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Fußball-Kohle

Zum Kotzen

Fußball-Kohle: Zum Kotzen
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In der verkommenen Branche Fußball-Bundesliga hängen sich die Profiteure gegenseitig Orden um den Hals. Und beim VfB Stuttgart beherrschen weiterhin fragwürdige Führungskräfte das Geschehen. Das Abgreifen von Staatsknete inbegriffen.

Kommerz sticht Moral. Binsenweisheit, Gemeinplatz, und schon gleich dreimal keine neue Erkenntnis. Umso aktueller dafür. Im großen Fußball wie im kleinen. Bei denen mit dem Festgeldkonto wie bei denen mit der Staatshilfe. Und deshalb bekommt kein Jaden Sancho (BVB) den großen Boulevard-Award für die Geste des Jahres, kein Marcus Thuram (Gladbach), keiner derjenigen Spieler, die vor allen anderen niederknieten, um gegen Gewalt, gegen Polizeigewalt ein Zeichen zu setzen. Gegen das rassistische Hassverbrechen, den vor der Weltöffentlichkeit geradezu gelangweilt durchgezogenen Mord an George Floyd.

Der Boulevard ehrt lieber den Mann mit den aus Katar herausgeschmuggelten Rolex und seinen Kumpel, den Milliardär aus Sinsheim, die gemeinsam antraten, um das christliche Abendland gegen marodierende Fan-Banden, gegen so genannte Ultras zu verteidigen, die die kaltherzige Grausamkeit besessen hatten, ein Plakat hochzuhalten. Ein zugegeben ziemlich bescheuertes Fadenkreuz-Plakat – aber eben ein Plakat. Und also geht der "Sport Bild Award" für die Geste des Jahres in diesem Jahr (die Bayern griffen Hoffenheim 13 Minuten lang nicht an), Tusch, Getrommel und Trompeten, an Karl-Heinz Rummenigge und Dietmar Hopp. Und die Leserinnen und Leser mögen mir die etwas arg dramatische Formulierung und auch die abgedroschene Rolex-Geschichte bitte nachsehen – aber es ist halt einfach zum Kotzen.

So ist das eben im Big Business Bundesliga. Wenn da Fan-selige Gutmenschen, der ehemalige VfB-Sportchef Michael Reschke nannte sie einst "ahnungslose Vollidioten", wenn also solche Leute glauben, jetzt sei der Gipfel des Kommerzwahnsinns erreicht, wenn diese Leute sich zusammentun in Vereinigungen wie dem "FC PlayFair! Verein für Integrität im Profifußball e.V.", wenn sich dann auch noch ganz viele solcher Fanvereinigungen zusammentun in der Bewegung "Unser Fußball", dann kommt nicht nur der unsägliche Karl-Heinz Rummenigge und schimpft, jetzt sei es aber mal gut mit den Forderungen dieser Fans, die würden ja nichts anderes tun als fordern, fordern, fordern – nein, dann kommt auch noch DFL-Maschine Christian Seifert. Und streicht die Winterpause. Da lässt sich nämlich noch viel rauspressen. Spiele, Spiele, Spiele, und noch mehr Spiele. Und am vierten Advent 2022 dann das WM-Finale, in Katar, wo die Rolex-Uhren herkommen. Da ist es beim Fußball quasi nicht anders als beim Erdöl. Du denkst, mehr geht nicht – und dann machen die Fracking.

Das Gesamtpaket Mislintat ist eine einzige Sensation

Kommerz sticht Moral auch beim VfB Stuttgart, bei der "Verein für Bewegungsspiele Stuttgart Aktiengesellschaft", wo deren von Daimler-Evergrey Wilfried Porth in alle möglichen Ämter gehievter Vorstandsvorsitzender Thomas Hitzlsperger zwar nett lächelnd umherspaziert und einen auf ganz korrekt und sympathisch und fair macht, gleichzeitig aber einen Sportdirektor Sven Mislintat gewähren lässt, der seinem Vorgänger Reschke eigentlich in überhaupt nichts nachsteht. In der Mitarbeiterführung ein Gigant, in der Branche hoch geschätzt, mit den Beratern bestens vernetzt, ein Teamplayer vor dem Herrn, und dann macht er mit seiner Datenanalysefirma nicht nur Business mit dem VfB sondern auch mit Konkurrent Arminia Bielefeld – im Gesamtpaket eine einzige Sensation. Kein Wunder nennen sie ihn Diamantenauge. Das bedeutet wohl, vom Amigo-Agenten Spieler zu holen, die beim FC Arsenal gekickt haben, wo du mal angestellt warst und relativ zügig wieder rausgeworfen wurdest, nachdem sie dich zuvor schon beim BVB vom Hof gejagt hatten.

Natürlich geht so eine Super-Performance nur, wenn du Prinzipien hast. Zum Beispiel, keine alten Besserwisser im Stab zu dulden, die meinen, dreiste Forderungen stellen zu können. Die doch tatsächlich vorschlagen, lieber auf eigene Nachwuchskräfte zu setzen als teure verletzungsanfällige Spieler aus dem Beraternetzwerk zu leihen oder zu verpflichten. Aber okay, Co-Trainer Rainer Widmayer war ohnehin eine Nervensäge. Der hatte schon die Vorstellungen des Trainervorgängers Tim Walter hier und da mal hinterfragt, Zweifel gehabt daran, dass "individuelle Schwächen schon vom System aufgefangen" würden. Also weg mit dem, nicht wahr, Hitz? Oder sollte ich vielmehr sagen: Nicht wahr, Wilfried? Der Widmayer war jetzt lange genug bei uns, schon ein ganzes Jahr ist es her, dass wir den auf Teufel komm raus, womöglich noch mit Ablöse, von der Hertha weggelockt haben. Kontinuität wird ohnehin überbewertet. Da zahlen wir dem Rainer halt eine Abfindung und holen an seiner statt gleich zwei neue Amigos rein, je größer die Wagenburg desto besser.

Die Staatsknete kommt dem VfB wie gerufen

Da kommt die Staatsknete doch wie gerufen. Also her mit der Coronahilfe von der KfW, der Kreditanstalt für Wiederaufbau. Auch wenn es zumindest fragwürdig ist, wenn es auf der einen Seite Millionentransfers, Millionengehälter, kropfunnötige vorzeitige Entlassungen und gleich mehrere Neue im Trainerstab gibt, auf der anderen Seite Kurzarbeit für die "normalen" Mitarbeiter. Die VfB AG stellt den Antrag, der SC Freiburg stellt ihn nicht. Natürlich liegt da der Verdacht nahe, dass schlecht gewirtschaftet wurde, und dass jetzt versucht wird, die Fehler der Vergangenheit mit Coronahilfen zu kaschieren.

Und es verstärkt den Eindruck, dass beim VfB Stuttgart im Profifußball nach wie vor die falschen Leute wirken. Ein Sportdirektor, der offenbar vor allem anderen und völlig ungebremst sein Netzwerk mit Deals beglückt. Ein Vorstandvorsitzender, der seinen Posten möglicherweise als Sprungbrett nutzt, um eher früher als später elegant über den Ärmelkanal in die Premier League zu hüpfen. Immer die selben Aufsichtsräte, die ihr Ego füttern. Wie zum Beispiel Bernd Gaiser, der Architekt beziehungsweise Sachwalter des ganzen Quattrex-Konstrukts des habichtigen Wolfgang Dietrich, von dem wir möglicherweise auch nochmal hören werden in gar nicht so ferner Zukunft. Und Vorstände und leitende Mitarbeiter, die im großen Geschäft mitstinken, bestens bezahlt, während das Fußvolk in Kurzarbeit geschickt wird. So sieht sie dann wohl auch weiterhin aus, die vielbesungene VfB-DNA.

Grade mal drei Jahre ist es her, da haben die VfB-Mitglieder Ja zum Erfolg gesagt, der Profifußball wurde in die Aktiengesellschaft ausgegliedert, wo jetzt mehr als zuvor die selben Leute wie früher die Strippen ziehen können. Nur können sie das jetzt noch unbehelligter. Denn außer Wolfgang Dietrich sind eigentlich alle noch da. Nur die Gelder sind weg, die 40 Millionen Euro, die der Daimler angeblich bezahlt hat für die Übernahme der Anteile. Was sind wir doch froh, dass wir ausgegliedert haben. Zum Kotzen.


Christian Prechtl ist Autor, Kommunikationsberater und Begründer der Aktionsreihe "Ballwall", die sich zuletzt insbesondere Geflüchteten und dem Thema Integration widmete. In seinem Blog "By the way" hat er viele Jahre über Sport und Gesellschaft geschrieben. Seine Tätigkeit als Kolumnist führt er unter dem Titel "Brot und Spiele" in Kontext fort.


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7 Kommentare verfügbar

  • S.Schuster
    am 24.07.2020
    Antworten
    Hallo Hr. Prechtl,
    Sie treffen (in meinen Augen) den Nagel auf dem Kopf.
    Und ich würde sehr gerne einen Artikel von Ihnen über den derzeitigen Stand des Daimler Konzerns lesen (inhalieren).
    VG
    S.
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