Kann auch gut sein: Hass (eine verbreitete Avocado-Sorte).

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Ausgabe 311
Debatte

Sehnsucht nach Franz Josef Strauß

Von Thomas Rothschild
Datum: 15.03.2017
Vertreter des zivilen Diskurses, unter ihnen die "Stuttgarter Zeitung" und die Stiftung Geißstraße, wollen gegen den Hass anreden. Unser Autor hat den Verdacht, dass es um etwas anderes geht: einen Eingriff in die Redefreiheit.

Hass ist ein hässliches Wort. Wer wollte nicht mit Abscheu darauf reagieren. Eine Große Koalition von Institutionen wie, unter anderem, der "Stuttgarter Zeitung", der Universität Stuttgart, der Stiftung Geißstraße und der AnStifter lädt unter der Überschrift "Die Wucht der Worte" zu einer Veranstaltungsreihe ein, die Widerstand leisten soll gegen "Hasstiraden" und "Hassreden". Ihr Befund: "Reden, politische Publizistik, Kommentare in den sozialen Netzwerken oder den Leserbriefen tendieren in erschreckender Weise dazu, das 'Recht der persönlichen Ehre', das die Meinungsfreiheit nach Art. 5 GG ja beschränkt, bedenkenlos zu verletzen."

Und wenn man nun statt von Hass von Abneigung spräche, von Gegnerschaft, von Interessenskonflikten? Wenn man zu der Erkenntnis käme, dass die Meinungsfreiheit zunehmend stärker gefährdet ist als ein ominöses "Recht der persönlichen Ehre", das diese "beschränkt"? Nicht nur hinten in der Türkei, wo man übrigens vormacht, wie man jede vom Staatskonsens abweichende Meinung durch Sprache, nämlich durch die Etikettierung als "Unterstützung des Terrorismus", kriminalisiert. Mehr als 150 Journalisten sitzen dafür im Gefängnis.

Nicht der Hass als solcher ist das Problem, sondern seine konkrete Äußerung in konkreten Situationen. Die pauschale Verurteilung des Hasses auf Grund von in der Tat widerwärtigen Ausformungen in sozialen Netzwerken oder Leserbriefen gleicht dem Ansinnen, die Religion zu verdammen, weil in ihrem Namen grauenvolle Verbrechen begangen wurden und werden. Sie reproduziert das Muster eines undifferenzierten Pazifismus, der nicht zwischen Angriffskrieg und Verteidigungskrieg unterscheidet. Gegen Hitler, Papadopoulos oder Pinochet gab es nicht zu viel, sondern zu wenig Hass. Wäre dieser begründete Hass nicht bei Worten geblieben, hätten sie, nach einem von den Veranstaltern von "Wucht der Worte" ungenau zitierten Aphorismus Hugo von Hofmannsthals, wie Keulen gewirkt, wäre der Menschheit viel Leid erspart geblieben.

Hass ist die Domäne der Unterdrückten

Wer die Macht hat, braucht nicht zu hassen. Hass ist die Domäne der Unterdrückten. Ein Arbeitgeber kann einen Arbeitnehmer ganz ohne negative Gefühle entlassen. Aber das Verhältnis ist nicht reziprok. Dem Entlassenen bleibt nur der Hass. Dass dieser sich, wenn überhaupt, nur in Worten äußern kann, ist die eigentliche Tragik. Die Bibel hat für diese Asymmetrie die Vorgabe formuliert. Die Bergpredigt mahnt: "Wenn dir jemand einen Streich gibt auf deine rechte Backe, dem biete die andere auch dar." Dieser Satz des legendären Dulders, der sich für das Heil der Menschheit ans Kreuz nageln ließ, kommt den Schlägern sehr gelegen. Sie dürfen noch einmal zuschlagen, ohne Gegenwehr fürchten zu müssen. Die Maxime aus dem Neuen Testament ist das Credo der Herrschenden, die austeilen, und das Credo der Duckmäuser, die einstecken. Diese glauben, dass sie dafür in den Himmel kommen, jene wissen, dass sie schon hier auf Erden davon profitieren. Deshalb liegt ihnen auch daran, ihr Credo immer aufs Neue zu verkünden und anderen aufzudrängen. Wer Unrecht erlitten hat, soll wissen, dass er sich disqualifiziert, wenn er, statt die andere Backe darzubieten, Hass empfindet oder sich gar wehrt.

Ohne Hass wär nichts passiert: Julirevolution in Frankreich. Bild: Eugène Delacroix, 1830
Ohne Hass wär nichts passiert: Julirevolution in Frankreich. Bild: Eugène Delacroix, 1830

Die generalisierende Diffamierung des Hasses, die Nicht-Unterscheidung zwischen Hassreden gegenüber Minderheiten, gegenüber Ausländern, Homosexuellen, Muslimen auf der einen Seite und gegenüber den Nutznießern von Ungerechtigkeit auf der anderen Seite soll nur verschleiern, dass die Prediger des "zivilisierten Diskurses" – so die Veranstalter von "Wucht der Worte" – in Wahrheit die Austragung notwendiger Konflikte verhindern wollen. Wie soll der Bürger begreifen, dass die Abgeordneten, die er gewählt hat, damit sie seine Interessen vertreten, nach dem Scheinduell im Parlament nicht nur hassfrei, sondern freundschaftlich mit jenen beisammen sitzen, die diesen Interessen diametral entgegenstehen, dass sie gar mit diesen eine Koalition eingehen und zivilisiert darüber diskutieren, wie man den Wählerauftrag am diskretesten verraten kann?

Wie kommt es, dass einem heute die "Hasstiraden" eines Herbert Wehner und, ja, eines Franz Josef Strauß geradezu wie politische Sternstunden vorkommen im Vergleich zu dem windelweichen Geeiere von Politikern, die vor lauter zivilisiertem Diskurs vergessen haben, dass sie einmal einen Standpunkt hatten oder zu haben vorgaben? Es ist in diesem Zusammenhang nicht unerheblich, dass sich unter den lautesten Befürwortern des "zivilisierten Diskurses" Personen befinden, die in früheren Jahren durch besonders pointierte Hassbekenntnisse aufgefallen sind. Die Karriere, mit der sie dafür belohnt wurden, dass sie ihre Ansichten geändert haben, sei ihnen gegönnt. Aber warum müssen wir ihre Läuterungsfantasien für der Weisheit letzten Schluss halten? Sollen wir sie dafür bewundern, dass sie die Dummheit ihrer Jugend gegen eine komplementäre Dummheit des Alters ausgetauscht haben?

Bertolt Brecht hinterließ den Nachgeborenen die Botschaft: "Auch der Hass gegen die Niedrigkeit/ Verzerrt die Züge/ Auch der Zorn über das Unrecht/ Macht die Stimme heiser. Ach, wir/ Die wir den Boden bereiten wollten für Freundlichkeit/ Konnten selber nicht freundlich sein." Wer der Meinung ist, dass es kein Unrecht mehr gebe, das Zorn erfordere, dass es keine Niedrigkeit mehr gebe, die Hass erheische, möge sich freundlich stellen. Die anderen müssen auf die Wucht der Worte vertrauen. Mindestens. Noch einmal Brecht: "Zorn und Unzufriedenheit allein genügen nicht, so etwas muss praktische Folgen haben."

Eine Demokratie muss Hass und Hasstiraden aushalten

Nun wendet sich "Die Wucht der Worte" vordergründig nicht gegen den Hass, sondern gegen die Rede, der der Hass zugrunde liegt. Das sind zweierlei Dinge. Der Hinweis auf den Grundgesetzartikel deutet an, in welche Richtung der Kampf geht: in die Richtung einer juristischen Auseinandersetzung. Ein Verbot der Hassrede aber, die konsequentere Anwendung von bestehenden Gesetzen oder die Schaffung neuer Gesetze bedrohen nicht den Hass, sondern eben nur die Rede. Die freie Rede wiederum ist ein zu hohes Gut, als dass man leichtfertig damit umgehen dürfte. Eingriffe in die Redefreiheit, deren Missbrauch ohne Zweifel unter dem Schutz der Anonymität im Internet zugenommen hat, brächten einen zu großen "Kollateralschaden" mit sich, als dass man sie in Erwägung ziehen dürfte. Man kann die Demokratie nicht sichern, indem man unterbindet, was sie ausmacht.

Kein Hass ist auch keine Lösung.
Kein Hass ist auch keine Lösung.

Es ist nicht ohne Ironie, dass einer der Mitveranstalter von "Wucht der Worte" Koautor eines Buchs über Zensur ist. Er sollte wissen, worauf er sich da einlässt. Die bekannten Fälle von Klaus Manns "Mephisto" oder der Bücher von Maxim Biller und Alban Nikolai Herbst wurden unter dem Aspekt der Freiheit der Kunst, des so genannten "Kunstvorbehalts" diskutiert. Aber analoge Fälle stünden erneut zur Disposition, wo das "Recht auf persönliche Ehre" gegen alles ins Feld geführt wird, was jemand als Hassrede empfindet. Es mag weit hergeholt erscheinen, wenn man an den saudischen Blogger Raif Badawi erinnert, der öffentlich ausgepeitscht wurde. Die Begründung lautet "Beleidigung des Islam". Das Wort "Islam" lässt sich durch "persönliche Ehre" ersetzen. Auspeitschungen gehören nicht zum Repertoire mitteleuropäischer Bestrafung. Wer aber nach gesetzlichen Maßnahmen gegen Beleidigungen welcher Art auch immer ruft, hat das Vertrauen in die Demokratie bereits verloren. Die muss, wenn sie funktioniert, Hasstiraden und auch Hass aushalten.

In der Projektbeschreibung zu "Die Wucht der Worte" heißt es: "Die deliberative Demokratie ist gegenwärtig gefährdet. Weniger wegen obrigkeitsstaatlicher Eingriffe, als vielmehr durch den populistischen Missbrauch öffentlicher Rede." Die deutsche Sprache mag gefährdet sein, wo man die korrekte Präposition "durch" durch "wegen" ersetzt. Wer aber tatsächlich glaubt, die "deliberative Demokratie" sei durch den populistischen Missbrauch öffentlicher Rede, so ekelhaft der sein mag, mehr gefährdet als durch obrigkeitsstaatliche Eingriffe, der hat den Sinn für die Realität verloren oder ist selbst ein Faktotum des Obrigkeitsstaats. Solch eine Person muss man nicht unbedingt hassen. Aber man muss sie auch nicht lieben. Die "direkte Demokratie" jedenfalls, von der der Entwurf zu "Wucht der Worte" spricht, wird von den Repräsentanten des Obrigkeitsstaats verhindert, nicht von noch so unerfreulichen Kommentaren in Netzwerken und Leserbriefen.

 

Das Programm der Veranstaltungsreihe "Wucht der Worte" ist hier zu finden.


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