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Soundtrack zum Untergang

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Muss der Fußball sterben, damit wir leben können? Zu dieser Frage äußern sich alle möglichen Menschen – nur die direkt Betroffenen schweigen. Warum eigentlich?

Schon wieder Fußball, was soll man sagen? Was hat man noch nicht gesagt? Dass er sich weit genug entfernt hat von der Basis, der Fußball. Dass er gar nicht so arg fehlt – auch.

Und jetzt ist er wieder auf allen Kanälen präsent, will unbedingt wieder an den Start. Er will das, These hier, genauso wie alle anderen Sportarten auch. Und ganz ehrlich? Die Repräsentanten all der anderen Sportarten, die wollen doch auch alles dafür tun, dass ihr Sport wieder an den Start darf. Die Golfer zum Beispiel, die wollen das doch erst recht auch. Die Tennisspieler, die Volleyballer, Einzelsport, Teamsport, alle wollen.

Nun ist es aber so, dass all diese Sportarten weder den riesigen Einfluss noch die finanziellen Möglichkeiten haben wie der Fußball. Warum auch immer. Funktionärskönnen, Glück, Zufall, Historie, Anzahl der Fans? Hätten sie diesen Einfluss, sie würden ihn geltend machen, jede Wette. These, nochmals: Jeder von ihnen würde alles dafür tun, seine Sportart wieder an den Start zu bringen. So schnell wie möglich.

In den frühen Achtzigerjahren des vergangenen, des zwanzigsten Jahrhunderts, war die Punkband Slime recht populär, unter anderem mit einem Song, in dem es hieß: "Deutschland muss sterben, damit wir leben können." Gehört habe ich den Song erstmals bei einem Moderator der Sendung "Point" bei Radio 3 Südfunk Stuttgart. Der hatte natürlich die geilsten Platten daheim – auch einen kurz darauf indizierten Sampler mit dem Namen "Soundtracks zum Untergang", und da war Slime mit drauf. Wenig später, am Samstag, den 26. Mai 1984, wurde der VfB Stuttgart Deutscher Meister. Das letzte Spiel vor 71.000 Zuschauern zuhause im Neckarstadion gegen den HSV ging zwar durch ein Tor von Jürgen Milewski mit 0:1 verloren, aber der Titel wurde trotzdem gefeiert. Ich war damals im Stadion, Cannstatter Kurve, und ich weiß es noch, als wär's gestern gewesen. Das war sehr schön. Schiedsrichter war Walter Eschweiler.

Heute wird der Soundtrack zum Untergang aus vielen Kehlen für etwas anderes gesungen. Heute heißt es "Fußball muss sterben, damit wir leben können." Viele wollen und/oder können nicht akzeptieren, dass die Bundesligaclubs keine Vereine im romantischen Sinne sind, einfach größere Bolzplätze quasi, sondern Unternehmen, die Geld verdienen wollen und müssen. Die Parole lautet jetzt: Wenn wir die Saison abbrechen können, dann können wir dadurch den Kommerzwahnsinn stoppen.

Aktuelle Umfragen, auch aus fußballnahen Kreisen, ergeben eine Mehrheit gegen die Fortsetzung der Saison. Aus allen Ecken und Enden wird geschimpft auf den professionellen Fußball, der die Saison zu Ende spielen will, des Geldes wegen, koste es, was es wolle. Da kann er sich noch so flach auf den Boden drücken, der Fußball. Mit dem Gesicht tief in den Staub. Da kann er von Gehaltsobergrenzen reden, die Gier der Berater anprangern, den Transferwahnsinn in Frage stellen, als ob er die "Situationsanalyse Profifußball 2017" tatsächlich ernst genommen hätte, diese größte aller derartigen Befragungen, durchgeführt unter 18.000 Fans aller Vereine der ersten und zweiten Liga seinerzeit vom "FC PlayFair! Verein für Integrität im Profifußball e.V.", dessen Gründer heute Präsident des VfB Stuttgart ist.

Natürlich ist es aus Sicht vieler anderer sehr ungerecht, wenn ausgerechnet die hochbezahlten Fußballer als Erste wieder anfangen dürfen. Aber nochmal – wer sollte anfangen, wenn nicht die Fußballer? Und zwar genau die Fußballer der ersten zwei oder drei Ligen, die Profifußballer. Die mit den Monstergehältern, die mit der Milliardenbranche. Die also, die auch ohne Zuschauer spielen können. Die nicht existenziell auf die Einnahmen aus Ticketing und Catering angewiesen sind. Die aber dafür mit einem Höllenkonzept und ganz viel Aufwand dafür sorgen können, dass Abstände eingehalten werden. Abstände zwischen den Menschen, die für das Drumherum sorgen, TV, Medien, Trainerteam, Technik. Die bitteschön auch Solidarität mit der dritten Liga und den anderen Teamsportarten praktizieren dürfen, finanziell vor allem. Stichwort "Teamsport Deutschland".

Die Spieler selbst, die müssen dann natürlich ran aneinander. Zweikämpfe führen. Gegner ablaufen. Gerne mit Maske. Und genau da wäre es mal interessant zu hören, was denn die Spieler von all diesen Plänen halten. Ganz vereinzelt kommen jetzt Äußerungen, Kun Agüero von Manchester City hat Angst, der Kölner Spieler Birger Verstraete wundert sich über mangelnde Maßnahmen zur Isolierung, weil sein Physio und sein Teamkollege positiv getestet wurden – und wird prompt von seinem Arbeitgeber 1. FC Köln glattgebügelt. Ein Spieler der dritten Liga sieht die Sache ebenfalls kritisch – aber das war es dann auch schon. Von der "Vereinigung der Vertragsfußballspieler" (VDV), also der Gewerkschaft der Profifußballer, kommt diesbezüglich rein gar nichts. Ebenso wenig von unseren Nationalspielern. Zumindest nichts deutlich Wahrnehmbares. Dabei wäre es doch vor allem anderen interessant zu wissen, was die Menschen denken, die ab 16. Mai möglicherweise als Gladiatoren der Neuzeit betrachtet werden können.

Ob es nun bald weitergeht mit der Fußball Bundesliga, das müssen die Politiker entscheiden. Nachvollziehbar wäre es, das Ganze abzubrechen. Ebenso nachvollziehbar, die Saison zu Ende zu spielen. Dann aber mit klaren Ansagen und Auflagen, um die Turbokommerzialisierung der Branche wirkungsvoll zu drosseln. Denn aus dem Fußball selbst werden solche Auflagen nicht hervorgehen, ganz egal, wie viele Task Forces die Deutsche Fußball Liga DFL zu diesem Themenkomplex einrichtet.

Ich bin froh, dass ich die Entscheidung nicht treffen muss. Müsste ich sie treffen, dann wäre es mir besonders wichtig zu wissen, was die unmittelbar Betroffenen darüber denken. Also die Fußballerinnen und Fußballer und ihre Betreuer. Und genau von all denen habe ich, wie oben geschrieben, bislang viel zu wenig gehört. Wollen die vielleicht alle auch, dass es weitergeht?


Christian Prechtl ist Autor, Kommunikationsberater und Begründer der Aktionsreihe "Ballwall", die sich zuletzt insbesondere Geflüchteten und dem Thema Integration widmete. In seinem Blog "By the way" hat er viele Jahre über Sport und Gesellschaft geschrieben. Seine Tätigkeit als Kolumnist führt er unter dem Titel "Brot und Spiele" in Kontext fort.


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