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Gute Nachrichten

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Halten Sie sich fest, liebe Leserinnen und Leser: Alles wird gut auf der Gäubahn! Und wenn Sie jetzt schon freudig zum Sektkühler laufen und sich ausmalen: dass die jahrelange Abkopplung der Gäubahn vom Stuttgarter Hauptbahnhof durch S 21 vom Tisch ist; dass die Gäubahn auf voller Länge endlich wieder zweigleisig ausgebaut wird; dass die Planspiele eines neuen Gäubahntunnels nicht weiterverfolgt werden, weil zu teuer und selbst ein Bundesverkehrsminister wie Andi Scheuer die Idee zu abgedreht findet – dann müssen wir Sie leider wieder auf den Boden holen. Ganz so doll ist es dann doch nicht.

Aber immerhin: Ab Dezember 2022 werden Bahnreisende stündlich direkt von Stuttgart nach Zürich fahren können, in zuverlässigen Kiss-Doppelstock-Triebzügen des Schweizer Herstellers Stadler, in die ganz schön was rein geht. "Spürbar verbessert" werde das Angebot auf der Gäubahn, freut sich Landesverkehrsminister Winfried Hermann (Grüne), "künftig wird das lästige Umsteigen in Singen zu jeder zweiten Stunde entfallen." Wobei wir hier klarstellen wollen: Nichts gegen Singen, Perle des Hegau, das schmucke Schloss, der stolze Hohentwiel, ganz wunderbar. Doch wer schon so oft und lange auf dem Bahnsteig stand, dass ihm der gegenüber liegende Maggi-Turm im Traume erscheint, weiß diese Neuigkeiten vermutlich zu schätzen.

Lange den Maggi-Turm anschauen konnte vor bald 104 Jahren auch ein gewisser Lenin in einem verplombten Waggon. Der Revolutionär und seine Entourage mussten auf ihrer langen Fahrt nach Russland eine Nacht in Singen ausharren – immerhin nicht umsteigen –, und die Frage, ob die Weltgeschichte einen anderen Lauf genommen hätte, wenn es bereits eine Direktverbindung in einem Kiss-Doppelstock-Triebzug gegeben hätte, ist eine müßige. Fest steht, dass Lenin nach Petersburg und das eine zum anderen kam: Oktoberrevolution, Gründung der Sowjetunion, eine eher unherzliche Beziehung zu den kapitalistischen Staaten, die nach dem Zweiten Weltkrieg im Kalten Krieg gipfelte, zu dessen Höhepunkt die beiden Machtblöcke mit ihren Atomwaffenarsenalen die Erde gleich mehrmals hätten pulverisieren können. Eine Aussicht, die die Friedens- zu einer Massenbewegung werden ließ und den Schriftsteller Heinrich Böll zu einem ihrer prominentesten Mitstreiter. Seine politischen Überzeugungen machten Böll auch zum Namensgeber einer politischen, der grünen Partei nahen Stiftung. Die das mit der Abrüstung mittlerweile nicht mehr ganz so eng sieht und sich sozusagen ein bisschen Clausewitz gönnt, was unser Autor Rupert Koppold scharf kritisiert und auch Peter Grohmann zum Wettern bringt.

Aber halt, wollten wir nicht gute Nachrichten verkünden? Gar nicht so einfach. Mit der Kultur sieht's im Lockdown weiterhin ziemlich duster aus, mit dem dazu gehörenden Metropol-Kino ebenfalls, immer weniger Beschäftigte im Land arbeiten unter einem Tarifvertrag, beim Bemühen, unser Wirtschaften nachhaltiger zu machen, hakt es besonders in der Bauwirtschaft noch gewaltig, die VfB-Führung zerlegt sich weiter, und die SPD … ach, reden wir nicht davon. Dass es wegen Strukturwandel bald duster aussieht, fürchtet auch die Autoindustrie. Das müsse nicht sein, so noch einmal Winfried Hermann, der neben Gute-Nachrichten-für-die Gäubahn-Verkünden auch noch Zeit für ein wirtschaftspolitisches Positionspapier hat. Ist das schon eine gute Nachricht?

Auf jeden Fall ist das hier eine: Peter Lenks S-21-Skulptur bleibt drei Monate länger in Stuttgart – dem "pietistischen Sittlichkeitskommando" (Lenk) zum Trotz, das dem Werk wenig abgewinnen kann und es als degoutant empfindet. Und wer weiß? Vielleicht bleibt das Denkmal am Ende ja doch dauerhaft.

Oder das: Die ehemaligen WohnungsbesetzerInnen der Wilhelm-Raabe-Straße, die 11.200 Euro Räumungskosten zahlen müssen, haben das Geld durch Spenden zusammenbekommen. Und was uns ganz besonders freut: Fati Abu, die Pflegerin und Aufstockerin, hat dank eines Geschenks nun endlich ein Laptop für den Schulunterricht ihrer Kinder. Die Welle der Solidarität, verbunden mit vielen Angeboten zur Unterstützung, die auf den Kontext-Artikel über sie im Dezember folgte, zeigt: Ob es gute Nachrichten gibt, haben wir auch ein bisschen selbst in der Hand.


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