Requiem aeternam dona ei, Deutsche Bahn. Foto: Herrenknecht, Montage: Kontext

Ausgabe 352
Zeitgeschehen

Requiem für Wilhelmine

Von Minh Schredle
Datum: 27.12.2017
Irgendwo im Rastatter Untergrund liegt, begraben unter Erdmassen, Wilhelmine. Allein gelassen und einbetoniert. Ihre Einzelteile will die Deutsche Bahn noch bergen. Doch der 18-Millionen-Euro-Bohrer ist futsch. Ein Abschiedsbrief.

Liebe Wilhelmine, 

die traurigsten Geigen dieser Welt könnten Dir zu Ehren eine melancholische Elegie in D-Moll anstimmen, und selbst sie wären nicht imstande, unserem Schwermut über Dein tragisches Schicksal angemessen Ausdruck zu verleihen. 

Das Rastatt-Desaster

Das Rastatt-Desaster

Ausgabe 339, 27.09.2017
Von Winfried Wolf

Eine "beinahe liebevolle Intensivbetreuung" haben die Tunnelbauer dem kleinen Streckenabschnitt in Rastatt gewidmet. Und dennoch kam es beim Tunneleinbruch am 12. August um Haaresbreite zu einer Eisenbahnkatastrophe.

Beitrag lesen

Als ehrwürdigem Koloss konnten Dir trotz eines Gewichts von 1750 Tonnen selbst die niederträchtigsten Neider nicht Grazie, Glanz und Glorie absprechen. Ob sich je eine Tunnelvortriebsmaschine majestätischer durch den Untergrund manövrierte? 

Spitzenwerte erreichte auch Dein Schneidradantrieb, mehr als 20 Meter weit hast Du Dich an guten Tagen durch den Untergrund gefräst. Leistungen, die einzig Deine Schwester Sibylla-Augusta noch zu übertrumpfen vermochte.

Nach 4,2 Kilometern in wenigen Monaten, mehr als die meisten Deiner Zunft je zu Lebzeiten vollbringen werden, mit unerprobten Methoden in Tiefbau und nur wenigen Meter Überdeckung – schließlich die Tragödie auf der letzten Etappe; die Ursache noch unklar. Hat man Dich zu sehr gehetzt, Wilhelmine? War es menschliches Versagen? Beides wirkt wahrscheinlich.

Einst warst Du Deiner Bauherrin 18 Millionen Euro wert. Dann hat sie Dich, in Ungnade Verfallene, einbetoniert und liegen lassen, einsam und allein im Rastatter Untergrund. Nun will sie wenigstens Deine Einzelteile bergen. Doch bohren wie früher, geschätzte Wilhelmine, wirst Du nie wieder können. Wie so viele vor Dir, liebe Wilhelmine, bist du zum Opfer des Größenwahns der Deutschen Bahn geworden.

Ruhe in Frieden.


Gefällt Ihnen dieser Artikel?
Unterstützen Sie KONTEXT jetzt!

1 Kommentar verfügbar

  • Fred Feuerbacher
    am 02.01.2018
    Ich frage mich wirklich, wie und wieso man irgendwelche Teile von Wilhelmine ausgraben soll. Wenn diese Maschine einbetoniert ist, dann geht das doch nur mit einem Presslufthammer und auch nur, wenn die Bahnstrecke stillgelegt wird. Wer soll das bezahlen und warum? Nur um die Teile hinterher zu verschrotten... Ruhe in Frieden, Wilhelmine.

Neuen Kommentar schreiben

KONTEXT per E-Mail

Durch diese Anmeldung erhalten Sie regelmäßig immer mittwochvormittags unsere neueste Ausgabe unkompliziert per E-Mail.JETZT ANMELDEN

Letzte Kommentare:
















Die KONTEXT:Wochenzeitung lebt vor allem von den kleinen und großen Spenden ihrer Leserinnen und Leser.
Unterstützen Sie KONTEXT jetzt!