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Wasser und Wein

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Die Fußball-Bundesliga hat jetzt Sommerpause, das heißt, die Clubs haben keine Spiele mehr. Weshalb die Stimmung mancherorts besonders gut ist. Also zum Beispiel beim VfB Stuttgart.

Nach Meinung einiger Experten muss VfB-Sportvorstand Sven Mislintat jetzt einen komplett neuen Kader zusammenzimmern, wenn er beziehungsweise der VfB in der kommenden Spielzeit nicht gehörig den Arsch versohlt bekommen will. Aber sie nennen Mislintat ja sicher nicht deshalb "Diamantenauge", weil er so blind ist wie ein Stein, sondern weil er angeblich ein besonders gutes Auge für Talente hat. Für bislang eher unbekannte Spieler, die er zu relativ günstigen Konditionen kaufen kann, die dann einen gewaltigen Leistungssprung machen und wenig später für ein Vielfaches ihres ursprünglichen Preises weiterverkauft werden. So wie es andernorts mit Ousmane Dembélé oder Pierre-Emerick Aubameyang passiert ist.

Sind wir also gespannt, ob das Diamantenauge seinem Namen alle Ehre macht – oder ob es lediglich die Taschen der befreundeten Beraterschar füllt. VfB-Trainer Pellegrino Matarazzo jedenfalls ist frohen Mutes, wenn er an die kommende Saison denkt. Seiner medial verbreiteten Meinung nach wird es für die Mannschaft, die 17 der 34 Spiele in der zweiten Liga nicht gewinnen konnte und stolze zehn Spiele verloren hat, in der ersten Klasse eher leichter. Ob "Pelle, der Punkte-Eroberer", diesen Optimismus aufgrund der Scouting-Qualitäten seines Chefs Mislintat pflegt oder ob seine Laune nur deshalb gut ist, weil er sich nicht mehr jedes Wochenende für schlechte Leistungen seiner Truppe rechtfertigen muss? Nächste Saison wissen wir mehr.

So, wie der VfB Stuttgart einer der größten Sportvereine in Deutschland ist, so ist sein künftiger Gegner in Deutschlands höchster Spielklasse, der FC Schalke 04, einer der größten Sportvereine der Welt. Und auf Schalke ist die Stimmung nicht gut, obwohl keine Spiele sind. Dort ist sie sogar extrem schlecht, die Stimmung. Denn wenn man den zahllosen Artikeln zahlloser angeblicher Schalke-Kenner glauben darf, ist Schalke der am schlechtest geführte Club aller Zeiten. Was zwar insofern stimmen mag, als dass der unlängst zurückgetretene Aufsichtsratsvorsitzende, Fleischbaron Clemens Tönnies, in vielerlei Hinsicht gleich nach Sigmar Gabriel die dickste Sau von allen und einer der größten Unsympathen aller Zeiten ist und dass der ebenfalls auf Schalke als "Technischer Direktor" wirkende Michael Reschke, Spitzname "Perlentaucher" und rein zufällig Vorgänger von Diamantenauge Sven Mislintat als Sportvorstand beim VfB Stuttgart, dem Fleischbaron an Unsympathie in nichts nachsteht – aber so schlimm, wie manche jetzt tun, steht es wohl doch nicht um Königsblau. Denn im Gegensatz zu den meisten Konkurrenten in der Bundesliga ist Schalke immer noch nichts anderes als ein Verein, da gibt es noch keinen in eine Aktiengesellschaft ausgelagerten Profibereich. Dem Verein Schalke gehören überdies seine Spielstätte, das Stadion beziehungsweise die Arena selbst, und alle Rechte auch, die im Fußball heutzutage so gerne gehandelt werden. Also mag man sich zwar tierisch aufregen über Tönnies mitsamt all der üblen Verquickungen in Politik und Medien, über die Art und Weise, wie auf Schalke Hunderte von Millionen von Euros in den Wind oder in die Taschen windiger Berater geblasen wurden – aber man möge dabei nicht vergessen, dass viele andere in der Liga keinen Deut besser sind. Fette Landesbürgschaften haben auch schon die Freunde aus Dortmund bekommen. Also Schalke gerne weiter hassen, nix dagegen. Aber bitte nicht so tun, als wären die ganz besonders schlimm und alle anderen wären besser.

Und wer als Fan meint, die Branche müsse sich ändern, dem sei hier einmal mehr geraten, sich doch mehr beim Verein seines Herzens als Mitglied einzubringen. Denn das ist sein/ihr Recht, da kann Einfluss ausgeübt werden. Das ist im Übrigen auch der Sinn dieser viel zitierten "50 plus 1-Regel", der zufolge in Aktiengesellschaften ausgelagerte Profifußballbereiche immer im mehrheitlichen Besitz des angeschlossenen Vereins bleiben müssen. Themen gäbe es genügend: auf Mitgliederversammlungen die Vereinsführung mit Stimmenmehrheit zum gewünschten Verhalten verpflichten. Kommerz, gesellschaftliche Verantwortung, Verteilung der TV-Gelder, Grundlagenvertrag, Anstoßzeiten – aber wenn ich zum VfB auf die Mitgliederversammlung gehe, dann sind da im Schnitt vielleicht 2.000 bis 4.000 Leute. Von 70.000.

Warum? Weil, These jetzt, der großen Mehrheit es wurschtegal ist, wie sich der Verein zu Frage X oder Problem Y verhält. Weil die Mehrheit der Leute vom Fußball gar keine gesellschaftliche Vorbildrolle erwartet, sondern weil die einfach nur Fußball sehen will, und das bitte möglichst erfolgreich. Quasi Entertainment only. Denn wenn es nicht so wäre, würden sich die Leute alle engagieren, dann wäre das Neckarstadion regelmäßig rammelvoll, wenn der VfB dort seine Mitgliederversammlungen abhielte. Abhalten müsste, weil alle anderen Orte viel zu klein wären für die vielen Menschen. Und weil dann beim VfB und in den meisten anderen Vereinen regelmäßig ein Sturm über die Vereinsführung hereinbräche, weil sie nämlich schon wieder alle in der Deutschen Fußball Liga GmbH (DFL) für den Kommerz gestimmt haben und gegen die Faninteressen. Oder wie, bitteschön, konnte es sonst zu einem Ding wie den Montagsspielen kommen? Wo sind die Vereinsvertreter, die lautstark dafür plädieren, das viele Geld auch wirklich den Amateuren zukommen zu lassen anstatt es via Nebenabreden teilweise der DFL zuzuschustern? Viel zu viele von ihnen predigen Wasser und saufen Wein.
 

Christian Prechtl ist Autor, Kommunikationsberater und Begründer der Aktionsreihe "Ballwall", die sich zuletzt insbesondere Geflüchteten und dem Thema Integration widmete. In seinem Blog "By the way" hat er viele Jahre über Sport und Gesellschaft geschrieben. Seine Tätigkeit als Kolumnist führt er unter dem Titel "Brot und Spiele" in Kontext fort.


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