Nachdem die Polizei den Übungsterroristen (rechts) erschossen hat, wird dieser gefesselt. Mehr Bilder der authentischen Pressevorführung gibt es per Klick aufs Bild. Fotos: Jens Volle

400 StatistInnen, allesamt PolizeianwärterInnen, nahmen an der Übung teil. 50 von ihnen wurden Wunden geschminkt.

Die Maschinenpistolen, die hier mit Platzpatronen (12 500 verfügbar) schossen, stammen von Heckler & Koch.

Kein Ketchup: Dieser Herr markiert mit Kunstblut, wo die Erschossenen später zu liegen haben.

Exakt 409 Meter Zaun gewähren Sichtschutz.

Die Terroristen in dieser Übung sind übrigens weltanschaulich neutral, wie die Polizei auf Rückfrage versichert.

Schnell wird die Polizei Herr der Lage …

… und kümmert sich um die Verletzten.

Nach zehn Minuten ist die Pressevorstellung vorbei. Die Polizei hat gewonnen, ein Fotograf applaudiert. Zur tatsächlichen Übung waren keine MedienvertreterInnen zugelassen.

Ausgabe 389
Wirtschaft

Obacht, Hasen!

Von Dieter Reicherter
Datum: 12.09.2018
Die "Stuttgarter Nachrichten" wussten schon Tage vorher, wie die Anti-Terrorübung am 11.9. aussehen wird: Schüsse fallen. Ein Sprengsatz detoniert. Polizisten mit Helm, Schutzwesten und Maschinenpistolen stürmen den Hauptbahnhof. Kontext will nicht hintanstehen und lässt Richter Reicherter zu Wort kommen.

Am 11. September 2001, als 9/11 zu trauriger Berühmtheit gelangt, begingen in den USA Terroristen Anschläge mit gekaperten Flugzeugen. Tausende von Menschen fanden dabei den Tod. Auch heute noch sterben viele an den Folgen dieser Anschläge, zum Beispiel an Krebs, infolge der damals freigesetzten Giftstoffe.

Jetzt sollte man meinen, Stuttgart habe mit New York nicht allzu viel gemeinsam. Aber offenbar denken die Verantwortlichen, wenn sie ausgerechnet am 11. September eine Anti-Terrorübung in Stuttgart abhalten, seien sie genauso wichtig wie die Städte, die den wirklichen Terror erlebt haben. Vielleicht gilt es auch, uns zu zeigen, wie bedroht wir sind. Möglicherweise steht auch der Gedanke dahinter, der Bevölkerung einmal mehr klar zu machen, dass Polizei und Militär angesichts dauerhafter Bedrohungen noch mehr aufrüsten und demokratische Bürgerrechte weiter eingeschränkt werden müssen. Jedenfalls ist der Ort der Übung gut gewählt, denn schließlich strahlt der Mercedes-Stern darüber.

Dass Bahnhöfe und Anlagen des Schienenverkehrs Objekte für Terroranschläge sein können, haben wir tatsächlich in der Vergangenheit immer wieder erlebt. Das Bundeskriminalamt warnt ausdrücklich vor dieser Gefahr. Auch die Deutsche Bahn AG weist gerade in einem Prozess, der jetzt vor dem Verwaltungsgerichtshof Baden-Württemberg anhängig ist, auf diese Gefahr hin. In diesem Prozess hat das Verwaltungsgericht Stuttgart in erster Instanz festgestellt, dass die konkrete Gefahr eines Anschlages bei Stuttgart 21 besteht. In dem Verfahren, das von den Ingenieuren 22 betrieben wird, geht es um Einsichtnahme in die Unterlagen zur Evakuierung im Tiefbahnhof und in den Tunneln von S 21 - die mit der amtlichen Begründung verweigert wird, dies sei ein Sicherheitsrisiko. Der Landespolizeipräsident meint allen Ernstes, die Anschlagsgefahr bestehe, wenn die Ingenieure 22 Einsicht in die Unterlagen bekämen. Mit anderen Worten: Unsere Ingenieure sind verkappte Terroristen!

Generell ist gegen eine solche Übung nichts einzuwenden. Schließlich wollen wir alle vor möglichen Anschlägen geschützt werden und nicht nur unser Innenminister Strobl, der mit seiner gepanzerten Limousine Audi A8 durch die Gegend fährt und dabei pro Kilometer 376 Gramm CO² aus dem Auspuff bläst. Auch der Ort, unser Kopfbahnhof, ist nicht zu beanstanden. Nach unserer Überzeugung wird sich sehr deutlich zeigen, dass die Einsatz- und Rettungskräfte im Kopfbahnhof weit besser ihre Aufgaben erfüllen können, als im Tiefbahnhof und seinen Tunneln. Die Ingenieure 22 arbeiten seit langer Zeit und mit vielen Veröffentlichungen an diesem Thema.

Vollends klar wird mir der Sinn der Übung, wenn ich die Stellungnahme der Stuttgarter Naturschutzverbände zur künftigen Nutzung des Gleisvorfeldes des Kopfbahnhofs lese. Darin steht: "Die Landeshauptstadt Stuttgart hat 1997 ein Gutachten veröffentlicht, bei welchem der Bestand an Arten und Biotopen im Bereich des Stuttgarter Hauptbahnhofs untersucht wurde. Die Bestandsaufnahme erfolgte zwischen April und Oktober 1996. Wir weisen darauf hin, dass das Gutachten in diesem Jahr 22 Jahre alt wird. Die Datenaktualität überschreitet das Minimum von 5 Jahren bei Weitem."

Jetzt weiß ich nicht, ob auch Handgranaten zum Einsatz kommen. Jedenfalls könnte man mit dem entstehenden Lärm, Rauch und Feuer locker die Hasen und andere geschützte Tierarten in die Flucht schlagen, so dass weitere Bauverzögerungen vermieden werden. Ob gar als unbeabsichtigte Nebenfolge des Kampfeinsatzes ein heißer Abbruch der Reste des Kopfbahnhofs zu befürchten ist, vermag ich nicht zu beurteilen, rufe aber den Einsatzkräften von Polizei und Feuerwehr vorsorglich zu: Oben bleiben!

 

Bei dem Beitrag handelt es sich um eine gekürzte Rede von Reicherter, vorgetragen bei der vergangenen der Montagsdemo der S-21-Gegner. Bilder vom nächtlichen Kampfeinsatz folgen.


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2 Kommentare verfügbar

  • Schwa be
    am 13.09.2018
    "Brot und Spiele" und nebenbei schön die Angst in der Bevölkerung nicht einschlafen lassen (was der GAU für die herrschende neoliberale Politik wäre). Eine "Veranstaltung" die ich für mich getrost - ebenso wie Andromeda Müller - als als moderne Propaganda bezeichne.
  • Andromeda Müller
    am 12.09.2018
    Ja , es ist sehr gut möglich , daß die Anti-Terror-Übung einen städte - und raumplanerischen politischen Hintergrund hat. Das hat Städte-und Raumplanung immer .
    Denn schon bei der Planung entscheidet sich , wo entstehen die Filetstücke , wer bekommt den Verkehrslärm und die Abgase , wer wird verdrängt , was wird befördert ?
    Die einen gewinnen groß , die anderen verlieren. Siehe Gentrifizierung , S21 , Kraftwerksdimensionierungen usw. .
    Ein aufklärendes Buch zu diesem Thema schrieb die Dozentin der Raumplanung Viktoria Waltz im Theorie und Praxis Verlag : "Von Basel nach Jerusalem . Ein Crash-Kurs "
    was als Regional-, Stadt-, Raumplanung , Masterpläne, Wohnungsbauprogramme oder Verkehrspolitik verkauft wird dient als geplantes Programm der Ursupation , in unserem Beispiel , der Gegend um den Stuttgarter HBF.
    Solche Stadt-und Raumplanungen gibt es unzählige , im neutralen Mäntelchen , am besten mit Bürgerbeteiligung , siehe S21, wird am Bedarf vorbei investiert auf Teufel komm raus zum Segen Weniger. Man muß nur Leute , z.B. zum Straßenbau und der Vergabe , befragen , die in dieser Branche arbeiten. Das ist kein Geheimnis. Je länger eine Baustelle besteht , desto lukrativer ist sie. Jede Warnblinklampe , jeder Pylon ist zum festen Tagessatz vermietet ! Von abgekratztem Asphalt , der wiederaufbereitet wird ,
    bei dem jedoch der öffentlichen Hand die "Entsorgung" und , recycelt , der deklarierte Neuasphalt berechnet wird.
    Ansonsten hat die Übung selbstverständlich einen hohen propagandistischen Wert für die westliche "Wertegesellschaft".
    Wieviele Jahre hat die USA Chemiewaffen gegen Vietnam eingesetzt ? Welches Land hat Atomwaffen gegen Zivilisten eingesetzt ? Die großen Taboos , neben "Raumplanung" , unserer Zeit.

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