Ausgabe 114
Zeitgeschehen

Putativ erschossen

Von Max Fastus
Datum: 05.06.2013
Am 25. Juni 1972 wurde der Schotte Ian McLeod in "putativer Notwehr" erschossen. Für die Staatsgewalt galt er als zentrale Figur der RAF. In Wahrheit war er ein unpolitischer Handelsvertreter und Liebhaber des Stuttgarter Balletts. Der ehemalige Polizeireporter der "Stuttgarter Nachrichten", Max Fastus, erinnert sich an das mörderische Geschehen.

Die Schüsse fallen um 6.30 Uhr, im Appartement 468 der Stuttgarter Wohnanlage Asemwald. Ian James Torquil McLeod, 34 Jahre alt, wird von zwei Polizeikugeln getroffen, die durch die Schlafzimmertüre seiner Drei-Zimmer-Wohnung dringen. Sein Tod ist das fatale Ende einer Baader-Meinhof-Großfahndung in der Stadt und das böse Erwachen aus einer bundesweit geschürten Hysterie.

Es war der Beginn der bleiernen Zeit: Die "Rote Armee Fraktion" (RAF) hatte bewaffnete Anschläge angekündigt, die sogenannte Mai-Offensive 1972. Ihre "Wochen der Angst" galten US-Kasernen, Polizeieinrichtungen, einem Bundesrichter und dem Springer-Verlag. Vier Menschen wurden dabei getötet und 74 verletzt. Mit "einem Schlag ins Wasser" wollte der Chef des Bundeskriminalamtes, Horst Herold, "die Fische richtig in Bewegung bringen". Der Schlag war eine Großfahndung am 31. Mai. Vorrangig führte sie auf den Autobahnen der Republik zum Verkehrschaos.

Mitte Juni 1972 saß zwar die gesamte Führungsriege der RAF in Haft, doch viele ihrer Mitglieder waren noch in Freiheit. In Stuttgart, am 2. Juni, hatten die Kaufhäuser ihre Pforten verriegelt, weil eine "rote armee fraktion, baden-württemberg kommando 2. Juni" angekündigt hatte, zwischen 13 und 14 Uhr "3 autos als bomben autos" mit 30 Kilogramm TNT in der Innenstadt explodieren zu lassen. An sämtlichen Zufahrtsstraßen in die Stadt standen diesem Tag bewaffnete Polizeikontrollen.

KNITZ sieht einen Leichenwagen vor dem Haus

Damals war ich Polizeireporter bei den "Stuttgarter Nachrichten", dort angestellt als 25-jähriger Jungredakteur. An dem Sonntag des 25. Juni fragte ich routinemäßig am frühen Nachmittag bei der Polizeipressestelle die besonderen Vorkommnisse des Wochenendes ab. Unfälle mit Blechschäden, die üblichen Bagatellschäden einer Autostadt. Mein Telefon klingelte, am Apparat mein Kollege Hermann Freudenberger , der KNITZ: "Hier wimmelt es von Polizei und ein Leichenwagen ist auch vorgefahren. Was ist da los?". 

Freudenberger wohnte im Asemwald, in einem der drei Silos auf den Fildern. "Nix da bislang, Knitz. Aber ich frag nach." Also Anruf bei der diensthabenden Stelle. Deren Antwort: "Zu den Vorfällen im Asemwald wenden Sie sich bitte an die Landespolizeidirektion 1". Die dortigen Beamten kündigten für den Spätnachmittag eine Pressemeldung an, nicht telefonisch abfragbar, sondern direkt abzuholen. Gegen 16 Uhr hielt ich die Mitteilung in den Händen: Bei einer Großfahndung in Stuttgart sei ein 34-jähriger Mann in der Wohnanlage Asemwald ums Leben gekommen. Mehr war nicht zu erfahren.

Am späten Abend hatten wir durch unsere Informanten den Lagebericht auf dem Tisch, der an die Einsatzkräfte ausgegeben worden war. "McLeod steht in dringendem Verdacht, eine zentrale Figur in der Roten Armee Fraktion (RAF) gewesen zu sein. Er soll für die in der Bundesrepublik agierenden Anarchisten aus der Schweiz Waffen besorgt haben", texteten wir. Damit hatten wir die Polizeisicht ungeprüft übernommen. Erst im letzten Absatz unseres Artikels stand zu lesen, dass der Brite McLeod "im Augenblick seiner Festnahme keine Waffe bei sich hatte".

Am folgenden Montag hielt sich die Ermittlungsbehörde weiter bedeckt. Lapidar meldete die Stuttgarter Staatsanwaltschaft , dass die "Gesamtaktion im Rahmen des Baader-Meinhof-Einsatzes unter der Verantwortung des Generalbundesanwalts" laufe und sie kündigte erst für den Tag darauf eine Pressekonferenz an. Wir druckten weitere Details. So habe der Verdächtige zwar seine alte Wohnung im Stuttgarter Westen weiter vermietet, bezahle aber angeblich noch die Telefonrechnung. Für die Wohnung in der Seidenstraße 71 hatten nach den uns vorliegenden Angaben nicht nur Ulrike Meinhof und Gudrun Ensslin, sondern auch die in Augsburg festgenommene Carmen Roll einen Schlüssel.

Der Staatsanwalt spricht von "tragischem Geschehen"

In einem alten Adels-Palais in der Mörikestrasse, damals Sitz des Polizeipräsidiums, folgte am Dienstag die bizarre Pressekonferenz. Vorgeführt wurde uns die Schlafzimmertür aus dem Appartement 468, durchbohrt von zwei Einschusslöchern. Der vortragende Generalstaatsanwalt nannte den Tod des Schotten ein "tragisches Geschehen". 

Tragisch fürwahr: Ein gemischter Trupp von zehn Mann aus uniformierten Schutzpolizisten und Kriminalbeamten in Zivil war in die Wohnung im fünften Obergeschoss eingedrungen – in der Erwartung, dort schwer bewaffnete RAF-Mitglieder anzutreffen. Offensichtlich durch Geräusche aus dem Schlaf gerissen, hatte McLeod die Schlafzimmertür einen Spalt geöffnet, eine dunkle Gestalt mit Maschinenpistole wahrgenommen, aufgeschrien und versucht, wieder ins Bett zu flüchten. Ein Kriminalobermeister, der den Trupp anführte, hatte schon seine Hand nach der Klinke ausgestreckt. "Ich dachte, jetzt bist du dran", gab der Beamte zu Protokoll. Er schoss zweimal durch die Tür. Eine der Kugeln traf den nackten und unbewaffneten McLeod im Rücken und trat, nachdem sie die Lungenarterie zerfetzt hatte, am Hals wieder aus. Der Schotte war sofort tot. In seiner Wohnung fand sich weder eine Waffe, noch ein Hinweis auf terroristische Umtriebe.

Den fatalen Einsatz hatte die Stuttgarter Polizei Bundesanwalt Siegfried Buback zu verdanken, der sich auf die Informationen der Sicherungsgruppe Bonn des Bundeskriminalamts stützte. Zwei Tage vor dem 25. Juni 1972 forderte er sofortigen Vollzug. Vier Wohnungen (darunter Seidenstraße, Obere Weinsteige und Asemwald) sollten zeitgleich durchsucht werden. Organisation und Ausführung des Einsatzes im Asemwald seien Sache der Stuttgarter Polizei gewesen, betonte Buback, worüber sich der Einsatzleiter, Kriminaldirektor Kurt Frey, noch Tage danach empörte. Ohne den verordneten Zeitdruck hätten seine Beamten das zugewiesene Objekt und die verdächtige Person verlässlich observieren können, kritisierte Frey.

Der Todesschütze wiederum hatte wenige Tage zuvor am Stuttgarter Eugensplatz in einer lautlosen Aktion den schwer bewaffneten späteren Terroristen Siegfried Hausner festgenommen. Eine Ausbildung zum Präzisionsschützen mit Langwaffen hatte er vor dem Hintergrund des sogenannten finalen Todesschusses abgelehnt. Eine Waffe würde er nur in äußerster Notwehrsituation gebrauchen, um sich selbst zu schützen, so seine Begründung. Beim Einsatz im Asemwald hatte er auf eine kugelsichere Weste verzichtet.

Für Buback bleibt McLeod ein RAF-Sympathisant

Aber Buback blieb bei seiner Version und sprach den toten Ian McLeod nicht vom Verdacht frei, ein Helfer der Terroristen gewesen zu sein. Die Nachfragen von Journalisten, worauf sein Verdacht begründet sei, ließ er unbeantwortet. 

Inzwischen aber mehrten sich kritische Stimmen, die ein völlig anderes Bild von dem Schotten ergaben. Drei Jahre lang hatte er beim Stuttgarter Generalkonsulat gearbeitet, später als Handelsvertreter der britischen Firma "Geersprees". Bei der Deutsch-Englischen Gesellschaft in Stuttgart war er gern gesehenes Mitglied. Als überaus gastfreundlich bezeichneten ihn Freunde und Bekannte. Seine Liebe galt dem Stuttgarter Ballett, dort zählte er zum Freundeskreis des Tänzers und Choreographen Jirî Kilian. Vor allem aber sei McLeod völlig unpolitisch gewesen, erzählten die, die ihn kannten. Fünf Stuttgarter Anwälte legten Dienstaufsichtsbeschwerde gegen die Bundesanwaltschaft in Karlsruhe und das Stuttgarter Polizeipräsidium ein. Und 50 Mitglieder des Stuttgarter Balletts, des Schauspiels und der Theaterwerkstätten protestierten mit einer Resolution gegen die Aktion im Asemwald ("Verbrechensbekämpfung, die eine Rückkehr zum Polizeistaat befürchten lässt"). Mit unterzeichnet hatten auch Ballettdirektor John Cranko und Schauspielchef Peter Palitzsch.

Welche Spur aber sollten wir weiter verfolgen, wie kam Buback auf McLeod? In der Schweiz wurden wir fündig, bei dem Berner Bundesanwalt Hans Walder. Er erklärte, in einem Kassiber von Gudrun Ensslin aus dem Essener Frauengefängnis sei ein "Mac" erwähnt und von "Verbindungsleuten in Zürich" als Ian McLeod identifiziert worden. Die Verbindungsleute waren inhaftierte Schweizer Anarchisten aus der Zürcher Bändlistraße, die im Verdacht standen, mit der RAF zusammen zu arbeiten.

Nach deren Aussagen sei die Anlaufstelle in Stuttgart eine Telefonnummer in der Seidenstraße 71 gewesen. Dort habe sich eine Gabi gemeldet, die jeden Anrufer überprüft und dann zu einer Telefonzelle bestellt habe. Darauf hin sei's auf Irrwegen zum eigentlichen Unterschlupf in der Oberen Weinsteige 66 gegangen. Dort wollten die Schweizer Anarchisten noch im Mai Gudrun Ensslin, Andreas Baader, Holger Meins, Jan-Carl Raspe und Ralf Reinders getroffen haben.

Als Mieter in der Seidenstraße 71 und Inhaber des Telefonanschlusses war Ian McLeod ermittelt worden. Dass der Schotte längst Nachmieter gefunden und nur vergessen hatte, sich abzumelden, war der Staatsgewalt entgangen. Und wir titelten in den "Stuttgarter Nachrichten": "Baader-Meinhof-Bande tauschte in Stuttgart von Schweizern Pässe gegen Gewehre".

Die Mutter wird mit 135 000 Mark abgefunden

Im Juli 1972 schloss die Bundesanwaltschaft die Akte McLeod. Die Neunte Strafkammer des Stuttgarter Landgerichts entschied, keinen Strafprozess gegen den Todesschützen zu eröffnen. Der 36-jährige Kriminalobermeister habe in Putativnotwehr gehandelt. Der Labour-Abgeordnete Gavin Strangs des Edinburgher Wahlkreis, aus dem Ian McLeod stammte, hatte eine Bestätigung über die Unschuld des erschossenen Landsmanns von den deutschen Behörden gefordert. Erhalten hat er einen mit diplomatischen Floskeln verbrämten Abschlussbericht. Der Mutter wurde eine Entschädigung von 135 000 Mark angeboten, die sie wenig später annahm.

Epilog: Die Polizei hat den Fall McLeod nie aufgearbeitet. Die Zeitung auch nicht. Mein Versuch, mit dem heute 93-jährigen Kriminaldirektor Frey über diese Vergangenheit zu reden, ist gescheitert, auch der inzwischen 77-jährige Todesschütze schweigt. Von der damaligen Polizeiführung hat sich lediglich Günther Rathgeb (79), damals Leiter der Schutzpolizei, zu der Zeit geäußert. Er sagt: "In Wirklichkeit wurden Politiker und Sicherheitsorgane von den Ereignissen überrascht, waren nicht vorbereitet und standen manches Mal völlig hilflos den Vorkommnissen gegenüber. Im Regelfall blieb kaum Gelegenheit, aktiv und präventiv das Geschehen zu beeinflussen. Fast ausschließlich konnte man nur reagieren, musste hellwach sein, häufig Sofortentscheidungen ohne Erfolgsgarantie treffen und auf das Glück vertrauen."

Wo Ian McLeod begraben liegt, konnte ich nicht in Erfahrung bringen.

Max Fastus (66) war von 1969 bis 1977 bei den "Stuttgarter Nachrichten", danach beim SDR und SWR.


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Zustimmung!











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Ich denke, der "Kalle" hat ausgedient.



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