KONTEXT Extra:
Noch ein Versuch: BI Neckartor vor dem Staatsministerium

Am kommenden Dienstag, den 21. November um 11.45 Uhr, unternimmt die Bürgerinitiative Neckartor einen zweiten Anlauf, der Landesregierung ihre Forderungen zur Umsetzung des gerichtlichen Feinstaub-Vergleichs zu übergeben. Der erste Versuch Anfang Oktober, schriftlich und mit Nachdruck daran zu erinnern, dass sich Grün-schwarz verpflichtet hat, ab dem 1. Januar 2018 bei Feinstaubalarmtagen das Verkehrsaufkommen am Neckartor um 20 Prozent zu reduzieren, war kläglich an den geschlossenen Gittertoren gescheitert. Niemand aus dem Stab von Ministerpräsident Winfried Kretschmann (Grüne) fand sich bereit, den Appell entgegenzunehmen.

Peter Erben, der Sprecher der Bürgerinitiative, kritisiert erneut, dass die Landesregierung den im April 2016 geschlossenen Vergleich nicht mehr erfüllen will: "Das bedeutet ja, dass hier versucht wird, die Umsetzung einer rechtskräftigen, vollzugsfähigen gerichtlichen Entscheidung zu verhindern, indem sie in der Sache nicht handelt." Die Verantwortlichen hätten trotz ihrer Selbstverpflichtung fast zwanzig Monate verstreichen lassen, ohne ein entsprechendes Handlungskonzept zu erarbeiten. Die Landesregierung lasse "die betroffenen Menschen in Stuttgart einfach im Stich und drückt sich durch vorsätzlichen Rechtsbruch davor, Verantwortung zu übernehmen".

Die Anwohner versuchen, per Zwangsvollstreckung ihr Recht auf Schutz vor Luftverschmutzung durchzusetzen. "Das ist ein unerträglicher, ja skandalöser Vorgang", sagt Erben. Die Bürgerinitiative Neckartor fordere "daher Ministerpräsident Kretschmann auf, diese unwürdige und verantwortungslose Vorgehensweise unverzüglich zu beenden". Verlangt wird, "die verletzte Rechtstreue unverzüglich wiederherzustellen" und die Verkehrswende in der Landeshauptstadt "unverzüglich einzuleiten".


Kontext beim IMI-Kongress in Tübingen

Heer, Luftwaffe, Marine – das waren bisher die drei Abteilungen der Bundeswehr. Seit diesem Jahr gibt es noch eine vierte: das Kommando Cyber- und Informationsraum. 260 Mitarbeitende sind dort zugange, im nächsten Jahr kommen nochmal 140 dazu. Auch Nato und EU rüsten netztechnisch massiv auf, um sogenannten hybriden Bedrohungen zu begegnen. Dabei geht es nicht nur um den Einsatz von Kommunikations- oder Überwachungstechnik, sondern auch um die gezielte Beeinflussung öffentlicher Meinung. Der Cyberspace wird mehr und mehr zum Einsatzgebiet des Militärs, das Internet zum Schlachtfeld um Wahrheiten und Realitäten.

Unter dem Titel "Krieg im Informationsraum" geht die Informationsstelle Militarisierung (IMI) in Tübingen auf ihrem jährlichen Kongress am kommenden Wochenende diesen Themenkomplex an. In Vorträgen und Diskussionen werden Strategien und Akteure vorgestellt und analysiert, es wird um mediale Schieflagen gehen, um Leaks als Instrument der Geopolitik, um Geheimdienste und die Konstruktion von Wirklichkeit, um die Frage, was als "Strategische Kommunikation" bezeichnet wird und was als "Propaganda". Welche Rolle spielen Soziale Medien? Und wer verdient überhaupt am Cyberkrieg?

Die Kontext-Autorin Anna Hunger ist am Sonntag zu Gast auf dem Podium zur Abschlussdiskussion und wird mit Moderatorin Claudia Haydt (Linke), einem Ad-Busting-Aktivisten aus Berlin, dem Politikwissenschaftler und Friedensaktivisten Tobias Pflüger und Pia Masurczak vom Radio Dreyeckland über "Widerstand im Zeitalter von Cyberwar und Strategischer Kommunikation" sprechen.

Kongressauftakt ist am Freitagabend, 17. November, in der Hausbar der Schellingstraße 6 in Tübingen, die beiden Kongresstage Samstag, 18., und Sonntag, 19. November, finden im Schlatterhaus in der Österbergstr. 2 statt. Das Program gibt's unter diesem Link. (15.11.2017)


Veränderungen im Polizeigesetz errungen

Geht doch: Gegen den erklärten Willen von Innenminister Thomas Strobl (CDU) haben sich die beiden Regierungsfraktionen mitten im bereits laufenden Verfahren auf Änderungen im umstrittenen Polizeigesetz verständigt. Wie von den Grünen verlangt, werden einzelne Passagen, etwa zum Einsatz von Staatstrojaner präzisiert. Sogar CDU-Fraktionschef Wolfgang Reinhart lobte die "intensive Fließarbeit". Die habe auch die "Handlungsfähigkeit" der Koalition unterstrichen.

Tagelang war hinter den Kulissen gerungen worden, nicht nur zwischen Grünen und CDU oder mit der Opposition, sondern vor allem auch mit dem Innenministerium. Nach einer Expertenanhörung im Landtag, in dem vor allem Verfassungsrechtler und Datenschützer scharfe Kritik an dem Gesetzentwurf geübt hatten, wollte Strobl alle Änderungen verhindern. Jetzt bleibt dem CDU-Landesvorsitzenden, der das schärfste aller Polizeigesetze bundesweit versprochen hatte, nur, die Verständigung der Regierungsfraktion zur Kenntnis zu nehmen. "Entscheidend für mich ist, dass das keine Änderungen an der Substanz des Gesetzes gibt", sagt der Innenminister jetzt.

Eine Einschätzung, die allerdings selbst in seiner eigenen Fraktion nicht geteilt wird. Reinhart erläuterte, dass Fristen konkretisiert oder die Einsatzmöglichkeiten durch eine schärfer "Erheblichkeitsschwelle" verändert wurden. Und die Grünen, die das Paket am Dienstag ohne Gegenstimme in der Fraktion passieren ließen, rüsten sich für die nächste Auseinandersetzung. Von Strobl, der bei den Verhandlungen seit dem Frühjahr kein einziges Mal (!) persönlich anwesend war, ist bekannt, dass er zur Terrorabwehr und gegen die Organisierte Kriminalität auch Staatstrojaner zur Online-Durchsuchung von Smartphones oder Rechnern einsetzen will, was der Koalitionspartner strikt ablehnt. (14.11.2017)


Kampf gegen "reaktionäre Bildungskreise"

Die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) stemmt sich gegen die schleichende Rückabwicklung der gut 300 Gemeinschaftsschulen im Land. Die wird von der CDU vorangetrieben und von den Grünen, bekanntlich der größere Regierungspartner, praktisch kampflos hingenommen. Die GEW-Landesvorsitzende Doro Moritz hat auf einer Tagung am Wochenende in Stuttgart dagegen daran erinnert, dass Gemeinschaftsschulen noch immer eine Schulart im Aufbau sei, deren "Akzeptanz bei den Eltern", aber auch deren "Qualität und die pädagogische Attraktivität in den vergangenen fünf Jahren von Jahr zu Jahr gewachsen ist".

CDU-Bildungspolitiker versuchen seit Schuljahresbeginn, den Niedergang zu belegen. Etwa mit dem Argument, dass die Hälfte der bestehenden Standorte heute nicht mehr genehmigt würde, weil es zu wenig Schüler und Schülerinnen gibt. Moritz verlangte vor gut hundert Lehrkräften aus dem ganzen Land eine bessere Bezahlung der Lehrkräfte und mehr Leitungsstellen, weil keine andere weiterführende Schulart "vergleichbar anspruchsvolle Aufgaben von Inklusion bis Begabtenförderung zu bewältigen hat". Mitveranstalter des Fachtags war das Fritz-Erler-Forum der Friedrich-Ebert-Stiftung in Baden-Württemberg, das eine ganze Reihe von bildungspolitischen Veranstaltungen plant. Denn noch immer ist der Südwest bundesweit Schlusslicht in allen Vergleichen zum Bildungsaufstieg: In keinem anderen Land ist der Schulerfolg der Kinder derart stark abhängig vom sozialen Status der Eltern. Auch um dieser Entwicklung entgegenzuwirken, hatten Grüne und SPD 2012 die neuen Formen des längeren gemeinsamen Lernens etabliert.

Der Verein für Gemeinschaftsschulen e.V., der für sich in Anspruch "100.000 Müttern und Vätern im Land eine Stimme zu geben", beklagt, dass "während sich an den Schulen der Starterjahrgang auf seinen Realschulabschluss vorbereitet und die erste Oberstufen aufgebaut werden", in Öffentlichkeit und Politik abermals eine "erbitterte Debatte" tobe. "Statt die Herausforderung anzunehmen, die Jugend von heute auf die Herausforderungen von morgen vorzubereiten, schwelgt man lieber in einer verklärten Feuerzangenbowlen-Romantik", sagt der Vorsitzende des Vereins Matthias Wagner-Uhl, der selber Gemeinschaftsschulrektor ist. Unter weiter: "Reaktionäre Bildungskreise werden nicht müde, stumpfe Reflexe zu bedienen."


Erinnern an einen Kriegsgegner: Lesung zum 100. Todestag von Friedrich Westmeyer

Vor 100 Jahren, am 14. November 1917, starb der Stuttgarter Waldheim-Pionier, Kriegsgegner und SPD-Vorsitzende Friedrich Westmeyer in einem Lazarett in Belgien. Wenige Monate davor war er, wie viele andere linke Sozialisten, an die Front geschickt worden. Eine bittere Ironie: Während zu Beginn des Ersten Weltkrieges die Reichstagsfraktion der SPD am 4. August 1914 geschlossen für die Kriegskredite stimmte, kämpfte gerade in Stuttgart eine starke Gruppe linker Sozialdemokraten weiter gegen den Krieg, und Westmeyer war ihr Wortführer. Nach seinem Tod schrieb Rosa Luxemburg aus dem Breslauer Gefängnis an Clara Zetkin nach Stuttgart: "Westmeyer ist ein großer Verlust. Ich dachte immer, er würde noch in großen Zeiten eine Rolle spielen." Etwas verspätet meldet selbst die "New York Times" seinen Tod: "German Anti-War Socialist was sent to the Front as Punishment." Heute ist er nur noch wenig bekannt, dabei gilt er auch als geistiger Vater der Stuttgarter Waldheime, engagierte sich in sozialen Fragen wie Wohnungsnot, Organisation der Jugend und Frauenbildung. Der Historiker und Journalist Willy Reschl, der schon 2014  im Kontext-Buch "Der König weint" Westmeyer würdigte, erinnert nun mit einer Lesung am 12. November um 11 Uhr im Waldheim Gaisburg an den rebellischen Sozialisten. (10.11.2017)


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Ausgabe 342
Zeitgeschehen

Der halbe Schleyer

Von Josef-Otto Freudenreich
Datum: 18.10.2017
Merkwürdig: Nach dem Mord an Hanns Martin Schleyer war dessen NS-Vergangenheit weitgehend tabu. Und das ist sie auch 40 Jahre danach. Es ist eine deutsche Geschichte, die der Schleyer-Biograph Lutz Hachmeister in seinem Buch aufgreift.

Es war am 13. Juni 1978. Daniel Cohn-Bendit saß zusammen mit Rudi Dutschke auf dem Sofa eines österreichischen Fernsehsenders und regte sich furchtbar auf. So sehr er gegen den Mord an Schleyer sei, schimpfte der "rote Dany", so "ekelhaft" finde er es, dass seine "ganze Vergangenheit einfach nicht dargestellt" werde. Der Schleyer sei sogar mit Reinhard Heydrich, dem "Henker von Prag", im offenen Mercedes durch die Stadt gefahren. Vergessen, verschwiegen, verdrängt. Viel geändert hat sich daran bis heute nicht.

Schleyer 1973. Foto: Bundesarchiv, B 145 Bild-F041440-0014/Engelbert Reineke, CC-BY-SA 3.0
Schleyer 1973. Foto: Bundesarchiv, B 145 Bild-F041440-0014/Engelbert Reineke/Wikimedia, CC-BY-SA 3.0

Es ist, als hätte dieses Leben im Nationalsozialismus nie stattgefunden. Als gebe es nur einen halben Schleyer. Den demokratischen Kapitalisten. Im "Munzinger-Archiv", der Standardquelle für deutsche Karrieren, stand bis 2004, Hanns Martin Schleyer sei am 1. Mai 1915 in Offenburg als Sohn eines Richters geboren, habe Rechts- und Staatswissenschaften studiert und in Innsbruck promoviert. Und dann geht es nahtlos weiter: "1951 trat Sch. beim Stuttgarter Automobilkonzern Daimler-Benz AG ein".

Bei der Schleyer-Stiftung beginnt die Biographie ihres Namensgebers mit dem Jahr 1951. Danach das Bekannte. Der Aufstieg zum Personalchef (1956) bei Daimler, zum Vorstandsmitglied (1963), zum Präsidenten der Arbeitgeberverbände BDA (1973) und des Bundesverbandes der Deutschen Industrie BDI (1977). Im Mai 2017 zeichnete die Stiftung Finanzminister Wolfgang Schäuble (CDU) und die Unternehmerin Nicola Leibinger-Kammüller für ihre Verdienste um ein "freiheitliches Gemeinwesen" mit dem Hanns Martin Schleyer-Preis aus. Gestiftet wird er von der Daimler AG. Über den SS-Untersturmführer wird nicht geredet.

Der Arbeitgeberverband Südwestmetall lädt jetzt, anlässlich des 40. Todestags, zu einer Gedenkveranstaltung am 21. Oktober in die Alte Reithalle, bei der Schleyer als Verfechter der sozialen Marktwirtschaft und Sozialpartnerschaft gewürdigt werden soll. NS-Vergangenheit? Kein Wort in der Einladung. Die Hauptrede wird der frühere Ministerpräsident von Nordrhein-Westfalen, Wolfgang Clement (Ex-SPD) halten. Der 77-Jährige ist heute Kuratoriumsvorsitzender der Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft INSM, die einst vom Arbeitgeberverband Gesamtmetall gegründet wurde. Er neigt der FDP zu. Für die Landesregierung wird Innenminister Thomas Strobl (CDU) sprechen, auf dem Podium werden Walter Riester (Rente) und Hans-Peter Stihl (Sägen) sitzen.

Inwieweit beziehungsweise ob sie auf Schleyers Vor-Daimler-Zeit eingehen werden, vermag Südwestmetall-Sprecher Volker Steinmaier nicht zu sagen. Von seiner Seite aus gebe es keine Empfehlungen, aber auch keine Tabus, lässt er wissen.

Das tägliche Grauen müssen sie gesehen haben

Einer der wenigen, die nach den blinden Flecken in der Vita geforscht haben, war Lutz Hachmeister. In Buch und Film hat der Kölner Medienwissenschaftler den Lebenslauf des badischen Richtersohnes nachgezeichnet, nicht nur jene zwölf Jahre, die zwischen Promotion und Daimler-Einstieg lagen, sondern auch Jugend und Studienzeit. Mit 15 bei der Hitlerjugend, mit 18 in die SS, danach in die schlagende Verbindung "Suevia" in Heidelberg (woher der Schmiss stammt), Mitglied der NSDAP 1937, ein Jahr später Leiter des Studentenwerks in Innsbruck, danach in Prag, später in der Führung des "Centralverband der Industrie" im so genannten "Protektorat Böhmen und Mähren", wo tschechische Zwangsarbeiter im Panzerbau geknechtet wurden. Er sei ein "alter Nationalsozialist und SS-Führer" wird Schleyer aus dieser Zeit zitiert.

Deutscher Herbst in Kontext

Immer wieder haben wir die bleierne Zeit des Deutschen Herbstes in Kontext thematisiert. Hier ein kleiner Überblick:

"Beschränkte Einsichten"
Jörg Lang, Verteidiger der ersten RAF-Generation, äußert sich erstmals seit 1974.

"Putativ erschossen"
Erinnerung an Ian McLeod, der 1972 irrtümlich von Polizisten erschossen wurde.

"Grohmann und die RAF"
Im Wettern der Woche erinnert Peter Grohmann in drei Filmfolgen an die Zeit der RAF in Stuttgart.

"Schleyers Gattin"
Der NS-Experte Erich Später belegt, dass Hanns Martin Schleyers Frau von dessen NS-Vergangenheit wusste.(sus)

Später wird seine Frau Waltrude sagen, sie könne sich nicht erinnern, in einer arisierten Villa in Prag gelebt zu haben. "Wir haben halt plötzlich drin gewohnt", erzählt sie in einem Beitrag des Historikers Erich Später, den Kontext vor fünf Jahren veröffentlicht hat. Dort steht auch, dass die Schleyers das tägliche Grauen der Deportationen von ihrem Fenster aus gesehen haben müssen.

Hachmeister will nicht dämonisieren. Er macht Schleyer nicht zum "letzten Kampfkommandanten von Prag" wie Bernt Engelmann, der für seinen Roman "Großes Verdienstkreuz" mit Stasi-Unterlagen gearbeitet hat. Er lässt ihn, den Verbandsfunktionär, nicht mit dem Reichsprotektor Reinhard Heydrich, dem "Henker von Prag", jeden Tag im Auto durch die Stadt fahren. Für Hachmeister sind das "Wandersagen in der Linken", für ihn gehört Schleyer zur "mittleren Elite des NS-Staates". Und nach 1945 zu jenen, die bruchlos von einem System ins andere gewandert sind, als entnazifizierte "Mitläufer" und spätere Demokraten. Zusammen mit den alten Freunden von der "Suevia", den alten Kameraden, zu denen auch Gummifabrikant Fritz Ries, sein einstiger Fuchsmajor, zählte. Die Firma hieß "Pegulan", ihr Vize-Aufsichtsratschef Schleyer. All das schien die Behauptung von der "faschistischen" Bundesrepublik zu belegen.

Die RAF richtete ihn am 18. Oktober 1977 hin, am 43. Tag nach dem Kidnapping in Köln. Seine Hilferufe an Helmut Schmidt und Helmut Kohl waren vergeblich, der Staat war fest entschlossen, sich nicht von Terroristen erpressen zu lassen. Beim Staatsakt sagte Bundespräsident Walter Scheel, "alle deutschen Bürger" befänden sich in der Schuld des getöteten Wirtschaftsführers. Und schlagartig, bilanziert Hachmeister, hörten 1977 "alle ernst zu nehmenden Recherchen über die Biografie des vom Staat Geopferten auf".

40 Jahre danach – anlässlich der Ermordung Schleyers – wird auf Symposien, Gedenktagen und bei Preisverleihungen darüber geredet, wie das Vertrauen in den Rechtsstaat und in die soziale Marktwirtschaft gefördert werden kann. Hachmeister sagt, in Deutschland tue man sich immer noch schwer, das Irritierende solcher Biografien zu akzeptieren. In der öffentlichen Erinnerung werde Schleyers Leben "ganz vom Ende bestimmt". Und deshalb machten solche Verbände eben "weiter wie gehabt".

Es sei denn, es wird wahr, was Südwestmetall-Sprecher Steinmaier gegenüber Kontext ankündigt: Stefan Wolf, sein Präsident, werde bei der Gedenkfeier auch die NS-Vergangenheit Schleyers erwähnen.

 

Der Text wurde nach einem Hinweis des Munzinger-Archivs korrigiert. Mehr dazu am Ende unseres Editorials in Ausgabe 344.


Eine einzige Provokation

Von Lutz Hachmeister

Schleyer war das System. Der Boss der Bosse mit Nazi-Vergangenheit und Schmiss im Gesicht. So sah ihn die radikale Linke. Er selbst hat seine Entführer als Outlaws gesehen, die eigentlich nicht satisfaktionsfähig waren.

Für die RAF trug Schleyer tatsächlich alle Kainsmale des "Systems". Der Vietnamkrieg mit den Fernsehbildern von Flächenbombardements und napalmverbrannten Kindern hatte die Zeit des Nationalsozialismus noch einmal reaktualisiert. Die "deutsche Schuld" schien darin ihre Fortsetzung zu finden, dass sich der militärisch-industrielle Komplex, die großen Rüstungskonzerne zumal, im Schlepptau der USA nun wieder an einem Angriffskrieg gegen Zivilisten beteiligten, ferne Unterdrückte, die den Linksradikalen und universell Mitleidenden näher standen als die deutsche Bevölkerung mit ihrer NS-Tradition. Schleyer als ehemaliger SS-Offizier, als Daimler-Manager und Verbandschef der Industrie stand für diese medialen und psychohistorischen Projektionen. Er war das System.

In der Entführung Schleyers trafen dann bundesdeutsche Parallelwelten aufeinander. Für Schleyer selbst, den badischen Richtersohn, geformt in der Sphäre von schlagender Verbindung und NS-Studentenbewegung, stellten seine Entführer eine befremdliche Gruppe von Outlaws dar, die in seinem Gesellschaftsbild nicht einmal als satisfaktionsfähige Gegner Platz gefunden hatten: dies hier waren keine gesitteten Gewerkschafter, keine Sozialdemokraten, auch keine richtigen Kommunisten. Auch auf Frauen wie Brigitte Mohnhaupt, Adelheid Schulz oder Sieglinde Hofmann war er bislang nicht gestoßen, seltsame, gewaltbereite Amazonen – woher mochten die kommen? What made them tick?

Für Schleyer war, im Sinne von Hegels Staatslehre, das Wirkliche vernünftig und das Vernünftige wirklich. Er hatte, als es an der Zeit schien, für ein Großdeutsches Reich, für rassistische Siebung, für die Verfolgung von sozialdemokratischen und jüdischen Intellektuellen votiert. Dieses Experiment mit dem "Führer" war gescheitert. Er hatte aus seiner Sicht für die aktive Teilnahme an dem politischen Experiment drei Jahre in französischen Internierungslagern gebüßt. Das schien ihm genug, und er hatte nicht das Gefühl, dass er sich bei irgendwem hätte entschuldigen müssen.

Er versiegelte seine Biografie, soweit es die Zeit des NS-Staates betraf, und nahm die bundesdeutsche Demokratie pragmatisch an. Er war nach 1945 kein dröhnender Ideologe, aber zu seinen Bekannten und Freunden zählten auch nach 1945 Leute wie Eberhard Taubert oder Gerhard Todenhöfer, deren extremes antijüdisches und nationalsozialistisches Engagement außer Frage stand. Schleyer fand nichts dabei, noch 1977 mit alten Kameraden aus der Prager Zeit zu beratschlagen, wie man zeitgemäß darstellen könnte, dass Bernhard Adolf und Reinhard Heydrich zum Segen Böhmens und Mährens gut miteinander ausgekommen waren.

Mit seiner NS-Vergangenheit war er nonchalant und ironisierend umgegangen, als Bernt Engelmann und Kai Hermann diese öffentlich thematisierten. Das Sujet war für ihn zum einen nicht sinnträchtig, zum anderen wusste er nicht, welche Aktenbestände das Kriegsende überlebt hatten und was man ihm vielleicht noch nachweisen wollte. Er verzichtete sogar auf den Hinweis, dass er erst im April 1943 in den "Zentralverband der Industrie für Böhmen und Mähren" gekommen war, als Heydrich längst in seinem Staatsgrab ruhte.

Für die radikale Linke war Schleyer eine einzige Provokation, mit seinen Schmissen im Gesicht, seinen Funktionen und seiner Geschichte. Es gab in den sechziger und siebziger Jahren Ex-Nationalsozialisten in führenden Stellungen der Wirtschaft, die im NS-Staat viel einflussreicher und rabiater gewirkt hatten, aber Schleyer war nun nach ganz vorn an die Rampe getreten, in das Gesellschaftstheater mit bürgerlichen Statisten und enttäuschten Rebellen. Als die RAF-Zöglinge ihn gefangen hatten, waren sie von Schleyer irritiert. Er entsprach nicht dem konventionellen Bild vom "alten Nazi", blieb höflich und distanziert, kroch nicht zu Kreuze und bediente keine banalen Verhörstereotypen. Er hatte einem staatsterroristischen Regime gedient, aber er war auch ein ganz unmilitärischer Typ, dem das im Ungefähren verbleibende Männerpolitisieren mehr lag als scharfkantige Entscheidungen.

In der Entführungssituation konnte es keine wirkliche Kommunikation zwischen ihm und den Linksterroristen geben; sie wurde von der RAF auch nicht gesucht. Stefan Wisniewski erinnert sich daran, dass Schleyer seinen Kidnappern angeboten habe, wenn alles zu einem guten Ende gekommen sei, könne man in Tirol doch mal ein gutes Glas Wein zusammen trinken.

 

Der Text ist dem Buch von Lutz Hachmeister "Schleyer – Eine deutsche Geschichte", Deutscher Taschenbuch Verlag 2007, entnommen. Wir danken dem Autor für die Genehmigung zum Abdruck.


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