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Württemberger im Boxerkrieg

Als Racheengel nach China

Württemberger im Boxerkrieg: Als Racheengel nach China
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Vor rund 120 Jahren schlugen europäische, amerikanische und japanische Truppen den "Boxeraufstand" in China mit extremer Grausamkeit nieder. Im deutschen Expeditionskorps waren auch viele württembergische Soldaten, darunter der Stuttgarter Offiziersbursche Sofonias Theuß. Wie viele andere brachte er reichlich Raubgut mit.

Am 13. August 1900 erhielt der Offiziersbursche Sofonias Theuß, der gerade in der Stuttgarter Reiterkaserne die Pferde seines Hauptmanns Max von Gemmingen versorgte, ein Telegramm: "Wir gehen nach China. Komme nachts." Zunächst fuhren er und der Hauptmann im Zug nach Berlin, dann "unter den Klängen der Stadtkapelle und unter Hurrarufen von dem dort versammelten Volk" zur Einschiffung nach Bremen, so Theuß in seinen Aufzeichnungen. Wiederum "unter den tausendfachen Hochrufen der Soldaten auf den Schiffen und der großen Volksmenge" legten die Truppentransporter ab. Dem ungelernten Arbeiter Theuß, gerade mal 25 Jahre alt, der schon als Jugendlicher in einer Cattundruckerei bei 45 Grad hatte schuften müssen, winkte das große Abenteuer.

Den Suezkanal erreichten die Schiffe am 11. September, am 24. September Ceylon, wo die Briten gerade 800 gefangene Buren an Land brachten – in Südafrika unterwarfen sie gerade die gold- und diamantreichen Kaprepubliken. Dem verlustreichen und grausamen Krieg verdankt die Welt die "Konzentrationslager". Wenige Tage später bewunderte Theuß in Singapur die "vornehmen Paläste der weißen Herrenvölker aus Europa, auf denen häufig die englische Flagge wehte".

"Am 16. Oktober wurde Taku im Golf von Petschili erreicht. Wir erfuhren, dass sich die Chinesen sehr weit ins Land zurückgezogen hatten und nicht mehr kämpfen wollten. Wir waren enttäuscht – hatte doch Kaiser Wilhelm II. in seinem Scheidegruß an das Ostasiatische Expeditionskorps in Bremerhaven uns angefeuert, auch wegen der Ermordung des deutschen Gesandten in Peking, Freiherrn von Ketteler am 20. Juni 1900. In diesem Sinne waren wir vorbereitet, als Racheengel zu kommen."

Schon einmal 1897 hatte Wilhelm seine Racheengel nach China geschickt – die Ermordung von zwei deutschen Missionaren war ihm eine willkommene Gelegenheit, das von Admiral Tirpitz zuvor ausgewählte Kiautschou an der chinesischen Ostküste zu besetzen. Doch die einheimische Bevölkerung wehrte sich gegen Eisenbahnbau und Sklavenarbeit, gegen Christianisierung und Fremdherrschaft. Auch für die verheerenden Überschwemmungen und die Hungersnot, die 1899 Millionen Opfer forderten, wurden die Fremden verantwortlich gemacht – vor allem von den "Faustkämpfern vereinigt für Gerechtigkeit", von den Europäern "Boxer" genannt. Diese "Yi Ho Tuan" wuchsen in den Hungerregionen schnell zu einer antikolonialen und antichristlichen Massenbewegung mit 500.000 meist jugendlichen Anhängern.

Ketteler hatte die Belagerung provoziert

Der deutsche Gesandte Ketteler tat sich als aktiver Befürworter der "Politik des großen Stocks" hervor, als sich die Yi Ho Tuan in Peking zeigten. Anfang Juni verprügelte er einen "Boxer" mit dem Spazierstock und "verhaftete" einen Jungen, den er in der deutschen Botschaft "offenbar in einem Tobsuchtsanfall" erschoss, wie er einem Freund bekannte. Als am 17. Juni 1900 eine Gruppe "Boxer" ihre rituellen Übungen vor der Stadtmauer abhielt, an die die Botschaft grenzte, schossen Ketteler "und seine fröhlichen Mannen" auf die Chinesen "wie auf Tontauben" und richteten ein Blutbad an.

Die englischen Diplomaten warfen dem Deutschen nicht zu Unrecht vor, so die legendäre Belagerung des Gesandtschaftsviertels provoziert zu haben. Als Ketteler sich am 20. Juni beim chinesischen Außenministerium über die Beschränkungen beschweren wollte, wurde er auf der Straße von dem chinesischen Wachsoldaten En Hai erschossen. En Hai gab im Verhör glaubhaft an, es habe zuvor ein Schusswechsel stattgefunden, ausgelöst vermutlich durch Ketteler selbst – doch Wilhelm II. brauchte wieder einen Märtyrer, für den er seine Racheengel schicken konnte.

Auch viele Württemberger meldeten sich – offenbar hofften die meist aus Dörfern stammenden Freiwilligen auf Ruhm und Ehre und eine lebenslange Pension. Am 13. Juli wurden die Freiwilligen des Grenadierregiments Königin Olga im Hof der Rotebühlkaserne verabschiedet, angefeuert vom Württembergischen König Wilhelm II. und dem Kriegsminister, zu dessen Stab Theuß Chef, Hauptmann Max von Gemmingen, gehörte.

Bei deren Verabschiedung in Bremerhaven hielt Kaiser Wilhelm II. seine berüchtigte Hunnenrede: "Kommt ihr vor den Feind, so wird derselbe geschlagen! Pardon wird nicht gegeben! Gefangene werden nicht gemacht! Wer euch in die Hände fällt, sei euch verfallen! Wie vor tausend Jahren die Hunnen unter ihrem König Etzel sich einen Namen gemacht, so möge der Name Deutscher in China auf 1000 Jahre durch euch in einer Weise bestätigt werden, dass es niemals wieder ein Chinese wagt, einen Deutschen scheel anzusehen!"

Die Hunnen in China

Doch die "Hunnen", wie die deutschen fortan genannt wurden, kamen zur großen Enttäuschung des Kaisers erst vier Wochen nach der Eroberung Pekings durch eine alliierte Strafexpedition an. Über den Marsch nach Peking schrieb Theuß am 14. November an seine Eltern:

"Man findet von Taku bis Peking selten ein unzerstörtes Haus, alles ist zerbrochen und zerschlagen. Es lässt sich hier sehr gut erkennen, dass man sich auf einem Schlachtfelde befindet, denn verwesende Leichen, sowie Pferde und allerhand mögliches Zeug bekommt man zu Gesicht."

Die "Kulturmission" der 19.000 deutschen Soldaten bestand bis in den April 1901 hinein in Strafexpeditionen gegen Orte, in denen man auf Grund von dubiosen Denunziationen "Boxer" vermutete. Was sich dahinter verbarg, erfuhr die deutsche Öffentlichkeit bald aus den Feldpostbriefen von Soldaten, die Angehörige an Zeitungen weitergegeben hatten:

"Du hättest sehen sollen, wie wir in die Stadt einrückten. Alles, was uns in den Weg kam, ob Mann, Frau oder Kind, alles wurde abgeschlachtet. Nun, wie die Weiber schrien! Aber des Kaisers Befehl lautet: keinen Pardon geben."

"Alles, was leicht wegzuschleppen war, wurde fortgetragen." Es wurde "alles niedergemetzelt, was uns in die Finger kam, dabei wurden weder Weib noch Kind verschont. Gegen Abend brannten wir die ganze Stadt nieder. Ich sah an diesem Tag eher einem Metzger als einem deutschen Soldaten ähnlich."

Mit einer Klagewelle ging das preußische Kriegsministerium gegen die Zeitungen vor, da die Veröffentlichungen geeignet seien, "das Ansehen der deutschen Armee zu schädigen". Selbst beeidete Aussagen von Soldaten wurden von den Richtern, meist selbst Reserveoffiziere, nicht zur Entlastung zugelassen: Schließlich gehe es nicht um den Wahrheitsgehalt, sondern um den Tatbestand der Armeebeleidigung! Auch in Stuttgart wurden Redakteure des linksliberalen "Beobachters" und der sozialdemokratischen Zeitungen "Schwäbische Tagwacht" und "Wahrer Jacob" verurteilt, doch das Aufsehen war so groß, dass der Reichstag die "Hunnenbriefe" erbittert debattierte – der SPD-Parteivorsitzende August Bebel nutzte sie für eine Generalabrechnung mit der als zivilisatorische Mission verkauften Eroberungspolitik.

Auch Theuß berichtete in einem Brief an die Eltern, wie Gefangenen vor versammelter Mannschaft die Köpfe abgeschlagen und zur Abschreckung auf Pfähle gespießt wurden. Nach der Ankunft beteiligten sich auch die Deutschen an der Plünderung des schon völlig zerstörten Pekings. Im Brandschutt eines kaiserlichen Palastes grub Theuß wertvolle Buddhafiguren, Elefanten und Teller aus, die er säuberte und in einer Kiste mit nach Hause nahm. Bis zu 15 lange Transportkisten mit geplünderten Antiquitäten ließen sich dagegen Offiziere von ihren Burschen mit Beutestücken vollpacken. Zu ihnen gehörte auch Carl Waldemar Werther als Leiter der Nachrichtenabteilung. Er freute sich über "vergoldete Kupferarbeiten, die ich im Interesse der Vernichtung des Heidentums aus dem Tempel der 10.000 Buddhas in der Kaiserstadt hier weggenommen habe. Auch ein Thronbuddha befindet sich dabei." So schrieb Werther am 7. Dezember 1900 an Graf von Linden, nach dem das Lindenmuseum in Stuttgart benannt ist. Es zeigt den Buddha aktuell in der Werkstattausstellung "Schwieriges Erbe".

Vor 120 Jahren, am 7. September 1901, betrat Theuß wieder deutschen Boden und nahm seinen Dienst in Stuttgart auf. Das neue Pferd seines Hauptmanns nannte er die "Boxerin". Stolz zeigte er sich in seiner Heimat bei Heidenheim in seiner Tropenuniform. Stolz zeigte er auch die mitgebrachten Antiquitäten, die ihm den Namen "China-Theuß" einbrachten und in der China-Stube im Steinheimer Heimatmuseum zu besichtigen sind.

Der Sühneprinz

Am gleichen Tag endete in Peking der "Boxerkrieg". Die acht Kolonialmächte Großbritannien, Frankreich, Deutsches Reich, Italien, Österreich-Ungarn, Russland, USA und Japan diktierten China ein ruinöses "Friedensprotokoll". Als besondere Demütigung bestand Wilhelm II. darauf, dass ein Vertreter der chinesischen Dynastie mit einem Kotau vor ihm Abbitte leistet. Und so musste der "Sühneprinz" Chun am 4. September 1901 im Neuen Schloss in Potsdam erscheinen:

"Der Kaiser ließ sich, ohne den Helm abzunehmen, mit Marschallstabe in der Hand, auf dem Throne nieder und schaute mit tiefernster Miene dem jugendlichen Prinzen entgegen, der unter tiefer Verbeugung in der Thür des Saales erschienen war." Nach einigem diplomatischen Geplänkel hatte Berlin auf den Kotau verzichtet. Der Prinz drückte nach mehrmaligen tiefen Verbeugungen "sein tiefes Bedauern über die vorjährigen Ereignisse" aus. Wilhelm II., dessen Truppen gerade Nordchina raubend und mordend durchzogen hatten, ermahnte ihn, China müsse sich gewissenhaft an "der Sitte zivilisierter Nationen" orientieren. Was mag sich der Prinz dabei gedacht haben?

In den nächsten Tagen wurde er als Sehenswürdigkeit in der Berliner Gesellschaft herumgereicht, die erstaunt bemerkte, dass er "die feinen Unterschiede zwischen Fisch-, Braten- und Obstbesteck aufs genaueste einhielt". Außenminister Richthofen betonte bei dieser Gelegenheit das Ziel, "sich nach Wiederherstellung friedlicher Verhältnisse das chinesische Reich als Absatzgebiet für die deutsche Industrie zu sichern."

Der Prinz hatte Geschenke des chinesischen Kaisers mitgebracht, deren Annahme der deutsche Kaiser aber verweigerte und die daher an Museen verteilt wurden, zwei auch nach Stuttgart. Das Räuchergefäß aus Bronze und ein Lichtschirm aus dem Besitz der mächtigen Kaiserinwitwe Cixi sind gerade in der Ausstellung im Lindenmuseum "Linden-Museum und Württemberg im Kolonialismus" zu sehen.

 

Die chinesische Sammlung von Theuß ist in der Heimatstube 89555 Steinheim am Albuch zu besichtigen nach Vereinbarung über die Gemeinde, Tel. 07329 9606-0

Theuß nahm 1904 in Südwestafrika an der Niederschlagung des Herero-Aufstands teil, wandelte sich aber im Ersten Weltkrieg zum Pazifisten und wurde im Alter von 70 Jahren am 26.März 1945 wegen Wehrkraftzersetzung in Plötzensee hingerichtet. Adalbert Feiler hat sein Leben dokumentiert: "Der Einsiedler von Steinheim genannt China-Theuß", Heidenheim 1986, dem die Theuß-Zitate entnommen sind.

Die spannende Ausstellung "Schwieriges Erbe. Lindenmuseum und Württemberg im Kolonialismus" im Lindenmuseum Stuttgart ist noch bis zum 8.5.2022 zu sehen. Dazu gibt es einen kleinen Katalog.

Eine aktuelle Übersicht zum Forschungsstand bietet Mechthild Leutner/Klaus Mühlhahn in dem Sammelband "Kolonialkrieg in China", Ch.Links-Verlag, Berlin 2007


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1 Kommentar verfügbar

  • R.Gunst
    am 10.09.2021
    Antworten
    Der Begriff Racheengel lässt doch allzuleicht wieder den alten Vorwurf der Schuld erkennen. Wie bei vielen anderen Kriegen, bleiben am Ende eben nur die Bilder von Grausamkeiten und Schuldzuweisungen übrig.

    Die eigentlichen Ursachen dieser Kriege werden von interessierter Seite aber im rasch auf-…
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