Der Künstler Thomas Putze in seinem Atelier. Foto: Jürgen Altmann

Der Künstler Thomas Putze in seinem Atelier. Foto: Jürgen Altmann

Ausgabe 146
Kultur

Eisenbahnwägele ade

Von Dietrich Heißenbüttel
Datum: 15.01.2014
Im Windschatten des Mammutprojekts Stuttgart 21 ist am Inneren Nordbahnhof, einem ehemaligen Bahngelände im Stuttgarter Talkessel, eine einzigartige Künstlerkolonie entstanden. Doch der Raum um die Wagenhallen wird enger.

Schräge Underground-Bands aus dem Mittleren Westen der USA, angekündigt nachts um elf, tatsächlicher Beginn zumeist später: anfangs häufig im Che, einer Baracke direkt am Gleisvorfeld des Stuttgarter Hauptbahnhofs, dann meistens in einem alten Eisenbahnwaggon auf einem nicht mehr genutzten Gleis.

Rund um die Wagenhallen, eine alte Lokremise, vor der sich riesige Pfützen ausbreiten, zwischen Zementsilo und haushohen Schrottbergen, ist in den letzten 15 Jahren ein Kulturstandort entstanden. Früher wäre so etwas in Stuttgart, wo die Gehwege feucht gewischt und um 23 Uhr hochgeklappt wurden, undenkbar gewesen. Aber die Eigendynamik des Projekts Stuttgart 21, erstmals angekündigt 1994 in Form einer Machbarkeitsstudie, später vorübergehend auf Eis gelegt und bis heute mit vielen Problemen behaftet, ließ einen Freiraum entstehen, wie ihn die Schwabenmetropole bis dahin nicht kannte. 

Das Gebiet soll als Logistikfläche für den großen Bahnhofsumbau dienen, der lange Jahre nicht vorankam. Während der Schrotthändler weiter arbeitete, richteten Künstler in den Wagenhallen, Nebengebäuden und zwei Reihen alter Eisenbahnwagen Ateliers ein. Von der Subkultur, die hier entstand, wussten viele Stuttgarter nur wenig, denn das Gelände, von der Außenwelt weitgehend abgeschottet, ist nur auf drei Wegen zugänglich: über eine staubige Schlaglochpiste, über die auch Betonmischer bretterten; entlang der Rückseite des Pragfriedhofs; oder über eine alte, weiterhin in Betrieb befindliche Eisenbahnbrücke. Ein wenig Abenteuerlust war gefragt, um das Areal kennenzulernen.

Kunst und Ideen im Eisenbahnwaggon. Foto: privat
Kunst und Ideen im Eisenbahnwaggon. Foto: privat

Mittlerweile sind die Wagenhallen stadtbekannt. Das Bewusstsein für Künstlerinitiativen ist gestiegen. Zwei der sechs Arbeitsgruppen des Kulturdialogs, in dem Bürger und Vertreter von Stadt und Kulturinstitutionen zwei Jahre lang über Perspektiven der kulturellen Entwicklung debattierten, beschäftigten sich mit "Raum für Kunst und Kultur – Chancen für die Stadtentwicklung" und der Situation von Künstlern. "Kreative Räume sind die Labore für eine lebendige, menschliche, sinnstiftende und zukunftsfähige Stadt", heißt es im Abschlussdokument, das im Juli 2013 dem Gemeinderat vorgelegt wurde. Dort steht aber auch: "Es gibt in Stuttgart einen großen Bedarf nach bezahlbaren und planbaren Ateliers in allen Sparten."

Stadtbekannt sind vor allem die Aktivitäten des Kulturbetriebs Wagenhallen, der am Nordbahnhof Konzerte, Flohmärkte und Catering anbietet und die Hallen für Events vermietet, aber auch das Wilhelmspalais im Stadtzentrum nach dem Auszug der Stadtbücherei, vor dem Umbau zum Stadtmuseum in eine angesagte Party- und Veranstaltungslocation verwandelt hat. Weniger klar war bislang wohl den meisten, was die 80 Künstler so treiben, die im Bereich der Wagenhallen arbeiten. Gleich zwei Ausstellungen geben derzeit einen exzellenten Einblick. Die Städtische Galerie Backnang hat auf eigene Initiative Arbeiten von 23 Künstlern ausgesucht, die nun im dortigen Turmschulhaus und dem benachbarten Grafikkabinett ausgestellt sind. Und im Stuttgarter Künstlerhaus hat Robert Steng, selbst Nordbahnhof-Künstler, eine Ausstellung kuratiert.

Es ist ein buntes Panorama. Jeder Versuch, die Gemälde, Skulpturen, Grafiken, Installationen und Videos auf einen Nenner zu bringen, läuft Gefahr, mitgebrachte Klischeevorstellungen von einer trashigen Subkultur unterschiedslos auf Arbeiten zu projizieren, die in ganz verschiedene Richtungen gehen. Allenfalls lässt sich bei vielen eine ironische Grundhaltung konstatieren, die vielleicht weniger mit den Wagenhallen zu tun hat, als vielmehr damit, dass die meisten an der Stuttgarter oder einer anderen Kunstakademie studiert haben. Das scheinbar Rohe, Naive, Handgemachte resultiert nicht aus einem Mangel an intellektueller Kapazität, sondern unterläuft bewusst hochgestochene Ansprüche. Stengs konstruktive Arbeiten bestehen nicht aus glänzendem Metall, sondern aus Altholz und alten Möbelteilen. Susa Reinhardt malt mit Öl und "Schmutz" oder auf einem arg zerschlissenen alten Teppich. Wolfhart Hähnels geniale kinetische Skulpturen, die auf Knopfdruck zu rattern beginnen und schrille Laute ausstoßen, bestehen aus Altmaterial, bis hin zum Stecker aus Bakelit und den mit Garn umsponnenen Kabeln. Mit ganz anderen Mitteln inszeniert Pia Maria Martin auf Video mit den Tellern, dem Besteck und den Speisen eines von oben aufgenommenen Banketts ein nicht weniger geisterhaftes Ballet.

Jazz und Folk im Eisenbahnwagen

Gegenüber der Zukunftsgewissheit der klassischen Modernen kommt in einigen Arbeiten etwas anderes zum Vorschein, das sich als Eintauchen in die Zeit beschreiben lässt. Aus den Hoffnungen von einst sind Albträume geworden, statt nach vorn richtet sich der Blick zurück. Dies gilt für Steffen Osvaths Gruselkabinett aus bearbeiteten Schwarzweißfotos, verbrannten Stühlen und ausgestopften Tieren nicht weniger als für David Baurs Bild eines Jagdfliegers aus dem Zweiten Weltkrieg, zu dem er schreibt: "Das Gemälde entstand ohne das Wissen um die Existenz von Gerhard Richters Düsenjäger und ist vergleichsweise günstig." Dies mag glauben wer will, der Kommentar wirft auf jeden Fall ein Licht auf die Selbsteinschätzung des Künstlers.

An den Wagenhallen arbeiten auch Architekten wie Ferdinand Ludwig, der Konstruktionen aus lebenden Bäumen anfertigt, und Musiker wie Stefan Charisius, der vielleicht als Einziger nördlich des Mittelmeers das westafrikanische Saiteninstrument Kora spielt. Es gibt den Club Tango Ocho, Schmuck- und Modedesigner, Gaukler und Bühnenbildner sowie Tobias Husemann, den Erfinder der fünf Meter hohen Drahtfigur Dundu, die auf Stuttgart-21-Demos ebenso zu sehen ist wie beim Neujahrsempfang der Stuttgarter Messe.

Holzskulptur "Monstertruck" von Thomas Putze. Foto: Joachim E. Röttgers
Holzskulptur "Monstertruck" von Thomas Putze. Foto: Joachim E. Röttgers

Großen Anteil am Ruf des Subkultur-Standorts hat der Verein Für Flüssigkeiten und Schwingungen (FFUS). In der Anfangszeit ab 1999 fanden zum Teil mehrmals wöchentlich Konzerte statt, im Eisenbahnwagen, im Che und in anderen Clubs in der Stadt, oft mit Musikern, die auf ihrem Gebiet Geschichte geschrieben haben wie den Ruins aus Japan, den Necks aus Neuseeland oder dem Wuppertaler Freejazz-Urgestein Peter Brötzmann. Das Besondere daran: Während Brötzmanns Publikum anderswo über die Jahrzehnte hinweg mit gealtert war, tanzten hier junge Mädchen zu seinen kratzbürstigen Saxofon-Kaskaden. Auf eine bestimmte Richtung ließen sich die Organisatoren nicht festlegen. Für einen wie Eugene Chadbourne, der mit seinem Banjo durch die ganze Welt tingelt und die amerikanische Musikgeschichte vom Folk bis zum Punk und zum freien Jazz verinnerlicht hat, war der Eisenbahnwagen das ideale Ambiente.

Vom FFUS-Wagen am Nordbahnhof sind nur noch einige herausgeschnittene Bleche übrig, die noch bis Sonntag, 19. 1. 2014 im Künstlerhaus zu sehen sind, samt Robin Bischoffs Videoaufnahmen von Konzerten und einer Wand voll handkopierter Plakate. Nachdem seit 2011 mehrfach die Räumung angedroht wurde, gab Moritz Finkbeiner auf. Um Konzerte zu planen, braucht es einen gesicherten Ort. Der Wagen ist seit Sommer 2013 verschrottet, Finkbeiner macht dafür nun ein dichtes Programm im Theater Rampe. Einige Eisenbahnwagen stehen noch an Ort und Stelle, wieder andere sind 2012 in die Nähe des neuen Stadtarchivs nach Bad Cannstatt gezogen, wo sie unter dem Namen Contain't einen neuen temporären Standort gefunden haben. Gleich mehrere Kunsträume am Nordbahnhof mussten im vergangenen Jahr schließen: so der von Künstlern betriebene Projektraum OP Nord, die Galerie Eigen-Art und das Atelier Unsichtbar, wo neben Ausstellungen zu weit vorgerückter Stunde manchmal auch Live-Musik zu hören war.

Für die Kunst am Inneren Nordbahnhof wird es enger. Von oben her ist ein neues Berufsschulzentrum dicht an die Wagenhallen herangerückt. Der Schrotthändler ist weg. Vorne stapeln sich bereits die Container, in denen die Bauarbeiter des Milliardenprojekts wohnen sollen. Was wird aus der Subkultur? Im Dezember hat der Gemeinderat einstimmig 5,5 Millionen Euro für die Sanierung der Wagenhallen bewilligt. Das Dach muss gesichert werden, der Kulturbetrieb erhält Einbauten, die einen permanenten Betrieb ermöglichen. Auch die Künstler suchen nach dauerhaften Lösungen. Projekträume als Zwischennutzungen auf Zeit sind eine charmante Idee. Bei Ateliers ist mehr Kontinuität gefragt, zumal erschwingliche Räume in Stuttgart nicht leicht zu finden sind. In Frage steht, welche Rolle der Kunst im zukünftigen Rosensteinviertel zukommen soll.

Vom FFUS-Eisenbahnwagen sind nur noch zwei Bleche übrig. Foto: Joachim E. Röttgers
Vom FFUS-Eisenbahnwagen sind nur noch zwei Bleche übrig. Foto: Joachim E. Röttgers

Die Architekten Lukas Lendzinski und Peter Weigand waren bereits 2012 mit dem Spontan-Architekturfestival 72 Hour Urban Action in das angrenzende Wohngebiet gezogen. "Jetzt müsste man die Kontakte aufrechterhalten", meint Lendzinski, der im Austausch mit dem Israeli Center for Digital Art, dem wohl interessantesten Ort für Gegenwartskunst in Israel, die Vernetzung mit dem Stadtviertel vorantreibt. Im Dezember waren die Architekten mit den Künstlern Silvia Winkler und Stephan Köperl und der Sozialpädagogin Kirsten Maiba zum ersten Mal dort, ein Gegenbesuch folgt im April. Ein Container an wechselnden Standorten soll zur Kommunikation mit den Anwohnern dienen.

Zum Abschluss der Ausstellung im Künstlerhaus kommen am Freitag, den 17. 1., die Initiatoren der gemeinnützigen GmbH ExRotaprint aus Berlin nach Stuttgart. Ihnen ist es mithilfe zweier Stiftungen gelungen, das rund 10 000 Quadratmeter große Gelände der ehemaligen Druckmaschinenfabrik im Stadtbezirk Wedding, die trotz Denkmalschutz zuerst abgerissen werden sollte, dauerhaft für Kunst und Kultur, Kleingewerbe und soziale Zwecke zu erhalten. Ein Modell für den Nordbahnhof?


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