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Impfwerbung

Schöne dicke Oberarme

Impfwerbung: Schöne dicke Oberarme
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Es stockt beim Impfen gegen Corona. Auch, weil die bisherige Werbung dafür ästhetische Mängel aufweist oder die falschen Anreize bietet, meint der Kulturwissenschaftler Hermann Bausinger und schlägt Überraschendes vor.

Vor vier, fünf Jahrzehnten gehörte Jürgen von Manger zu den gefragten Fernseh-Humoristen. Als Ruhrkumpel kam er auf den Bildschirm und erzählte von seinen schrägen Aktionen und kuriosen Erfahrungen. Er hatte kein Nuhr-Monopol, aber alle kannten und die Meisten liebten ihn, auch wenn seine Untaten und seine selbstgerechten Perspektiven darauf gewöhnungsbedürftig waren – etwa in der Schilderung, wie er als "Schwiegermuttermörder" sein Opfer mit dem Leiterwagen ins Versteck ziehen musste. Manches war aber auch unbeschwerter, wie der Bericht über seine vergeblichen Bemühungen, durch eine Heiratsvermittlung ins große Eheglück zu kommen. Die kommerzielle Kupplerin präsentiert ihm ein Fotoalbum mit attraktiven Bildern flotter junger Frauen, die alle gerade für einen Schönheitswettbewerb gerüstet scheinen – aber der einfache Mann aus dem Ruhrgebiet bleibt nirgends hängen, sondern sagt, dass er eigentlich mehr an "eine Dame mit diese schöne dicke Oberarme" gedacht habe.

Lebte er noch und wäre noch immer auf der Suche nach einer dauerhaften Partnerin, so könnte er ganz ohne professionelle Hilfe zum Ziel kommen. Seit Monaten sind Personen mit entblößten Oberarmen ein ausgesprochen häufiges Motiv der Illustration in der Presse und in allen Bildmedien. Thematisiert und ausgeschmückt wird so der Vorgang der Impfung; die Spritze ist angesetzt an der nackten Haut, und wo die mimische Reaktion der Betroffenen eingefangen wird, reicht sie von betonter Lässigkeit bis zu Anflügen von Stolz. Schöne dicke Oberarme sind dabei schon deshalb überrepräsentiert, weil die Aufnahmen aus nächster Nähe und womöglich mit Weitwinkel diesem Eindruck zuarbeiten; selbst die Schulterpartie schmaler Asthenikerinnen, rückt so in den Umkreis von Mangers Schönheitsideal.

Die Bildpropaganda basiert auf der naiven Vorstellung, die Fotos demonstrierten Schmerzfreiheit und könnten so die Impfgegner überzeugen. Tatsächlich aber verweist jeder Einstich und jede Darstellung davon auf die Verletzung der Integrität des menschlichen Körpers und ist bestenfalls ein unsicheres Versprechen. Zahnarztpraxen werben nicht mit Szenen, in denen die – überwiegend nicht mehr sehr schmerzhaften – Bohrinstrumente angesetzt werden, sondern mit dem Bild eines makellos weißen Gebisses. Die Empfehlung von Heftpflastern meidet gewöhnlich die Präsentation heftig blutender Wunden. Und um vom Medizinbereich in andere Felder zu wechseln, wo allerdings die Bedingungen etwas anders sind: Die Werbung für schmackhafte Steaks vertraut nicht auf Bilder von Exekutionen im Schlachthof.

Würste reichen nicht

Die Überflutung mit Impfbildern war und ist nicht gerade erbaulich; aber sie hat keinen großen Schaden angerichtet, solange die Zahl der Impfwilligen die der verfügbaren Impfstoffrationen deutlich überstieg. Inzwischen verhält es sich anders: Die Gleichgültigen und erst recht die erklärten Impfgegner müssen durch Argumente überzeugt, können aber auch durch ansprechende Vorstellungsbilder oder die Aussicht auf konkrete Belohnungen zur Änderung ihres Verhaltens verlockt werden. Im lokalen Rahmen ist dies häufig entwickelt worden: Wer sich der Impfung unterzieht, erhält anschließend ein Getränk und zum Verzehr eine traditionelle Speise. Vor allem Würste kommen zum Einsatz, je nach der regionalen Überlieferung ist die Belohnung eine Weißwurst, eine Rote Wurst, eine Bratwurst, eine Currywurst. Man hat den Eindruck, das sogenannte Heimatministerium mische mit, eine Abteilung des Bundesinnenministeriums, die weit über hundert Mitarbeiter hat, aber keine klar definierte Aufgabe. Jedenfalls geht es um Tradition und kaum um den geringen materiellen Wert – auch für die Nutznießer, die zwar keine verbindliche Gemeinschaft bilden, aber beim Ritual der meist gleich an Ort und Stelle eingenommenen kleinen Mahlzeit doch Gemeinsamkeit erleben.

Es gibt auch Überlegungen, den Vollzug der Impfung mit dem Lotteriegedanken zu verknüpfen. Wo die Kosten für die essbare Belohnung eingespart werden, könnten einzelne Preisgelder vorgesehen werden, und es besteht kein Zweifel, dass für Viele, wahrscheinlich für die Mehrzahl, die vage Aussicht auf einen größeren Geldbetrag verführerischer wäre als die sichere Wurst in der Hand. Aber es fragt sich nicht nur, ob der höhere organisatorische Aufwand gerechtfertigt wäre, sondern es gibt auch Einwände von Ethikkommissionen, welche die bloße Beteiligung an einer an sich schon gewinnbringenden Aktion nicht durch erhebliche Zusatzgewinne begünstigt sehen wollen.

Das Feld der Impfwerbung bleibt weiterhin offen, und wahrscheinlich gibt es bereits amtlich geförderte Start-ups, die sich um effiziente Maßnahmen bemühen. Und man glaube nicht, die Fotografen seien aus dem Spiel. Vermutlich ist durch ein teures Gutachten abgesichert, dass hier das stärkste Engagement vorhanden ist; fotografiert wird von immer mehr Menschen dank der verfügbaren technischen Möglichkeiten immer häufiger, während die Zahl der aktiv an der Wurstherstellung Beteiligten dank industrieller Angebote und vegetarischer Tendenzen immer kleiner wird. Und auch die neuen Zielgruppen der Impfung, Kinder und Jugendliche, geben der Fotowerbung Auftrieb. Vermutlich ist die Anzahl der Familien im Wachsen begriffen, in denen für den Ernstfall trainiert wird: Das kleine Mädchen oder der kleine Junge sitzt zuhause da mit entblößter Schulter; die Mutter sticht mit einer Stricknadel sanft und vorsichtig in den Oberarm und fordert von dem Kind eine freundlich lächelnde Miene, unterstützt von der Großmutter, die dem Kind gegenüber steht und ihm mit einem unnatürlich breiten Grinsen die Richtung weist. Und dann ist da natürlich der Vater mit der ständig schussbereiten Kamera; das beste seiner Bilder soll demnächst in dem Pharma-Großmarkt hängen, der das eindrucksvollste kindliche Impfbild sucht. Und auch die Medien einschließlich der Presse werden das Thema wieder aufnehmen und unterstellen, dass die tägliche Ration solcher Bilder wünschenswert ist – schöne dünne Oberärmchen.

Impfwerbung? Mit den optischen und sonstigen Reklametricks wird man die Ignoranten und die Impfgegner kaum verführen. Es wird nichts anderes übrig bleiben, als mit ernsthaften Argumenten für eine Wendung zu kämpfen.


Hermann Bausinger ist einer der bedeutendsten Volkskundler Deutschlands. Er veränderte die Nachkriegsvolkskunde grundlegend – unter anderem, indem er den Lehrstuhl für Volkskunde an der Karls-Universität Tübingen zum Ludwig-Uhland-Institut für Empirische Kulturwissenschaft umbaute. Bausinger leitete das Institut bis zu seiner Emeritierung 1992. Der 95-Jährige lebt und denkt heute in Reutlingen.


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3 Kommentare verfügbar

  • R.Gunst
    vor 1 Woche
    Antworten
    Wer sich wie der Autor, als Volkskundler gerne mit Märchen beschäftigt, läuft er auch Gefahr ihrem Reiz zu erliegen. Obwohl die Wissenschaft der sogenannten Volkskunde immer noch 37 Lehrstühle in Deutschland besetzt, zählt sie doch zu den kleineren Wissenschaften. Lange Zeit schien es auch so, dass…
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