Waldbrand in den USA, 2013. Foto: Christopher DeWitt/Wikimedia, public domain

Waldbrand in den USA, 2013. Foto: Christopher DeWitt/Wikimedia, public domain

Ausgabe 384
Gesellschaft

Familien klagen gegen laschen Klimaschutz

Von Franz Alt
Datum: 08.08.2018
Längst ist Hitze nicht mehr geil. Wälder brennen, Menschen fliehen vor dem Klima, Land unter gilt schon heute für viele Inselbewohner. Zehn Familien aus der ganzen Welt haben sich nun zu einer Sammelklage zusammengeschlossen.

Die andere Seite des Sommers: Wälder brennen in ganz Europa, in Griechenland starben bereits über 100 Menschen in den Flammen. Die Dürre zerstört massenhaft die Ernte. Bauern fordern Milliarden-Subventionen zusätzlich. Milchbauern schlachten ihre Kühe. In den Flüssen sterben Millionen Fische. Den Klimawandel und seine Folgen kann niemand mehr leugnen. Klimaforscher Mojib Latif und seine Kollegen prognostizieren für die Zukunft noch mehr Hitze im Sommer und weit weniger Kälte und Frost im Winter, noch mehr Sturm- und Feuerschäden, noch mehr Überschwemmungen und Hitze-Tode.

In Kalifornien starben bereits sechs Menschen durch Flammen, tausend Häuser sind abgebrannt. Und das Schlimmste – so die Prognosen – steht noch bevor.

Menschen und Tiere sterben

Temperaturen von über 30 Grad empfinden wir heute noch als tropisch. Wahrscheinlich sind sie in wenigen Jahrzehnten ganz normal. Sicher ist: Nach Winter-Depressionen und April-Regen tut uns die Wärme zunächst gut und stimmt uns froh. Doch im Hitzejahr 2003 starben in Westeuropa circa 60 000 Menschen den Hitze-Tod. Die Klimawissenschaft sagt dazu: Das waren und das sind nur die Vorboten.

Wenn man mit Gletscherforschern in Grönland und Alaska, am Südpol und am Nordpol spricht, dann klingen deren Vorhersagen noch weit dramatischer. Das Eis, so haben sie errechnet, schmilzt heute dreimal schneller als es die Gletscherforschung noch vor zehn Jahren vorhergesagt hat. Das bedeutet: Hunderte Millionen Menschen an den Küsten rund um den Globus werden in den nächsten Jahrzehnten durch den Anstieg des Meeresspiegels ihre Heimat verlieren. Schon heute irren in Afrika 18 Millionen Klimaflüchtlinge über den Kontinent – auf der Suche nach Trinkwasser.

Auch unzählige (Urlaubs-)Flüge tragen zum Klimawandel bei. Foto: Joachim E. Röttgers
Auch unzählige (Urlaubs-)Flüge tragen zum Klimawandel bei. Foto: Joachim E. Röttgers

Und was tun die Regierungen in dieser Situation? Sie haben 2015 in Paris ehrgeizige Klimaschutzziele beschlossen, aber sie tun nur wenig, um diese Ziele zu erreichen. Das gilt nicht nur für die USA unter Präsident Donald Trump, das gilt auch für Deutschland und Europa. Und die Bürgergesellschaft? In Deutschland nutzen bereits 15 Millionen Menschen erneuerbare Energien. Doch die AfD und Teile der Wirtschaft bestreiten noch immer den Klimawandel.

Immer mehr Klimaflüchtlinge

"Land unter" gilt schon heute vor allem für Millionen Inselbewohner. Die Erderhitzung bedroht viele Insel-Traumparadiese. Jetzt klagen erstmals zehn Familien aus der ganzen Welt in einer Sammelklage gegen die schwachen Klimaschutzziele der EU. Diese Familien sind aus Ostfriesland, aus Frankreich, aus den Fidschi-Inseln, aus Kenia, Spanien, Rumänien, Portugal, Italien und Schweden. Sie fühlen sich durch Hochwasser und Hitze in ihren Grundrechen bedroht und in ihrer Gesundheit. Klageführer der Sammelklage der zehn Familien ist der Bremer Ex-Direktor der Forschungsstelle für Europäisches Umweltrecht, Professor Gerd Winter. Er sagt der "Süddeutschen Zeitung" dazu: "Die Kläger können sich auf Europäische Grundrechte berufen. Wozu sind die sonst da?" Es sind die Grundrechte auf Leben, Gesundheit und Beruf.

Theoretisch gibt es Millionen Kläger, in Indien und Bangladesch, auf den pazifischen Inseln, die heute schon absaufen, in Äthiopien und Griechenland, in den Anden und im Himalaya. Aber zehn Familien haben jetzt einen Anfang gemacht. Ihre ersten Forderungen: Kohlekraftwerke schließen, SUVs in Städten verbieten, Fahrverbote ernst nehmen.

Wenn wir uns nicht ändern, dann ändert der Klimawandel alles. Er ist die Überlebensfrage für die Menschheit. Es geht vor allem um die Zukunft, um das Leben und um die Gesundheit unserer Kinder und Enkel.

 

Info:

Franz Alt, Jahrgang 1938, war bis 2003 Journalist beim SWR und engagiert sich seit vielen Jahren für ökologisches Wirtschaften. Seine Homepage ist hier zu finden. Sein neues Buch: Lust auf Zukunft. Wie unsere Gesellschaft die Wende schaffen wird. Gütersloher Verlagshaus 2018. 22 Euro


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