Monika Hauser zu Gast bei der Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik (DGAP). Foto: Stefanie Loos, Medica mondiale

Monika Hauser zu Gast bei der Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik (DGAP). Foto: Stefanie Loos, Medica mondiale

Ausgabe 295
Politik

Hilfe statt Hype

Von Susanne Stiefel (Interview)
Datum: 23.11.2016
Winfried Kretschmann ist viel gelobt worden für die Aufnahme von traumatisierten Jesidinnen. Die alternative Nobelpreisträgerin Monika Hauser hält dagegen. Diese Frauen würden instrumentalisiert, sagt die Gründerin von Medica mondiale, sie bräuchten "keinen Hype, sondern langfristige Hilfe vor Ort". Am 30. November ist sie zu Gast im Stuttgarter Hospitalhof.

Frau Hauser, Medica mondiale unterstützt im Nordirak Frauen, die Opfer sexualisierter Gewalt wurden. Bereits im März 2015 haben Sie in einem Brief an Winfried Kretschmann sein Sonderprogramm für traumatisierte Frauen kritisiert. Was ist verkehrt daran, 1000 Jesidinnen nach Baden-Württemberg zu holen?

Für einzelne Frauen ist das sicher eine tolle Perspektive, überhaupt ins Leben zurückzufinden. Fachlich schwierig allerdings ist, wie das Projekt angelegt ist. Wir sagen, dass der Prozess der psychischen, sozialen und kulturellen Reintegration für diese Frauen eine große Herausforderung darstellt, wenn sie aus ihrem Familienverband herausgelöst werden und singulär nach Baden-Württemberg verschickt werden.

Warum denn? Hier finden sie doch Ruhe und Sicherheit?

Ist das wirklich die Sicherheit und Ruhe, die sie brauchen? Sie brauchen fachliche Unterstützung ...

... die sie in Baden-Württemberg bekommen. Schließlich ist mit Jan Ilhan Kizilhan ein Jeside und Traumatologe für das Sonderprogramm verantwortlich.

Aber er ist nicht ausgebildet in der Begleitung von Frauen, die Opfer sexualisierter Gewalt geworden sind. Ich bin mit einigen Betreuerinnen in Baden-Württemberg im Austausch und ich weiß, dass dort nicht alles zum Besten steht. Es ist nicht gewährleistet, dass die Jesidinnen von Fachfrauen in Trauma-Behandlung und mit muttersprachlichen Kenntnissen unterstützt werden. Viele leben relativ isoliert. Dabei ist Isolation mit das Schlimmste für Überlebende sexualisierter Gewalt. Einige von ihnen sparen bereits für ihre Rückkehr.

Von wie vielen Frauen wissen Sie?

Mir geht es nicht um Zahlen. Auch nicht darum, dass es nicht um 1000, sondern um rund 300 Frauen geht. Diese Ansage "Wir nehmen 1000 vom Islamischen Staat vergewaltigte Frauen auf" – das hat für mich einen sensationalistischen Beigeschmack. Und es ist eine Kurzzeit-Intervention, die ich für fragwürdig halte. Es braucht langfristige Ansätze mit einer ganzheitlichen Unterstützung, damit die Frauen wieder ins Leben zurückkehren können. Dafür muss man die Systematik sexualisierter Gewalt kennen. Diese Frauen sind eingebettet in Communities, die hochpatriarchal sind. Insofern müssen wir mit Aufklärung und Menschenrechtsarbeit in diese Gemeinschaften hineinwirken. Nur so haben diese Frauen eine Chance, mit Würde in ihr Leben zurückkehren zu können.

Medica mondiale arbeitet im engen Kontakt mit der Regierung in Dohuk. Was machen Sie denn anders, Frau Hauser?

Das Gesundheitsministerium der kurdischen Regierung hat uns gebeten, Fachpersonal im Gesundheitswesen wie ÄrztInnen und PsychologInnen fortzubilden in der traumasensiblen Beratung. Wir geben also unsere Erfahrungen weiter an Menschen vor Ort, die mit geflüchteten Frauen arbeiten. Das sind ja nicht nur Jesidinnen. Auch Christinnen, Muslima wurden Opfer sexualisierter Gewalt in diesem Krieg. Die brauchen doch auch Unterstützung. Natürlich haben die JesidInnen eine Tragödie erlebt, das steht außer Frage. Aber diese politische Spaltung ist alles andere als hilfreich in einem so aufgeladenen Konflikt. Wir unterstützen das Fachpersonal in Dohuk, das draußen in den Flüchtlingslagern tagtäglich die schwierige Arbeit tut.

Zweiter Flüchtlingsgipfel der baden-württembergischen Landesregierung. Foto: Joachim E. Röttgers
Zweiter Flüchtlingsgipfel der baden-württembergischen Landesregierung. Foto: Joachim E. Röttgers

Sie betonen die gute Zusammenarbeit von Medica mondiale mit der Regierung vor Ort. Wie beurteilt man dort die baden-württembergische Initiative?

Wir sind in Kontakt mit den Menschen, die in Dohuk mitgeholfen haben, das Stuttgarter Projekt auf die Beine zu stellen und Frauen auszuwählen. Wir sind in engem Kontakt mit den Fachfrauen, die das Survivor-Center in Dohuk mit aufgebaut haben, das entstanden ist nach dem ersten Schock darüber, was den Jesidinnen angetan wurde. Hier wurden viele Jesidinnen betreut, die jetzt in Baden-Württemberg sind. Dort ist man durchaus enttäuscht, dass es keine weitere fachliche und politische Verbindung mit den Verantwortlichen in Baden-Württemberg gibt. Man will wissen, was aus den Frauen in Baden-Württemberg geworden ist.

Wollen Sie damit sagen, dass es aus Baden-Württemberg keine Rückmeldung nach Dohuk gibt?

Ja, jedenfalls nicht an die fachlich Verantwortlichen. Und es gibt auch keine Information, wie die Frauen betreut werden. Ebenso wenig gibt es Anzeichen dafür, das Projekt zu evaluieren. Das ist aber für die Fachleute in Dohuk enorm wichtig. Denn sie fragen sich, ob es richtig war, Frauen nach Baden-Württemberg zu schicken.

Sie arbeiten eng mit dem nordirakischen Gesundheitsminister Nezar Esmat zusammen. Haben Sie mit ihm über die Jesidinnen in Baden-Württemberg gesprochen?

Wir haben gemeinsam einen Auftritt von Nadia Murad, der UN-Sonderbotschafterin, im französischen Fernsehen angesehen. Der Minister war ziemlich erschüttert, wie maskenhaft sie berichtet hat über das, was ihr geschehen ist. Dr. Nezar meinte sogar: "Als Nadia noch bei uns war, ist sie lebendiger gewesen." Wir haben auch darüber gesprochen, wie Medien und die Politik die Frauen instrumentalisieren.

Nadja Murad.
Gesicht der traumatisierten Jesidinnnen: Nadja Murad.

Winfried Kretschmann regt sich auf, wenn man ihm vorwirft, er habe die Jesidinnen instrumentalisiert, um vom Asylkompromiss der sicheren Herkunftsländer abzulenken.

Wir haben miterlebt, wie bosnische, kosovarische oder afghanischen Überlebende sexualisierter Gewalt immer wieder für politische und mediale Zwecke instrumentalisiert werden. Nehmen Sie nur die afghanischen Frauen, deren Leid für die Intervention der Bush-Administration herhalten mussten. Ob es wirklich um die Frauen geht, sieht man daran, ob aus Hypes wirklich langfristige Ansätze werden. Und das sehen wir ganz selten.

Nadia Murad wurde das Gesicht der traumatisierten Jesidinnnen. Sie lebt in Stuttgart und wird von der Juristin Amal Clooney unterstützt. Sie sagt: "Wenn wir dem Leben von traumatisierten Frauen einen Sinn geben, also auch mit ihrer Geschichte darauf aufmerksam machen, hilft das bei der Genesung." Dem ist schwer zu widersprechen.

Will ich auch gar nicht. Uns geht es darum, Frauen so zu unterstützen, dass sie ihrem Leben und Leid einen Sinn geben können. Aber wenn einzelne Frauen so ins Rampenlicht gestellt werden, ist die Gefahr groß, dass sie sich irgendwann benutzt fühlen und retraumatisiert werden. Bei unserem Ansatz geht es um Empowerment und Stärkung. Und das wird nur erreicht, wenn es neben der individuellen Unterstützung der Frauen auch politische, systemische Menschenrechtsarbeit gibt. Darüber fehlt vor Ort, aber auch in Deutschland, oft das Wissen. Deshalb haben wir Deutschland im vergangenen Jahr auch zum Projektland erklärt.

Neben Ruanda, Afghanistan und Nordirak also auch Deutschland?

Im vergangenen Jahr haben wir viel Hilflosigkeit erlebt im Umgang mit geflüchteten Frauen. In Deutschland herrscht derzeit eine verrückte Situation. Winfried Kretschmann holt Jesidinnen nach Baden-Württemberg. Gleichzeitig flüchten traumatisierte Frauen nach Deutschland, auch aus dem Nordirak, und müssen monatelang oft ohne jegliche psychosoziale Unterstützung in Flüchtlingslagern dahinvegetieren. Das ist doch völlig absurd. Ihre Schwestern in Baden-Württemberg werden mit einem Projekt, das 90 Millionen Euro kostet, unterstützt, und sie hängen in einem Flüchtlingslager irgendwo in Deutschland rum. Mit diesem Geld könnte man den ganzen Nordirak mit Therapiezentren bestücken – denn diese Bevölkerung wird auf Generationen hinaus traumatisiert sein.

Immerhin will das Land derzeit gemeinsam mit der Universität Dohuk ein Institut für Psychotherapie aufbauen und damit den Weg zur Hilfe vor Ort ebnen und Fachpersonal ausbilden. Die ersten Studierenden sollen schon 2017 beginnen. Vielleicht hat man Ihren kritischen Brief im Staatsministerium doch gelesen?

Bis heute habe ich jedenfalls keine Antwort erhalten. Aber wenn der Brief dazu beigetragen hat, dass die Landesregierung nun die Situation vor Ort verbessern will, dann ist das ein Schritt in die richtige Richtung.


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