Natürlich war früher nicht alles anders. Zum Beispiel 2011, als die Kontext:Wochenzeitung am 6. April an den Start ging, da hieß der amtierende deutsche Fußballmeister der Männer auch schon FC Bayern München. Einen guten Monat, also vier Kontext-Ausgaben später, da war die Saison 2010/11 allerdings zu Ende – und deutscher Meister war Borussia Dortmund. Die Bayern Dritter, vor Hannover 96 und dem FSV Mainz 05. Zweiter wurde Bayer 04 Leverkusen, den Spitznamen "Vizekusen" geradezu liebevoll pflegend und hegend. Pokalsieger wurde übrigens der FC Schalke 04, und unser geliebter VfB Stuttgart von 1893 belegte Tabellenplatz 12, trainiert von Bruno Labbadia. Der "schöne Bruno" war bereits der dritte VfB-Trainer dieser Saison, zuvor saßen Christian Gross und Jens Keller (interim) auf dem auch damals schon wackligen Trainerstuhl im Stuttgarter Neckarstadion, das so ja bekanntlich längst nicht mehr heißt, weil es 1993 zum Gottlieb-Daimler-Stadion und 2008 zur Mercedes-Benz-Arena ernannt wurde.
Der schöne Bruno trainierte zwischenzeitlich gefühlt 23 andere Bundesligaclubs und ist heute als Chefcoach bei Hertha BSC Berlin angestellt, dem Big City Club, dessen Investoren-getriebene Großmannssucht ungefähr genauso sicher von Erfolg gekrönt sein wird wie die Kandidatur von Susanne Eisenmann für das Amt der Ministerpräsidentin Baden-Württembergs. Die Fußballstadien heißen jetzt fast alle "Arena", der Profifußball ist ein Milliardenbusiness – allerdings ein multimorbides. Schuld daran ist natürlich Corona, aber es gibt durchaus auch andere Gründe. Denn nicht nur die Bilanzen vieler Clubs liegen im Argen, nicht nur die Einnahmen und Zuschauerzahlen wegen jahrelangen Wirtschaftens über die Verhältnisse und virusbedingt. Am Boden liegt das ganze Business auch und vor allem moralisch. Weil etliche Clubs eigentlich pleite sind, alle von Demut reden und gleichzeitig einige schon wieder über eine europäische Superliga der großen Clubs verhandeln. Weil geschätzt neun von zehn handelnden Personen in der Branche unfähig oder unanständig sind, nicht selten beides zugleich. Weil die meisten Fußballprofis heutzutage jegliche Individualität abgeschliffen bekommen, bis sie alle gleich reden und aussehen, fast wie die Borg aus Star Trek: Picard.
Neulich "Wer wird Millionär" gesehen mit den Nationalspielern? Ich meine, kann man das fassen? Süle, Kimmich, Klostermann, Trapp, selbst ein Leon Goretzka, eigentlich als Mann klarer Worte bekannt, wie redet der denn, wie reden die denn alle? Was haben die an, wie sehen die aus? Nuscheln mit zaghaften Stimmchen vorgefertigte Aussagen aus dem kleinen Satzbaukasten, bloß nicht auffallen und schon gar nicht anecken. Ist das die Bierhoffisierung des deutschen Fußballs?
Als der Oli, Mann aus gutem Hause, dem schien schon immer die Sonne aus dem Arsch, als dieser Oli einst antrat, den deutschen Fußball nach vorne zu bringen, da sah er schon genauso aus wie seine Spieler heute. Aber er eckte an, verbandsintern und bei den Fans auch, weil er selbstbewusst war und erkennbar einen Plan hatte. Das mögen die Leute nicht, vor allem dann nicht, wenn es in Kombination daherkommt. Obendrein war er auch noch erfolgreich, kein Zweifel. Die Nationalmannschaft beliebt wie selten, 2014 Weltmeister. Ab da ging es allerdings den Bach runter, sinnbildlich verkörpert von der DFB-Fußball-Akademie inklusive Trainingsplätze, Verwaltung und Pressezentrum in Frankfurt, um die Bierhoff sich seit 2014 federführend kümmert.
Nachwuchs aus der Sternenflottenakademie
In der Star Trek-Welt wäre diese Einrichtung die Sternenflottenakademie, nur dass der DFB keine Quantenphysiker ausbildet und Raumschiffkapitäne, sondern Fußballer. Und wer sich vor Augen führt, dass aus dieser mittlerweile wohl mindestens 150 Millionen Euro teuren Fußball-Akademie nach ihrer Fertigstellung lauter gleich aussehende, körperlich topfitte junge Männer hervorgehen sollen, der blickt ruckizucki nicht in die Zukunft, sondern in die Vergangenheit, aber die Ordensburg ist natürlich auch ein bisschen arg weit hergeholt jetzt.
Trotzdem, irgendwie muss man die Dinge ja erklären, die Ursachen finden. Und wie der DFB sich im Streit um das Akademie-Gelände in geradezu totalitärer Manier gegen Galoppsportvereine und Bürgerentscheide durchsetzte, das steht eben dafür, wie der Fußball allzu häufig meint, mehr zu sein als er ist. Wie alle am Fußball Beteiligten meinen, besser, wichtiger, unersetzlicher zu sein als sie sind. Wie irgendwelche hergelaufenen Westentaschengangster meinen, Berater zu sein und an jedem Transfer, an jeder Leihe eines Spielers am besten gleich mehrmals mittlere Unsummen verdienen zu müssen. Und wie die Sportdirektoren, Vorstände, Manager der Clubs das Spiel nur allzu gerne mitspielen, weil auch sie hintenrum sehr gut mitkassieren. Da hol ich doch lieber den Mann für 20 Millionen als den unbekannten Sechser für 500.000, der vielleicht genauso gut ist. Weil zehn Prozent aus 20 Millionen und die Beteiligung am Gehalt und die Hervermittlung und die Wegvermittlung und im Gegenzug die Goodies vom Berater undsoweiterundsofort. Am Ende alle in Protzkarren unterwegs, alle in ihrer eigenen Welt, Bodenhaftung Fehlanzeige. Und nach außen, wie geschrieben, alle gleich. Gleiche Frisur, gleiches Tattoo, gleicher Typ Spielerfrau, gleicher Typ Nobelkarosse, gleiche leise Stimme, glatt, konturlos. Weil alle mitspielen, weil alle mitverdienen.
By the way, mal eine Frage an all die stolzen Mittelständler im Lande und (wenn erlaubt) in den Logen: Habt Ihr auch überall unerfahrene Leute als Chefs, als Chief Executive Officers am Start? Drehen bei Euch auch so viele völlig ungelernt Millionen um? Nein? Ja ach schau her. Da muss man jahrelang gelernt haben, Erfahrung in vergleichbaren Positionen haben, um bei Euch ans Ruder zu dürfen? Da gibt es Stellenprofile und Anforderungsprofile, die zu erfüllen sind, da werden etliche Bewerber angeschaut? Nun, beim Fußball ist das anders. Da brauchen nur die Trainer einen Schein, der Rest darf ohne ran, vielleicht auch das ein Grund, warum so viele Clubs in Schulden zu ersaufen drohen.
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