Dank Kessellage braucht Stuttgart Parks und Luftschneisen noch dringender als andere Städte. Foto: Joachim E. Röttgers

Dank Kessellage braucht Stuttgart Parks und Luftschneisen noch dringender als andere Städte. Foto: Joachim E. Röttgers

Ausgabe 386
Politik

Die Stadt und die Hitze

Von Oliver Stenzel
Datum: 22.08.2018
Stuttgart sollte eigentlich gut aufgestellt sein für die Anforderungen des Klimawandels: Als einzige Stadt in Deutschland besitzt sie eine eigene Abteilung für Stadtklimatologie. Doch deren ehemaliger Leiter klagt, für Klimaanpassungsmaßnahmen fehle ein verbindlicher gesetzlicher Rahmen.

"Nichts als die Ausdünstungen des Teufels" sei die Stuttgarter Luft, so "dumpf und matt, so verbraucht und beschmutzt, als wäre sie durch meilenlange Windungen von Eingeweiden hindurchgegangen, ehe man sie in die Nase bekommt". 1844 schrieb der österreichische Schriftsteller Nikolaus Lenau, der lange in Stuttgart lebte, diese Zeilen in einem Brief an seine Freundin Sophie Löwenthal. Um die Luft der Schwabenmetropole stand es also schon früher nicht zum besten, mag sie auch selten so bildhaft beschrieben worden sein wie von dem Spätromantiker Lenau.

Stadtklimatologe Jürgen Baumüller.
Der frühere Stadtklimatologe Jürgen Baumüller bezweifelt, dass Stuttgart genug für den Klimaschutz tut. Foto: privat

Dass dies so ist, liegt an der Kessellage der Stadt. Durch sie ist Stuttgart eine der windärmsten und wärmsten Städte in Deutschland, die schlechte Belüftung lässt im Sommer den Talkessel oft zum Brutkasten werden. Für Luftaustausch und Abkühlung besonders wichtig sind daher Frischluftschneisen, durch die nachts von den höheren Lagen aus kalte Luft in die Innenstadt strömt. Das wusste man schon um 1900, als sich die Stadt im Zuge von Industrialisierung und Bevölkerungswachstum erweitern wollte und dabei unterschiedlichste Aspekte, wirtschaftliche, hygienische und klimatische, diskutierte. "Ohne diese Zufuhr frischer kühler Luft (...) wäre es in Stuttgart im Hochsommer ganz unerträglich heiß", ist in einem der Gutachten zu lesen, die das 1901 erschienene Buch "Die Stuttgarter Stadterweiterung" dokumentiert.

Unerträglich heiß ist es mittlerweile in der Stuttgarter Innenstadt ziemlich oft, der Klimawandel droht die hier ohnehin schon bestehenden Probleme des Mikroklimas noch zu vergrößern. So kam 2017 eine Studie des Deutschen Wetterdienstes, in Kooperation mit dem Stuttgarter Amt für Umweltschutz erstellt, zum Schluss, "dass die Wärmebelastung in Zukunft verstärkt in Stuttgart auftreten wird". Dadurch entstehe "ein Handlungsdruck, die Stadtplanung auf zukünftige klimatische Bedingungen auszulegen". Die Empfehlungen sind immer die gleichen: Mehr Abschattungen, mehr Grünflächen, Windschneisen sind zu erhalten und es sollte vermieden werden, dass die Windgeschwindigkeit durch dichtere Bebauung verhindert wird.

Karikatur: Oliver Stenzel

Dass in der Stadtplanung schon genügend getan wird, bezweifelt allerdings Jürgen Baumüller, der 30 Jahre lang, von 1978 bis 2008, die Abteilung für Stadtklimatologie im Stuttgarter Rathaus leitete. "Viele haben noch nicht erkannt, welch drängendes Thema die Klimaanpassung ist", so der 75-Jährige. Dass offenbar das Bewusstsein fehle, sehe man etwa daran, dass manche eine Bebauung des fürs Innenstadtklima wichtigen Akademiegartens fordern (Kontext berichtete). Oder dass die Tieferlegung der B14 viel hitziger diskutiert werde als die Frage, wie die Bebauung der durch S 21 frei werdenden Flächen aussehen solle, obwohl dies viel größere klimatische Auswirkungen habe.

Klimawandel stoppen? Illusorisch. Dringend sind Anpassungsstrategien

Bei Diskussionen um den Klimawandel gehe es immer noch oft vor allem darum, wie man ihn aufhält oder gar verhindert, aber diesen Zug hält Baumüller für abgefahren. "Man kann sich der Illusion hingeben, dass man das Zwei-Grad-Ziel erreicht, aber man muss sich nur die Emissionen Deutschlands anschauen, um zu sehen, dass das nicht funktioniert." Anpassung an den unvermeidbaren Klimawandel sei daher die Devise.

Baumüller geht davon aus, dass sich bis Ende des 21 Jahrhunderts die Temperatur im Schnitt um vier Grad erhöht, in Städten noch mehr. Was das bedeutet? Sommer wie die von 2003, 2015 oder der jetzige werden normal sein oder noch übertroffen werden. Gab es 2003 in Stuttgart 17 "tropische Nächte", in denen die Temperatur nicht unter 20 Grad sank, und sind es in diesem Jahr (Stand 19. August) bislang neun, gehen Prognosen fürs Jahr 2100 von knapp 40 tropischen Nächten aus. Das bedeutet nicht nur mehr Schwitzen. 2003 gab es wegen der Hitze zusätzliche 70 000 Tote in Europa, in Baden-Württemberg allein rund 2700. 2015 waren es im Land knapp 2000 Hitzetote, zu diesem Jahr sind noch keine Werte bekannt.

Um die Folgen zu begrenzen, müssen die Städte also dringend klimagerecht gemacht werden. "Wenn ich Veränderungen will, muss ich jetzt ein Konzept haben, wie die Stadt in 50 Jahren aussehen soll", so der ehemalige Stadtklimatologe. Einige Fragen dabei: Wie baue ich eine zur Kühlung enorm wichtige grüne Infrastruktur aus, deren Bewässerung wiederum angesichts vermutlich langer Dürreperioden eine viel größere Aufgabe als heute sein wird? Und womit bewässere ich dann, wenn Flüsse oder Seen ebenso gebeutelt von der Dürre sind? "Ich muss mir ein Regenwasserbewirtschaftungssystem überlegen, mit dem ich Regen für Dürrezeiten zurückhalten kann", sagt Baumüller. "Ein komplexes Thema."

Fürs Klima fehlt ein Fachgesetz

Dabei ist Stuttgart dafür eigentlich gut aufgestellt. Als einzige Stadt in Deutschland hat es innerhalb des Rathauses eine eigene, zum Umweltamt gehörende Abteilung für Stadtklimatologie und nicht nur einen einzelnen Klimatologen. Seit 1938 bereits gibt es diese Abteilung, damals schon zum Zweck, die Stadtplanung zu beraten. Vor allem in den letzten Jahrzehnten, seit in den 1970er Jahren der Umweltgedanke aufkam, hat sie an Einfluss gewonnen. Sie ist an allen Bauplanungen beteiligt, hat zudem umfassende Grundlagenuntersuchungen zum Stadtklima erstellt, Studien und Klimaatlanten publiziert. Seit 1997 gibt es das Klimaschutzkonzept KLIKS, das Vorschläge zu Energieeinsparungen enthielt. Ende 2012 kam das Klimaanpassungskonzept KLIMAKS hinzu, das bereits praktizierte sowie notwenige neue Anpassungsmaßnahmen zusammenfassen soll. Dazu kommt auf höherer Ebene, dass Änderungen im Baugesetz von 2011 und 2013 die Klimaanpassung als Gegenstand der Planung festgeschrieben haben – "erstens als städtebauliches Leitbild, zweitens als wichtiger Abwägungsbelang", so Baumüller.

Das Problem dabei: Die Werkzeuge, die wissenschaftlichen Erkenntnisse sind zwar da, doch um sie nutzen zu können, fehlt oft der institutionelle Rahmen. Die gesetzlichen Regelungen beschränken sich auf mehr oder weniger konkrete Absichtserklärungen, einen rechtlichen Hebel, ihre Forderungen durchzusetzen, haben die Klimatologen nicht.

Aus Klimatologensicht 20 Meter zu hoch: Stuttgarts Stadtbibliothek.
Aus Klimatologensicht 20 Meter zu hoch: Stuttgarts Stadtbibliothek. Fotos: Joachim E. Röttgers

"Das Klima kommt oft unter die Räder, weil es kein Fachgesetz dafür gibt wie für andere Umweltbereiche", sagt Baumüller. "Es gibt eine Wasserrahmenrichtlinie, ein Immissionsschutzgesetz, ein Lärmschutzgesetz, ein Bodenschutzgesetz, und bei all diesen gibt es auch Grenzwerte. Das gibt's beim Klima nicht", so Baumüller. Das Klima sei stattdessen Abwägungsmaterial in der Planung, "man muss es berücksichtigen, was aber nicht heißt, dass bei Forderungen, man solle an einer Stelle nicht bauen, dort nicht gebaut wird."

So empfahlen etwa in den 1990ern die Stuttgarter Stadtklimatologen für die Gebäude des Europaviertels hinter dem Hauptbahnhof eine Traufhöhe von maximal 20 Metern, um die Frischluftströme aus Richtung des Pragfriedhofs nicht zu behindern. Heute stehen auf dem Gelände zwei Hochhäuser mit rund 60 Metern Höhe, ein weiteres soll folgen, die Stadtbibliothek ist 40 Meter hoch.

Die kommunale Politik ist dabei nicht immer hilfreich. Zwar ist momentan in Stuttgart nicht nur der OB, sondern auch Baubürgermeister Peter Pätzold ein Grüner, und Baumüller bescheinigt ihm im Hinblick auf Klimafragen auch im großen und ganzen gute Arbeit. Aber die Hauptkompetenz in der Stadt habe nun mal Finanzbürgermeister Michael Föll (CDU), "und solange bei ihm die Liegenschaftsverwaltung liegt, ist das natürlich eine Gefahr", so Baumüller. "Lange Zeit war es ja so, dass die Grundstücke verkauft wurden an den Meistbietenden, und nicht an den, der das beste Konzept hatte. Und diese Gefahr besteht bei Stuttgart 21 auch."

Warum die S-21-Flächen nicht unbebaut lassen?

Überhaupt, Stuttgart 21. Wie man die durch das Tiefbahnhofprojekt freiwerdenden Flächen nutzt, wie die Bebauung gestaltet wird, das ist im Hinblick auf das Stadtklima für Baumüller eine der drängendsten Fragen. Hier wünscht er sich auch von Bürgerseite mehr Engagement. Bei Vorträgen sage er immer, "Liebe Leute, kümmert euch bitte um die Planung. Egal, wie ihr zu dem Bahnprojekt steht, aber da müsst ihr Einfluss nehmen."

Baumüller selbst steht dem Projekt kritisch gegenüber, weil durch die jetzigen Planungen eine Verschlechterung des Stadtklimas drohe, bei Heiner Geißlers Faktencheck im Jahr 2010 war er als Experte der S-21-Gegner dabei. Er hält auch für diskutabel, es ganz unbebaut zu lassen – "OB Schuster hat ja immer gesagt, wir haben die Flächen billig gekauft". Klimatisch wäre das wohl die beste Lösung, angesichts der Begehrlichkeiten der Immobilienbranche und der aktuellen Diskussionen um Wohnraumknappheit aber wohl keine sehr realistische.

Frei werdende Flächen bloß nicht komplett zubauen, warnt Jürgen Baumüller.
Frei werdende S-21-Flächen bloß nicht komplett zubauen, warnt Jürgen Baumüller.

Doch wenn schon Bebauung, dann bitte eine mit maximalem Grünanteil, fordert Baumüller. Als Vorbild könne hier das Konzept der Gartenstadt dienen, das der britische Stadtplaner Ebenezer Howard Ende des 19. Jahrhunderts als Antwort auf die städtebaulichen Wucherungen der Industrialisierungszeit entwarf. Mit Einfamilienhausidylle plus Gärtchen hat dieses sozialreformerische Konzept nichts zu tun, sondern mit autarken, von großzügigen Grünflächen durchzogenen Kleinstadtstrukturen. Beispiele dafür sind etwa das heute zu Dresden gehörende Hellerau oder der Karl-Seitz-Hof in Wien.

Wohnraum versus Klimaanpassung

Die Klimaanpassungsfrage wäre auch etwas für die für 2027 geplante IBA für Stuttgart und die Region, die 2016 mit großem Brimborium angekündigt wurde. "Man könnte als Oberthema setzen: 'Die grüne Stadt in heißen Zeiten'", schlägt Baumüller vor; denn auch wenn es in der Region eigentlich keinen räumlichen Zusammenhang gebe wie etwa bei der IBA "Emscher Park" ab 1989 im nördlichen Ruhrgebiet, könnte sich bei diesem Thema jede Stadt wiederfinden.

Einstweilen scheint es allerdings so, dass Klimaanpassungsziele auch durch die Wohnraumnot in Stuttgart in Bedrängnis gebracht werden, weil deshalb häufiger Nachverdichtungen in der Innenstadt gefordert werden – obwohl zusätzliche Flächenversiegelungen das Stadtklima zu verschlechtern drohen. Doch laut Baumüller müssen Nachverdichtungen im Innenstadtbereich nicht zwangsläufig schlecht sein: "Wenn etwa bislang komplett versiegelte ehemalige Industrieanlagen neu bebaut werden, dann könnte eine neue, kleinteiligere und lockerere Bebauung sogar für bessere Belüftung sorgen." Es kommt auf das Wie an.

Weil die Begehrlichkeiten für Nachverdichtungen aber auch bislang unbebaute Flächen betreffen, hält Baumüller einen neuen Flächennutzungsplan für Stuttgart für dringend geboten. In einem solchen Plan legt eine Gemeinde fest, für welche Zwecke sie ihre Flächen künftig nutzen will, ob etwa für Wohnbau, Landwirtschaft oder Wald. Der große Vorteil: Diese Festlegungen sind für die Verwaltung bindend. Hier müsste man dann, so Baumüller, Flächen sichern, die aus Klimagründen nicht zugebaut werden dürfen, weil sie beispielsweise Kaltluftentstehungsgebiete oder -schneisen sind. Der noch aktuelle Flächennutzungsplan 2010 ist von 1994, er hat schon über 50 Änderungen, "da stellt sich mir schon die Frage, ob man nicht mal wieder ein Gesamtkonzept braucht", so Baumüller.

Gemeinsamer Flächennutzungsplan für die ganze Region notwendig

Für noch sinnvoller hält er einen gemeinsamen Flächennutzungsplan für Stuttgart und die angrenzenden Gemeinden, weil dies eine integrierte Planung über die Stadtgrenzen hinaus ermöglichen könnte. Einen solchen, den FNP 1990, gab es schon einmal, zu diesem Zwecke wurde eigens 1976 der Nachbarschaftsverband Region Stuttgart gegründet, eine Klimauntersuchung unter Federführung der Stuttgarter Stadtklimatologen gehörte damals auch dazu. Mit der Gründung des Verbands Region Stuttgart 1994 wurde der gemeinsame FNP wieder aufgegeben, was Baumüller sehr bedauert. "Die umliegenden Gemeinden weigern sich weitgehend, Geschosswohnungsbau zu machen", so Baumüller, was den Druck auf den Stuttgarter Wohnungsmarkt und darauf, bislang freie und klimatisch bedeutsame Flächen in der Innenstadt zu bebauen, noch erhöht. Im alten Flächennutzungsplan dagegen wurden Wohnraumkontingente für die einzelnen Gemeinden festgelegt, ein Weg, der auch jetzt wieder für Entspannung sorgen könnte. Denkbar auch, CO2-freie Stromerzeugung sinnvoller zu integrieren: Weil es im Stuttgarter Kessel zur Abkühlung sinnvoller ist, die Dächer zu begrünen, als sie mit Fotovoltaikanlagen zu pflastern, könnte letzteres auch im Umland erfolgen.

Top fürs Stadtklima: Dachbegrünung.
Flop fürs Stadtklima: Fotovoltaikanlage.

Aber vielleicht müsste man, im Hinblick auf eine dem Klimawandel angepasste und der Wohnungsnot begegnende Stadtentwicklung, in noch größeren Dimensionen denken. Baumüller empfiehlt den Blick zurück, auf die Zeit um 1900. Stuttgart habe sich damals der Frage stellen müssen, "ob die Stadtgröße die Anzahl der Menschen in der Stadt bestimmt, oder ob sich die Größe bzw. Fläche der Stadt nach der Anzahl der Bewohner richten muss." In der Folge wurden viele umliegende Orte eingemeindet. "Vielleicht wäre dies auch heute eine angebrachte Lösung", sinniert Baumüller, "denn die kleinkarierte Entwicklung von 179 Gemeinden in der Region ist einer Metropole nicht angemessen." Dass das politisch wohl sehr schwer durchzusetzen wäre, ist Baumüller bewusst, "aber allein die Frage, dass man eine Metropolstadt auch anders gestalten könnte, müsste diskutiert werden."


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