Karikatur: Kostas Koufogiorgos

Karikatur: Kostas Koufogiorgos

Ausgabe 389
Politik

Kombilösung reloaded

Von Johanna Henkel-Waidhofer
Datum: 12.09.2018
Die Hoffnung stirbt noch lange nicht: Der BUND hat eine "Umsteigelösung" für Stuttgart 21 vorgelegt. Die sei gerade früheren GegnerInnen, die inzwischen in Amt und Würden stehen, zur Lektüre empfohlen.

Winfried Kretschmann wollte zu Beginn seiner Amtszeit als Ministerpräsident eines auf jeden Fall verhindern: dass mitten in der Landeshauptstadt eine riesige Baugrube klafft und keiner weiß, wie's weitergehen soll. Sein Versprechen wiederholte der Grüne auch noch nach der Volksabstimmung im November 2011. Wirklich erfüllen meinte er es allerdings nicht zu können. Denn zuerst saßen die BaggerfreundInnen von der SPD mit am Kabinettstisch und lästerten im Zusammenspiel mit den schwarzen Tiefbahnhof-Fans auf den Oppositionsbänken gegen die große bunte Riege der KritikerInnen an. Dann, bei den Koalitionsverhandlungen mit der CDU im Frühjahr 2016, fanden die Grünen wieder keine Mittel und Wege, wenigstens eine objektive Bestandsaufnahme zu Stuttgart 21 – mehr als 20 Jahre nach Projektstart – durchzusetzen.

Hilfestellung könnte nun vom BUND Baden-Württemberg kommen, denn der Umweltverband legt mit "Stuttgart-21-KombiModell" ein Konzept mit, so die Ankündigung, "wesentlichen Verbesserungen" vor. Inzwischen, schreibt der BUND in seinem Vorstoß, seien "Stand Mitte 2018 mit fast 70 Prozent mehr als zwei Drittel der insgesamt 57 Kilometer Tunnelstrecken gebohrt". Und weiter, der Seitenhieb muss sein: "Wir sehen uns in unseren schon vor über zehn Jahren gemachten Prognosen, gutachterlich belegten Aussagen und Fakten hinsichtlich Kostenexplosionen, Zeitverzögerungen und technischer Probleme bestätigt – das Prestigeprojekt war von Anfang an schöngeredet und -gerechnet." Dennoch sind die S-21-GegnerInnen des BUND zu einem Pragmatismus in der Lage, den BefürworterInnen noch nie an den Tag legen wollten: Sie bauen in die neuen Überlegungen ein, dass es einen Tiefbahnhof geben wird, und bewerten einen Baustopp zum jetzigen Zeitpunkt als "unrealistisch".

Die beiden Bausteine des "KombiModells".
Die beiden Bausteine des "KombiModells".
Grafiken: BUND
Grafiken: BUND


Als realistisch hingegen wird eine Orientierung des "KombiModells" an insgesamt neun Punkten erachtet. Manche sind gute alte Bekannte aus der Schlichtung vor bald acht Jahren, andere sind neu, wie das von der Bundesregierung jüngst ausgegebene Ziel, die Zahl der Fernreisenden auf der Schiene bis 2030 zu verdoppeln. Das wären nach der BUND-Rechnung 280 Millionen Fahrgäste pro Jahr. "Dafür braucht die Bahn viele Züge, aber auch viele Gleise – vor allem in den betrieblichen Großknoten wie Stuttgart", heißt es in dem Umstiegskonzept. Als Gründe, S 21 neu zu bewerten, werden darin außerdem die Ziele für Klimaschutz und Luftreinhaltung des Bundes und des Landes genannt. Oder die Umsetzung der Studie "Mobiles Baden-Württemberg". Oder die Notwendigkeit, den Autoverkehr in Stuttgart selber um 20 Prozent zu reduzieren, was eine Verdoppelung der Kapazitäten im Nah- und Fernverkehr gegenüber heute notwendig macht. Oder – noch ein heißes Thema – die rasche Entwicklung innerstädtischer Wohnbauflächen.

Noch seien "weitgehende planerische Modifizierungen" möglich

Brigitte Dahlbender. Foto: Joachim E. Röttgers
Brigitte Dahlbender. Foto: Joachim E. Röttgers

Natürlich hat Brigitte Dahlbender, Landesvorsitzende des BUND und als Schlichtungsteilnehmerin bis ins kleinste Detail mit den – vermutlich auf ewig unlösbaren – Brandschutzproblemen, den Kapazitätsengpässen und den Betriebsqualitätsmängeln vertraut, an dem Dokument maßgeblich mitgeschrieben. Fast flehend der Appell: "Wenn nicht jetzt, wann dann?" Noch böten sich Chancen, in Teilen abzuspecken und in Teilen zu ergänzen. Der Zeitpunkt sei "günstig, denn der Realisierungsstand beim eigentlichen Tiefbahnhof erlaubt noch weitgehende planerische Modifizierungen, am Flughafen und am geplanten Abstellbahnhof in Untertürkheim wird noch gar nicht gebaut". Deshalb müssten sich die Projektpartner Deutsche Bahn, das Land Baden-Württemberg, der Verband Region Stuttgart, die Stadt Stuttgart sowie der Bund als Alleineigentümer der DB bewegen.

Was konkret etwa bedeuten würde, die Gäubahn nicht über den Flughafen zu führen, sondern als Umsteigedrehscheibe den Regionalbahnhof Vaihingen kurzfristig zu realisieren und auf den Flughafen-Tiefbahnhof zu verzichten. Vorgeschlagen wird ein oberirdischer Fernverkehrshalt am Flughafen an der Neubaustrecke, samt einem Shuttleverkehr zu Terminals und Messe, wie er an vielen internationalen Airports üblich ist (und worüber im vergangenen Jahr wohl auch die Bahn selbst nachdachte). Für Technologiefreaks werden sogar selbstfahrende Busse ins Spiel gebracht.

Eine andere große Baustelle, der neue Abstellbahnhof, soll wenigstens eine kleinere werden. Denn dass die Bahn künftig nicht mehr alleiniger Anbieter des Regionalverkehrs im Stuttgarter Netz ist, hat weitreichende Konsequenzen. "Ein erheblicher Teil der Regionalzüge wird zukünftig nicht mehr in Stuttgart abgestellt, sondern an den Endpunkten der Regionalbahnlinien. Dementsprechend ist der Abstellbahnhof in Untertürkheim neu und deutlich geschrumpft zu konzipieren."

Heiner Geißler, der Vater des Kombibahnhofs. Foto: Joachim E. Röttgers
Heiner Geißler, der Vater des Kombibahnhofs. Foto: Joachim E. Röttgers

Herzstück des BUND-Papiers ist aber die Akzeptanz des Durchgangsbahnhofs. Doch nicht ohne notwendige Verbesserungen: Der Erhalt der Panoramastrecke sei zwingend, um die S-Bahn-Stammstrecke, den S21-Fildertunnel und die Filderbahn zu entlasten. Auf diese Weise könnten elektrifizierte Zweigstrecken, etwa auf dem Schönbuch, in den Talkessel durchgebunden oder ein tragfähiges S-Bahn-Notfallkonzept entwickelt werden. Und dann fällt das Zauberwort "Teilerhalt", gewissermaßen als neue Übersetzung von "Oben bleiben". Oder als Aktualisierung des von Heiner Geißler am Ende des Stresstests im Juli 2011 aus dem Hut gezauberten Kompromissvorschlags einer Kombilösung. Auch in Zukunft müsse es im Kopfbahnhof vier Bahnsteige mit acht Gleisen geben, mit jeweils zweigleisigen Zulaufstrecken Richtung Nordbahnhof und Bad Cannstatt. "Zusammen mit Stuttgart 21 kann damit eine leistungsfähige und zukunftsfähige Bahninfrastruktur in der Metropolregion realisiert werden", heißt es weiter. Vorstellbar sei ein "Abtauchen" der Panoramabahn ab Halt Mittnachtstraße in die "Ebene -1" des Hauptbahnhofs, also der Verteilerebene für Reisende, während "Ebene -2" das Bahnsteigniveau Durchgangsbahnhof bleibt.

BUND: Sinnvolle Konzepte für einen Totalerhalt des Kopfbahnhofs fehlen

Es gehört nicht viel Fantasie dazu, sich vorzustellen, dass der Vorschlag der Hinnahme des Tiefbahnhofs dem Widerstand gegen S 21 nicht schmecken wird. Zumal aus dessen Reihen mit "Umstieg 21" bereits ein Umstiegskonzept erarbeitet wurde, das einen kompletten Erhalt des Kopfbahnhofs, eine Aufgabe des Tiefbahnhofs sowie diverse Vorschläge für Umnutzungen der schon bestehenden Bauflächen vorschlägt. Der BUND hält dem entgegen, dass es "keine praktikablen und verkehrlich sowie städtebaulich sinnvollen Alternativkonzepte in der Schublade gibt, keine Planungsgrundlagen und keine Planfeststellungsverfahren". Obendrein erscheine es völlig unrealistisch, bei einem kompletten Neustart des Projekts "Ertüchtigung des Bahnknotens Stuttgarts" noch einmal "enorme Summen öffentlicher Gelder nach Stuttgart zu bekommen, die dann in anderen Regionen Deutschlands fehlen".

Allerdings baut der BUND die goldene Brücke in beide Richtungen, mit der Forderung an die Adresse der Landesregierung, ein "offenes Dialogverfahren" samt breiter Beteiligung zu starten. Schlagend an die Adresse der S-21-Fans und (früheren) -GegnerInnen in der Villa Reitzenstein und im Verkehrsministerium führt der BUND ins Feld, dass der neue Kombibahnhof einen geringeren Energie- und Stoffeinsatz mit sich brächte. Vorhandene Infrastruktur würde weiter genutzt, bei erheblichen verkehrlichen Verbesserungen. In einer Taskforce mit sogenannten FachgutachterInnen könnten zentrale Teilaspekte diskutiert und bewertet werden.

Immer auch in der Hoffnung, dass sich der Ministerpräsident und Erfinder der "Politik des Gehörtwerdens" mit seinem Volksabstimmungsdogma einer Erkenntnis nicht entziehen kann: Der Geist des Plebiszits von 2011 sei "zunehmend in Frage gestellt, weil Basis der Abstimmung das Versprechen der Bahn und der Landespolitik war, S 21 im zeitlichen und finanziellen Rahmen zu verwirklichen sowie einen leistungsfähigen, auf Verkehrszuwachs ausgerichteten Bahnknoten zu realisieren", schreibt der BUND. Geworden ist daraus bekanntlich nichts. Der Rahmen ist auf jeden Fall gesprengt. Und das wird alle einholen, die Grünen aber in ganz besonderem Maße.

Das Jahrhundertloch: Stuttgart 21

Immer neue Kostensteigerungen, Risiken durch den Tunnelbau, ungelöste Brandschutzfragen, ein De-facto-Rückbau der Infrastruktur – das sind nur einige Aspekte des Milliardengrabs.

Zum Dossier


Gefällt Ihnen dieser Artikel?
Unterstützen Sie KONTEXT jetzt!
botMessage_toctoc_comments_9210
KONTEXT per E-Mail:  

Durch diese Anmeldung erhalten Sie regelmäßig immer mittwochs um 9 Uhr unsere neueste Ausgabe unkompliziert per E-Mail. Datenschutz-Hinweis

Letzte Kommentare:










Ausgabe 402 / Fingerhakeln mit Kretschmann / Hans-Peter Piepho / vor 2 Tagen 5 Stunden
Die interessante Figur ist Ebert






Die KONTEXT:Wochenzeitung lebt vor allem von den kleinen und großen Spenden ihrer Leserinnen und Leser.
Unterstützen Sie KONTEXT jetzt!