Kein Raum für rechtes Gedankengut: Philosophiestudentin Celine Klotz gibt Nachhilfe in Widerrede. Fotos: Joachim E. Röttgers

Kein Raum für rechtes Gedankengut: Philosophiestudentin Celine Klotz gibt Nachhilfe in Widerrede. Fotos: Joachim E. Röttgers

Ausgabe 425
Gesellschaft

Keinen Fußbreit

Von Johanna Henkel-Waidhofer
Datum: 22.05.2019
Die Welt wäre eine bessere, würde nur ein kleiner Prozentsatz der Zivilgesellschaft dem Beispiel von Celine Klotz folgen. Dazwischengehen, wenn verhetzende Sätze fallen, hinstehen gegen Rassismus, erst recht im Wahlkampf. Nach dem Motto: Stammtisch ist überall.

"Wir müssen uns nur selbst beobachten, dann wissen wir genau, worum es geht", sagt die junge Frau und blinzelt im Stuttgarter Süden in die wenig frühlingshafte Sonne. Jeder, sagt sie, kenne doch die Momente, in denen die Schrecksekunde zu lange dauert, in denen einem Gehässigkeiten im Bus oder an der Supermarkt-Kasse, im Büro, im Verein oder auf dem Kinderspielplatz die Sprache verschlagen. Celine Klotz hingegen mischt sich ein, aus Prinzip. Nicht nur, weil es ihrem Temperament entspricht ("Ich bin schon in der Schule angeeckt"), sondern weil sie "rechtem Gedankengut den Raum nicht überlassen will, nirgends und zu keiner Zeit".

Die Philosophiestudentin mit SPD-Erfahrung ist buchbar, für 90 Euro - oder in Sonderfällen auch weniger- unterweist sie Gruppen von bis zu 25 Interessierten in der guten alten Kulturtechnik der Widerrede. "Stammtischkämpfer*innen" nennt sich die Truppe, erwachsen aus dem bundesweiten Bündnis "Aufstehen gegen Rassismus", das sich vor drei Jahren ausdrücklich als Gegengewicht zur AfD gegründet hat. Denn die sei "zu einer ernsthaften Gefahr geworden für all jene, die nicht in ihr rechtes Weltbild passen", heißt es in dem Aufruf. Und weiter: "Wir sind viele, wir heißen Geflüchtete willkommen, wir stehen auf gegen den Rassismus von Pegida, AfD, NPD & Co, wir erheben unsere Stimmen, um in die gesellschaftlichen Debatten einzugreifen, gegen rechten Populismus, wir wenden uns gegen Obergrenzen und Grenzschließungen, die Wasser auf den Mühlen der Rassistinnen und Rassisten wären. Wir stehen für eine offene und gerechte Gesellschaft."

Der Wunsch nach grundlegend anderem Zusammensein

Bemerkenswert am Engagement der Stammtischkämpferin ist auch, wie sie eigene politischen Ideen hintenanstellt. In Wirklichkeit will sie viel mehr als eine offene und eine gerechte Gesellschaft, sie will ein grundlegend anderes Zusammenleben. Auf dem Weg dorthin, das wäre ihr Wunsch, "reflektieren wir über das System, in dem wir leben wollen", eine intensive theoretische Auseinandersetzung mit dem Kapitalismus führen, diskutieren über Globalisierung, Ausbeutung und wieso sich der Neoliberalismus so breit machen konnte. Vieles stellt sie zurück, weil sie "Realistin genug" sei, "um zu wissen, dass die Mehrheitsbevölkerung kein Interesse am Klassenkampf hat". Nicht einmal hier, sie schaut sich um im Szenecafé in der Tübinger Straße: "So viel Sinn für die Wirklichkeit muss sein." Und in den Seminaren gehe es ohnehin nicht um Theorie. Gesellschaftliche Debatte würden vor allem an Hand von praktischen Beispiele geführt.

Im Kampf gegen rechts mit Worten steht die Praxis im Vordergrund. Sechs Stunden wird erzählt, Erlebtes ausgetauscht, es geht um rote Linien, um Mut und Haltung, Parolen aus der rechten Ecke werden analysiert, schwachsinnige und widerliche wie: "Wir sind nicht das Sozialamt der ganzen Welt". Oder: "Es können doch nicht alle zu uns kommen." Oder: "Die bekommen alles, wir bekommen nichts." Oder: "Sie islamisieren uns."

An Gegenstrategien ist kein Mangel, und bewährt haben sie sich ebenfalls. "Es muss ja nicht gleich die ganz große Debatte geführt werden", weiß die Heilbronnerin aus Erfahrung. Ein einfaches: "Das ist rassistisch, was Sie sagen" oder: "Wie kommen Sie zu dieser Ansicht?" reiche oft schon aus, um den rechten Redefluss unterbrechen. Und vor allem, um Umstehenden zu signalisieren: "Ihr seid nicht allein mit dem, was ihr gerade denkt." Denn durch die vielen einschlägigen Berichte der StammtischkämpferInnen ziehe sich eine Lektion. "Wir, die wir auf der richtigen Seite stehen, sind immer in der Mehrheit, wir sind stärker und wir sind größer, wir müssen es uns nur gegenseitig mutig zeigen", ist Klotz sicher und leidenschaftlich, wenn es darum geht zu verdeutlichen – jetzt kommt der Klassenkampf doch zu seinem Recht – wie Flüchtlinge gegen die ausgespielt werden, denen die Gesellschaft jede Möglichkeit zum sozialen Aufstieg verweigert.

Ein freiwilliges soziales Jahr hat die Neunzehnjährige bereits hinter sich und vor allem "eine Jugendsünde": 2014 ist sie in Heilbronn in die SPD eingetreten, wollte dort "linke Politik machen". Schnell stieg sie auf in den Kreisvorstand, wurde die Beauftragte gegen Rechts. Und fast ebenso schnell war sie wieder draußen, weil linke Politik "nicht möglich" gewesen sei, weil "ich nicht weitergekommen bin mit dem, was ich für richtig und notwendig halte. Von einem Scheitern auf allen Ebenen erzählt sie ganz ohne Groll, eher erheitert darüber, dass sie ursprünglich in der Sozialdemokratie ihre politische Heimat zu finden gemeint hatte. Gekommen, um zu bleiben, ist sie dagegen zu Verdi und dem DGB. Letzterem schreibt sie eine Rolle zu, die in der öffentlichen Wahrnehmung zu kurz komme: Die Dachorganisation der Gewerkschaften könne sich jenseits der Tarifrunden um die Bildungsarbeit kümmern.

Klotz schult BetriebsrätInnen und die Gewerkschaftsjugend, sie geht in Schulen und Vereine. Vor Ostern war sie im Stuttgarter Jugendhaus West, beim 3. Offenen Forum gegen Rechts, in ihrem Element und unter vielen anderen ihresgleichen. Hier wollen viele eine andere, eine solidarische Gesellschaft, keinen Vorstandsvorsitzenden wie Dieter Zetsche von Daimler mit Rentenansprüchen von sage und schreibe 42 Millionen Euro.

"Ich bin ideologisch gefestigt", sagt ein weißhaariger Mann über sich. Trotzdem kriegt er "oft einfach den Mund nicht auf, nicht nur wenn es gegen die Rechten geht." Die Ausbilderin lässt sich reihum von Erfahrungen berichten, später wird über Argumentationsmuster debattiert und wieso es überhaupt gelingt, "mit einem Flickenteppich von abstrusen Behauptungen" die Stimmung anzuheizen. Zwischendurch gibt es ganz konkrete Tipps für den StammtischkämpferInnen-Alltag: Wer Einstellungen in Gruppen nachhaltig verändern will, darf keine Außenseiterrolle einnehmen: "Wer am Rand steht, kann sich nur schwer Gehör verschaffen, also mitten rein."

Kompliziert wird es am Arbeitsplatz, wenn es um Hierarchien und Abhängigkeiten geht, wenn "Vorgesetzte Scheiß schwätzen", wie eine Teilnehmerin sagt. Klotz spricht über bestimmtes Auftreten, über Ruhigbleiben und passende Wortwahl: "Ihr Verhalten ist nicht zu tolerieren". Gerade der Arbeitsplatz werde immer wieder als schwieriges Terrain beschrieben: "Ich kenne fast niemanden, der nicht einen Kollegen mit offener Sympathie für die AfD hat."

Häufig, erzählt sie, begegnet ihr in den Kursen eine "erschreckende Ahnungslosigkeit über zentrale Zusammenhänge in der Demokratie", über Institutionen und politische Prozeduren. In vielen Punkte müsste vieles anders sein, "Armutsbekämpfung, Steuergerechtigkeit, Erderwärmung, Rente" sprudelt es aus ihr heraus. Was aber tun, wenn solche Diskussionen ins Leere laufen, weil gar nicht mehr klar ist, wo von wem wie welche Gesetze verabschiedet werden? "Wenn politische Bildung in der Schule so arg vernachlässigt wird, muss sich niemand wundern", kritisiert Klotz – auch in Erinnerung an den eigenen Gemeinschaftskundeunterricht.

Natürlich ist "Aufstehen gegen Rechts" auf den Demos für Europa mit dabei, in Stuttgart und bundesweit. Fast 10 000 StammtischkämpferInnen sind inzwischen ausgebildet. Zwischen Flensburg und Freilassing findet im Durchschnitt pro Tag ein Seminar statt. "Ich hab‘ noch Termine frei", sagt Celine Klotz keck und kämpferisch zugleich, "die 90 Euro sind gut angelegtes Geld." Übrigens, noch das zum Thema Klassenkampf: Dieter Zetsche könnte mit einem Zehntel seiner Rente 47 000 Seminare finanzieren. Die Welt wäre eine bessere.


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1 Kommentar verfügbar

  • peter nowak
    am 28.05.2019
    Ein sehr interessanter Artikel. Dabei würde ich vor allem über das Verhältnis Klassenkampf versus Stammtischkampf tiefer nachdenken. Es denke nicht, dass die Mehrheit der Menschen mit dem Klassenkampf nichts anfangen kann. Die Mehrheit der Menschen lebt und arbeitet in prekären Verhältnissen. Vielleicht bräuchte es Menschen wie Celine Klotz, die den Menschen Anleitung im Klassenkampf gibt. Das würde dann auch die Frage der Solidarität mit den Lohnabhängigen in aller Welt aufwerfen. Schließlich sind die Menschen, die hier als Flüchtlinge oder Geflüchtete bezeichnet werden, in der Regel Wanderarbeiter*innen. Sie kommen nach Europa auf der Suche nach einer Lohnarbeit von der sie leben können. Da könnte der Gedanke der transnationalen Solidarität der Lohnabhängigen schon eine Rolle spielen und schon wären wir auch bei der Fragen einer nichtkapitalistischen Gesellschaft.

    Peter Nowak

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