Alle machen mit: Contain't räumt den Platz am Güterbahnhof Bad Cannstatt.

Manche gucken auch nur zu.

Rund 7300 Unterschriften haben die Contain't-Macher gesammelt. Die projizieren sie am 19. Januar in einer Guerilla-Aktion ans Rathaus.

Jubel Ende Januar: fast geschafft ...

Ausgabe 261
Schaubühne

Contain't lebt!

Von Elena Wolf
Fotos: Joachim E. Röttgers
Datum: 30.03.2016
Das Ende von Contain't schien besiegelt. Ende Januar musste das Künstlerkollektiv das Kreativdorf auf dem Güterbahnhofsgelände in Bad Cannstatt räumen. Große Enttäuschung. Viele Fragezeichen. Jetzt haben die Kreativlinge einen Zwischenlandeplatz auf dem Gelände der Wagenhallen gefunden.

Mit rasenden Kettensägen und anderem schweren Geschütz machten zahlreiche Helferlein das liebevoll gestaltete Kleinod neben dem Club Zollamt dem Erdboden gleich. Aufwendige, bunte Holzbauten wurden zersägt und verbrannt. Das eiserne Herz des Dörfchens - ein alter Zugwaggon namens "Blechmarie" - in Stücke zerfetzt. Container-Ateliers wurden eingemottet. Zum 1. Februar hatte die Stadt die Übergabe des Geländes verlangt. 2019 sollen dort Wohnungen gebaut werden. Vorher dürfen aber erst mal Eidechsen ihre Köfferchen packen. Für rund vier Millionen Euro werden sie von einer angrenzenden Brache aufs Ex-Contain't-Gelände umgesiedelt.

Zuvor hatte der Verein eine letzte Herzdruckmassage gestartet, rund 7300 Unterschriften für eine Petition gesammelt, um auf dem benachbarten Degenkolben-Areal weitermachen zu können. Doch Oberbürgermeister Fritz Kuhn hatte nicht einmal Zeit, die Unterschriften persönlich entgegenzunehmen. Schickte Baubürgermeister Peter Pätzold vor und nannte einen Übergabetermin zwei Wochen vor Ende des Mietervertrags. Zu spät im Quadrat. Selbst die Guerilla-Aktion der Container-Community, bei der alle gesammelten Unterschriften mit zwei riesigen Beamern an die Rathausfassade projiziert wurden, konnte nichts daran ändern.

Die Kirsche auf dem Sahnehäubchen des Trauerspiels: Trotz vollmundiger Ankündigungen Kuhns, die Subkultur nicht stiefmütterlich behandeln zu wollen, war die Stadt dieses Jahr nicht in der Lage, eine Ersatz- oder Stellplatzfläche anzubieten. Dafür könne man 2017 drei Containerstellplätze zur Verfügung stellen. Allerdings ohne infrastrukturelle Erschließung, ohne Nutzungserlaubnis für Veranstaltungen und damit unbrauchbar für den Verein, der neben Lesungen und Ausstellungen auch Konzerte, Partys, Open-Air-Veranstaltungen und Gartenprojekte im Programm hat. Das Konzept, alle paar Jahre auf eine neue Brache zu ziehen, floppte. Es wurde ruhig um die Urbanauten. Auscontain't?

Mit dem Kunstverein eine Lösung gefunden

Doch statt frustriert Däumchen zu drehen, haben sie einen Plan ausgeheckt. "Als klar wurde, dass das mit dem Nachbargelände nix wird, haben wir Kontakt mit dem Kunstverein an den Wagenhallen aufgenommen", erklärt Contain't-Sprecher Marco Trotta. "Das sind alles alte Homies von uns." Nachdem alle Versuche, eine passende Bleibe zu finden, an behördlichen Hürden scheiterten, witterten die Jungs und Mädels aus der Subkulturszene Stuttgarts hier eine Chance.

Ende 2016 beginnt die 30-Millionen-Sanierung der Wagenhallen. Dann müssen etwa 80 dort ansässige KünstlerInnen ihre Ateliers räumen und in die "Container-City" auf dem Geländevorplatz umziehen. Contain't erkennt das Potenzial und packt Kairos beim Zopf. "Mit freundlicher Landeerlaubnis des Kunstverein Wagenhalle e.V. ist die Contain't-Raumflotte vorübergehend am Inneren Nordbahnhof gelandet", verkündet der Verein vor Kurzem stolz auf seiner Facebook-Seite und zieht mit 13 vollgepackten Containern in zwei Tagen an den Nordbahnhof. Ein Jahr dürfen sie hier nun bleiben. Danach zieht die Karawane weiter – so der Plan. Da mobile Räume stets zum Contain't-Credo gehörten, kann das Kollektiv jetzt sofort in die Vollen gehen. Reist mit fertiger Infrastruktur an und kann das Jahr effektiv nutzen. "Der Umzug in die entstehende Container-City ist natürlich erst mal gut für uns, aus stadtplanerischer Sicht aber nicht hinnehmbar", meint Trotta weiter.

Zwar werde es vorerst wohl keine Open-Air-Festivals und andere "intergalaktische Kulturevents" wie in Bad Cannstatt geben. Konzerte, Vorträge, andere Live-Acts und lustige Aktionen stehen trotzdem auf dem Plan – wenn auch nicht so ausschweifend wie am alten Standort. Außerdem wolle man sich weiterhin um die elektronische Musikkultur in Stuttgart kümmern und sich für eine nichtkommerzielle Clubkultur stark machen. Dann aber mit externen Events und weniger in den eigenen vier Metallwänden. Trotzdem werden Trotta und Co. versuchen, den Kunstverein für ein spätsommerliches Kunst- und Musikfestival in der gemeinsamen Container-City zu gewinnen.

Jetzt ist aber erst mal Zeit, die mobile Ateliergemeinschaft zu pushen. Neben dem zermürbenden Kampf um einen neuen Standort haben die MacherInnen von Contain't 2015 nämlich rund 22 000 Euro mit einer Crowdfunding-Kampagne gesammelt, um ihrem Traum von einer mobilen Frachtcontainer-Ateliergemeinschaft näher zu kommen. Mit dem Bau eines Containeratelier-Prototypen wollen sie ihr Wissen in die City am Nordbahnhof einbringen. Mit ihren Erfahrungen, mit Imbiss- und Toiletten-Containern, Projekträumen und einer Werkstatt können sie zum Aufbau einer Kreativstadt aus Containern beitragen. Kreative Synergien erzeugen.

Auch wenn große Freude über die neue temporäre Bleibe herrscht, will sich Contain't in Zukunft weiterhin lautstark für ein neues Gelände einsetzen. Denn Stuttgart braucht mehr Orte für Kunst und Kultur jenseits von Staatsgalerie und anderen traditionellen Kulturinstitutionen. Die Künstler wollen sich nun bei Politik und Verwaltung für einen neuen Ort mit Veranstaltungsmöglichkeiten stark machen. "Contain't ist wichtig für den Kulturbetrieb, wenn es um Low-Budget geht", insistiert Trotta. Doch vorerst heißt es "schaffe, schaffe, Containerstadt baue" – und hoffen, dass das Bauamt keine Zicken macht.


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