Diesem Vorbild könnten viel mehr Stuttgarter Dächer folgen. Fotos: Joachim E. Röttgers

Diesem Vorbild könnten viel mehr Stuttgarter Dächer folgen. Fotos: Joachim E. Röttgers

Ausgabe 389
Wirtschaft

Nicht genug Tankstellen auf dem Dach

Von Jürgen Lessat
Datum: 12.09.2018
Eine Masterarbeit stellt Stuttgart ein schlechtes Ökozeugnis aus. Mit schuld daran sind auch die Stuttgarter Straßenbahnen (SSB). Das städtische Unternehmen ist einer der größten kommunalen Stromverbraucher. Dennoch schafft es die SSB nicht, auf den eigenen Dächern genügend Solarstrom zu erzeugen.

Die Schlagzeile kam einem vernichtenden Urteil gleich: "Stadt braucht zur Energiewende noch 400 Jahre", war jüngst ein Bericht in den StZN über die Nutzung von Solarenergie in der baden-württembergischen Landeshauptstadt überschrieben. Klimaschutz im Schneckentempo? Ausgerechnet in der grünsten aller deutschen Städte, wo die Öko-Partei nicht nur Stadtoberhaupt (Fritz Kuhn) und Umweltbürgermeister (Peter Pätzold) stellt, sondern die auch Sitz einer grün geführten Landesregierung ist.

Erst im Oktober vergangenen Jahres hat der Stuttgarter Gemeinderat auf Betreiben der Grünen den Masterplan "100 Prozent Klimaschutz" beschlossen, wonach die Stadt bis zum Jahr 2050 ohne fossile Energieträger wie Kohle und Öl funktionieren soll. Der Ausstoß von Treibhausgasen müsste hierfür auf nahezu Null sinken, der Verkehr elektrisch, per Rad oder zu Fuß laufen – und viele Häuser mehr Energie produzieren als sie verbrauchen, etwa durch Solarmodule auf Dach und an Fassaden.

Die Grünen Peter Pätzold (links) und Fritz Kuhn in einer Stadt, die grüner sein könnte.
Die Grünen Peter Pätzold (links) und Fritz Kuhn in einer Stadt, die grüner sein könnte.

Was ist los mit der "Urbanisierung der Energiewende", wie die Stadtverwaltung das ambitionierte Vorhaben taufte? Und wie kam es zu der Hiobsmeldung? Ein Student am Institut für Photovoltaik der Uni Stuttgart hatte für seine Masterarbeit Daten zur Solarstromerzeugung ausgewertet. Demnach könnten PV-Module rund ein Fünftel (21 Prozent) des Strombedarfs aller Stuttgarter decken. Die benötigten Dachflächen gäbe es in Hülle und Fülle: Auf dem Stadtgebiet stehen 179 000 Gebäude, davon 59 000 mit Flachdächern, die 41 Prozent der Grundfläche ausmachen.

Doch bislang sei die Ausbeute kümmerlich, analysierte der Student. So wurden zwischen 2000 und 2017 auf kommunalen Dächern nur 85 Anlagen montiert, mit einer Leistung von 4600 Kilowatt Peak (kWp: steht für die Höchstleistung der Anlage). Dabei liegt das gesamte Potenzial laut städtischem Umweltamt bei 45 800 Kilowatt Peak. Ginge es mit dem Ausbau wie zwischen 2015 und 2017 weiter, würde es gut 200 Jahre dauern, dieses Strompotenzial zu heben, errechnete der angehende Ingenieur. Ob es fürs Stuttgarter Innenstadtklima nicht besser wäre, Dächer zu begrünen statt mit Photovoltaik-Modulen auszustatten, vertrat indes kürzlich der frühere Stadtklimatologe Jürgen Baumüller gegenüber Kontext.

Im Stuttgarter Rathaus blieb die studentische Kritik nicht ungehört. Denn kurz darauf bemühte sich Umweltbürgermeister Peter Pätzold um Schadensbegrenzung. Mithilfe einer außergewöhnlich langen Pressemitteilung und der Botschaft: "Die Umsetzung der Energiewende bis 2050 läuft voll nach Plan". Man sei "auf gutem Wege, unser hochgestecktes Ziel zu erreichen", ließ der Ressortchef verbreiten. Ein Zwischenziel habe die Stadt sogar schon übertroffen: "Wir konnten den CO2-Ausstoß der städtischen Liegenschaften schon um mehr als 20 Prozent senken im Vergleich zu 1990".

SSB verbraucht viel Strom, hat zu wenige Tankstellen auf dem Dach

Nach Pätzold werde man die Solarenergie kontinuierlich ausbauen, das vorhandene Potenzial bestmöglich nutzen. Allein im ersten Halbjahr 2018 seien acht neue PV-Anlagen dazugekommen, so dass jetzt auf 91 kommunalen Dächern umweltfreundlich Strom produziert werde. 55 der 91 existierenden Anlagen betreibe die Stadt selbst, die anderen 36 Anlagen seien in Händen externer Betreiber. "Mit den stadteigenen Anlagen wurden in 2017 circa eine Million Kilowattstunden Strom erzeugt", verrät Pätzold. Weitere 20 Projekte seien derzeit in der Umsetzung, etwa auf dem Dach des Rathauses oder auf dem Degerlocher GAZi-Stadion. Zudem werden 25 Dächer geprüft. Allerdings eigneten sich von den 1300 städtischen Liegenschaften nur rund 380 für die Bestückung mit PV-Anlagen, schränkt der Bürgermeister ein.

Am schlechten Abschneiden von Stuttgart hat auch die Stuttgarter Straßenbahnen AG (SSB) ihren Anteil. Das städtische Unternehmen ist einer der größten Stromverbraucher der Stadt: Allein die Stadtbahnen verbrauchten im vergangenen Jahr knapp 90 Millionen Kilowattstunden Fahrstrom. Dieser kommt fast vollständig von externen Lieferanten und nicht aus eigenen Öko-Kraftwerken, wie Recherchen von Kontext zeigen. So betreibt das städtische Verkehrsunternehmen bislang nur eine kleinere PV-Anlage.

Ihren Ökostrom produziert die SSB nicht selbst, obwohl sie es könnte.
Ihren Ökostrom produziert die SSB nicht selbst, obwohl sie es könnte.

Dabei wäre Platz genug, um jede Menge Solarstrom für die Stadtbahnen zu produzieren. Rund 130 000 Quadratmeter oder fast 20 Fußballfelder messen die Dächer von Wagenhallen, Werkstätten und Bürogebäuden der SSB. Viele der Flächen sind im digitalen Stuttgarter Solaratlas, der die PV-Eignung gebäudescharf visualisiert, rot eingefärbt, was für "sehr gut geeignet" steht. Grob gerechnet könnte der Verkehrsbetrieb so Solarkraftwerke mit 18 000 Kilowatt Peak Gesamtleistung installieren.

Rein theoretisch. Denn nach SSB-Auskunft eignet sich lediglich das rund 300 Quadratmeter große Dach ihres Veranstaltungszentrums Waldau für einen wirtschaftlichen Photovoltaikbetrieb. Alle anderen Dächer seien aufgrund von Ausrichtung, Tragfähigkeit und sonstigen baulichen Voraussetzungen ungeeignet. Damit ernten die SSB nur auf 0,2 Prozent ihrer Dachflächen Solarstrom. Dementsprechend gering ist der Eigenstromverbrauch: Die PV-Anlage auf der Waldau erzeugt 90 900 KWh jährlich – oder nur 0,1 Prozent des benötigten Fahrstroms.

Andere Verkehrsbetriebe sind da wesentlich weiter. Über Buswerkstätten und Abstellhallen der Freiburger Verkehrsbetriebe produzieren vier PV-Anlagen im Jahr 580 000 Kilowattstunden Elektrizität. Was dem Klima 325 Tonnen Kohlendioxid erspart. Auch in der niedersächsischen Landeshauptstadt Hannover nutzt der Verkehrsbetrieb üstra die 86 500 Quadratmeter großen Dächer seiner Gebäude großzügiger mit Modulen. Drei PV-Anlagen erzeugen jährlich 533 000 Kilowattstunden, die direkt ins Fahrstromnetz der Straßenbahnen fließen. Auf dem Maschsee, einem Gewässer mitten in Hannover, setzen die üstra zudem einen solargetriebenen Katamaran ein. Unter dem futuristisch gestalteten Sonnendach bietet die "EMS Europa-enercity" bis zu 46 Personen Platz.

Stuttgart: Großes Potenzial für Solarstrom

Darauf angesprochen, versichern die SSB, künftig mehr auf Solarstrom setzen zu wollen. Allerdings ohne allzu verbindlich zu werden. So sollen 6000 Quadratmeter Dachflächen am Betriebshof Gaisburg im Zuge einer in den kommenden Jahren anstehenden Dachsanierung erneut auf PV-Tauglichkeit geprüft werden, beteuert SSB-Direktorin Sabine Groner-Weber. Ob ein geplanter vierter Betriebshof Solarmodule "on top" bekommt, könne aufgrund des frühen Planungsstadiums noch nicht gesagt werden. "Strom, den ich selber produziere und verbrauche, muss ich nicht bezahlen", räumt Groner-Weber ein.

Zugleich betont sie, dass die Stadtbahnen seit 2016 mit Strom aus regenerativen Quellen fahren. Ein Signet auf allen Stadtbahnen verdeutlicht den Ökostrom-Antrieb. Dies soll nach Ende der momentan laufenden Ausschreibungsrunde so bleiben. Den Zuschlag für die Stromlieferung der nächsten zwei Jahre erhalte nur ein Versorger, der Strom entweder aus Wind-, Solar-, Wasserkraft, Geothermie oder Biomasse liefert. "Die Lieferung von Strom aus Erzeugungsanlagen mit fossilen Energieträgern, insbesondere Kernkraft, Kohle oder Gas ist nicht zulässig", heißt es im Ausschreibungstext.

Elektromobilität macht nur mit 100 Prozent Ökostrom Sinn, findet Stadtwerke-Geschäftsführer Olaf Kieser.
Elektromobilität ergibt nur mit 100 Prozent Ökostrom Sinn, findet Stadtwerke-Geschäftsführer Olaf Kieser.

Was gut fürs Image ist, hat eine Kehrseite. Der eingespeiste SSB-Ökofahrstrom verdränge die gleiche Menge konventionell erzeugten Stroms im bundesweiten Strommix, behaupten die SSB zwar. Allerdings wird überschüssiger deutscher Kohlestrom bislang ins europäische Ausland verkauft. Auch ist nicht garantiert, dass der Ökostrom für die gelben Bahnen aus heimischen Wind- oder Solarparks stammt. Herkunftsnachweise erlauben einem Lieferanten den Zukauf von Ökostrom auch von norwegischen Wasserkraftwerken. Zudem gelten für die SSB wie für 2500 andere Unternehmen bundesweit die sogenannte "Besondere Ausgleichsregelung für stromintensive Unternehmen und Schienenbahnen". Das befreit diese teilweise von der EEG-Umlage, mit der Stromverbraucher den Ausbau der erneuerbaren Energien in Deutschland fördern. So beteiligen sich die SSB nur mit einem reduzierten Umlagesatz von 20 Prozent oder rund 1,36 Cent / kWh an der deutschen Energiewende, während private Haushalte und die Masse der Betriebe diese mit knapp 6,8 Cent / kWh finanzieren.

Der Solarenergie gehört dennoch die Zukunft im Ländle. "Das Potenzial für Photovoltaik ist in Stuttgart riesig: Drei Viertel aller Dachflächen sind dafür geeignet. Zudem ist Stuttgart eine der sonnigsten Städte Deutschlands. Die Zeichen stehen gut, dass die Sensibilität für saubere Energie hier weiter wächst", glaubt Stadtwerke-Geschäftsführer Olaf Kieser – und verweist auf steigendes Interesse an der Elektromobilität. Dies werde dazu führen, dass sich die Stuttgarter Gedanken machen, wie sie ihr E-Fahrzeug mit sauberer Energie laden können. "Denn ohne 100-prozentigen Ökostrom macht Elektromobilität keinen Sinn. Mit Photovoltaik wird das eigene Dach zur 'Umsonst-Tankstelle'", betont er.


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