Ausgabe 370
Zeitgeschehen

Mein Urgroßvater und Karl Marx

Von Dietrich Heißenbüttel
Datum: 02.05.2018
Die erste Weltwirtschaftskrise 1857 veranlasste Karl Marx, damals Korrespondent der New York Daily Tribune, sein Hauptwerk "Das Kapital" auszuarbeiten. Ganz anders stellt sich die Situation aus der Sicht des jungen Hamburger Kaufmanns Oscar Ruperti dar.

"Das Jahr 1857 war eines der glänzendsten, welches Hamburg geschäftlich erlebt hat", schreibt Oscar Ruperti in seinen Lebenserinnerungen. Seit vier Jahren war sein Vater Justus zusammen mit Ernst Merck, dem Sohn des Gründers, Direktor des führenden Bank- und Handelshauses H. J. Merck. Oscar, der Sohn war gerade von Manchester zurückgekehrt, wo sein Onkel Theodor Merck eine Filiale des Hauses leitete, die er einmal übernehmen sollte. Nebenbei hatte er im Philharmonischen Orchester Cello gespielt und dabei sogar Clara Schumann begleitet. Er war 21 Jahre alt und hatte das Leben vor sich.

Ruperti war einer meiner Urgroßväter. Das Buch mit seinen Lebenserinnerungen, ein Privatdruck, steht, seit ich mich erinnern kann, im Bücherregal meines Elternhauses. Es steckt voller Nichtigkeiten: Kur- und Urlaubsreisen scheinen in seinem Leben eine größere Rolle gespielt zu haben als seine Geschäfte. Hoch interessant erscheint mir jedoch, wie er die erste große Weltwirtschaftskrise erlebt, eben jene, die Karl Marx zu seinem Hauptwerk "Das Kapital" veranlasste. Während Marx, der Kommunist, die Krise begrüßt, sieht Oscar Ruperti, der Kapitalist, das eben noch höchst erfolgreiche Unternehmen, das er einmal leiten soll, nun kurz vor dem Ruin.

Von seinem gleichnamigen Enkel, meinem Patenonkel, den ich nur noch als Tattergreis erlebt habe, wird überliefert, er soll einen Zollbeamten angeschnauzt haben, weil der sich erlaubt hat zu sagen, er könne nicht mit k unterschreiben, wenn sein Name mit c im Reisepass steht. Im Sinne der Einheitlichkeit habe ich mir erlaubt, den Oskar zum Oscar zu machen, so hatte ich ihn im Text zumindest geschrieben und so steht er auch in den im Netz verfügbaren Quellen und ich glaube auch auf dem Buchdeckel.

Ruperti unter Reichen

"Die Geselligkeit war eine so vielseitige und glänzende", erinnert sich Oscar Ruperti an seine Rückkehr nach Hamburg, "wie die Vaterstadt sie weder vorher noch nachher gesehen hat. In einer ganzen Reihe von Hamburgs ersten Familien fanden außer zahlreichen mehr oder weniger großen Diners eine große Reihe schauspielerischer und musikalischer Aufführungen statt, und der zum Teil scharfe Winter ermöglichte große Schlittenfahrten nach der Elbgegend und auf der Alster." Oscar lernt seine spätere Gattin kennen, auf einem Maskenball im Hause Ernst Mercks, zu dem er anmerkt: "Besonders erfolgreich waren dabei die schauspielerischen Aufführungen, in deren Mittelpunkt Baron Merck sich durch eminente Leistungen auszeichnete." Merck, auch Mitbegründer der Hamburg-Amerikanischen Packetfahrt-Actiengesellschaft (HAPAG) und für kurze Zeit sogar Reichsfinanzminister, war als österreichischer Generalkonsul in den Adelsstand erhoben worden.

So glänzend, wie das Jahr begonnen hatte, sollte es nicht bleiben. Als Oscar Ruperti im Herbst mit der Borussia, einem der beiden ersten, ganz neuen Dampfschiffe der HAPAG gen Amerika aufbrach, riet ihm sein Vater, die Augen aufzuhalten, denn "es sei eine sehr ernste Krisis in New York ausgebrochen." Nach der Überfahrt durch stürmische See brachte schon das erste Lotsenboot "die für viele Passagiere erschütternde Meldung, dass infolge einer großen Krisis viele Geschäftshäuser und alle Banken die Zahlung eingestellt hätten." Das soeben verlegte erste transatlantische Telefonkabel war schon nach einem Tag wieder defekt. Ängstlich wartete er auf die mit viel Verspätung eintreffende Post.

"Immer düsterer lauteten die Nachrichten aus Hamburg, mein Bruder Alexander schrieb mir, ich möchte mich darauf vorbereiten, dass die nächste Post mir die Zahlungseinstellung von H. J. Merck & Co. melden werde. Das aber wurde verhindert durch die Geschicklichkeit meines Onkels Ernst Merck. Er erreichte es, dass die Österreichische Bank einen Betrag von zehn Millionen Mark Banko in Silberbarren der Stadt Hamburg als Depot übersandte, und als dieses dort bekannt wurde, genügte es, das allgemeine Vertrauen so rasch zu heben, dass das Silber unberührt nach Wien zurückgesandt werden konnte."

Mit zunehmendem Widerwillen arbeitete Marx als Journalist

Zu ganz anderen Schlüssen gelangte der damalige Europa-Korrespondent der New York Daily Tribune. Der 39-jährige Jurist und promovierte Philosoph Karl Marx verdiente sein Geld teils aus Überzeugung, in diesem Fall aber mit zunehmendem Widerwillen als Journalist. Nachdem sich die Hoffnung auf eine akademische Laufbahn zerschlagen hatte, hatte er die Redaktion der Rheinischen Zeitung in Köln übernommen. Bald darauf musste er vor der Zensur nach Paris und Brüssel ausweichen. Mit Friedrich Engels Verfasser des Kommunistischen Manifests, war er nach der gescheiterten 48er-Revolution als staatenloser Exilant in London gelandet.

Die Lohnschreiberei war dem Autor ziemlich verhasst: "Es ist in der Tat ekelhaft", schimpft er Anfang 1857 in einem Brief an Engels, "dass man verdammt ist, es als ein Glück zu betrachten, wenn ein solches Löschpapier einen mit in sein Boot aufnimmt. Knochen stampfen, mahlen und Suppe draus kochen wie die Paupers im Workhaus, darauf reduziert sich die politische Arbeit, zu der man reichlich in solchem concern verdammt ist. Als Esel bin ich mir zugleich bewusst [...] den Burschen zuviel für ihr Geld geliefert zu haben."

Marx und Engels hatten die Krise geradezu herbeigesehnt. "Die amerikanische Krise - von uns in der Novemberrevue 1850 als in New York ausbrechend vorhergesagt - ist beautiful", schreibt Marx am 20. Oktober 1857 an Engels. "Die Krisis wird mir körperlich ebenso wohltun wie ein Seebad, das merk' ich jetzt schon", antwortet dieser am 15. November: "1848 sagten wir: jetzt kommt unsere Zeit, und sie kam in a certain sense, diesmal aber kommt sie vollständig, jetzt geht es um den Kopf." Nach der gescheiterten bürgerlichen Revolution glaubten nun beide, die Zeit für den Aufstand des Proletariats sei gekommen. "So schöne tabula rasa wie diesmal findet die Revolution so leicht nicht wieder vor", hatte Engels bereits im Vorjahr geschrieben.

Abwärtsspirale mit den Banken

Eine der Ursachen der 48er-Revolutionen war eine Finanzkrise in England gewesen. Viel Kapital hatte sich angesammelt. Die Banken suchten nach Anlagemöglichkeiten und fanden diese im Eisenbahnbau. Bis die Blase platzte. Dies wiederholte sich 1857, nun aber in globalem Maßstab. Die Ohio Life Insurance and Trust Company hatte viel Geld in die Eisenbahnen gesteckt. Am 24. August musste ihr Präsident mitteilen: "Ich habe die unangenehme Pflicht, mitzuteilen, dass das Unternehmen die Zahlungen eingestellt hat."

Es kam zu einer Abwärtsspirale. Nach einem Bank Run am 23. Oktober stellten die New Yorker Banken die Zahlung ein. Die englische Regierung hob auf Druck der englischen Banken den Bank Act von 1844, der Kredite strikt an Goldreserven band, wieder auf. Marx beobachtete solche Vorgänge genau und war dadurch in der Lage, Entwicklungen vorauszusehen. In seinen Artikeln für die New York Daily Tribune verarbeitete er die Ereignisse, auch mit Hilfe der Berichte von Engels, der in der väterlichen Baumwollspinnerei in Manchester tätig war.

Es blieb aber nicht bei der Lohnschreiberei. "Die gegenwärtige kommerzielle Krise hat mich dazu angespornt, mich nun ernsthaft an die Ausarbeitung meiner Grundzüge der Ökonomie zu geben", teilt er am 21. Dezember Ferdinand Lasalle mit. Seine Frau Jenny bemerkt in einem Brief: "Karl arbeitet am Tage, um fürs tägliche Brot zu sorgen, nachts, um seine Ökonomie zur Vollendung zu bringen."

"In Hamburg sieht es großartig aus", schreibt Engels am 7. Dezember an Marx. "So komplett und klassisch ist noch nie ein Panic gewesen wie jetzt in Hamburg. Alles ist wertlos, absolut wertlos außer Silber und Gold." Er benennt auch die Gründe: "Die ganze Geschichte in Hamburg beruht auf der großartigsten Wechselreiterei, die je gesehen worden. [...] Der amerikanische crash und der Fall in Produkten brachte dann die ganze Geschichte an den Tag, und für den Moment ist Hamburg kommerziell vernichtet."

Vom Senat gerettet

"Mercks in Hamburg haben sich nur durch die 15 Mill. Regierungsvorschuss gehalten", geht er vier Tage später weiter ins Detail, "und ihr Haus hier hat an einem Tage wenigstens Spinner, deren Rechnungen fällig waren, fortgeschickt. Der Hauptmann bei Mercks in Hamburg ist der Ex-Reichsminister Dr. Ernst Merck, Jurist, aber Associe", bemerkt Engels zu dem Unternehmen, das Oscar Ruperti sechs Jahre später übernehmen sollte. "Mercks sitzen total fest", weiß er am 17. Dezember, "trotz der 2maligen starken Subventionen. Man erwartet, dass sie dieser Tage fallen. Nur außerordentliche Zufälle können sie retten."

Sie wurden gerettet, und zwar vom Senat, was fatal an die Finanzkrise 2008 erinnert, 150 Jahre später. Die "Geschicklichkeit" Mercks bestand in Wirklichkeit in einer Staatsanleihe der Stadt Hamburg über die Hälfte des Silberdepots der Österreichischen Bank. Ursprünglich hatte sich der Senat vornehm zurückhalten wollen, entschied dann aber am 27. November, vor allem für acht so genannte Eckhäuser insgesamt 35 Millionen Mark bereitzustellen, fast das Fünffache des jährlichen Staatshaushalts, darunter allein fünf Millionen für Merck. 288 Hamburger Unternehmen gingen dennoch pleite.

Merck musste die Filiale in Manchester auflösen, die Oscar Ruperti hätte übernehmen sollen. Dieser reiste durch die USA, wo sein Bruder Alexander inzwischen in New Orleans ins Baumwollgeschäft eingestiegen war. Die Rohbaumwolle ließen sie in damals neu entstehenden Spinnereien "hauptsächlich in Moskau und seiner Umgebung" weiter verarbeiten. Eine Folge der Krise von 1857 war jedoch auch die Zunahme der Spannungen zwischen den amerikanischen Nord- und Südstaaten, die sich 1861 bis 1865 im Sezessionskrieg entluden. Mit dem Ende der Sklaverei war danach auch die Glanzzeit des Baumwollhandels vorbei.

Rupertis Lebenserinnerungen enden düster

"Mir fiel eine recht schwere Aufgabe zu, noch schwerer, da ich erst 27 Jahre alt war", schreibt Oscar Ruperti über diese seine anfängliche Zeit an der Spitze des Unternehmens. Doch dann brachte ihn "ein Herr Carl Zimmermann" auf die Idee, "das Importgeschäft mit Phosphat und damit in Verbindung die Fabrikation von Superphosphat mit ihm aufzunehmen." Fortan importierte er Guano – Vogel- und Fledermausexkremente - aus Chile und Fleischmehl aus Argentinien, das er im Harz zu Phosphatdünger weiter verarbeitete.

Marx veröffentlichte 1859 seine Schrift "Zur Kritik der politischen Ökonomie", aus der später "Das Kapital" hervorging, das in drei Bänden 1867 bis 1894 erschien. Band 2 und 3 sollte er nicht mehr erleben, ebenso wenig die Weltrevolution. Im Jahr seines Todes, 1883, erwarb Oscar Ruperti den Eichenhof, ein schlossartiges Anwesen an der Hamburger Elbchaussee, das er nach dem Ersten Weltkrieg wieder abgeben musste. Seine Lebenserinnerungen enden düster, 1919 hat er noch fünf Jahre zu leben. Dennoch gibt er sich überzeugt, dass alles "in Gottes Hand ruht" und "dass er uns nicht untergehen lassen wird."


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