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Claus Vogt und der VfB

Für immer ein Teil

Claus Vogt und der VfB: Für immer ein Teil
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Beim VfB Stuttgart stimmen die Mitglieder für Empathie und gegenseitige Wertschätzung. Eindrücke einer denkwürdigen Versammlung.

Mitgliederversammlungen großer Sportvereine waren noch nie vergnügungssteuerpflichtige Veranstaltungen. Solche Versammlungen mit mehreren Tausend Teilnehmern und etlichen Abstimmungen selbst leiten zu müssen gleich dreimal nicht. Hölle ist nur ein Hilfsbegriff, Kopf- und Rückenschmerz am Abend quasi garantiert. Und wehe, Du machst auch nur den kleinsten Fehler.

Claus Vogt als amtierender Präsident des VfB Stuttgart hat die fast zehn Stunden dauernde Mitgliederversammlung des größten Sportvereins in Baden-Württemberg am vergangenen Sonntag souverän, gut gelaunt und vorbildlich präsidial durchgezogen. Das ist umso erstaunlicher, weil seine internen Widersacher bis zuletzt in verschiedenen Medien immer wieder das Gerücht verbreitet hatten, Vogt könne keine noch so kleine Sitzung vernünftig leiten. Dass der Präsident am Ende der Versammlung mit mehr als 92 Prozent der Stimmen für vier weitere Jahre im Amt bestätigt wurde, hatte aber sicherlich nur ganz am Rande mit seiner Sitzungsleitung zu tun. Vielmehr markiert dieses überragende Wahlergebnis das endgültige Ende der alten Seilschaften beim VfB Stuttgart. Denn nicht nur wurde mit Claus Vogt der Mann im Amt bestätigt, der allen möglichen dunklen Machenschaften im Verein und der ausgegliederten Fußball-AG den Kampf angesagt hatte – in die Vereinsgremien wurden am Sonntag auch etliche weitere Personen gewählt, die den Zielen und Plänen des Präsidenten durchaus aufgeschlossen gegenüberstehen, die einen ähnlichen Wertekanon vertreten – einen, der so ganz anders ist als das, was man in den vergangenen Jahren beim VfB gelebt hatte.

Nun ist das hier eine Kolumne und kein seitenlanger Riemen zum Thema Werte, zum Thema "Kurve gegen Kapital", daher soll an dieser Stelle eine kleine Szene vom Sonntag genügen, die neuen Werte beim VfB exemplarisch darzustellen: Als ein Rollstuhlfahrer seine Rede beim Tagesordnungspunkt "Allgemeine Aussprache" wegen fehlender Barrierefreiheit des Podiums unten halten musste, da verließ der Präsident seinen Platz, stieg vom Podium und bedankte sich ganz persönlich und ganz herzlich beim rollstuhlfahrenden Redner für seinen Beitrag. Das mag manchem einfach nur Show sein – aber das gab es früher nicht. Und es tut einfach gut, solche kleinen Gesten zu sehen, wo man früher nur in Visagen blickte, wo Misstrauen omnipräsent war. Überhaupt: Eine solche Mammutveranstaltung, die mit wenigen Ausnahmen derart dominant von gegenseitiger Wertschätzung geprägt ist – gab es das überhaupt schon mal beim VfB?

Das Ende der Seilschaft

Und so war es nur folgerichtig, dass kein einziger Redner am Sonntag sich für die alten Seilschaften in die Bresche schlug. Pierre-Enric Steiger als deren Kandidat, als Mitglied des umtriebigen VfB-Freundeskreises von Anfang an den Vogt-Widersachern nahestehend, war zwar in der Tagesordnung als Herausforderer um das Präsidentenamt aufgeführt, sein Name fiel aber bis zum Top 14, der Wahl des Präsidenten um 20.30 Uhr nur ein einziges Mal, und zwar in einem Redebeitrag eines Mitglieds während der Allgemeinen Aussprache. In einer Versammlung, die um 11 Uhr begonnen hatte... Am Ende machte Steiger das Beste draus, nutzte nur zwei der ihm zustehenden 15 Minuten Redezeit, um sich mit einem versöhnlichen Statement quasi kampflos geschlagen zu geben.

Auch Wilfried "Palpatine" Porth, als Daimler-Personalvorstand gleichzeitig Vertreter des Investors Daimler im VfB-Aufsichtsrat und oberster aller Vogt-Gegner, schien die Zeichen der Zeit erkannt zu haben. Sonst um keine Intrige verlegen, stets bereit, andere zu verunglimpfen und Gegner gerne auch vor Publikum wie kleine Kinder in den Senkel zu stellen, zog der alte Kämpfer für die dunkle Seite seinen bereits angemeldeten Redebeitrag wieder zurück.

Dem Rückzug als Redner ließ Porth tags darauf den Rücktritt als VfB-Aufsichtsrat folgen und damit das stärkste Symbol dafür, dass die alten Seilschaften ab sofort Vergangenheit sind. Zumindest innerhalb der Gremien des VfB Stuttgart sollte jetzt endgültig der Weg frei sein für einen Kurs, der Kurve und Kapital gleichermaßen mitnimmt. Ein Weg, auf dem Mitglieder wertgeschätzt werden, nicht verunglimpft. Auf dem Fehler passieren werden, für die man sich dann entschuldigt, anstatt sie zu vertuschen oder anderen in die Schuhe zu schieben. Ein Weg, auf dem auch Thomas Hitzlsperger als Vorstandschef der AG endlich erkennt, dass er vom Präsidenten Claus Vogt profitieren und von ihm lernen kann. Zum Beispiel kann er lernen, wie man sich aufrichtig entschuldigt. Wie man glaubhaft verzeiht. Und wie man trotz möglicher Schwächen bei einzelnen Mitspielern das ganze Team mitnimmt. Da verhält es sich mit der Gremienarbeit auch nicht anders als mit der Mannschaft auf dem grünen Rasen.

Weg frei für den Fußball

Der VfB Stuttgart hat sich also in einer denkwürdig harmonischen Mitgliedersammlung so aufgestellt, dass für seine Mitglieder echter Grund zur Hoffnung besteht. Auf einen Verein, der nach innen und außen konstruktiv daherkommt, nicht destruktiv. Der sich seiner gesellschaftlichen Verantwortung als größter Sportverein des Bundeslandes bewusst ist und entsprechend handelt. Der professionell und effektiv den Gewinn optimiert, statt verantwortungslos den Profit zu maximieren. Der auf seine regionale Verwurzelung setzt, auch beim Nachwuchs, und damit über die Region hinaus strahlt. Der als vernünftig und menschlich geführter Traditionsclub zeigt, dass man auch mit 50 plus 1 in der Bundesliga mitstinken kann, manchmal vielleicht sogar im oberen Drittel. Das wäre ein Ding. Das wäre Kontinuität im allerbesten Sinne, auch wenn es sportlich sicher immer mal wieder schlechter laufen wird als in der vergangenen Saison.

Das wäre aus Sicht des so genannten aktiven Fans und Mitglieds auch die Gelegenheit, sich wieder ein wenig zu beruhigen, das Ganze ganz entspannt aus der Ferne zu verfolgen. Nicht mehr jeden zweiten Tag mit Hinterzimmer-Intrigen rechnen zu müssen, nicht mehr ständig gefragt zu werden, was da denn los wäre beim VfB, warum man denn überhaupt Anhänger eines derartigen Klepperlesvereins wäre, wo schlechte Leute noch mehr schlechte Leute um sich scharen.

Und als ich nach einem langen Tag im Stuttgarter Neckarstadion spät nachts, trotz der guten Veranstaltung mit schmerzendem Kopf und Rücken, wieder daheim in Heidelberg war, da hab ich mir dieses eine ganz tolle Lied des schwäbischen Compadres Cro aufgelegt, das, wie die Kinder sagen, alle Jungs gut finden. Was besonders ist, weil die Kinder auch sagen, dass alle Jungs den Cro mit seiner saudummen Maske und dem ganzen Bali-Getue ansonsten total doof finden. Mir geht es genauso, und es ist mir trotz vorgerückten Alters, genauer gesagt trotz eigentlich viel zu alt für Cro, gar nicht peinlich. Was für ein tolles Lied. Als Abschluss eines ziemlich guten Tages, nach dem man seinen Verein in guten Händen weiß und sich deshalb getrost etwas zurücknehmen kann. Was nicht bedeutet, dass man weniger mitfiebert. Denn es ist, wie es ist – der VfB Stuttgart wird für immer "Ein Teil" von mir sein. Gut, dass er das für die alten Seilschaften ab sofort nicht mehr ist.


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