KONTEXT:Wochenzeitung
KONTEXT:Wochenzeitung

Solarthermie in Ludwigsburg

Mega Sonnenwärme

Solarthermie in Ludwigsburg: Mega Sonnenwärme
|

Datum:

Die größte Solarthermieanlage Deutschlands steht zwischen Ludwigsburg und Kornwestheim. Seit Mai produziert sie im Sommerhalbjahr Warmwasser und schont so das Klima. Um die Pariser Klimaziele noch rechtzeitig zu erreichen, wären viele solche Anlagen nötig.

"Bye bye CO2", steht auf der Website der Stadtwerke Ludwigsburg-Kornwestheim (SWLB). Ganz hat sich das kommunale Unternehmen zwar noch nicht von den klimaschädlichen Emissionen verabschiedet. Doch in diesem Jahr sind die SWLB der Energiewende ein Stück näher gekommen. Am Römerhügel, direkt an der Gemarkungsgrenze zwischen Ludwigsburg und Kornwestheim, ist im Mai die größte Solarthermieanlage Deutschlands in Betrieb gegangen, genannt Solar Heat Grid. 1.088 Kollektoren, jeder 13 Quadratmeter groß, liefern bei einer Spitzenleistung von neun Megawatt ungefähr 5.500 Megawattstunden im Jahr.

Neun Megawatt: Das ist nicht viel, wenn man es mit der Müllverbrennungsanlage von Stuttgart-Münster vergleicht, die es auf die fünfzigfache Leistung bringt. Aber zum einen soll die Anlage gar nicht Wohnungen im Winter mit Heizenergie versorgen, sondern im Sommer mit Warmwasser. Zum anderen bedeutet Energiewende eben auch, von Großkraftwerken wegzukommen und Energie dezentral zu erzeugen.

Bei Solarthermie nehmen die Kollektoren über einen dunklen Absorber so viel Wärme wie möglich auf, die dann über Rohrleitungen an das Fernwärmenetz weitergegeben wird. Ein einfaches System: Die Bestandteile sind nahezu wartungsfrei, robust und lange haltbar. Es entstehen keinerlei Emissionen und es wird nichts verbraucht. Weil sich bei langen Leitungen das Wasser immer mehr abkühlt, soll Fernwärme immer möglichst nah am Verbraucher erzeugt werden.

Planung dauert ewig

"Ausgangspunkt unseres Projekts war ein Förderprogramm des Bundesumweltministeriums für Modellprojekte im kommunalen Klimaschutz", erzählt Projektleiter Steffen Kurz. Zehn Millionen Euro, das sind 80 Prozent der veranschlagten Planungs- und Investitionskosten, hat der Bund übernommen. Dass die Stadtwerke am Ende noch etwas drauflegen mussten, lag am engen Zeitraster. Von der ersten Projektskizze über Antrag, Bewilligung, Sicherung des Areals, Artenschutzgutachten und Bürgerbeteiligung bis hin zur europaweiten Ausschreibung, Auftragsvergabe und zehnmonatigen Bauzeit sind vier Jahre vergangen. "Um im Mai punktgenau fertig zu werden", so Kurz, "mussten wir noch etwas zusätzliche Manpower einsetzen".

Wie andere Städte hat Ludwigsburg ein Klimakonzept mit vielen Bausteinen. Ein wichtiger davon ist ein Holzheizkraftwerk, wenige hundert Meter vom Solarfeld entfernt, das seit zehn Jahren in Betrieb ist und einen Großteil des Ludwigsburger Fernwärmenetzes versorgt. Ein Problem war allerdings die Warmwasserversorgung im Sommer, wenn das Kraftwerk aus Wartungsgründen abgeschaltet werden muss. Hier setzt nun das Projekt Solar Heat Grid ein, denn bei sommerlichen Temperaturen fangen die Kollektoren genug Sonnenstrahlung auf, um diese Aufgabe allein zu bewältigen.

Es ging also von vornherein nicht nur um das Solarthermiefeld. Um ihre volle Wirkung zu entfalten, müssen verschiedene Komponenten optimal aufeinander abgestimmt sein. Zweiter wichtiger Bestandteil des Projekts ist ein 2.000 Kubikmeter großer Wärmespeicher direkt neben dem Holzheizkraftwerk, der für einen Ausgleich sorgt zwischen den Zeiten, wo viel Wärme produziert wird, also im Fall der Solarthermieanlage im Sommer bei Tag, und den Zeiten, wenn sie verbraucht wird. Der Speicher erhöht auch die Effizienz des Holzkraftwerks, da sich überschüssige Wärme speichern und später bei Bedarf wieder abrufen lässt.

Vernetztes Vorbild

Die letzte Komponente ist schließlich der Ausbau des Fernwärme-Verbundnetzes, in das drei kleinere, bereits bestehende Inselnetze integriert wurden. Fünf Kilometer Leitungen kamen hinzu, so dass das Fernwärmenetz jetzt 32 Kilometer lang ist. 3.700 Tonnen CO2 spart die neue Anlage im Jahr: Das ist weniger als ein Prozent der gesamten jährlichen Treibhausgas-Emissionen der Stadt.

Doch hier liegt die Herausforderung – für alle Kommunen. Dem Klimawandel wirksam entgegenzutreten, erfordert Maßnahmen auf vielen Gebieten: Wärme- und Stromversorgung, Verkehr, Privathaushalte und Gewerbe müssen ihren Beitrag leisten. Die Wärmewende ist der wichtigste Bereich, denn hier entstehen ungefähr 50 Prozent der CO2-Emissionen. Es gibt keine Universallösung für alle Fälle, für dichter bebaute Gebiete ist jedoch Fern- oder Nahwärme – beides bezeichnet die Versorgung einer Vielzahl von Haushalten durch ein nahe gelegenes kleineres oder mittleres Kraftwerk – die beste Wahl. Größere Anlagen sind nach Herstellerangaben vier- bis sechsmal wirtschaftlicher als individuelle Kollektoren auf Privathäusern.

Letztlich hat jedoch der Verbraucher, also in dem Fall der Hausbesitzer das Recht zu entscheiden. Die Stadtwerke können nur anbieten und beraten. Erst wenn genügend oder ausreichend große Abnehmer mitmachen, lohnt sich der Netzausbau. Gleichwohl sehen sich die SWLB als großer Anbieter hier in einer wichtigen Funktion: Sie wollen als städtisches Unternehmen auch Vorbild sein.

Das Solar Heat Grid ist so ein Vorbildprojekt. Damit es wirkt, muss es, am Stadtrand gelegen, auch Aufmerksamkeit erregen. Vorbildlich wurden Eidechsen umgesiedelt, es wurde auch überprüft, ob sie das neue Habitat annehmen. Ein 800 Meter langer Info-Pfad wurde angelegt mit Stelltafeln, die über alle Aspekte des Projekts informieren. Der Pfad liegt auf einem grünen Ring um die Stadt, mit dem sich Ludwigsburg für die Jahre nach 2030 als Standort der Landesgartenschau bewirbt.

Ran an die Autobahnen

Solarthermie ist nicht dasselbe wie Photovoltaik. Strom lässt sich über größere Entfernungen transportieren, Wärme nicht. Es gilt also, Grundstück in oder am Rande der Stadt zu finden, die für Investoren uninteressant und damit günstig sind. Denn bei zu hohen Grundstückspreisen wird ein Solarthermie-Projekt unwirtschaftlich.

Die SWLB hatte Glück: Der Römerhügel ist eine ehemalige Deponie, wo die Altlastenbeseitigung ein Wohngebiet zu teuer gemacht hätte. Für die Kollektoren musste das Gelände nicht abgegraben werden. Dazu kam ein Streifen ehemals landwirtschaftlich genutzter Fläche hinzu, ein Stück Grünland musste also weichen. Doch das Solarfeld spart wesentlich mehr CO2, als eine Bepflanzung dieser Fläche binden könnte.

Ähnliche Flächen ließen sich etwa längs der Autobahnen und Schnellstraßen finden. Sie sind für Wohnungen ungeeignet, aber nicht zu weit weg von Wohngebieten. Dafür brauchen Kommunen ein Monitoring, das diese Potenziale eruiert. Zum Klimaschutz- und Energiekonzept der Stadt Ludwigsburg mit seinen vielen Komponenten gehören derartige Evaluierungen dazu.

Dass dies alles auch in viel größerem Maßstab geht, zeigt Dänemark. Die weltgrößte Solarthermieanlage befindet sich in Silkeborg und bringt es auf eine Spitzenleistung von 110 Megawatt. Gebaut hat die Anlage der dänische Weltmarktführer Arcon Sunmark, der allein in Dänemark Um die 100 Anlagen erstellt hat, allerdings nach seinem letzten Projekt – der Ludwigsburger Anlage – die Segel streichen musste und seine Produktion an das österreichische Unternehmen Greenonetec verkauft hat.

Dass es soweit kam, lag laut Unternehmensangaben am Wankelmut der dänischen Förderpolitik – und der anderer Länder, ließe sich hinzufügen, denn bisher sind außerhalb Skandinaviens nur wenige und kleine Anlagen entstanden. Die Politik müsste die Rahmenbedingungen so setzen, dass sich solche klimafreundlichen Projekte rentieren und durchsetzen. Die Wirtschaft allein wird es nicht richten. Ein Großversorger wie die EnBW dürfte an Solarthermie wenig Interesse haben. Denn sobald eine solche Anlage steht, läuft sie jahrzehntelang wie von selbst. Da lässt sich mit anderen Energieträgern mehr verdienen.


Gefällt Ihnen dieser Artikel?
Unterstützen Sie KONTEXT!
KONTEXT unterstützen!

Verbreiten Sie unseren Artikel
Artikel drucken


1 Kommentar verfügbar

  • Marlies Beitz
    am 09.12.2020
    Antworten
    Ein Trost, dass sich am Römerhügel mit dem Solarthermiefeld ein offensichtlich sinnvolles und nachhaltiges Projekt ausgebreitet hat - allerdings ein schwacher Trost. In meiner Kindheit wurden dort noch ganz andere Felder abgeerntet. Während meiner Grundschulzeit in den 1950er Jahren habe ich…
Kommentare anzeigen  

Neuen Kommentar schreiben

KONTEXT per E-Mail

Durch diese Anmeldung erhalten Sie regelmäßig immer mittwochvormittags unsere neueste Ausgabe unkompliziert per E-Mail.

Letzte Kommentare:






Die KONTEXT:Wochenzeitung lebt vor allem von den kleinen und großen Spenden ihrer Leserinnen und Leser.
Unterstützen Sie KONTEXT jetzt!