Der Kunstverein Wagenhalle ist für die Zeit der Renovierung nach nebenan gezogen, in die 2017 entstandene Container-City. Fotos: Joachim E. Röttgers

Der Kunstverein Wagenhalle ist für die Zeit der Renovierung nach nebenan gezogen, in die 2017 entstandene Container-City. Fotos: Joachim E. Röttgers

Ausgabe 398
Gesellschaft

Kultur des Gehörntwerdens

Von Christian Holl
Datum: 14.11.2018
Subkultur kann man nicht durch hoheitliche Planung erzwingen. Aber man kann sie ernst nehmen. Man kann ihr Respekt entgegenbringen. Man kann ihr Freiräume gewähren. Wie man mit ihr nicht umgehen sollte, ist derzeit in Stuttgart zu erleben.
Unerhörte Bitte der Kreativen.
Unerhörte Bitte der Kreativen.

In Stuttgart leidet man an einer Art Minderwertigkeitskomplex. Man ist zu groß, um eine Stadt in der Kategorie von Mannheim, Karlsruhe oder Münster zu sein. Und zu klein, um so wie München, Hamburg oder wenigstens wie Frankfurt zu sein. Oft meint man in Stuttgart, dass man doch eigentlich alles richtig gemacht habe. Und dann geht es doch schief. Das war bei Stuttgart 21 so, dem "Augen zu und durch"-Projekt, von dem man inständig hofft, es werde früher als der Berliner Flughafen fertig. Könnte klappen, liegt dann aber an Berlin. Das tröstet aber kaum darüber hinweg, dass man dann in Stuttgart vielleicht bald einen Bahnhof hat, der nicht mehr wachsen kann, obwohl es gut wäre, er könnte es. Es tröstet nicht, dass man auch in Berlin fürchtet, einen neuen Flughafen zu bekommen, der bei der Eröffnung schon zu klein ist. Auch beim VfB Stuttgart hat man gedacht, dieses Mal alles richtig gemacht zu haben, was wir an dieser Stelle nicht weiter kommentieren, darüber schreiben schon viele andere, republikweit.

Eine Taskforce wie ein Hubschrauber

Republikweit noch kein Aufsehen erregt das Drama um eine Interimsspielstätte für die Stuttgarter Oper. Die Oper ist ja nun wirklich vorzeigbar und auch im Vergleich mit München, Frankfurt oder Hamburg konkurrenzfähig. Und wie anderswo auch, muss die Oper bald saniert werden; man rechnet mit über 600 Millionen Euro. Eine offene Diskussion über Alternativen wurde nicht geführt – das machen andere, etwa die Initiative Aufbruch Stuttgart. Auf deren Betreiben hin trafen sich vom 2. bis 4. November fünf renommierte Architekturbüros zu einem Workshop zur Kulturmeile. Dabei wurde klar: Die Oper bei der Sanierung mit einer Kreuzbühne nachzurüsten, ist grober Unfug. Stattdessen wurde vorgeschlagen, die Littmann-Oper – so, wie sie ist – als Konzertsaal und Ballettbühne zu nutzen, ein neues, bleibendes Opernhaus an der Kulturmeile oder wo auch immer zu bauen und kein Geld für ein Interimsprojekt zu vergeuden. Ob die Stadt diese Anregung aufgreift, wird sich weisen. Vorerst hält sie an der Interimsspielstätte fest. Deren Standort war eigentlich schon gefunden: Er sollte beim Paketpostamt sein, dort, wo das Stuttgart-21-Areal an den Park grenzt. Aber dann war das zu teuer, 116 Millionen Euro, und OB Kuhn entschied, diesen Plan nicht weiter verfolgen zu lassen. Dann war Ruhe. Bis vor Kurzem. Bis zum 16. Oktober.

Preisgekrönte Container-City.
Preisgekrönte Container-City.

Am 16. Oktober wurde das Ergebnis eines Gutachtens präsentiert, dessen Verfasser andere Standorte untersucht hatten. Ein üblicher Weg, einer, von dem man irgendwann hinterher mal sagen wird, man habe doch alles richtig gemacht. Dieser "Taskforce Oper" wollten zwei Standorte geeignet erschienen: einer beim Flughafen, also weit vor der Stadt. Und einer nicht weit entfernt vom ursprünglich geplanten – bei den Stuttgarter Wagenhallen. Die waren vor Kurzem aufwendig saniert worden. Sie sind so etwas wie das Stuttgarter Kreativquartier, das die Stadt geschenkt bekam, denn sie musste es nicht planen, das haben die Kreativen selbst gemacht. Sie haben verhindert, dass die Industriearchitektur verschwunden ist, und eine kulturelle Zwischennutzung erkämpft, die so erfolgreich war, dass sie nun eine Dauernutzung ist. Während die Wagenhallen saniert wurden, haben die Nutzer direkt nebenan eine Container-City errichtet, die sogar eine Belobigung beim diesjährigen deutschen Städtebaupreis bekam. Das ist der zweite geeignete Standort. Und es muss kaum davon berichtet werden, welcher von offizieller Seite favorisiert wird

Fremde Federn

Die Containerstädter haben von den Erkenntnissen der Taskforce aus der Zeitung erfahren. Das ist nicht nur kein guter Stil. Es ist einfach eine erbärmliche Feigheit. Mit denen, die betroffen sind, nicht zu reden, bevor man an die Öffentlichkeit mit fertigen Ergebnissen geht – so behandelt man jene als beliebige Verfügungsmasse, deren Engagement dazu beiträgt, dass Kultur nicht lediglich von hochsubventionierten und eingekauften Spitzenkräften repräsentiert wird. Undankbarkeit ist für dieses Vorgehen noch ein eher netter Ausdruck. Hinter Arroganz versteckte Hilflosigkeit trifft es eher. Man hat in Stuttgart keinen Plan, wie man Off- oder Subkultur fördern könnte, wie man ihr Freiräume sichern könnte. Kein Konzept. Man stellt dafür nicht ausreichend Personal zur Verfügung. Man schaut zu, und wenn etwas erfolgreich ist, dann fängt man irgendwann an, sich Gedanken zu machen, wie man an diesem Erfolg teilhaben könnte, wie man sich etwas vom Glanz dessen, was man selbst nicht hervorgebracht hat, kaufen kann. Wahrscheinlich klopft man sich auch bald auf die Schultern für das, was junge Engagierte am Österreichischen Platz auf die Beine gestellt haben.

Wagenhalle samt brachliegendem Drumherum aus Vorzeiten der Container-City.
Wagenhalle samt brachliegendem Drumherum aus Vorzeiten der Container-City.

Ein solches Vorgehen ist ein Armutszeugnis für eine Stadt, die sich bald mit einer IBA schmücken will – ein Zug, auf den man übrigens auch sehr spät aufgesprungen ist. Eine "Kultur des Gehörtwerdens" versprachen die Grünen in Baden-Württemberg einst. Heute, da man im Land den Ministerpräsidenten und in Stuttgart den Ober- und den Baubürgermeister stellt, geht es nur noch darum, wo man einer Oper am besten zuhören kann. Es muss ja nicht sein, dass die Container bleiben – aber ein Konzept dafür, wie man das kulturelle Klima der Stadt auch dort pflegt, wo man selbst nicht gesät hat, das wäre eigentlich das Mindeste, wenn man nicht hinter Städte wie Münster oder Mannheim zurückfallen will. Ein Konzept – um etwa darauf vorbereitet sein zu können, andere Standorte für die Container-City vorzuschlagen. Wie man zu einem solchen Konzept finden könnte? Schaut doch einfach, wie es die Leute von den Wagenhallen und Contain't machen. Sie gründen eine Taskforce Talk. Hört dort einfach mal zu. Damit es nicht wieder schief geht, oder damit wenigstens der Versuch unternommen wurde, ein bisschen was richtig zu machen.

Der vorliegende Text erschien erstmals am 6. November in dem Stuttgarter Internetmagazin Marlowes, das sich vor allem den Themen Architektur und Stadt widmet.

Christian Holl ist Mitherausgeber von Marlowes. Holl studierte zunächst Kunst, dann Architektur in Aachen, Florenz und Stuttgart. Ab 1997 war er Redakteur der db Deutsche Bauzeitung und gründete 2004 mit Ursula Baus und Claudia Siegele "frei04 publizistik". Seit 2008 ist Holl, der in Stuttgart und Frankfurt lebt, Kurator und Mitglied im Ausstellungsausschuss der Architekturgalerie am Weißenhof und seit 2010 Geschäftsführer des BDA Hessen.


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