Nadia Murad am 1. Dezember 2016 bei der Pressekonferenz vor ihrer Rede im Landtag. Foto: LTBW

Nadia Murad am 1. Dezember 2016 bei der Pressekonferenz vor ihrer Rede im Landtag. Foto: LTBW

Ausgabe 393
Zeitgeschehen

"Wir werden nicht schweigen"

Von Nadia Murad
Datum: 10.10.2018
Die UN-Sonderbotschafterin Nadia Murad, der vergangene Woche der Friedensnobelpreis 2018 zuerkannt worden ist, gehörte zu den rund tausend traumatisierten IS-Opfern, die von März 2015 an in einem Sonderprogramm nach Baden-Württemberg geholt wurden. Am 1. Dezember 2016 hielt Murad im Landtag eine Rede, die wir hier dokumentieren.

Im Sommer vor zwei Jahren war ich noch ein Mädchen voller Träume. Ich hatte eine große Familie und viele Freunde in Kocho – jenem Dorf, das heute nicht mehr existiert. Wie andere Mädchen meines Alters freute ich mich auf die Zukunft, lernte mit Neugier in der Schule, schätzte schöne Kleider, lachte viel und hatte die Hoffnung auf ein gutes Leben.

Daesh, die Kämpfer des sogenannten Islamischen Staates, haben mein Dorf, meine Familie und auch meine Träume zerstört. Die Terroristen haben unsere Familien auseinandergerissen, viele ermordet – vor allem die Männer – und uns Frauen und Kinder behandelt, als wären wir keine Menschen, als hätten wir keinen Wert.

Sie haben das alleine aus dem Grund gemacht, weil wir Jesiden in ihren Augen "Ungläubige" sind. Sie wollten uns vernichten. Sie verübten einen Völkermord. Manchmal habe ich gedacht, dass sie auch mich zerstört haben. Und manchmal habe ich Gott gefragt, warum Er mich nicht auch sterben ließ wie meine Mutter und meine Brüder.

Doch heute stehe ich hier und spreche zu Ihnen als Frau, die Daesh nicht zerstören konnte, die überlebt hat. Und ich bin nicht alleine: Es gibt viele von uns, und Lamiya Bashar und Farida Khalaf sind heute auch hier zu Gast. Wir sagen: Nicht wir haben unsere Ehre verloren, sondern nur Daesh und deren Freunde haben ihre Ehre verloren. Und wir beten täglich, dass noch mehr von uns aus den schmutzigen Händen der Terroristen befreit werden können.

"Wird der Genozid vergessen, wird es weitere Gruppen wie Daesh geben"

Wir glauben, dass wir auch deswegen überlebt haben, um der Welt von den Verbrechen von Daesh zu berichten, um die Welt um Hilfe zu bitten, und um dafür einzutreten, dass die Täter vor internationale Gerichte gestellt werden. Niemand soll sagen können, er habe von diesen Verbrechen nichts gewusst!

Dabei geht es um Gerechtigkeit, nicht um Rache. Und es geht uns darum, dass wir Jugendliche auch in Europa davor bewahren, sich dieser Ideologie des Hasses anzuschließen. Denn wenn die Welt es den Terroristen erlauben würde, sich nur die Bärte abzurasieren und so zu tun, als ob nichts geschehen wäre – dann wird der Terror nicht enden. Dann wird der Genozid verdrängt und vergessen, dann wird es weitere Gruppen wie Daesh geben. Und sie werden weitere Völker wie das der Jesiden auslöschen – ganz gleich ob jetzt oder später.

Bitte verstehen Sie daher, dass wir nicht schweigen werden, nicht schweigen können, bis diese Ideologie des Hasses restlos überwunden ist! Daher danke ich allen, die sich mit uns dafür einsetzen, dass die Terroristen vor ein internationales Gericht gestellt werden; namentlich unserer Freundin und Anwältin Amal Clooney und ihrem Team sowie Luis Ocampo und vielen weiteren Freunden.

Und ich danke besonders Ihnen, dem Land Baden-Württemberg. Denn wir haben in der Gefangenschaft von Daesh gefürchtet, dass die Welt uns vergessen hat und nicht unterstützen wird. Dabei waren die Verbrechen dieser Terroristen der Welt bekannt, Daesh hat sich sogar mit ihnen gebrüstet!

Sie, sehr geehrter Ministerpräsident Kretschmann, haben gemeinsam mit Ihrem Minister Klaus-Peter Murawski das Flehen des Zentralrates der Jesiden in Deutschland gehört. Baden-Württemberg hat und braucht keine eigene Armee. Doch Sie haben den Vorschlag gemacht, dass Ihr Land bis zu 1000 Frauen und Kinder aus Kurdistan-Irak holen kann, die in den Händen von Daesh gewesen sind und alles verloren haben.

Sie haben mit diesem Vorschlag nicht nur unser Leben gerettet, sondern auch unsere Stimmen. Hätten Sie uns nicht die Sicherheit und Unterstützung gegeben; wie hätten wir sprechen können? Und wer hätte uns gehört? Dass ich zu den Vereinten Nationen, zu Ihrer Bundeskanzlerin und heute auch zu Ihnen sprechen kann, wäre ohne dieses Sonderkontingent nicht möglich gewesen. Ich habe dies bisher in allen Ländern berichtet und werde es weiterhin tun – Ihre Landesregierung ist die erste weltweit, die solch ein humanitäres Projekt durchgeführt hat. Bitte nehmen Sie den Dank aller Geretteten dafür an.

Baden-Württemberg ist erfreulicherweise eine Demokratie, keine Diktatur. Ich weiß: Dass das Sonderkontingent Wirklichkeit werden konnte, liegt an allen Mitgliedern der Regierung und an Ihnen, den Abgeordneten dieses Parlaments.

Ich habe erfahren, dass Vertreter aller Parteien dieses Parlaments im Jahr 2014 diesem "Sonderkontingent für schutzbedürftige Frauen und Kinder aus dem Nordirak" zugestimmt haben. Sie alle haben sich für die Menschlichkeit entschieden. Auch die Städte und Gemeinden in Baden-Württemberg, die uns aufgenommen haben, haben dies freiwillig getan. Ich möchte allen Mitarbeitern und vor allem den Sozialarbeiterinnen, Dolmetscherinnen und Ehrenamtlichen für ihre wertvolle Arbeit und Unterstützung danken.

Und erlauben Sie mir auch, besonders die Menschen anzusprechen, die ihr eigenes Leben eingesetzt haben, um uns zu retten und in Sicherheit zu bringen: das Team des Sonderkontingentes unter Leitung von Dr. Michael Blume. Heute anwesend sind aus seinem Team Professor Ilhan Kizilhan, Hes Sedik, Mirza Dinnayi und Simone Helmschrott. Sie und einige andere haben dem Land Baden-Württemberg große Ehre gemacht; und sie haben uns Hoffnung gegeben. Sie alle haben uns gezeigt, dass die Welt uns nicht vergessen hat, dass wir doch noch eine Zukunft haben werden und dass das Unrecht am Ende nicht siegen wird. Im Namen aller Opfer des Terrors und aller 1100 Frauen und Kinder, die Sie in Sicherheit gebracht haben, danke ich Ihnen aus tiefstem Herzen!

Für Deutschland mag es dabei Alltag sein, dass Frauen und Männer, Christen, Jesiden, Muslime und auch Menschen ohne Religion zusammenarbeiten. Doch die ehrenwerten Botschafter des Irak und der Region Kurdistan-Irak werden Ihnen bestätigen, dass dies leider alles andere als selbstverständlich ist.

"Eine Rückkehr wird nur möglich sein, wenn die Jesiden wieder Vertrauen in ihre Zukunft bekommen"

Terroristen und Verräter haben es an vielen Orten geschafft, das Vertrauen zwischen den Religionen und Völkern so zu zerstören, dass die Gewalt kein Ende nimmt. Und sie werden nicht damit aufhören, sondern weiterhin versuchen, Angst, Hass und Kriege zwischen den Menschen zu säen.

Doch eine Rückkehr in die Heimat wird nur möglich sein, wenn die Jesiden wieder Vertrauen in ihre Zukunft und ihr Land bekommen können. Dazu gehört, dass die Geschehnisse um Daesh ehrlich aufgearbeitet werden. Schon jetzt erleben wir leider Versuche, die Geschichte unseres Volkes nachträglich so umzudeuten, dass der Genozid verdrängt und verschwiegen wird. Ich danke daher auch Bundeskanzlerin Angela Merkel für ihren Vorschlag einer Autonomie des jesidischen Volkes mit internationaler Hilfe und Aufsicht. Ich bitte die Regierungen in Irak und in Kurdistan-Irak um mehr Unterstützung des jesidischen Volkes und aller anderen religiösen Minderheiten im Irak wie etwa Christen und Sabier sowie um ihre Einsicht dafür, dass Vertrauen wiedergewonnen werden muss.

Jedoch dieses Mal mit Tiefgründigkeit und Gewissheit, sodass sich die Geschehnisse nicht wiederholen. Solange keine handfesten Lösungen für die Jesiden sowie für andere religiöse Minderheiten im Irak und in Kurdistan-Irak gefunden werden, werden diese Menschen ihre Heimat in Richtung Europa verlassen - so wie die Jesiden aus Syrien und aus der Türkei geflüchtet sind.

Nur so kann Daesh wirklich besiegt werden, der Wiederaufbau gelingen und der Strom der Flüchtlinge in andere Länder enden. Nur so kann mein Volk in seiner Heimat überleben.

Nadia Murad, 1993 in Kocho im Nordost-Irak geboren, gehört zur religiösen Minderheit der Jesiden. Im August wurde sie von Mitgliedern der Terrormiliz Islamischer Staats (IS) verschleppt, insgesamt 18 ihrer Familienangehörigen starben durch den IS. Von Mossul aus gelang ihr die Flucht in ein Flüchtlingslager nahe Dohuk. Von dort gelangte sie mit Hilfe des Sonderprogramms für traumatisierte Frauen und KInder aus dem Nordirak nach Baden-Württemberg, wo sie seitdem anonym lebt. Schon früh, etwa im Dezember 2015 vor dem Sicherheitsrat der Vereinten Nationen, sprach sie öffentlich über das von ihr Erlebte und setzte sich für die Anerkennung des Völkermordes an den Jesiden ein. Seit 16. September 2016 ist sie UN-Sonderbotschafterin für die Würde der Überlebenden von Menschenhandel. 2016 wurde Murad mit dem Václav-Havel-Menschenrechtspreis und dem Sacharow-Preis des EU-Parlaments ausgezeichnet, am 5. Oktober 2018 wurde ihr der Friedensnobelpreis 2018 zugesprochen. (os)

Liebe Frau Präsidentin, lieber Herr Ministerpräsident, geehrte Abgeordnete, mir ist die große Ehre bewusst, die Sie mir erwiesen haben, als Sonderbotschafterin der Vereinten Nationen vor Ihnen zu sprechen. Und ich will dies nicht nur im Namen meines Volkes und aller Opfer von Daesh tun, sondern auch im Namen aller Flüchtlinge, die Deutschland bei sich aufgenommen hat.

Die meisten sind gute Menschen, auch wenn sie oft mit anderen Werten aufgezogen wurden, ihre geliebte Heimat nicht freiwillig verlassen und furchtbare Dinge erlebt haben. Gerade weil wir Krieg und Gewalt selbst erlebt haben, stehen wir aber auch an Ihrer Seite, wenn es darum geht, Terroristen und Kriminellen Einhalt zu gebieten!

Denn die allermeisten von uns wissen, was sie Deutschland und seinen Menschen zu verdanken haben. Wir wissen, dass Deutschland kein Öl hat, sondern seinen Wohlstand aus dem Fleiß und der Bildung seiner Menschen schöpft. Genau deshalb konnte es eine glückliche Demokratie werden. Wir wissen, dass die Kirchen dieses Landes aus den Fehlern der Vergangenheit gelernt haben, dass sie den Dialog mit Andersglaubenden suchen, dass sie Bedürftigen mit Liebe begegnen und Hassprediger in ihren Reihen nicht mehr dulden.

Von muslimischen Gemeinschaften und Regierungen wünsche ich mir die gleiche Entschlossenheit in der Auseinandersetzung mit dem Extremismus. Jetzt sollten sich vor allem Muslime und deren Religionsträger und Oberhäupter öffentlich gegen Extremismus, Terrorismus und Gewalt aussprechen und alle anderen Religionen, Ethnien und Nationalitäten akzeptieren und respektieren.

Wann immer im Namen Gottes Feindschaft und Hass gepredigt werden, leiden und sterben Menschen! Wir Aufgenommenen wissen, dass wir ein Teil von Deutschland werden können, wenn wir die Gesetze achten, die Sprache lernen und mitarbeiten. Deutschland ist vielen von uns zu einem Segen geworden; noch in Generationen wird man daran denken. Und wir wollen alles dafür tun, dass auch wir wiederum zu einem Segen für Sie werden können.


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