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Spitze in Schlammschlacht

Sexiest Team alive!

Spitze in Schlammschlacht: Sexiest Team alive!
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Verrückte Welt: Der VfB kickt super und die Funktionäre prügeln sich. Sonst war es immer umgekehrt. Nachdem seine letztwöchige Kolumne eine überragende Nachfrage erzeugt hat, muss der Autor sofort Wege aus dem Schlamassel aufzeigen.

15 von 34 Spieltagen in der Fußball Bundesliga sind absolviert, und der VfB Stuttgart hat 21 Punkte, ist bestes Auswärtsteam, stellt regelmäßig den Rookie des Monats, spielt die Gegner her, dass es eine Freude ist – verwundert reibt man sich die Augen und überlegt, wie so etwas sein kann. Auch im persönlichen Umfeld herrscht eitel Sonnenschein, bis ins entfernte Island freuen sich die Freunde und kabeln Begriffe durch wie "sexiest team alive". Nur dunkel erinnert man sich an die eigenen, apokalyptischen Prognosen zu Saisonbeginn.

Freilich wäre der VfB nicht der VfB, wenn das positive Spektakel auf dem Platz nicht auch einen dunklen Gegenpol auf der Teppichetage hätte. Viel diskutiert und bewertet wurde der plötzliche Angriff des angestellten Vorstandsvorsitzenden der VfB Stuttgart AG auf den gewählten Präsidenten des VfB Stuttgart e.V. in Form eines öffentlichen Briefes voller Anschuldigungen und Wut, im Gewand einer echten Vernichtungskampagne, wie man sie aus der Politik kennt. Was kein Wunder ist, denn die Personen, die Thomas Hitzlsperger in dieser Sache beraten (euphemistisch) oder überredet (wahrscheinlich) haben, die kennen sich bestens damit aus. Den unliebsamen Gegner derart mit Dreck bewerfen, dass er sich zurückzieht, den Schwanz einzieht, nicht bereit ist, sich, seine Familie und seine berufliche Existenz mit hineinziehen zu lassen in eine derartige Schlammschlacht. Also Rücktritt, Kapitulation des persönlichen Friedens willen. So der Plan. Aber dieser Plan schlug fehl.

Claus Vogt zieht den Schwanz nicht ein. Als gewählter Präsident des VfB Stuttgart ist er dem Votum der über 70.000 Mitglieder des Vereins verpflichtet, nicht dem nach oben oder unten zeigenden Daumen eines angestellten AG-Vorstands. Nach allem, was zu hören und zu lesen ist, wird Claus Vogt notfalls auch gegen den selbsternannten Gegenkandidaten Hitzlsperger bei der Mitgliederversammlung am 18. März (so sie denn stattfindet) als amtierender Präsident antreten, so ihn die zuständigen Gremien dafür nominieren. Und warum sollten sie nicht? Noch vor 18 Monaten erfüllte Vogt offenbar alle Anforderungen für das Amt, jahrzehntelange unternehmerische Erfahrung inbegriffen.

Und wie geht es jetzt weiter beim schwäbischen FC Hollywood, wie löst man diese Intrige, die in ihren Ausmaßen selbst beim großen Dauermeister FC Bayern München unvorstellbar wäre. Oder bei Borussia Dortmund, stellen Sie sich vor, Geschäftsführer Aki Watzke hätte einen solchen offenen Hassbrief wider Präsident Reinhard Rauball geschrieben? Nicht mal auf Schalke unter Tönnies wäre so etwas möglich gewesen, selbst beim Hamburger SV unter Vorstand Bernd Hoffmann gab es nichts Vergleichbares. Und da lag jede Menge schmutziger Wäsche an. Also, wie weiter jetzt, quo vadis VfB?

Wie wär's denn mit einer Entschuldigung von "Hitz"?

Thomas Hitzlsperger könnte seine öffentlichen Anschuldigungen belegen. Wenn er das könnte. Einfacher wäre es freilich, sich öffentlich zu entschuldigen beim Präsidenten. Und wenn ich meine Glaskugel auf besagten Präsidenten richte, sie also quasi in Clauskugel umbenenne, dann sehe ich..., dann sehe ich die Möglichkeit, dass eine Entschuldigung auch angenommen wird. Wenn sie denn ehrlich ist. Das wäre doch was!

Gleichzeitig könnte die Rechtsanwaltskanzlei, die derzeit im Auftrag des Vereinsbeirat prüft, ob der "Hitz" überhaupt die Anforderungen an das Präsidentenamt erfüllt, zu dem Ergebnis kommen, dass dem jungen Mann noch zwei, drei Jahre Erfahrung im gehobenen Management fehlen. Kandidatur also unmöglich, "Hitz" entschuldigt sich und bleibt Vorstand, die Zusammenarbeit mit dem Präsidenten ist konstruktiv, auf öffentliche Liebesbekundungen der beiden können wir getrost verzichten.

Auch der immense Reputationsverlust der Funktionärsebene des VfB Stuttgart, entstanden durch den unsäglichen Brief des Vorstands gegen den Präsidenten, ist nicht irreparabel. Aber dafür sollten all diejenigen Funktionäre, die gewöhnlich unter dem Begriff "alte Seilschaft" subsumiert werden, sich vielleicht krankschreiben lassen. Denn um den Schaden zu beheben, müsste Claus Vogt in seiner Funktion als Vorsitzender des Aufsichtsrats der VfB Stuttgart AG schleunigst eine außerordentliche Aufsichtsratssitzung einberufen und alle Mitglieder fragen, ob sie die Aktion des Vorstandsvorsitzenden Hitzlsperger, diese öffentliche Rufmordkampagne, eigentlich billigten. Ob ihnen das gar gefiele, müsste er sie fragen. Und ihre Antworten sorgsamst protokollieren lassen. For the record, wie man sagt. Damit nicht wieder in den einschlägigen Stuttgarter Medien namenlose Stimmen zitiert werden, die dem Präsidenten "fahrige Amtsführung" vorwerfen. Und wenn auch da eine einmütige Verurteilung der Aktion bei gleichzeitiger Annahme einer Entschuldigung durch den Verursacher erfolgt, dann kann man vielleicht sagen, wir sind nochmal davongekommen.

Nun ist zwischenzeitlich bekannt geworden, welche Kanzlei die Eignung des Thomas Hitzlsperger prüft. Da sind angeblich Personen involviert, die den VfB beziehungsweise dessen "alte Seilschaften" schon in Fragen der Ausgliederung des Profifußballs in besagte VfB Stuttgart AG beraten haben. Und beim Bezahlfernsehen kommen sogenannte "Kommunikationsexperten" aus München zu Wort, die das Hauen und Stechen des Vorstands gegen den Präsidenten kommunikationstheoretisch beurteilen. Auch diese Experten haben, so hört man, schon früher beim VfB mitgewirkt.

Gleichzeitig veröffentlicht der Südwestrundfunk Artikel, die Bestrebungen einzelner Vereinsmitglieder in Richtung einer Satzungsänderung beim VfB zwecks Verhinderung von Ämtervielfalt mit den tendenziösen Vokabeln "ruinieren" und "verderben" überschreiben. Es ist deutlich zu spüren, dass die genannten alten Seilschaften eifrig weiter wirken, um ihre Pfründe zu sichern, ihre Ämter zu behalten, missliebige Gegner auszuschalten und das Bekanntwerden missliebiger Ergebnisse in Untersuchungen zum Skandal um die widerrechtliche Weitergabe sensibler Mitgliederdaten zu verhindern.

Gewiss, auch wenn viele Fans mit dem hässlichen Funktionärsgehabe und den Intrigen nichts zu tun haben wollen, auch wenn für die meisten Mitglieder einzig und allein der sportliche Erfolg wichtig ist und sonst gar nichts, ergo es auch völlig egal ist, ob der Präsident vom Vorstand mit einer Lügenkampagne beschädigt und hinter den Kulissen geschoben, intrigiert und gemauschelt wird mit dem Ziel der persönlichen Vorteilsnahme und aus noch niedrigeren Beweggründen, so sollte es doch trotzdem noch halbwegs integer zugehen. Der Zweck mag viele Mittel heiligen, aber nicht alle. Daher sollten die Verantwortlichen doch bitteschön zur Rechenschaft gezogen werden. Egal ob sie Schraft oder Hitzlsperger heißen, ob Porth oder Gaiser oder Mutschler oder Heim. Und dass die Mannschaft auf dem Platz sich von den Winkelzügen in den Gremien nicht beeindrucken lässt, das sehen wir ja Spieltag für Spieltag, wenn das sexiest team alive seine Gegner rund macht. Aber das hatten wir ja schon.


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1 Kommentar verfügbar

  • Wolfgang Jaworek
    am 13.01.2021
    Antworten
    Kein Wunder, dass ich auch nach 50 Jahren Stuttgart immer noch Fan des Freiburger SC bin ... Und das nicht nur wegen der Ballbeherrschung ...
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