Hitler sitzt Probe im ersten Käfer, den Ferdinand Porsche (ohne Mütze) in Zuffenhausen entwickelt hat, vermutlich 1936. Foto: dpa

Hitler sitzt Probe im ersten Käfer, den Ferdinand Porsche (ohne Mütze) in Zuffenhausen entwickelt hat, vermutlich 1936. Foto: dpa

Ausgabe 368
Zeitgeschehen

Gefangen in Porsches Normbaracke

Von Ulrich Viehöver
Datum: 18.04.2018
Die Baracke in der Zuffenhausener Strohgäustraße 21 hätte ein Mahnmal werden können. Als letzte erhaltene Behausung für Zwangsarbeiter in Stuttgart. Bis zu 100 Menschen hausten hier, ausgebeutet von Porsche, dessen Ruhm und Reichtum in der Nazizeit gründet. Heute ist dort ein Parkplatz.

Womöglich hätte die Baracke, nahe am Firmensitz, den Glamour glitzernden Blechs getrübt, und an die Geschichte Ferdinand Porsches (1875-1951) erinnert, an jenen Unternehmensgründer, der eine symbiotische Beziehung zu Hitler hatte. 

Der Professor habe das "Menschenmaterial" ohne Rücksicht auf Krankheit, Tod und Tränen für sich schuften lassen. Er "gehörte zu den Technikern, die die ungeahnten produktiven Freiräume, die das Regime ihnen plötzlich eröffnete, um jeden Preis zu nutzen entschlossen waren, ohne sich an den politischen Rahmenbedingungen zu stoßen", befand das Autorenteam Hans Mommsen, Manfred Grieger u. a. in seinem VW-Buch "Das Volkswagenwerk und seine Arbeiter im Dritten Reich". Und dort ist auch nachzulesen, dass das Kapitel Zuffenhausen immer zusammen mit Volkswagen zu sehen ist. Ohne das monströse VW-Projekt wäre der Erfolg der Sportwagenfirma nicht zu erfassen.

Porsche startete seine Karriere mit der Einrichtung eines Konstruktionsbüros in Stuttgart, Kronenstraße 24a. Ende 1930 trug er seine Firma offiziell als Dr. Ing. h.c. F. Porsche GmbH ins Handelsregister ein. Nach schweren Krisenjahren fasste die Neugründung ab 1934/35 wirtschaftlich Fuß. Ende 1934 konnte mit der ersehnten Konstruktion des Volkswagens begonnen werden – mit dem persönlichen Heil Hitlers. Rasch ging es auch mit dem neuen Porsche-Werk in Stuttgart-Zuffenhausen bergauf. Finanziert wurde alles über die Organisation Kraft durch Freude (KdF), die zur Nazi-Gewerkschaft Deutsche Arbeitsfront (DAF) gehörte. Diese raubte den freien Gewerkschaften ihr Geld und Vermögen. Fortan lief das gesamte Volkswagen-Projekt unter dem Etikett KdF, wobei es Porsche nicht im Geringsten störte, dass sein Lebenstraum mit gestohlenen Gewerkschaftsgeldern finanziert wurde. Ihm war wichtig, dass er bei VW das Entwicklungsmonopol errang.

Porsches Ghettos und Gulags in Zuffenhausen

Zug um Zug baute Porsche das Konstruktionsbüro zur vollwertigen Fabrik aus, eng mit VW verbunden. Die Lage des Stammwerks in Stuttgart-Zuffenhausen, Spitalwaldstraße 2, entsprach etwa der heutigen. Anfangs beheimatete Porsche sogar die Gesellschaft zur Vorbereitung des VW-Werks (kurz: Gezuvor). Diese wichtige Anschubfirma wurde zwar in Berlin verwaltet, ihre praktische Arbeit aber nahm sie in einer auf einem Grundstück im Stuttgarter Ortsteil Zuffenhausen errichteten Holzbaracke der Porsches auf. Die räumliche Zuordnung der Gezuvor-Planungsarbeit machte deutlich, dass Porsche die eigentlich treibende Kraft darstellte. Und mit jedem Kriegstag mehr nahmen die todsicheren Geschäfte in Zuffenhausen den Charakter von harter Rüstung an. Mit dem "Volkswagenvertrag" stieg Porsches Firma raketenartig auf zum fulminanten Mittelständler neben den Rüstungsriesen Heinkel und Hirth in Stuttgart-Zuffenhausen.

Die Goldgrube in Zuffenhausen erhielt allerdings im Krieg hässliche – braune – Flecken. Ähnlich wie bei Volkwagen in "KdF-Stadt" gingen der Rüstungsschmiede auch in Stuttgart die arischen Arbeitskräfte aus. Also mussten Zwangs- und Ostarbeiter sowie Kriegsgefangene in die Bresche springen – unter ähnlich erbärmlichen Bedingungen wie bei VW. Mehr als 300 meist junge Arbeitssklaven schufteten in den Kriegsjahren im Stammwerk Zuffenhausen. Manche starben.

Zuffenhausen, Strohgäustraße 21: Bis letztes Jahr stand die letzte Baracke noch, in der bis zu 100 Zwangsarbeiter eingepfercht waren. Über die Jahre wurde sie etwas aufgehübscht. Foto: privat
Zuffenhausen, Strohgäustraße 21: Bis letztes Jahr stand die letzte Baracke noch, in der bis zu 100 Zwangsarbeiter eingepfercht waren. Über die Jahre wurde sie etwas aufgehübscht. Foto: privat

Wo lagen nun die Ghettos und Gulags? Ein Teil der Zwangsarbeiter – ihre genaue Zahl ist unbekannt – hauste in einem Gemeinschaftslager mit mehreren Baracken, Türmen, tödlichen Zäunen auf der Gemarkung Schlotwiese. Dieses Ghetto aus Holzverschlägen und Gemeinschaftsverpflegungsanlage wuchs für gut 3000 Zwangsarbeiter und -deportierte zum größten Gulag der Region Stuttgart heran. Gerhard Dürr, 1944 Luftwaffenhelfer im Teenageralter sagt: "In der Schlotwiese habe ich hohe Flaktürme mit Geschützen darauf gesehen". Das Wald- und Wiesenstück liegt strategisch günstig zur verdeckten Haltung von Gefangenen am Stadtrand zwischen Zuffenhausen und Feuerbach, nahe einer Bahnlinie für den Transport. Die Häftlinge konnten in Fußmärschen zur Fron in die benachbarten Fabriken Bosch, Hirth-Heinkel (Flugzeuge, Triebwerke, Vernichtungswaffen), Kreidler (Metalle / Draht), Reutter (Karosserien) und Porsche getrieben werden.

8000 Euro von Porsche

Während die Stadt plattmachen lässt, hat es die Zuffenhäuser Arbeitsgemeinschaft Lager Schlotwiese geschafft, wenigstens mit einem Stein an das Elend zu erinnern. Dort, wo zwischen 1942 und 1967 bis zu 3000 Zwangsarbeiter, Kriegsgefangene, Flüchtlinge und Vertriebene untergebracht waren, soll noch in diesem Jahr ein drei Meter hoher Findling stehen. Die Kosten von 8000 Euro für den Gedenkstein wird Porsche übernehmen.

Mit Entsetzen hat die Initiative Stolpersteine für Zuffenhausen vermerkt, dass das letzte Zeugnis einer Zwangsarbeiterunterkunft im vergangenen Jahr vernichtet wurde. Es war die Baracke an der Strohgäustraße 21. Warum das sein musste, wollte der Bezirksbeirat im September 2017 wissen. Die Antwort von Bürgermeister Michael Föll (CDU) war knapp. Der Abriss sei im Einvernehmen mit der Stadt erfolgt, ließ er wissen. (jof)

Diverse amtliche Quellen und Aussagen damaliger Augenzeugen lassen darauf schließen, dass einige Zwangsbefohlene auch für Porsche schuften mussten. Eine Statistik über "Russen-Lager in Stuttgart", erstellt von Leutnant Malchow vom Hauptrussischen Büro Zuffenhausen am 30. Mai 1945, zählt bei den Stichworten Porsche und Schlotwiese folgende Gefangenen: 3030 insgesamt, davon 1480 männlich, 1052 weiblich und 498 Kinder. Diese relativ hohe Zahl von Zwangsarbeitern neben der Stammbelegschaft lässt vermuten, dass ein Gutteil der hier dokumentierten Gefangenen nicht nur bei Porsche, sondern ebenso für andere Unternehmen in der Nachbarschaft gearbeitet hat. Zudem ist wahrscheinlich, dass etliche der unter Porsche genannten Lagerinsassen nicht im Betrieb direkt eingesetzt waren, sondern beim Auf- und Ausbau der Fabrik sowie für den Bunkerbau tätig sein mussten. Denn Porsches Werkskomplex wurde unter Hochdruck ständig erweitert, aufgestockt und nach Luftangriffen repariert. Im Herbst 1944 beschäftigte die Firmengruppe 750 bis 800 Menschen – die Zwangsarbeiter nicht mitgezählt.

In Zuffenhausen existierten jedoch auch Behausungen eigens nur für Zwangsarbeiter von Porsche. Etwa die Baracke in der Schwieberdinger Str. 130, abseits gelegen auf dem Gelände der Karosseriefabrik Reutter & Co. In diesem Bau, direkt gegenüber von Porsche, wurden neben anderen zwei Dutzend russische Offiziere gefangen gehalten und – rechtswidrig – zur Arbeit gezwungen. Augenzeuge Dürr schob 1944 als 15- bis 16-jähriger Flakhelfer dort zwischen dem Bahndamm und dem roten Backsteingebäude der Porsche-Zentrale Wache. Der langjährige Stuttgarter Stadtrat erinnert sich an einen "Holzplatz mit Unterstand, also Deckungsgräben mit Holz verschalt" im Reutter-Areal auf der Porsche gegenüber liegenden Straßenseite. Dürr nahm "starke, engmaschige, hohe Zäune" wahr und Männer mit dunklen Soldatenmänteln, selbst im Sommer. Die Behausungen seien sehr eng gewesen. "Dort waren Gefangene, da bin ich mir sicher", bekräftigt Dürr. Sie seien von der Straße rein ins Tor gelaufen. Die  so genannte Russenbaracke wurde später auf Befehl der US-Militärs weitgehend abgerissen und der Gärtnerei Köhnlein (Zuffenhausen) zugesprochen.

Zu vermuten ist, dass die SS den Werksschutz stellte

Eine wesentlich größere Anlage befand sich in der Strohgäustraße 21. Porsche mietete das 41 Ar große Gelände 1942 preiswert von der Stadt Stuttgart und der Firma Albert Stahl o.H.G., Stuttgart, und ließ 1944 / 45 drei typische NS-Normbaracken "zur Unterbringung ihrer ausländischen Zivilarbeiter" errichten. Das werkseigene Gemeinschaftslager bestand den Beschreibungen der Treuhänder und Architekten zufolge aus zwei Massivbaracken (47,0 auf 10,4 Meter und 30,4 auf 10,4 Meter), teilweise unterkellert, sowie aus einer kleineren Holzbaracke (19,5 auf 8,1 Meter). Der größte Bau wird als Unterkunftsbaracke bezeichnet. Das zweitgrößte Lager in Tafelbauweise beschreibt der Zuffenhäuser Architekt Eugen Elben als RAD-Mannschaftsbaracke (RAD = Reichsarbeitsdienst). Es ist zu vermuten, dass dem Reichsarbeitsdienst Überwachungsfunktionen übertragen wurden. Zudem liegt es nahe, dass in Zuffenhausen der gleiche SS-Sturm wie bei VW (Sondersturm Volkswagenwerk) zeitweise den Werksschutz bildete und für die Gefangenen zuständig war – schon um Geld zu sparen.

In einer Nazi-Normbaracke konnten 80 bis 100 Menschen eingepfercht werden. Der tägliche Fußmarsch von den Lagern in der Strohgäustraße 21 zur Porsche-Fabrik betrug 500 Meter. Heute reicht Porsche bis an diese Ecke heran. Die Stadt Stuttgart vermietete am 14. 8. 1945 schließlich alle Baracken an drei örtliche Betriebe auf deren Drängen: Karl Kümmerle, Maschinenbauingenieur, Oskar Kuhn, Schreinermeister, Eugen Reiner, Drechslermeister. Nach der – eher beschönigenden – Erinnerung von Porsche-Chauffeur Eugen Widmaier seien bei Porsche etwa "24 russische Offiziere, 50 Franzosen als Zivilarbeiter, etwa 20 Belgier und Holländer, etwa 15 russische Mädchen in der Küche und 5 bis 10 Jugoslawen" gewesen. "Der Rest waren Italiener." Laut Aussage des Porsche-Prokuristen und -Geschäftsführers Johann Kern seien die russischen Offiziere im Konstruktionsbüro eingesetzt worden. Zudem seien auch Polen und Franzosen beschäftigt worden. Die Dimensionen der Barackenlager plus das gemeinsame Ghetto Schlotwiese ließen indes darauf schließen, dass Porsche über die Jahre mehrere Hundert Zwangsarbeiter und Kriegsgefangene verheizt haben dürfte.

Die Gedenktafel am historischen Werk 1 kann nur lesen, wer Zutritt zum Porsche-Gelände hat. Foto: Archiv Porsche
Die Gedenktafel am historischen Werk 1 kann nur lesen, wer Zutritt zum Porsche-Gelände hat. Foto: Archiv Porsche

Der ehemalige Zwangsarbeiter Jan Karolcak aus Polen (Jahrgang 1920), mit dem der Autor persönlich sprechen konnte, schuftete von März 1942 bis Ende 1946 für die Porsches. Zuerst war er in einer Baracke in der Schwieberdinger Straße untergebracht, dann in der Strohgäustraße 21. Obwohl der gelernte Schneider harte körperliche Arbeit nicht gewohnt war, musste er in der ersten Zeit im Keller der Fabrik Schwerstarbeit leisten und Kohle für die mächtige Heizung schippen. Und wenn der damals gesundheitlich geschwächte Mann in den Augen seines Vorgesetzten nicht genügend zulangte, erinnerte sich Karolcak, wurde er übel angegangen. Erst als er als Gehilfe an Dreh- und Schleifmaschinen eingesetzt wurde, ging es ihm besser. Den "Herrn Professor Porsche" sah er selten – und wenn, dann nur aus der Ferne. Eine genauere Erinnerung hat er an den Einsatzbefehl bei etwaigen Luftangriffen: Zusammen mit anderen Zwangsarbeitern musste er zum Löschen in der Firma bleiben. Dafür bekam er hinterher eine Mark fünfzig. Eine Entschuldigung gab's nie.

Und was mahnt heute an die Tragödie der Arbeitssklaven? Die Opfer im Gulag Schlotwiese werden ein stilles Mahnmal erhalten (siehe Kasten). Aber die drei niedrigen Baracken im typischen NS-Baustil, in denen Porsche-Zwangsarbeiter einst hausten, wurden vor Kurzem restlos abgerissen. Das verstehen die Stadt Stuttgart und das Land Baden-Württemberg wohl unter Erinnerungskultur. Das triste Gelände ist jetzt ein Porsche-Parkplatz.

Ulrich Viehöver, Buchautor und Wirtschaftsjournalist, beschäftigt sich seit vielen Jahren mit dem Unternehmen Porsche und seinen Eigentümern. Der Text basiert auf Recherchen, die Autor Viehöver zuerst in dem Buch "Stuttgarter NS-Täter", Hrsg. Hermann G. Abmayr, 2009, veröffentlicht hat. Danach konnte Porsche das Thema Zwangsarbeiter nicht länger ignorieren.

Der hier vorliegenden Artikel ist Teil 2 eines Dreiteilers. Zu Teil 1 – "Der geliebte Nazi-Tüftler" – kommen Sie hier. In einer letzten Folge wird Viehöver beschreiben, wie die Familie Porsche nach dem Krieg auf Kosten der Belegschaft und Lieferanten kassierte, nach Österreich auswich und blütenrein in Zuffenhausen an den Neustart ging.


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