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Anti-AKW-Bewegung

Als der Protest über die Politik siegte

Anti-AKW-Bewegung: Als der Protest über die Politik siegte
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Wyhl, Wackersdorf, Gorleben. Drei Atom-Großprojekte, die Milliarden Steuergelder verschlangen, ohne je fertiggebaut zu werden – der Anti-Atomkraft-Bewegung sei Dank. Unser Autor gehörte damals noch nicht dazu, er ist erst 1986 nach dem Super-GAU von Tschernobyl aufgewacht.

Schon 1973 wurde des Atomkraftwerk Wyhl am Kaiserstuhl geplant. Die "Kraftwerks Union" wollte zwei Druckwasser-Reaktoren mit einer Leistung von 1.200 und 1.300 Megawatt bauen. Kurz nach der Ankündigung begannen 27 Bürgerinnen und Bürger aus Wyhl gegen den Bau zu protestieren. Bald darauf gründeten sich in der Umgebung bei Freiburg und im angrenzenden Elsass Anti-AKW-Initiativen. Ihre ersten Gründe für die Ablehnung: Das Kühlwasser des AKW könne den Rhein aufheizen und sein biologisches Gleichgewicht gefährden. Vor allem aber sollte das Rheintal kein "zweites Ruhrgebiet" werden. 1974 erhoben bereits 89.000 Menschen Einwendungen gegen die Atom-Pläne. Der damalige CDU-Ministerpräsident Hans Filbinger schwadronierte: "Ohne Wyhl gehen noch in diesem Jahrzehnt in Baden-Württemberg die Lichter aus". Ich lebe schon immer im Ländle und kann versichern, dass mir hier noch immer ein Licht aufgegangen ist. Ähnlich sah das Problem Filbingers Nachfolger Lothar Späth, der mir in einem Interview in "Report Baden-Baden" sagte: "Wir brauchen Wyhl gar nicht". Er hatte klugerweise von der Protest-Bewegung gelernt. Also wurde der Bauplan erst auf 1993 verschoben, danach auf das Jahr 2000 und acht Jahre nach Tschernobyl ganz begraben.

"Lieber heute aktiv als morgen radioaktiv"

Damit ist das AKW Wyhl das erste geplante Atomkraftwerk, das in Deutschland von der Anti-AKW-Bewegung verhindert wurde. Deren Motto hieß: "Lieber heute aktiv als morgen radioaktiv". Der Erfolg der Bewegung bestand vor allem in ihrer Überparteilichkeit. Darin vereint waren die Landbevölkerung, Studenten aus Freiburg, der lokale Klerus, Landwirte, Künstler und Akademiker. Der Prostest war total friedlich. Hingegen kam es beim Kampf gegen die Errichtung des AKW Brokdorf zu bürgerkriegsähnlichen Schlachten zwischen Polizei und Demonstranten.

Im Jahr 1977 war unter der SPD-Bundesregierung von Helmut Schmidt und der CDU-Landesregierung von Ernst Albrecht in Niedersachsen die Standort-Entscheidung für das atomare Endlager-Projekt Gorleben gefallen. Gegen dieses atomare Entsorgungslager wurde damals nicht nur im Wendland Protest laut. Die "Grüne Liste Umweltschutz" errang bei der Landtagswahl 1978 als Vorläufer der Grünen Partei 3,9 Prozent der Stimmen. Kurz zuvor war ich mit Ernst Albrecht zu einem Fernseh-Interview in seinem Privathaus verabredet. Er kam eine Stunde zu spät, stieg kreidebleich und verstört aus dem Hubschrauber, aus dem er zuvor 100.000 Demonstranten beobachtet hatte. Fix und fertig sagte er in die Kamera: "Mir wurde jetzt klar, dass ich schießen lassen muss, wenn ich an den Endlagerplänen festhalte. Aber als Christ kann ich das nicht verantworten." Im März 1979 verkündete dann Albrecht, dass "zu diesem Zeitpunkt in Gorleben ein Endlager politisch nicht durchzusetzen ist". Große Teile seiner Partei waren entsetzt über diese "Feigheit".

Später wurde Gorleben ein "Zwischenlager" und am 28. September 2020 ganz aufgegeben. Gorleben kann leben.

Auch die WAA Wackersdorf scheitert

Nachdem sich die Deutsche Gesellschaft für Wiederaufarbeitung von Kernbrennstoffen am 4. Februar 1985 für das bayerische Wackersdorf als Standort entschieden hatte, demonstrierten schon am 16. Februar rund 35.000 Menschen bei eisiger Kälte friedlich gegen die Wiederaufarbeitungsanlage (WAA). Prominent an ihrer Seite der SPD-Landrat von Schwandorf und viele bayerische Pfarrer beider Konfessionen. Die Polizei beschwerte sich über die wachsende Solidarisierung der Einheimischen mit den auswärtigen Atomkraftgegnern. Bayerns Ministerpräsident Franz-Josef Strauß wollte die WAA unbedingt. Er musste sogar den Bundesgrenzschutz zu Hilfe rufen, weil die bayerische Polizei allein mit den immer mehr Demonstranten – darunter auch viele CSU-Wähler – nicht fertig wurde.

Im Juni 1986 kam es bei einer Demonstration von 30.000 Menschen zu harten Auseinandersetzungen mit 3.000 Polizisten. Die Landesregierung warf ihrer Polizei "zu liberales und halbherziges Verhalten" vor. 400 Menschen auf beiden Seiten waren verletzt worden. Für den mitdemonstrierenden Psychoanalytiker Horst Eberhard Richter war der Kampf um die WAA ein "Symbol technokratischer Hybris". Im Juli 1986 organisierten zahlreiche Musikstars ein "WAAhnsinnsfestival", auch "deutsches Woodstock" genannt. Auch die bayerischen Bischöfe lehnten die WAA und die Atomenergie ab. Doch Strauß behauptete unverdrossen, die WAA sei "kaum gefährlicher als eine Fahrradspeichen-Fabrik". Die Gegner seien "Gspinnerte". Er starb im Oktober 1988. Am 31. Mai 1989 wurden die Bauarbeiten eingestellt, nachdem der Energiekonzern VEBA die Bauarbeiten als "zu langwierig und zu teuer" bezeichnet hatte.

Inzwischen ist Wackersdorf zu einem attraktiven Innovationspark geworden. 2004 behauptete der damalige CSU-Bürgermeister Thomas Faller, dieser Park habe mehr Jobs geschaffen als die WAA je gebraucht hätte.

Was können die Fridays for Future und andere heutige Protestbewegungen von den Alten lernen?

1. Wir brauchen einen langen Atem.

2. Friedlich bleiben, auch wenn's juckt.

3. Jung und Alt sind solidarisch.

4. Es lohnt sich zu kämpfen.

Die heutigen Aktionsformen wie Bäume besetzen, Bahngleise oder Straßen blockieren, oder das sich Abseilen an Autobahnbrücken sind vielfältiger und phantasievoller als früher und deshalb wirkmächtig. Ich bin in Deutschland und Österreich mehrmals bei FFF-Aktionen dabei gewesen und freue mich jedes Mal über die Aktionsfreude der jungen Generation. Dass die UNO soeben den Atomwaffen-Verbotsvertrag in Kraft gesetzt hat, zeigt, dass unser gemeinsamer Protest für eine bessere und friedlichere Welt über alle Generationen hinweg langfristig Erfolg haben wird.


Der Journalist Franz Alt, 82, moderierte 20 Jahre lang das Politmagazin "Report" und leitete die Zukunftsredaktion des SWR. Er schrieb mehrere Bestseller über die solare Energiewende, zuletzt mit dem Dalai Lama "Schützt die Umwelt".


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1 Kommentar verfügbar

  • Jue.So Jürgen Sojka
    vor 3 Wochen
    Antworten
    Textauszug:
    Im März 1979 verkündete dann Albrecht, dass "zu diesem Zeitpunkt in Gorleben ein Endlager politisch nicht durchzusetzen ist". Große Teile seiner Partei waren entsetzt über diese "Feigheit".

    Der große Kabarettist, Schauspieler und Schriftsteller Werner Fink (Mausefalle in Stuttgart…
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