sauberer werden muss. 1978 war er Mitgründer der Bürgerinitiative "Stilllegung des Kernforschungszentrums Karlsruhe und Umwandlung in ein Institut für regenerative Energien". Der Club of Rome forderte damals schon die Abkehr von fossilen Energien. "Und mir war klar, dass die Atomenergie nicht die Alternative ist." Beim Erörterungstermin von Philippsburg 2, erinnert sich Block, wurde er noch ausgelacht für die Frage, was sie später mit dem hochradioaktiven Müll machen wollen. Warum er sich jetzt schon Gedanken darüber machen wolle, was erst in ein paar Jahrzehnten aktuell sein werde, war die Antwort. "Die haben mich für verrückt erklärt, als Spinner abgestempelt."

500 Euro für ein "Arschloch"

Das hat ihn jedoch nie davon abgehalten, seine Meinung zu sagen. Bei Hauptversammlungen genauso wenig wie bei Erörterungsterminen oder während seiner Zeit im Karlsruher Gemeinderat von 1989 bis 2004. Dort zahlte er lieber mal 500 Euro Strafe dafür, dass er den Oberbürgermeister als Arschloch beschimpfte, als seine Meinung in blumigere Worte zu packen. Block war Mitgründer der Grünen Liste Karlsruhe, 1980 beim Gründungsparteitag der Grünen dabei und lange Mitglied der Partei. Bis die Grünen 1999 unter Joschka Fischer für den Einsatz der Bundeswehr im Kosovo stimmten. Der überzeugte Antimilitarist trat direkt danach aus der Partei aus. "Ich war Soldat. Ich stand 1968 an der Grenze zur Tschechoslowakei, drüben marschierten die Truppen des Warschauer Pakts ein und niemand wusste, was los ist, was wir jetzt machen sollen. Das hat mir die Sinnlosigkeit des Krieges so deutlich gemacht, dass ich meinen weiteren Dienst verweigert habe." Anschließend beriet er Kriegsdienstverweigerer, darunter auch Christian Klar, der sich später der RAF anschloss.

Heute hält Block sich aus der Politik weitgehend raus. Weil die Entscheidungen, da ist er sicher, sowieso woanders gefällt werden. "Sie müssen dahin, wo das Geld ist. In Karlsruhe in den Rotary-Club und in die VIP-Lounge des KSC – da werden die Geschäfte gemacht. Bis das im Gemeinderat ankommt, ist alles schon entschieden." Den Gründungsprinzipien der Grünen fühlt er sich nach wie vor verpflichtet und setzt sie auf seine Weise um. Als Mitglied im Bund für Umwelt und Naturschutz (BUND), für den er mit zahlreichen Stellungnahmen bei Erörterungsterminen für Unruhe sorgt. Als kritischer Aktionär, wenn er bei der Hauptversammlung die EnBW als "Profiteur der Energiekrise" bezeichnet. Als kleiner Stachel im Getriebe. Immer darum bemüht, hier und da doch noch etwas rauszuschlagen für die Umwelt. Nicht immer geht es ihm darum, ein Bauvorhaben komplett zu verhindern, aber er will es zumindest verbessern. Etwa schärfere Grenzwerte durchsetzen, damit Wasser, Luft und Menschen nicht stärker als unbedingt notwendig belastet werden. "Man muss auch einschätzen können, welche Kämpfe man gewinnen kann", sagt er.

Woher er die Energie nimmt nach all den Jahren, sich immer neu in komplexe Themen einzuarbeiten, bei Erörterungsterminen wieder und wieder die gleichen Einwände zu formulieren? "Die jungen Leute", sagt er, ohne zu überlegen. "Es gibt immer junge Leute, wenn du denen in die Augen guckst, die haben das gleiche Glitzern wie ich damals." Das gebe ihm Mut. "Wir wollen doch alle in einer guten Welt leben." Und sein Kampf dafür ist noch längst nicht beendet.

Wir brauchen Sie!

Kontext steht seit 2011 für kritischen und vor allem unabhängigen Journalismus – damit sind wir eines der ältesten werbefreien und gemeinnützigen Non-Profit-Medien in Deutschland. Unsere Redaktion lebt maßgeblich von Spenden und freiwilliger finanzieller Unterstützung unserer Community. Wir wollen keine Paywall oder sonst ein Modell der bezahlten Mitgliedschaft, stattdessen gibt es jeden Mittwoch eine neue Ausgabe unserer Zeitung frei im Netz zu lesen. Weil wir unabhängigen Journalismus für ein wichtiges demokratisches Gut halten, das allen Menschen gleichermaßen zugänglich sein sollte – auch denen, die nur wenig Geld zur Verfügung haben. Eine solidarische Finanzierung unserer Arbeit ermöglichen derzeit 2.500 Spender:innen, die uns regelmäßig unterstützen. Wir laden Sie herzlich ein, dazuzugehören! Schon mit 10 Euro im Monat sind Sie dabei. Gerne können Sie auch einmalig spenden.


Gefällt Ihnen dieser Artikel?
Unterstützen Sie KONTEXT!
KONTEXT unterstützen!

Verbreiten Sie unseren Artikel
Artikel drucken


0 Kommentare verfügbar

Schreiben Sie den ersten Kommentar!

Kommentare anzeigen  

Write new comment

KONTEXT per E-Mail

Durch diese Anmeldung erhalten Sie regelmäßig immer Mittwoch morgens unsere neueste Ausgabe unkompliziert per E-Mail.

Letzte Kommentare:






Die KONTEXT:Wochenzeitung lebt vor allem von den kleinen und großen Spenden ihrer Leserinnen und Leser.
Unterstützen Sie KONTEXT jetzt!