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VfB auf Schmusekurs

Umarme deinen Feind

VfB auf Schmusekurs: Umarme deinen Feind
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Auch nach der Sommerpause steht der deutsche Fußball vor der zentralen Frage: Kurve oder Kapital? Unser Autor hält eine friedliche Koexistenz für möglich. Inklusive einmal jährlich Bayern hassen.

Geplant war eigentlich, nach der Sommerpause, nach Kurzurlaub und Kopfleerung mal eine Weile nichts mehr über den VfB Stuttgart zu schreiben. Die Mannschaft hat die Klasse gehalten, spielt weiter in der Bundesliga, im Team scheint es zu stimmen, die sportliche Führung konzentriert und super solide, Transferphase im Sommer auch okay, und die einstmals verfeindeten Gremien in Verein und AG veröffentlichen Kuschelbilder ihrer höchst harmonischen gemeinsamen Klausur in Ludwigsburg.

Außerdem liegen auch mehr als genug echte Aufreger-Themen rum, vor allem abseits des Sports. Überall die Dinge im Argen, Virus, Krieg, Klima, Migration, und dann auch noch Bundestagswahl, die Wahlentscheidung bereitet zusätzliche Bauchschmerzen. Wer ist diesmal das kleinere Übel? Dass zwei der drei aussichtsreichen KanzlerkandidatInnen quasi mit einem "Weiter so" werben, ohne dabei vor Scham im Boden zu versinken, trägt beim Blick nach vorne nicht grade zu gesteigertem Optimismus bei.

Was die Personalien angeht, so ist zumindest beim weltgrößten Sportverband, dem Deutschen Fußball Bund, die Lage ähnlich katastrophal wie in der großen Politik. Peter Peters und Rainer Koch, die beiden Hauptkombattanten um das Amt des Präsidenten, sind in Sachen Soziopathentum allemal auf Augenhöhe mit unseren Entscheiderinnen und Entscheidern in der Politik. Passt aber irgendwie zur langen Kanzlerinnenschaft von Angela Merkel, die das Land über die Jahre in eine eher ungute Mittelmäßigkeit geführt hat – genauso wie der späte Bundestrainer Löw, der ohne nennenswerten Widerstand die Nationalmannschaft über mehrere Turniere vom Gipfel bis hinunter in die Ebene trainieren durfte, aus der sich Hansi Flick nun anschickt, die Truppe wieder nach oben zu führen. Dem Land der Seehofers, Scheuers und Klöckners würde es ja auch gut zu Gesicht stehen, ausgerechnet in Katar 2022 den Weltmeistertitel zu holen – bei der Weihnachts-WM, die keine(r) will.

Und wo ich grade den Bogen weiter nach Europa spannen will, zu Ursula von der Leyen und ihrer parlamentarischen Supertruppe, aus deren Reihen zuletzt sogar "Warnungen" in Richtung der neuen Talibanregierung in Kabul ausgesprochen wurden, weil deren Kabinett nicht inklusiv genug sei – wo ich also grade drauf und dran war, in meiner Verzweiflung mich über Dinge lustig zu machen, die alles andere als lustig sind – da kommt der geschätzte Kollege Benjamin Hofmann vom Sportmagazin "Kicker" mit einem Sittengemälde in Buchform in den Handel, das die Vergangenheit eines bekannten Fußballclubs seit 2007 nachzeichnet und in seinem zuspitzend verkürzten Titel gleichzeitig das Grundproblem des deutschen Fußballs benennt: "Kapital oder Kurve?"

Der bekannte Fußballclub ist der VfB Stuttgart, und natürlich komme ich an diesem Thema nicht vorbei. Mit etwas Mühe lässt sich auch hier die Brücke schlagen zur Ära Merkel, die den Niedergang des Deutschen Meisters von 2007 bis zum zweimaligen Abstieg aus der Bundesliga als Kanzlerin komplett mitbegleitet hat.

Nun also Benni Hofmann mit "Kapital oder Kurve?", kann jede(r) lesen, der oder die das mag, ist kaufbar und bestellbar und liest sich locker weg für alle, die der Kabalen und Intrigen des an anderer Stelle "House of Stuttgarts" (sic!) genannten VfB nicht längst überdrüssig geworden sind und sich genauso wie ich über die mittlerweile eingekehrte Ruhe und Solidität freuen. Gleichwohl hat die Titelfrage auch in der aktuellen Saison weit über den VfB hinaus allgemeine Gültigkeit. Wohin will der Fußball? Zum Kapital oder zur Kurve? In einer wie auch immer gearteten Tradition verharren oder sich ungehemmt den Profit-suchenden Investoren vollends hingeben?

Noch bleibt den Scheichs der Zutritt verwehrt

Für Scheichs und Heuschrecken sind die Möglichkeiten des großen Einstiegs in den deutschen Profifußball durch die so genannte 50 plus 1 Regelung weiterhin schwierig bis unmöglich, weil die Statuten der Deutschen Fußball-Liga (DFL) besagen, dass die Mehrheit der Stimmanteile an einem Profiklub beim Verein bleiben muss. Und deshalb werden superteure Spieler wie Erling Haaland von Borussia Dortmund spätestens im Winter nach England wechseln. Der BVB bekommt im Gegenzug mit viel Glück und quasi als Almosen den deutschen Nationalspieler und Schwaben Timo Werner, der beim FC Chelsea nach dem Kauf des ebenfalls superteuren Belgiers Romelu Lukaku nur noch zweite Wahl ist. Jetzt ist das zwar völlig wumpe, ob ein Haaland in Dortmund spielt oder in London. Aber: Wenn ein Team wie Borussia Dortmund dem Dauermeister FC Bayern irgendwann wirklich ernsthaft Konkurrenz machen soll, dann müssten die ihren Haaland nicht etwa verkaufen, sondern vielmehr grade noch einen Zweiten von der Sorte kaufen. Einen Haaland, nicht einen Werner. Und dem zweiten Haaland dann auch das entsprechende Gehalt zahlen. Und dem Rest des Kaders auch deutlich mehr zahlen, weil Gehaltsgefüge und so weiter, sprich: Der BVB bräuchte bei aller bereits börsennotierten echten Liebe noch viel mehr Geld, wenn der Titelkampf jemals wieder wirklich spannend werden soll. Und wenn der BVB qua Regelung via Investoren deutlich mehr Geld bekommt, dann müssen auch alle anderen Clubs zumindest theoretisch die Möglichkeit bekommen, sich Großinvestoren ins Haus zu holen, weil gleiches Recht für alle.

Und hierzu habe ich Folgendes zu sagen:

Wenn alle anderen, oder doch zumindest einige, noch viel mehr Geld bekommen, dann heißt das nicht, dass die damit auch richtig umgehen können. Schalke hatte immer genug Geld, der HSV, der VfB – und wohin hat es geführt? Wir müssen uns also gar nicht vollends dem Kapital hingeben. Andererseits müssen wir aber auch nicht allzu laut rumheulen wegen fehlender Tradition. Denn vor allem die Traditionsclubs sind es, die an sich selbst gescheitert sind und jetzt in der zweiten Liga spielen oder noch tiefer. Sollen die Bayern doch weiterhin Meister werden – solange sie einmal im Jahr vorbeikommen, solange wir sie einmal im Jahr besonders hassen können, alles gut. Ähnliches gilt für Red Bull, für Hoffenheim, Wolfsburg, Leverkusen, die Clubs, die bereits gegen die herrschende 50-plus-1-Regel verstoßen, die dies aber mit Ausnahmegenehmigungen tun oder aufgrund fehlenden Durchgriffs seitens der DFL.

Lasst uns doch die alle einmal im Jahr hassen und ansonsten verachten. Oder wir regen uns über die auf, auch gut, das macht doch einen Teil des Reizes aus. Und dann freuen wir uns umso mehr, wenn der VfL Bochum wieder oben mitmachen darf, weil die so süß und klein und "echt" sind. In ihrem "Vonovia Ruhrstadion". Aber ernsthaft: Wir sollten aufhören, immer im Entweder-Oder-Modus zu denken. Nicht Kapital oder Kurve, sondern Kapital und Kurve ist möglich. Auch ohne Scheichs und Heuschrecken. Wie ein gerne zitierter chinesischer Kriegsherr umarmen die Kurvenleute ihren Feind, das Kapital. Und andersrum. Die vier Ausnahmeclubs kriegen durch eine kleine Umformulierung im Regelwerk permanenten Dispens, und die 50-plus-1-Regel besteht weiter. Und damit das alles nicht ausufert, unterwerfen sich die deutschen Proficlubs einer freiwilligen Selbstverpflichtung in Sachen Gehaltsobergrenzen und Transfersummen. Soll mir niemand sagen, das sei nicht möglich.

Und weil jetzt doch schon wieder viel VfB hier vorkam abschließend der Hinweis: Im Spätherbst erscheint eine neue Fanfibel der Stuttgarter Kickers. Auch das ganz wunderbar, auch das wird man kaufen und bestellen können. Und wenn, 50 plus 1 beiseite, ein Scheich käme – die Kickers würden den nehmen, jede Wette. Genauso wie der FCK in Kaiserslautern. Schalke eh. Sogar die korrekten Werderaner in Bremen würden den nehmen. Oder? Wir beim VfB brauchen keinen Scheich, wir haben den Daimler. Da sind die Scheichs und Heuschrecken als Aktionäre inklusive. Und die Chinesen obendrein.


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