Experten der Internationalen Atomenergie-Organisation (IAEA) begutachten im Oktober 2011 Block 3 des Kernkraftwerks Fukushima Daiichi. Foto: Giovanni Verlini/IAEA via Flickr, CC BY-SA 2.0

Ausgabe 310
Politik

Der Rest ist Risiko

Von Franz Alt
Datum: 08.03.2017
Erdbeben, Tsunami und Super-GAU: Am 11. März 2011 tobte vor Fukushima-City die Dreifach-Katastrophe. Noch heute sterben Menschen in Japan an den Folgen.

Fukushima im Herbst 2016. Am Bahnhof sehe ich als erstes eine Fotoausstellung über Sonne, Wind, Wasserkraft, Erdwärme und Bioenergie. Bis 2030 will die Region komplett erneuerbar sein. Von hier aus, sagt mir später der Bürgermeister von Fukushima, Kaoru Kobayashi, soll die Erneuerung für das ganze Land ausgehen.

"Warum immer wieder Japan?", frage ich mich. In Hiroshima und Nagasaki war ich schon früher zu Vorträgen eingeladen. Mein Thema: Vom Atomzeitalter ins Solarzeitalter. Jetzt also Fukushima. 1945 waren die ersten Atombomben der Geschichte auf Hiroshima und Nagasaki abgeworfen worden – 140 000 Soforttote und nochmal mehr als 200 000 Folgetote. Und noch heute bis zu 3000 Tote durch atomare Verstrahlung, jedes Jahr als Folge von damals, hatte mir der Bürgermeister von Nagasaki früher einmal gesagt.

Der Super-GAU hat Fukushima einen dunklen Ruf beschert. Verdient haben diesen Ruf aber eher der Atomkraftbetreiber Tepco und die japanische Atomlobby – hier "Nuclear Village" genannt. In kaum einem anderen Land war der Glaube an die nukleare Sicherheit so tief verwurzelt wie in Japan, nun ist er ebenso tief erschüttert. Doch Regierung, Atomindustrie und Aufsichtsbehörden spielen die Gefahren für Mensch und Umwelt noch immer herunter.

Dabei hatte Japan vor sechs Jahren Glück im Unglück, weil der Wind vom havarierten AKW aus nicht in Richtung Fukushima-City und auch nicht in Richtung Großraum Tokio wehte, sondern ins Meer hinaus. Spätestens jetzt hätte die Welt lernen können, dass Atomkraft russisches Roulette bedeutet. Jedes Atomkraftwerk ist ein Anschlag auf die Schöpfung. Wie hätten denn im Großraum Tokio um die 50 Millionen Menschen evakuiert werden sollen?

Das Restrisiko kann uns jeden Tag den Rest geben

Jedes AKW hat ein atomares Restrisiko. Das habe ich erst 1986 nach Tschernobyl gelernt, vom Chef der dortigen Aufräumarbeiten, Professor Wladimir Tschernousenko. Wie er so war auch ich als damals braves CDU-Mitglied für die "friedliche" Nutzung der Nuklearenergie. Erst durch den sowjetischen Super-GAU war der glühende Anhänger der Atomkraft vom Saulus zum Paulus geworden. Er wurde, von Michail Gorbatschow berufen, im zerstörten AKW in Tschernobyl verstrahlt und wusste, dass er bald an Krebs sterben würde. Ihn fragte ich in einer ARD-Sendung: "Aber die deutschen AKW sind doch die sichersten der Welt?" – "Das stimmt", war seine Antwort, "aber wissen Sie, was das heißt? Sie werden etwas später explodieren. Es gibt weltweit kein einziges 100 prozentig sicheres AKW. Es heißt atomares Restrisiko, weil es uns jeden Tag den Rest geben kann."

Als Folge der Nuklearkatastrophe von 2011 mussten damals 180 000 Menschen, die im 20-Kilometer-Umkreis der Fukushima-Blöcke lebten, umgesiedelt werden. Nur knapp die Hälfte konnte bis heute zurückkehren. Erst vor wenigen Tagen wurde am havarierten Reaktor in Fukushima die höchste radioaktive Strahlendosis gemessen – 650 Sievert pro Stunde. Viele Junge sind für immer weggezogen. Nach meinem Vortrag in Fukushima-City sagte mir der Bürgermeister der Stadt: "Als ich am fünften Jahrestag der Katastrophe am Reaktor war, wurden dort nukleare Strahlenwerte gemessen, die 10 000 mal über den gesetzlichen Grenzwerten liegen. Wenn ich dort hineinginge, wäre ich nach einer Sekunde Asche." Im Sarkophag von Fukushima schlummert noch eine Radioaktivität von etwa 10 000 Hiroshima-Bomben.

Die Fukushima-Schäden werden bisher auf weit über 100 Milliarden Dollar geschätzt. 120 000 Gebäude wurden zerstört. 15 Prozent der Umgesiedelten sind krank, berichten von Angstzuständen, Schuldgefühlen und Depressionen. Und die radioaktive Verseuchung breitet sich noch weiter aus. Das ist die strahlende Zukunft der Atomenergie.

Die Betreiber-Firma Tepco rechnet noch mit weiteren 30 bis 40 Jahren für die Aufräumarbeiten. Sechs Jahre nach der Katastrophe sind täglich bis zu 7000 Menschen im Einsatz, bisher insgesamt um die 50 000. Noch immer sind die geschmolzenen Reaktorkerne nicht gefunden. Die tödliche Strahlung macht eine Annäherung unmöglich.

Niemand kümmert sich um die verstrahlten Arbeiter

Das Schicksal der in Fukushima eingesetzten Helfer ist eine Tragödie. Überwiegend werden Arbeitslose, Obdachlose und Hilfsarbeiter rekrutiert. Ihre Einsätze sind wegen der hohen Strahlenbelastung oft nur kurz. Danach werden sie entlassen. Obwohl ihnen die hundert- bis hundertfünfzigfache Strahlendosis gegenüber der offiziell zugelassenen zugemutet wurde, kümmert sich niemand um sie. Insider berichten, dass viele kurz nach ihrem Einsatz krank werden und sterben. Offiziell werden diese Krankheits- und Todesfälle bestritten. Schilddrüsenerkrankungen bei Kindern und Jugendlichen sind jedoch um 20 bis 30 mal höher als vor der Reaktorkatastrophe oder als in nichtverstrahlten Regionen Japans, erzählt mir ein Arzt.

Ein Forscherteam von Greenpeace hat 2016 die Folgen der Reaktorkatastrophe in Fukushima zu Wasser und zu Land untersucht. Der Report lässt aufhorchen: Vor allem Süßwasserfische im Mündungsgebiet der Flüsse sind radioaktiv verseucht. Pflanzen an Land nehmen radioaktive Elemente aus dem Boden auf und konzentrieren sie. Pollen aus der japanischen Sicheltanne sind stark mit Cäsium belastet. Bei Tieren und Pflanzen treten Mutationen auf.

Doch Japans Ministerpräsident Shinzo Abe sagt: "Die Lage ist unter Kontrolle." Anderes kann er kaum sagen, denn er will die 51 noch immer stillgelegten AKW wieder ans Netz bringen, auch wenn zwischen 70 und 80 Prozent der Japaner heute dagegen sind. Dass die Atomenergie auch in Japan problemlos zu ersetzen ist, zeigt ein Blick auf die derzeitige Stromerzeugung: nur noch 0,9 Prozent des japanischen Stroms werden zurzeit aus drei Atomkraftwerken geliefert.

Beim Stromsparen haben die Japaner in den letzten sechs Jahren eine beeindruckende Leistung des Gemeinsinns vollbracht: Der Strom von 13 AKW wurde schlicht eingespart, und Solaranlagen ersetzen während der sommerlichen Stromlastspitze bereits mehr als zehn AKW. Allmählich kommt auch die Windenergie in Fahrt. Bei der "1. World Conference Community Power" im letzten November spreche ich am Abend mit dem Bürgermeister von Fukushima und stelle den Zusammenhang zwischen ziviler und militärischer Atomnutzung her, den Zusammenhang zwischen Hiroshima, Nagasaki und Fukushima. Gerade die Japaner wissen, dass es keine Atombomben geben kann ohne den Stoff, den ein AKW produziert.

Viel Zustimmung bekomme ich für diesen Satz: "Ohne AKW keine Atombombe. Und solange es Atombomben gibt, besteht die Gefahr von Atomkriegen. Ein Atomkrieg wäre der letzte Krieg in der Geschichte der Menschheit. Denn danach gäbe es keine Menschen mehr, die noch Kriege führen könnten." In Japan wird dieser Zusammenhang besser verstanden als sonst wo auf der Welt. Hiroshima, Nagasaki, Fukushima – Wenn wir überleben wollen, werden wir ein elftes Gebot lernen müssen: Du sollst den Kern nicht spalten!

 

Franz Alt, Jahrgang 1938, engagiert sich seit vielen Jahren für ökologisches Wirtschaften. Die Bücher des früheren SWR-Journalisten (bis 2003) wurden in zwölf Sprachen übersetzt und erreichten eine Auflage von zwei Millionen.

Seine Homepage ist hier zu finden.


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8 Kommentare verfügbar

  • Ralf
    am 04.04.2017
    Unter anderem beim Thema Maut haben vergleichsweise nur wenige Schlipsträger über die allgemeine Bevölkerung abgestimmt und sie trotzdem durchgeboxt, weil es u.a. irgendwelche Erpressungsmanöver von der CSU (Länderfinanzausgleich) und so gab. Kindergarten pur: Auch bei anderen Themen! Merkel hatte vor der letzten Wahl behauptet: Mit mir wird es keine Maut geben. Eine Luftnummer, wie bei so vielen anderen Behauptungen. Warum durften die Bürger in Deutschland nicht darüber abstimmen, ob sie es wollen oder nicht?
  • Horst Ruch
    am 12.03.2017
    Dank für den Kommentar von @psychotiker .
    Nicht nur der Müll, sondern dessen Entsorgung ( in diesem Fall als Umweltkatastrophe rein zufällig!!!! durch ein Erdbeben entstanden) ist die (Mit)Gift für unsere Nachkommen.
    Die Hauptsache die Politik erklärt: uns geht's doch gut, wie seit Jahrtausenden nicht.
  • Illoinen
    am 10.03.2017
    @Günther Holzhofer

    Seit wie viele Jahrzehnte wenn nicht Jahrhunderten wurde eigentlich die Indoktrination in Deutschland und dem gesamt Westen mit seinen gerade einmal 10% der Weltbevölkerung betrieben? Mit der Propaganda "WIR IM WESTEN SIND DIE GUTEN"? Obwohl genau das Gegenteil der Fall war und ist. Wie die Indoktrination im Westen wirkt, zeigt alleine die Tatsache das die Mehrheit der Menschen im Westen jeden Zusammenhang zwischen den illegalen Kriegen des Westens und dem Terrorismus sehen?

    Deutschland sollte vor seiner eignen Haustür kehren, da gab und gibt es noch sehr viele Leichen im Keller.

    Das macht doch Deutschland incl. USA tag täglich, oder wer hat die Bomben auf Hiroshima und Nagasaki auf Grund von Lügen abgeworfen? Und wer diskutiert heute wieder und redet der Atombombe in Deutschland das Wort? Jeder sollte ein Semester Physik oder eine Bildungsreise nach Nagasaki und Hiroshima machen und die Atom-Information-Centren vor Ort besichtigen. Denn die heutige Sprengkraft einer Atombombe beträgt mehr als das 3000 Fache der Hiroshima Bombe. Im Gegensatz zu denen, welche mit diesen Erkenntnissen trotzdem Deutschland atomar bewaffnen wollen, war es in Japan ein Unfall, wovon man bei einer Bewaffnung mit Atomwaffen nun wirklich nicht sprechen kann? Aber das interessiert in Deutschland wen? Aber mit dem Finger auf andere zeigen? Widerlich
    Alleine seit 9/11 wurden mehr als 1,3 Mio. Menschen, auf Grund von Lügen getötet? Die vielen illegalen Kriege auch unter Beteiligung auf Grund von Lügen Deutschlands? Mehr als 40 illegale Kriege des Westens im Übrigen, seit dem Ende des 2 WK. Die täglichen illegalen Drohnen und Bomben Einsätze im Rest der Welt. Alleine während der Obama Administration mehr als 21 Tsd. Bomben? Ab wie viele Bomben bekommt man im Westen eigentlich den Friedensnobelpreis?

    "DER WESTEN EIN IMPERIUM DER SCHANDE" wie es Jean Ziegler in seinem Buch sehr treffend beschreibt. Mit der Lüge: "ab jetzt wird zurückgeschossen" fing der zweite Weltkrieg an, in nur 6 Jahren schaffte das NS Regime mehr als 56 Mio. Menschen umzubringen.
  • psychotiker
    am 09.03.2017
    das schlimmste kommt aber noch! kleiner auszug zum gruseln:

    "Entlang der Pazifikküste Kanadas und Alaskas ist die Population des Rotlachses auf ein historisches Tief gesunken.

    Entlang der kanadischen Westküste erkranken Fische: Sie bluten aus Kiemen, Bäuchen und Augäpfeln.

    Experten schätzen, dass sich die Radioaktivität der "Küstengewässer vor der US-Westküste in den nächsten Jahren verdoppeln wird.

    In Kalifornien stellten Wissenschaftler bei einer Untersuchung von 15 Blauflossen-Thunfischen fest, dass alle durch radioaktive Stoffe aus Fukushima kontaminiert waren.

    Experten haben im Plankton zwischen Hawaii und der Westküste der USA sehr große Mengen von Cäsium 137 gefunden. Plankton ist der Beginn der maritimen Nahrungskette.

    Nach einer Simulation des Geomar Helmholtz-Zentrum für Ozeanforschung in Kiel werden bis zum Jahre 2020 auch die entlegensten Winkel des Pazifischen Ozeans mit größeren Mengen radioaktiver Stoffe verseucht sein."

    quelle: https://newstopaktuell.wordpress.com/2016/02/16/gesamter-pazifik-radioaktiv-verseucht/

    sehr informativ, aber: das waren bestimmt die russen!
    alternativ: VERSCHWÖRUNGSTHEORIE
  • Günther Holzhofer
    am 09.03.2017
    Es ist schon Menschen verachtend, was sich die japanische Politik und Wirtschaft da leistet. Menschen benutzen, wegwerfen. Problem klein halten, beschwichtigen, vertuschen. Das sollte sich Deutschland oder USA erlauben, der Shitstorm wäre enorm. Warum, frage ich mich, gibt es keinerlei Ernst zu nehmende Agitation gegen das Verhalten der japanischen "Führer"?
  • Blender
    am 09.03.2017
    @M. Counihan, 08.03.2017 15:31
    Interessante Grafik, die zeigt, dass Atomlobby durch Kohlelobby ersetzt wird. An dieser Stelle sollten wir spätestens innehalten und nach dem biblisch-sprichwörtlichen Balken in unserem eigenen Auge suchen; z.B. wenn Frau Merkel sagt, dass die Umweltauflagen der EU bzw. der USA nicht zu unseren Dieselautos passt, dass Schutz der Motoren wichtiger ist als Schutz der Lungen. Das Problem der Japaner und der Deutschen ist also im Prinzip das Selbe. Es geht um Schlüsselindustrien die die Wirtschaft beherrschen. To big to fail, bzw. wenn sie Fehler machen stürzen sie das Land in den Abgeund. Um einen Begriff aus der Landwirtschaft zu übertragen: Industrielle Monokultur, und wie in der Landwirtschaft, zwar anfangs effektiver, aber langfristig anfällig gegen Wirtschaftsparasiten (egoistische Manager, rücksichtslose Aktionäre/Hedge Fonds, etc.) und unflexibel bei (Wirtschafts-)Klimawandel. Was wir brauchen sind kleinindustrielle Vielfalt. Schröders Hunderttausenddächer Programm war ein Schritt in die richtige Richtung und wird seitdem von den Medien schlechtgeschrieben weil immer nur die Energieumlage hervorgehoben wird. Honey-soit-qui-mal-y-pense (Ein Schelm der böses dabei denkt)? Nein, das ist kein Zufall, keine Verschwörungstheorie.
  • M. Counihan
    am 08.03.2017
    Mmmmm - wie habe ich folgende Grafik aus Wikipedia zu interpretieren: http://bit.ly/2mFKf4D ?
    Vielleicht kann mir jemand erklären, wie 13 AKW "schlicht eingespart" wurden.

    Gruß Maude
  • Rolf Schmid
    am 08.03.2017
    Dieser Artikel von Franz Alt, einem ehemaligen TV-Journalisten der es sich leisten kann, "die volle Wahrheit" über eine der schlimmsten, früheren Fehlentscheidungen der Politik zu berichten, müsste PFLICHT-Bestandteil des Lehrplans spätestens in der gymnasialen Oberstufe aller Schulen Deutschlands sein bzw. sofort werden. Denn nur dadurch könnten ähnliche oder noch folgenreichere Entscheidungen unserer alles andere als "unabhängigen" Politiker wie aktuell ein Atomkrieg mit Russland und damit der Untergang nicht nur eines Landstrichs sondern so ziemlich aller Lebewesen - Ameisen vielleicht ausgenommen - vielleicht noch verhindert werden!

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